Die Geschichte Äquatorialguineas ist die Geschichte des heutigen Staates Äquatorialguinea, die Kolonialgeschichte seiner drei Landesteile Mbini (oder Rio Muni), Bioko und Annobón sowie die Geschichte der Bewohner des heutigen Staatsgebietes vor dem Kontakt mit den Europäern. mini|Lage der drei Landesteile Bioko, Rio Muni und Annobón mini|Bioko (im Hintergrund) von der Küste Kameruns aus gesehen

Lage Der Staat Äquatorialguinea ist wie andere Staaten Subsahara-Afrikas auch das Ergebnis willkürlicher kolonialer Grenzziehung, die sich in diesem Fall besonders offenkundig bereits in seiner Geographie zeigt: Die Insel Bioko liegt deutlich näher an den Küsten von Nigeria und Kamerun als am Festlandteil Mbini des eigenen Staates. Dieses Festlandgebiet hat die Form eines Rechtecks, seine Grenzen sind offenkundig mit dem Lineal am grünen Tisch gezogen worden. Die Insel Annobón wiederum liegt 600 km südlich von Bioko, durch den Inselstaat São Tomé und Príncipe von diesem getrennt, vor der Küste Gabuns. Eine Geschichte des Landes muss daher und aufgrund jeweils unterschiedlicher Kolonialgeschichte bis in die Neuzeit hinein zwischen den drei Landesteilen unterscheiden.

Frühgeschichte der Inseln und des Festlandgebietes Bioko Die Insel Bioko wurde zwischen 700 und 1000 n. Chr. vom Festland, also von den Küsten des heutigen Nigerias und Kameruns aus, besiedelt. Unter Umständen hatten auch die Fang (deren Volksgruppe noch heute etwa 80 % der Bevölkerung Äquatorialguineas stellt) Anteil an dieser Besiedelung. In jedem Fall sprechen die aus dieser Besiedelung hervorgegangenen Bubi eine Bantusprache. Der Name Bioko wurde erst 1979 eingeführt.

Annobón Bis zur Ankunft der ersten Europäer 1473 war die Insel unbewohnt.

Das Festland Die Ureinwohner des Festlandgebietes waren Pygmäen, die hier wie in ihren anderen Lebensräumen auch weder dauerhafte Ortschaften gegründet, noch staatliche Strukturen entwickelt haben. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert wanderten verschiedene Bantugruppen in dieses Gebiet ein und verdrängten die Urbewohner bis auf kleine Gruppen. Diese Bantu waren die Ndowe, Bujeba, Balengue und Benga (die so genannten Küstenstämme) und später die Fang. Während nördlich und südlich von Mbini in vorkolonialer Zeit große Reiche bestanden, kam es hier nicht zu Staatsgründungen.

Frühe Kontakte mit den Europäern: Portugiesischer Einfluss bis 1778 Bioko mini|Bioko („Fernando Poo“) auf einer englischen Karte von 1729 mit dem Zusatz „gehört zu einem wilden Volk“

Die Insel Bioko wurde als erster Teil des späteren Staates 1471 von dem portugiesischen Seefahrer Fernão do Pó (Fernando Poo) «entdeckt». Er gab ihr den Namen «Formosa» (dt. Die Schöne), eine Bezeichnung, die sich aber nicht durchsetzte (und so als Name für die ostasiatische Insel Taiwan frei wurde). Ab 1494 trug die Insel bei den Europäern den Namen ihres Entdeckers Fernando Poo. Bei den Einheimischen hieß sie hingegen Bahasa (Wasa), Ischulla oder Bisila. Die Portugiesen nahmen 1474 die Insel offiziell in Besitz. 1642 errichteten die Niederländer ohne Genehmigung der Portugiesen eine Handelsstation auf Fernando Poo. 1648 übernahmen jedoch die Portugiesen wieder die Kontrolle und auf der benachbarten Insel Corisco, die heute ebenfalls zu Äquatorialguinea gehört.

Mitte des 18. Jahrhunderts begann ein Prozess der Einigung der einheimischen Bubi unter Führung eines lokalen Oberhauptes namens Molombo (zirka 1700 bis 1760). Diese Einigung und der Rückzug der Einheimischen ins Landesinnere war das Ergebnis zunehmender Sklavenjagden auf der Insel. Ab 1760 bis 1810 übernahm ein gewisser Lopoa diese Führungsrolle. In den Verträgen von Ildefonso und Pardo (1777 und 1778) verzichtete Portugal zugunsten Spaniens auf die Insel Fernando Poo (wie auch auf Annobón und das Festlandgebiet) im Austausch gegen den Verzicht Spaniens auf Teile des späteren Brasiliens zugunsten Portugals.

