mini|Alexandra Kollontai rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image Alexandra Michailowna Kollontai geb. Domontowitsch (, wiss. Transliteration ; * in Sankt Petersburg; † 9. März 1952 in Moskau) war eine sowjetische Revolutionärin, Diplomatin und Schriftstellerin. Sie war die erste Ministerin und Botschafterin der jüngeren Geschichte. Kollontai setzte sozialreformerische Ideen in ihrer Zeit als Volkskommissarin um und engagierte sich für eine stärkere Bedeutung der Frau in der sowjetischen Gesellschaft. Sie kritisierte wiederholt die Führer Lenin und Stalin, letzteren und dessen Politik des Stalinismus unterstützte sie aber später. Sie war das einzige Mitglied des ZK der KPdSU des Jahres 1927, das die von Stalin initiierte große Säuberung überlebte.Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder. 15. Taschenbuchaufl., Ullstein, Frankfurt/M. 1976, S. 44.
Leben Jugend und erste Ehe (1872–1898) Die Tochter des reichen russischen Generals ukrainischer Herkunft Michail Domontowitsch (1830–1902) und der Finnin Alexandra Massalina erhielt ihre umfangreiche Schulbildung – dem Stand ihres Vaters entsprechend – durch Hauslehrer.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus - Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000 S. 86, PDF-Datei, S. 4 Das Abitur legte sie am Gymnasium in St. Petersburg ab. Bereits als Gymnasiastin hatte sie sich der sozialistischen Bewegung angeschlossen.
1893 heiratete sie gegen den Wunsch ihrer Eltern ihren Cousin, den sozial niedrigerstehenden Ingenieurstudenten Wladimir Kollontai.Barbara Evans Clements: Bolshevik Feminist, Indiana University Press, Bloomington 1979, S. 14
Politisches Engagement und Exil (1898–1917) Fünf Jahre später verließ sie ihren Mann und den Sohn und engagierte sich politisch. („Ich wollte frei sein“ – kommentierte sie diesen Schritt später.) 1898, im Alter von 26 Jahren, immatrikulierte sie sich an der Universität Zürich für die Fächer Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus - Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000 S. 87, PDF-Datei, S. 5 Auch hier engagierte sie sich für die sozialistische Bewegung. Sie thematisierte in ihren Schriften vor allem die Situation der Frau und forderte von Anfang an die Gleichberechtigung der Geschlechter. Da sie in ihren Schriften vehement gegen die Regierung agitierte, drohte ihr die Verhaftung und Verurteilung.
Kollontai ging 1908 ins Exil zunächst nach Deutschland, dann Frankreich, später wieder nach Deutschland und ab 1914 nach Skandinavien.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus - Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000 S. 90, PDF-Datei, S. 8 Den Beginn des Ersten Weltkriegs erlebte Kollontai in Deutschland. Sie wurde bei Kriegsbeginn als feindliche Ausländerin interniert und wurde aufgrund des Einsatzes des deutschen Reichstagsabgeordneten Karl Liebknecht nach Dänemark und nicht nach Russland abgeschoben.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus - Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000 S. 91, PDF-Datei, S. 9 Sie musste aber bald ihrer marxistischen Schriften wegen auch Schweden verlassen und ging nach Norwegen.
Bis 1915 gehörte sie den Menschewiki an und wurde dann Anhängerin der Bolschewiki.Joachim Schwelien: . In: Die Zeit, 20. März 1952
Volkskommissarin (1917–1918) mini|Kollontai 1918 (für die Genossin und Freundin Louise Bryant) Kollontai kehrte im Februar 1917 von einer Vortragsreise in den USA nach Russland zurück und schloss sich Lenin an. Sie setzte sich für die Räte ein, agitierte gegen die provisorische Regierung (sie war u. a. die Urheberin der Kronstädter Meuterei im Verlauf des Juliaufstands) und gehörte noch im selben Jahr dem Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets an. Im Juli 1917 wurde sie von Alexander Kerenski, dem Ministerpräsidenten der provisorischen Regierung, des Landesverrats bezichtigt und daraufhin verhaftet. Durch Intervention Maxim Gorkis wurde sie gegen Kaution freigelassen.
Nach dem Sieg der Bolschewiki wurde sie kurz nach dem 7. November 1917 von Lenin in den Rat der Volkskommissare aufgenommen und mit der Leitung des Volkskommissariats für Soziale Fürsorge beauftragt. Sie gehörte als erste Frau dem revolutionären russischen Kabinett an und war damit gleichzeitig die erste Ministerin der Welt.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus - Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000 S. 92, PDF-Datei, S. 11 Am 23. März 1918 trat sie als Ministerin für öffentliche Wohlfahrt zurück. Als Grund vermutete man die Inhaftierung ihres Verlobten, des Marineministers Pawel Dybenko. Ihre Demission deutete man ferner als Zeichen für einen zunehmenden „Abbröcklungs-Prozeß der Bolschewikiregierung“.
Als sie 1917 während des Juliaufstands auf einem Kreuzer der Roten Flotte in Kronstadt lebte, lernte sie den Matrosen Pawel Dybenko kennen, mit dem sie Kronstadt verließ, um ihn auf der Krim zu heiraten. Während Kollontai Stalin-Anhängerin wurde, wurde ihr Mann, obwohl mittlerweile Admiral, 1938 als Trotzkist erschossen.
