Die Alliierte Invasion in der Normandie oder Operation Overlord ( für Oberherr, Lehnsherr) als Deckname für die in Nordfrankreich am 6. Juni 1944 begonnene Landung der Westalliierten der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten Weltkrieg führte im Westen Europas zur Errichtung der zweiten Front gegen das Deutsche Reich. Die Landung vorwiegend mit Hilfe von Schiffen und massiver Luftunterstützung erfolgte im Wesentlichen an der französischen Küste des Ärmelkanals östlich von Cherbourg in der Normandie. Der erste Tag wird auch D-Day (evtl. nach dem Wort Débarquement) oder der längste Tag genannt. Die erfolgreiche Landung brachte der Sowjetunion die seit längerem geforderte Entlastung der Roten Armee beim Kampf gegen die Wehrmacht.
Die deutsche Führung hatte an der Atlantikküste ein System von Verteidigungsanlagen, den sogenannten Atlantikwall, errichtet und rechnete – auch wegen der alliierten Täuschungsoperation Fortitude – mit einer alliierten Invasion weiter östlich am Pas-de-Calais, da dort der Seeweg über den Kanal wesentlich kürzer ist.
„Unter Einsatz von 6400 Schiffen […] landeten bis 12. Juni 326.000 Mann, 104.000 Tonnen Material und 54.000 Fahrzeuge zw. Ornemündung bei Caen und Cherbourg (bis 30. Juni 850.000 Mann).“Rüdiger Bolz: Synchronopse des Zweiten Weltkriegs. ECON Taschenbuch Verlag, Düsseldorf 1983, ISBN 3-612-10005-X, S. 205. Nach der Sicherung eines Brückenkopfs war der erste Teil der Invasionspläne (Operation Neptune)In Frankreich wird sie débarquement (Landung) genannt; invasion, häufiger Begriff in Deutschland, ist der in Frankreich gängige Begriff vor allem für den Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1940. Peter Lieb: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg? Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44. S. 2 (Fußnote 6). In der Encyclopædia Britannica trägt der entsprechende Artikel die Überschrift Normandy Invasion (Autor John Keegan) – Alternative titles: COSSAC; D-Day, also called Operation Overlord. mit dem Durchbruch bei Avranches Ende Juli 1944 gelungen. Am 25. August 1944 wurde Paris befreit. An den Kämpfen nahmen Truppen aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada, Polen, Frankreich, Neuseeland, Norwegen und weiteren Staaten teil.
Für das Unternehmen wurde die größte Landungsflotte des Krieges zusammengezogen und eine große Anzahl von Flugzeugen bereitgestellt (siehe auch Seekrieg während der Operation Overlord und Luftkrieg während der Operation Overlord).
Zum Gedenken an die Gefallenen und die Ereignisse errichteten ehemalige Kriegsteilnehmer nach dem Krieg mehrere Friedhöfe, Gedenkstätten und Museen im ehemaligen Operationsgebiet. Operation Overlord nimmt insbesondere in der amerikanischen und britischen Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle ein und ist Gegenstand zahlreicher Sachbücher, Romane und Spiele sowie von Dokumentar- und Spielfilmen.
Kurzchronik Nach den ersten Landungstagen bauten die Alliierten ihren Brückenkopf weiter aus.
Im Westen des Invasionsgebietes behinderte sie dabei das nur schwer zu durchdringende Bocage-Gelände. Vorrangiges Ziel war der Hafen von Cherbourg. Er wurde am 26. Juni eingenommen; bereits nach 15 Tagen Räumarbeiten begann seine Nutzung für die Invasion. Im Osten waren Elite-Panzerverbände der Wehrmacht konzentriert (Schlacht um Caen), da ein dortiger Durchbruch direkt nach Paris führen konnte. Deutsche Truppen hielten Brest und seinen Hafen bis zum 18. September.
Nach wochenlangen Kämpfen gelang es in der Operation Cobra (25. Juli bis 4. August) nach einem Großangriff von US-Truppen, die deutschen Stellungen im Westen des Invasionsbereiches nahe der Atlantikküste zu durchbrechen.
Die Amerikaner rückten danach sofort in verschiedene Richtungen vor: weiter nach Westen in die Bretagne, teils in den Süden zur Loire, mit dem Gros nach Osten (nach Paris) und mit einigen Divisionen den Kanadiern, Polen und Briten entgegen, um die verteidigende 7. Armee der Wehrmacht im Kessel von Falaise einzuschließen. Am 25. August wurde Paris befreit und blieb von Kriegszerstörungen bewahrt (Dietrich von Choltitz).