Annobón Die portugiesischen Seefahrer Pedro Escobar und João de Santarém erreichten die kleine Vulkaninsel Annobón am 1. Januar 1473 und benannten sie nach dem portugiesischen Neujahrsgruß «Ano bom» (dt. Gutes Jahr). Im Gegensatz zu Fernando Poo trafen sie auf eine menschenleere Insel und besiedelten sie ab 1474 mit Afrikanern aus Angola, die sie über Sao Tomé hierher verschleppten. 1778 überließen die Portugiesen im Vertrag von Pardo auch Annobón den Spaniern.

Das Festland Das abgezirkelte Gebiet von Mbini (auch Rio Muni) existierte bis ins 19. Jahrhundert hinein noch nicht. Die Portugiesen besaßen – ohne hier koloniale Kontrolle auszuüben – gewisse Handelsrechte an dem Festlandstreifen zwischen dem Niger und dem Fluss Ogooué im heutigen Gabun. Auch diese Rechte traten sie mit dem Vertrag von El Pardo an die Spanier ab. Möglicherweise reichte der Einfluss der sklavenjagenden Aro Konföderation, eines Zusammenschlusses verschiedener Völker (Igbo, Ibibio und Akpa) des heutigen Südwest-Nigerias bis auf das Gebiet von Mbini.

Britische, portugiesische und spanische Herren: 1778–1850 Bioko mini|Denkmal der ersten Einwanderer (1773) bei Luba, Bioko Unter Führung des Conde de Argelejos sandte Spanien 1778 eine Expedition auf die Insel, um diese in Besitz zu nehmen. Der Conde blieb vier Monate vor Ort. Oktober 1778 setzte Spanien einen Gouverneur ein, der allerdings bereits 1780 mit den übrigen Spaniern die Insel verließ. Für etliche Jahrzehnte blieb die spanische Herrschaft auf der Insel Theorie.

1817 einigten sich Briten und Spanier auf die Bekämpfung der Sklaverei und die Spanier verpachteten die Insel an die Briten. Diese gründeten an der Nordküste der Insel eine Stadt unter dem Namen Port St. Clarence (das spätere Santa Isabel, heute Malabo) und richteten hier sowie in San Carlos Flottenbasen ein. Von hier aus starteten britische Schiffe mit dem Auftrag, Sklavenschiffe aufzubringen und ihre Insassen zu befreien. Etliche der befreiten Sklaven – deren Heimatorte häufig tausende Kilometer entfernt waren – siedelten sich auf Fernando Poo/Bioko an und bildeten bald mit Arbeitsimmigranten vom Festland eine eigene Bevölkerungsgruppe, die so genannten Fernandinos. Diese Fernandinos waren britisch orientiert und sprachen (und sprechen) ein stark vereinfachtes Englisch, das Pichinglis-Kreolisch bzw. die Fernando-Po-Kreolische Sprache. Sie nahmen häufig eine Mittlerstellung zwischen den Briten und Einheimischen auf der Insel wie auf dem nahe gelegenen Festland ein. Die Einführung der Kakaobohne auf Fernando Poo etwa war das Werk eines Fernandino namens William Pratt, eines freigelassenen Sklaven aus Westindien. Die Briten hatten an ihren Stützpunkten jedoch aufgrund des für Europäer extrem ungesunden Klimas keine Freude und schlossen sie 1843 wieder. Der britische Konsul und Fernandino John Beecroft allerdings blieb bis 1854 auf der Insel. Die Spanier ernannten ihn 1843 zum Gouverneur, während er gleichzeitig für die Briten die Kolonisierung des nahe gelegenen Festlands von Nigeria betrieb. Ab 1862 nutzten die Spanier die Insel als Strafkolonie für aufsässige Schwarze aus ihrer Kolonie Kuba.

Den einheimischen Bubi, die sich vor den Sklavenjägern ins Landesinnere zurückgezogen hatten, setzten in diesen Jahrzehnten eingeschleppte Krankheiten und Alkoholmissbrauch zu. Ihre zentralisierte Organisation unter einem allgemein anerkannten Oberhaupt behielten sie aber auch im Verlauf des 19. Jahrhunderts bei. Auf den erwähnten Lopoa folgte Madabita (1842–1860) und auf diesen Sepoko (1860–1875).