Politische Differenzen und Funktionen innerhalb der Partei (1918–1923) mini|Pawel Dybenko und Alexandra Kollontai, um 1920 mini|Kollontai (vordere Reihe, rechts) 1921 beim III. Weltkongress der Komintern; neben ihr ca. Bildmitte die deutsche KPD-Delegierte Clara Zetkin Alexandra Kollontai lehnte den von Leo Trotzki verhandelten Friedensvertrag von Brest-Litowsk ab, da er ihrer Meinung nach zu große Zugeständnisse an Deutschland beinhaltete. Sie trat deshalb im März 1918 von ihrer Funktion als Volkskommissarin für Soziale Angelegenheiten zurück. Daraufhin wurde sie mit Aufgaben innerhalb der Partei betraut. 1920 übernahm sie als Nachfolgerin von Ines F. Armand den Vorsitz der Frauenabteilung beim ZK der KPdSU.
Sie geriet mit ihrer bereits 1920 öffentlich geäußertenAlexander Barmine: Einer der entkam, Wien 1945, S. 139 und auf dem X. Parteitag im März 1921 wiederholten Kritik an der Bürokratie in den Ruch der parteifeindlichen Opposition, was wohl ebenfalls gefördert hat, dass sie Funktionen im Ausland übernahm.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus - Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000 S. 92, PDF-Datei, S. 10
Botschafterin und Anpassung an den Stalinismus (1923–1945) 1923 wurde sie Gesandte der Sowjetunion in Norwegen.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus. Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000, S. 118, PDF-Datei, S. 36. Kollontai war somit die erste akkreditierte Diplomatin weltweit. Hier war es ihr Verdienst, dass Norwegen nicht nur die Sowjetunion anerkannte, sondern auch 1925 einen sehr wichtigen Wirtschaftsvertrag abschloss. Im November 1926 wechselte sie nach Mexiko und ein Jahr darauf zurück nach Oslo. Seit November 1930 arbeitete Kollontai in Stockholm. Als 1935 die Sowjetunion in den Völkerbund aufgenommen wurde, gehörte Kollontai der sowjetischen Delegation in Genf an.
Ab Mitte der 1920er-Jahre unterstützte sie die Politik Stalins ohne öffentliche Kritik und bemühte sich um eine freundschaftliche Beziehung mit Stalin, was möglicherweise auch ihr Leben rettete.vgl. Farnsworth, Beatrice: “Conversing with Stalin, Surviving the Terror: The Diaries of Aleksandra Kollontai and the Internal Life of Politics.” Slavic Review, vol. 69, no. 4, 2010, S. 944–970. Wie sie in ihren Tagebüchern berichtet, kritisierte sie 1927 in einem Zeitungsartikel die von Trotzki und Kamenew angeführte angebliche Parteiopposition als „schädlich“.Antje Leetz: Radiofeature, SFB/ORB/SR/NDR 2003 (erneut gesendet von WDR3 2019, abgerufen am 3. August 2019). In ihren späteren Veröffentlichungen trat sie für den Stalinismus und die Verfolgung innerparteilicher Opposition einClements, Barbara Evans: Bolshevik Feminist: The Life of Aleksandra Kollontai. Bloomington: Indiana University Press 1979. ISBN 0-253-31209-4. S. 248., wenngleich ihre Tagebücher teilweise Kritik beinhalten.vgl. Farnsworth, Beatrice: “Conversing with Stalin, Surviving the Terror: The Diaries of Aleksandra Kollontai and the Internal Life of Politics.” Slavic Review, vol. 69, no. 4, 2010, S. 944–970. Zu den Säuberungen in der Sowjetunion seit 1937 schwieg sie. Auch als ihr ehemaliger Ehemann Pawel Dybenko wegen „trotzkistischer Einstellungen“ verhaftet und erschossen wurde, äußerte sie sich nicht (nach den vorhandenen Dokumenten). Allerdings setzte sie sich, ihren Tagebüchern zufolge, intern für die Freilassung verhafteter Freunde ein.Antje Leetz: „Amazone“ der Revolution – Aus dem Leben der Alexandra Kollontai (2003)
Bei den Friedensverhandlungen mit Finnland 1939/40, die zum Frieden von Moskau führten, war sie beteiligt.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus. Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000, S. 95, PDF-Datei, S. 13. 1943 verlieh ihr Stalin den Botschaftertitel. Kollontai war bis 1945 sowjetische Botschafterin in Schweden.
Letzte Jahre (1945–1952) Kollontai zog sich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von allen Ämtern zurück und verabschiedete sich nach Moskau in den Ruhestand, blieb dort aber bis zu ihrem Tode am 9. März 1952 eine wichtige Beraterin des sowjetischen Außenministeriums.
Ihr Grab befindet sich auf dem Moskauer Friedhof des Neujungfrauen-Klosters.
Politische Einstellungen Alexandra Kollontai war zeitlebens überzeugte Feministin und Sozialistin. Bereits 1905 hatte sie sich für autonome Frauenabteilungen innerhalb der Kommunistischen Partei eingesetzt. Sie grenzte sich aber scharf von der bürgerlichen feministischen Bewegung ab, da sie die These vertrat, alleine im Sozialismus könne eine Gleichberechtigung von Frau und Mann verwirklicht werden.
Kollontai, alleinerziehende Mutter und Volkskommissarin für soziale Fürsorge, setzte in der jungen Sowjetunion durch, dass das Eherecht gelockert und der Mutterschutz verbessert wurde.Helmut Steiner: Alexandra M. Kollontai (1872–1952) über Theorie und Praxis des Sozialismus - Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags vor der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät am 21. Dezember 2000 S. 99, PDF-Datei, S. 17 Sie erkämpfte das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und schlug Volksküchen und kollektive Kindererziehung vor.
Sie schloss sich mit der von Magnus Hirschfeld geleiteten Weltliga für Sexualreform zusammen.