Der von Hitler kurzfristig von der im Sommer ebenfalls angegriffenen Ostfront in den Westen abkommandierte Marschall Walter Model organisierte sofort und ohne Nachfragen den Rückzug der deutschen Truppen aus dem größten Teil Frankreichs. Am 15. August 1944 landeten zwei westalliierte Armeen im Rhonedelta. Die deutschen Truppen zogen sich sehr schnell zurück. Am 11. September trafen in Saulieu, westlich von Dijon, nordwärts ziehende Truppen der französischen 1. Infanterie-Division auf Aufklärungseinheiten der 6. US-Panzerdivision aus General Pattons 3. US-Armee – 77 Tage früher als geplant.
Ab Herbst 1944 bildeten sich vor der deutschen Westgrenze wieder stabilere Fronten.
Wesentlich für den Sieg war die Sicherung des Nachschubs der alliierten Truppen durch einen schwimmenden Mulberry-Hafen an der Küste, durch unter dem Ärmelkanal verlegte Pipelines für Treibstoff und die Lkw-Kolonnen des Red Ball Express bis an die immer weiter vorrückende Front.
Vorgeschichte und alliierte Planung Die Rettung des größten Teiles seines Expeditionsheeres aus Frankreich während der Schlacht von Dünkirchen Anfang Juni 1940 versetzte England moralisch und auch personell in die Lage, die Schlacht um die Insel gegen die deutsche Luftwaffe zu bestehen und damit auch Hitlers Invasionsdrohung abzuwenden.
Unmittelbar nach dem Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich am 22. Juni 1940 – in der folgenden Nacht – „unternahmen britische Kommandos bei Boulogne einen Erkundungsvorstoß an die französische Küste“. Es gab ein kurzes Gefecht, aber keine weiteren Ergebnisse. Ein symbolischer Neuanfang war gemacht. Schon im Juli 1940 „bildete Churchill ein Kommando für amphibische Unternehmen“; am 5. Oktober 1940 beauftragte er den Planungsstab, „die Möglichkeiten offensiver Operationen in Europa, darunter die Bildung eines Brückenkopfes auf der Halbinsel Cherbourg, zu untersuchen“.Chester Wilmot: Der Kampf um Europa. Büchergilde Gutenberg, Zürich 1955, S. 95.
Mitte September 1940 hatte die Royal Air Force die Luftüberlegenheit errungen und schon Teile der deutschen Transportflotte zerschlagen, so dass Hitler sich für einen „Aufschub der ‚Operation Seelöwe‘ für unbestimmte Zeit“Halders Tagebuch, 14. September 1940. zit.: Wilmot, S. 43. entschied.
Ereignisse in der Zeit 1940–1941 Gegen Ende des Jahres 1940 unternahm Hitler eine Initiative, um den Krieg gegen England offensiv fortsetzen zu können, und schlug der Sowjetunion einen „Viermächtepakt“ (noch mit Italien und Japan) zur „Verteilung des britischen Empire“ und der „Abgrenzung ihrer Interessensphären im weltweiten Rahmen“ vor. Die Besprechung dazu fand am 12. und 13. November 1940 in Berlin zwischen Ribbentrop und Molotow und zeitweilig auch mit Hitler statt. Während die Deutschen nicht mit offenen Karten spielten (es ging darum, „Russland aus der Balkansphäre wegzuziehen und nach Osten hin zu orientieren“ – Hitler an Mussolini am 20. November 1940), hatte Molotow die sowjetischen Interessen klar definiert – Schwarzes Meer und Ostsee sowie der Balkan – und konkret nach den deutschen Absichten gefragt und nach Garantien für die Sowjetunion verlangt. Hitler hielt sich daraufhin bedeckt, und als zwei Wochen nach der Konferenz Stalin die genannte Festlegung der russischen Interessen bekräftigte, wurde „Hitlers Antwort […] nicht nach Moskau gesandt, sondern ging am 18. Dezember als Weisung an seine Oberbefehlshaber: „Die deutsche Wehrmacht muß darauf vorbereitet sein, auch vor Beendung des Krieges gegen England Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen“ (Fall Barbarossa).“Wilmot, S. 61–66. Noch sah es für Hitler so aus, als könne er die Briten durch eine Eroberung des Mittelmeerraumes in eine strategische Defensive bringen, doch erhielt dieser Plan durch die Bündnisabsage Francos am 26. Februar 1941 einen entscheidenden Dämpfer.