Annobón mini|Die spanischen Besitzungen im Golf von Guinea um 1890 Auf Annobón wurde den Spaniern erheblicher Widerstand entgegengebracht. Die Spanier verzichteten – sicherlich auch aufgrund der geringen wirtschaftlichen Bedeutung der kleinen Insel – auf eine direkte Machtausübung. Die Insel wurde von der portugiesischen Insel São Tomé aus verwaltet. Intern gab es ein Arrangement, nach dem ein Gremium von fünf Einheimischen die Insel verwaltete. Dabei rotierte das Amt eines Gouverneurs zwischen diesen fünf Personen in einem Rhythmus, der bestimmt wurde durch die Zeitspanne, innerhalb derer jeweils zehn Schiffe die Insel anfuhren. Ein eigenes Kreolisch entwickelte sich. Ab 1885 stand Annobón unter der Kontrolle des Claretinerordens, dem Spanien freie Hand zur Ausbeutung der Insel gewährte. Sie diente bis nach dem Ende der Kolonialzeit als Verbannungsort für politische Gegner.

Das Festland Spanien setzte seinen Machtanspruch auf dem Festland bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht durch und verlor von den im Vertrag von El Pardo zugesagten 800.000 km² den überwiegenden Teil an andere europäische Mächte, bis das spanische Gebiet auf die etwa 26.000 km² des heutigen Mbini beschränkt war.

Spanien setzt seine kolonialen Ansprüche durch: 1850–1950 Mitte des 19. Jahrhunderts gab es Überlegungen, die spanischen Besitzungen an der Guineaküste an die Briten zu verkaufen. Nachdem das spanische Parlament dies abgelehnt hatte, begann Spanien seine kolonialen Ansprüche mit unterschiedlichem Erfolg und unterschiedlicher Intensität in Fernando Poo, Annobón und auf dem Festland in die Realität umzusetzen. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts setzte die Kolonialmacht auf die Einwanderung von Kolonisten und Missionaren des Claretiner-Ordens aus dem Mutterland. Da die Erfolge insbesondere wegen des für Europäer mörderischen Klimas ausblieben, schwenkte die Kolonialpolitik ab 1902 um auf die Übertragung von 99-jährigen Ausbeutungslizenzen an Großunternehmen (casas fuertes).

Im Vertrag von Paris wurden 1900 konkurrierende Ansprüche benachbarter Kolonialmächte geregelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auch die Bezeichnung Spanisch-Guinea üblich.

Der Status der Einheimischen wurde zunehmend offiziell geregelt. Im 19. Jahrhundert durch das Regelwerk «Curador Colonial» und von 1904 bis 1959 durch das «Patronato de Indígenas». Darin war zwischen den bevormundeten indígenas (der indigenen Bevölkerung) und den «Emanzipierten» unterschieden. Nur die Emanzipierten wurden als erwachsene Menschen akzeptiert. Den Indígenas war es etwa untersagt, mehr als vier Hektar Land zu besitzen. 1959, bei der Abschaffung des «Patronato», hatten gerade einmal 200 Einheimische den vollwertigen Status eines «Emanzipierten» erreicht.

Die großen europäischen Kriege hatten nur am Rande Auswirkungen auf die spanischen Besitzungen in Guinea. Im Ersten Weltkrieg wurde das neutrale spanische Territorium zur Zuflucht der geschlagenen Schutztruppe aus der benachbarten deutschen Kolonie Kamerun. Während des Spanischen Bürgerkrieges herrschten auf Fernando Poo gleich nach Beginn des Krieges die Franquisten. Auf dem Festland konnten die Republikaner bis Oktober 1936 Widerstand leisten. 1938 erhielten alle Landesteile den Status eines spanischen Territoriums.Imanuel Geiss: Geschichte griffbereit. Band 5: Staaten. Die nationale Dimension der Weltgeschichte. (=rororo-Handbuch 6239), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1980, ISBN 3-499-16239-3, S. 398. Während des Zweiten Weltkrieges mussten die Kolonien ihre Produktion ganz auf Nahrungsmittel für das «Mutterland» umstellen. Anfang 1942 bemächtigten sich die Briten in der Operation Postmaster mehrerer in Malabo liegender Schiffe der Achsenmächte.

Bioko mini|König Malabo um 1930 Auf Bioko (Fernando Poo) war die neue Politik wirksamer. Der Anbau von Kakao wurde gesteigert, 1913 erreichte sie 5250 Tonnen. Erschwerend war dabei der Mangel an Arbeitskräften, der durch den Einsatz spanischer Strafgefangener und die Anwerbung von Menschen insbesondere aus dem unabhängigen Liberia und zum Teil auch von Fang aus dem spanischen Festlandgebiet gedeckt werden sollte.