mini|Ōmu-Shinrikyō-Symbol mini|250px|Aleph-Symbol Ōmu Shinrikyō (jap. ; zu Deutsch etwa „Om-Lehre der Wahrheit“), heutiger Name Aleph (, Arefu), in der deutschsprachigen Presse häufig als Aum-Sekte bezeichnet, ist eine ursprünglich in Japan entstandene neureligiöse Gruppierung, die insbesondere in Russland stark vertreten war. Sie wurde der weltweiten Öffentlichkeit durch ihren Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn am 20. März 1995 bekannt. Im Januar 2000 benannte sich Ōmu Shinrikyō in Aleph um. Ihr Gründer und Führer war der am 6. Juli 2018 hingerichtete Shōkō Asahara. Laut einem Deutschlandfunk-Beitrag zum 30. Jahrestag des Anschlags existieren drei Folgeorganisationen der Ōmu Shinrikyō.Aum-Sekte Der Giftgas-Anschlag in der U-Bahn von Tokio 5.00 Minuten Audio-Version, von Martin Fritz, Deutschlandfunk Kalenderblatt, 20. März 2025.

Geschichte Entstehung (1984 bis 1987) In Japan sind (per 31. Dezember 2021 bzw. 3. Jahr der Reiwa-Ära) 180.147 Religionsgesellschaften (, shūkyō hōjin), also Religionsgemeinschaften (, shūkyō dantai) mit dem Status juristischer Personen nach dem Gesetz über die Religionsgesellschaften (, shūkyō hōjinhō) von 1951 anerkannt; davon sind 172.957 einzelne, unabhängige Tempel, Schreine, Kirchen und sonstige Gemeinschaften. Nach der Etablierung der „klassischen“ buddhistischen und Shintō-Sekten und einer Welle von Gründungen jüngerer Kultgruppen in den 1950ern und 1960ern kam es ab Mitte der 1970er Jahre zu einer dritten Gründungswelle von Glaubensgemeinschaften.Metraux, Daniel A. (1996): Religious Terrorism in Japan: The Fatal Appeal of Aum Shinrikyo. In: links.jstor.org, Asian Survey 35(12): 1140-1154, S. 1141 (englisch). Die dritte Gründungswelle, zu der auch Ōmu Shinrikyō gezählt wird, unterscheidet sich dabei von der zweiten Welle durch den höheren Status und größeren Reichtum der Sektenmitglieder.

1984 gründete der stark sehbehinderte Chizuo Matsumoto unter dem Namen Ōmu Shinsen no Kai (; „Versammlung der Om-Einsiedler“) mit zunächst 15 Mitgliedern einen Verein für Yoga-Übungen, die psychische Kräfte aktivieren sollen.Metraux, Daniel A. (1996): Terrorism in Japan: The Fatal Appeal of Aum Shinrikyo. In: links.jstor.org, Asian Survey 35(12): 1140-1154, S. 1147 (englisch).

Matsumoto gab an, er verfüge über die Fähigkeit zu schweben, lange unter Wasser zu tauchen, die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen sowie durch feste Objekte zu sehen und durch sie hindurchzugehen.

Zu dieser Zeit ändert Matsumoto auch seinen Namen in Shōkō Asahara, unter anderem wegen des numerologischen Wertes der Strichzahl in den entsprechenden Buchstaben.Nowicki, Brian (1996): From Violence to Salvation: Toward a Method of Cult Study With the Branch Davidians and Aum Shinrikyothe Branch Davidians and Aum Shinrikyo. (PDF; 4,1 MB) In: scispace.com, Honors Projects., 3, S. 10 (englisch).

Nachdem er 1986 nach eigenen Angaben im Himalaja „die höchste Wahrheit“ erhalten habe, nannte er im Folgejahr den Verein in Ōmu Shinrikyō (Om-Lehre der Wahrheit) um. Laut Shoko Asahara bezieht die Sanskrit-Silbe Om, japanisch Ōmu geschrieben, sich auf „die Erschaffung, Bewahrung und Zerstörung des Universums“. Der Name der Gruppe soll also andeuten, dass sie die Wahrheit über die Erschaffung und Zerstörung des Universums und alles dazwischen lehren kann.

Ōmu Shinrikyō nahm nun allmählich die Form einer religiösen Gruppierung an.

1985 traf Asahara in Dharamsala zum ersten Mal in seiner Funktion als Führer der Ōmu Shinsen no Kai den Dalai Lama, welcher ihm offizielle Empfehlungsschreiben gab.Da sich Asahara 1984 jedoch bereits Agon-shū angeschlossen hatte, eine buddhistische Bewegung, die den Dalai Lama im Mai 1984 nach Tokio zu einem Ritual mit 13.000 einlud, traf er ihn bereits zu diesem Zeitpunkt möglicherweise persönlich.

Ōmu Shinrikyō spendete ab Mai 1988 mehr als 1,5 Millionen US-Dollar, in unterschiedlichen Währungen, an den Dalai Lama; im Juli 1992 weitere 1,2 Millionen US-Dollar.