Am 8. Februar 1941 stimmte nach dem Senat auch das Repräsentantenhaus US-Präsident Roosevelts Leih- und Pachtgesetz zur Unterstützung Großbritanniens zu. Damit war auch für Hitler klar, dass er die Sowjetunion möglichst schnell niederwerfen musste, wenn er einen Zweifrontenkrieg vermeiden wollte.
Nach dem Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 äußerte Churchill am selben Tag: „Wir haben nur ein Ziel, eine einzige unwiderrufliche Aufgabe. Wir sind entschlossen, Hitler und jede Spur des Naziregimes zu vernichten. Davon wird uns nichts abbringen – nichts.“Winston S. Churchill: Der Zweite Weltkrieg. Scherz Verlag, Bern/Stuttgart 1954, S. 413. Bald darauf bekräftigte Roosevelt diese Äußerung.
Am 3. Oktober 1941 hatte Hitler bereits seinen Sieg im Osten verkündetDiese Botschaft war auch an Japan gerichtet, doch ließen sich die Japaner nicht von ihrer Neutralität mit der Sowjetunion abbringen. Keitel meinte beim Nürnberger Prozess, dass dadurch im Winter 1941 insgesamt 18–20 russische Fernost-Division nacheinander in den Kampf eingriffen. Angabe nach: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Band X, S. 603, Sitzung am 4. April 1946. zit.: Wilmot, S. 88. und schon Ende September 1941 befohlen, die notwendige Umrüstung zum Aufbau der zum unmittelbaren Angriff auf die britischen Inseln nötigen Luft- und Seemacht einzuleiten.Nürnberger Dokument C74 & C75, zit.: Wilmot, S. 75. Als die Rote Armee am 5. Dezember 1941 vor Moskau zur Gegenoffensive überging, zerstob die Illusion vom schnellen Feldzugsende.1942 wurde das Luftwaffenpersonal, das für einen erneuerten Angriff auf England ausgehoben worden war, zu zwanzig Luftwaffen-Felddivisionen zusammengefasst und unter Görings Kommando(!) als Bodentruppen an der Ostfront eingesetzt. Zit.: Wilmot, S. 86.
Tauziehen um die zweite Front Noch im Juni 1941, als „sich Russland von einem unfreundlichen neutralen in einen hilfsbedürftigen Verbündeten verwandelte, sandte Stalin an Churchill das erste einer Reihe von Schreiben, die auf sofortige Bildung einer zweiten Front in Frankreich drängten“. Als Stalins Schreiben vom 4. September 1941 zu einer vorwurfsvollen Forderung wurde, kam es zu einer scharfen Kontroverse mit Churchill.Winston S. Churchill: Der Zweite Weltkrieg. S. 421 f. Gleichwohl wies Churchill den Planungsstab umgehend an, die Planungen für Operationen auf dem Festland abzuschließen, was im Dezember 1941 als Entwurf mit Bezug auf den Sommer 1943 auch geschah.
Zwei Wochen nach dem Angriff auf Pearl Harbor, den US-Flottenstützpunkt auf Hawaii, am 7. Dezember 1941 und dem damit verbundenen Kriegseintritt der USA kamen Churchill und Roosevelt sowie ihre Führungsstäbe zur Arcadia-Konferenz in Washington D.C. zusammen (22. Dezember 1941 bis zum 14. Januar 1942). „Sie beschlossen, die gesamten militärischen und wirtschaftlichen Mittel der beiden Nationen unter der Leitung eines gemeinsamen Kommandos, des ‚Kombinierten Komitees der Stabschefs‘, zusammenzulegen.“ Befürchtungen der Briten, die Amerikaner würden nach Pearl Harbor ihre Ziele ändern, zerstreute General George C. Marshall, der Vorsitzende des Komitees: „Trotz dem Eintritt Japans in den Krieg ist es nach wie vor unsere Ansicht, daß Deutschland der Hauptfeind und seine Niederlage der Schlüssel zum Sieg ist. Ist erst Deutschland geschlagen, dann müssen der Zusammenbruch Italiens und die Niederlage Japans folgen.“Robert E. Sherwood in: Roosevelt and Hopkins: an Intimate History. New York 1948, S. 445. Beide Zitate in: Wilmot, S. 98.