Insgesamt fünfmal kamen Asahara und der Dalai Lama zusammen, wobei der Dalai Lama am 26. Mai 1989 beispielsweise in einer Urkunde bescheinigte, dass Asaharas Gruppe den Mahayana-Buddhismus praktiziere und seines Wissens danach strebe, „das öffentliche Bewußtsein durch religiöse und soziale Aktivitäten zu fördern“.Bloch, Werner (18. September 1995): Unheilige Bürgschaft.

Kurz nach dem ersten Treffen mit dem Dalai Lama veröffentlichte Asahara das Buch Supreme Initiation, in dem er den Dalai Lama folgendermaßen zitiert:

Shōkō Asahara besuchte zusammen mit seiner Frau Tomoko und etwa 20 Anhängern Indien zwischen Februar 1987Wieczorek, Iris (1996): Die Aum Shinrikyo in Japan: Zerstörung, um die Welt zu retten?. (PDF; 2,1 MB), S. 237. und Juli 1992 sieben Mal, wobei er sich mindestens fünf- oder sechsmal mit dem Dalai Lama fotografieren und filmen ließ.Hogendoorn, Rob (2020): Knave or Fool? The Dalai Lama and Shōkō Asahara Affair Revisited. (englisch).

Diese Treffen und die Dokumente wurden als Referenz bei der Anwerbung von neuen Mitgliedern und bei den Bemühungen um den steuerfreien Status einer Religionsgemeinschaft benutzt.Klaus Antoni: Rituale und ihre Urheber: Invented Traditions in der japanischen Religionsgeschichte. 21.-23. März 1996, S. 270.

Dem Reiseschriftsteller Pico Iyer sagte der Dalai Lama, als er Shōkō Asahara zum ersten Mal getroffen habe, habe ihn die scheinbare Hingabe des Mannes zu Buddha dazu bewegt, Asahara zu unterstützen, dies sei jedoch im Nachhinein ein Fehler gewesen.Iyer, Pico (1997): The God in Exile a Visit with the Leader of Tibet, the Subject of a New Movie, but a Star without A Stage. (englisch).

Konsolidierung, internationale Expansion und Radikalisierung (1987 bis 1995) In den Jahren nach der Entstehung expandierte Ōmu Shinrikyō sowohl innerhalb Japans als auch über seine Grenzen hinaus. Gleichzeitig fand eine ideologische Radikalisierung statt.

Konsolidierung in Japan In Japan etablierte sich Ōmu Shinrikyō als kleinere Minderheitenreligion. Im August 1989 erkannte die Präfektur Tokio Ōmu Shinrikyō als Religionsgesellschaft nach dem Gesetz über die Religionsgesellschaften von 1951 an,Jackie Fowler: In: religiousmovements.lib.virginia.edu, Religious Movements Homepage Project der University of Virginia (englisch). obwohl Eltern von Mitgliedern vor der Organisation warnten.

Bereits in dieser Zeit wurde die Organisation gewalttätig. Im Februar 1989 wurde Shuji Taguchi, der Ōmu Shinrikyō verlassen wollte, von fünf führenden Mitgliedern auf Befehl Asaharas erdrosselt. Im November 1989 wurde in Yokohama Tsutsumi Sakamoto, der als Rechtsanwalt der Vereinigung der Aum-Opfer (jap. ; „Shinrikyō higaisha no kai“) Angehörige von Anhängern vertrat, zusammen mit seiner Frau und seinem einjährigen Sohn getötet.N.N.: Court sentences Aum's Hayakawa to death, The Daily Yomiuri, 29. Juli 2000. Im Folgejahr gründete Asahara unter dem Namen Shinritō („Wahrheit“) eine politische Vertretung Ōmu Shinrikyōs und kandidierte zusammen mit 24 Anhängern für das japanische Parlament.Kin, Kwan Weng: From religious group to public enemy No. 1, The Straits Times 4. Juni 1995, S. 12 (englisch). Während der Wahlkampagne trugen die Shinritō-Kandidaten ungewöhnliche Kleidung, so zum Beispiel Kapuzen, die Elefantenköpfe darstellten. Bei der Wahl selbst erhielten Asahara und seine Anhänger in ihren Wahlkreisen jeweils die wenigsten Stimmen, woraufhin Asahara den Behörden Wahlbetrug vorwarf. Nach der Wahl geriet Ōmu Shinrikyō in finanzielle Probleme, viele Mitglieder verließen die Organisation.

Internationale Expansion Ab Herbst 1987 expandierte Ōmu Shinrikyō über die Grenzen Japans hinaus. Zunächst ließ man sich in New York unter dem Namen Aum USA Company Ltd. als steuerbefreite religiöse Organisation registrieren und publizierte 1988 unter diesem Verlagsnamen Shoko Asahara: „Supreme Initiation“.An Empirical Spiritual Science for the Supreme Truth, Translated from the Japanese by Jaya Prasad Nepal and Yoshitaka Aoki; Edited by Fumhiro Joyu, Aum USA Company Ltd, New York ISBN 0-945638-00-0 (englisch). Später wurden eine Niederlassung in Bonn unter dem Namen „Buddhismus- und Yoga-Center“ sowie in Sri Lanka weitere Dependancen eröffnet.Haworth, Abigail: "Cults: Aum Shinrikyo", The Observer 14. Mai 1995, S. 16 (englisch). Hauptrekrutierungsfeld wurde jedoch Russland, wo Asahara 1992 mit einigen seiner Mitstreiter vom damaligen Parlamentspräsidenten Ruslan Chasbulatow empfangen wurde. Nach dem Ende der Sowjetunion hatte die Sekte eine beachtliche Medienkampagne in Russland begonnen, zu der u. a. eigene Fernseh- und Radioprogramme, über die sich Asahara direkt an seine Untergebenen wandte, oder Flugblattaktionen gehörten.Sven Felix Kellerhoff: Mit Giftgas wollte die Aum-Sekte den Weltuntergang vorbereiten. In: welt.de, 20. März 2020, abgerufen am 17. Juli 2022. Genau wie in Japan wurden die Anhänger in landesweite Sektionen aufgeteilt. Nach gängigen Schätzungen wuchs Ōmu Shinrikyō bis 1995 auf etwa 40.000 Anhänger an, von denen ca. 10.000 auf Japan und ca. 30.000 auf Russland entfielen. Außerdem gab es zu diesem Zeitpunkt noch einige Dutzend Anhänger in Deutschland, Australien und den USA.Kaplan, David A. (2000): Aum Shinrikyo, S. 207–226 in Jonathan B. Tucker (Hrsg.): Toxic Terror. Cambridge, MA: MIT Press, S. 209 (englisch).

Radikalisierung mini|Überblick über Satyan 7 (Sanskrit सत्य śāntiḥ wörtlich „Wahrheit 7“), eine mittelgroße Produktionsanlage für chemische Waffen, die darauf ausgelegt ist, Tausende von Kilogramm Sarin pro Jahr zu produzieren.Kyle B. Olson: ojp.gov In: Emerging Infectious Diseases, August 1999 (englisch).

In der Expansions- und Konsolidierungsphase radikalisierte sich Ōmu Shinrikyō sowohl auf der ideologischen als auch auf der Handlungsebene, zunächst in Hinblick auf eine apokalyptische Ideologie. Asahara, der sich als Reinkarnation von Shiva und Jesus Christus bezeichnete, datierte den Weltuntergang zunächst auf 1999, wobei er noch Bezug auf Seiyū Kiriyama, Gründer der Agon-shū, nahm, dann auf 1997Ken Rafferty: Shoko Tactics. In: The Guardian, 16. Mai 1995 (englisch). und schließlich 1995.

Die öffentliche Kritik an Ōmu begann 1989 mit dem Artikel „Der Wahnsinn von Aum Shinrikyo“ () im Sonntags-Wochenmagazin von Mainichi Shimbun.

Die Gesellschaft begann die Ōmu-Mitglieder wegen ihrer Initiationsriten als Exzentriker zu betrachten und abzulehnen.Jenny Lee – The Evils of Aum Shinrikyo and Japanese Society. (PDF; 455 kB) In: scholarship.tricolib.brynmawr.edu (englisch).

Dies und Berichte und Untersuchungen von Fällen, in denen Ōmu und seine Anhänger Verbrechen verdächtigt wurde, wurden von der Gruppe alle als Ergebnisse einer vorsätzlichen Verschwörung angesehen, die darauf abzielte, sie zu unterdrücken.

Staat, Polizei, und der Sicherheitsapparat, aber auch die Konkurrenzreligion Sōka Gakkai galten als zentrale Akteure dieser Verschwörung. Darüber hinaus bezichtigte Ōmu Shinrikyō die japanischen Selbstverteidigungskräfte sowie US-Streitkräfte, Gasangriffe auf ihrem Gelände durchzuführen.

Im Ōmu-Magazin Vajrayâna Sacca (Vajrayâna Sacca Nr. 9, 1995 S. 36.) wurde als Reaktion auf die Razzien vom 22. März 1995 die Anschuldigung erhoben, dass seit November 1989 Giftgase gegen Aum im Fujinomiya-Gebiet eingesetzt worden seien.

Erstmalig waren entsprechende Anschuldigungen in der Ausgabe vom Oktober 1993 veröffentlicht worden, und Asahara hielt diesbezüglich am 11. März 1994 eine Rede, in der Sarin erstmals eine prägnante Rolle spielte. Zu diesem Zeitpunkt sagte er bereits, die Ursprünge solcher Gasangriffe könnten bis 1989 zurückverfolgt werden, seitdem seien er und seine Familie wegen dieser Angriffe wiederholt krank geworden.:

Die erste Erwähnung von Armageddon im Jahr 1997 erfolgte durch Asahara in einem Vortrag am 28. März 1993 in Nagoya: