mini|Scharfes (oben) und unscharfes Bild (unten) zur Illustration der unterschiedlichen Detaillierung. Sehschärfe bezieht sich aber nicht auf die wahrgenommene Schärfe des Bildes; bei erniedrigter Sehschärfe wird das Bild z. B. nicht notwendigerweise als unscharf wahrgenommen.
Mit Sehschärfe (auch: Visus, Acies visus) bezeichnet man das Ausmaß der Fähigkeit eines Lebewesens, mit seinem Sehorgan Konturen und Musterdetails in der Außenwelt als solche zu erkennen und dicht nebeneinanderliegende Punkte oder Linien gerade noch als getrennt wahrzunehmen (Auflösungsvermögen, minimum separabile).Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1993, 20. Band, ISBN 3-7653-1120-0, ISBN 3-7653-1220-7, S. 65. Sie ist ein Maß der Leistung des Gesichtssinns und sein wichtigster bestimmbarer ParameterMaxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 1829., der beim Menschen mittels speziell hierfür vorgesehener Untersuchungsanordnungen (Sehtests) ermittelt wird. Beide Augen werden üblicherweise getrennt beurteilt und die Einzelergebnisse nicht addiert. Jedoch kann man bei Bedarf beidäugig messen, meist mit besserem Ergebnis als bei einem einzelnen Auge.Herbert Kaufmann (Hrsg.): Strabismus. 1986, ISBN 3-432-95391-7, S. 92 ff.
Die eigene Sehschärfe lässt sich z. B. an freisichtigen Doppelsternen, den sogenannten Augenprüfern, abschätzen.
Differenzierung Zur Begriffsklärung bedarf es der Unterscheidung weiterer wesentlicher Merkmale.Werner D. Bockelmann auf Springer Nature Link: Sehschärfe. ISBN 978-3-642-93316-5Th. Axenfeld (Begr.), H. Pau (Hrsg.): Lehrbuch und Atlas der Augenheilkunde. Unter Mitarbeit von R. Sachsenweger u. a., Stuttgart: Gustav Fischer Verlag, 1980, ISBN 3-437-00255-4 S. 19.
Minimum visibile Unter Minimum visibile versteht man die Grenze der Sichtbarkeit. Diese wird dann erreicht, wenn sich Objekte, die betrachtet und auf der Netzhaut abgebildet werden, nicht mehr als Kontur und Kontrast von der sie umgebenden Leuchtdichte abgrenzen. Dies bedeutet, dass die Erkennbarkeit von Außenobjekten im Wesentlichen von der Fähigkeit des visuellen Systems abhängt, Helligkeitsunterschiede wahrzunehmen.Herbert Kaufmann (Hrsg.): Strabismus. 1986, ISBN 3-432-95391-7, S. 80 ff.
„Als normale Sehschärfe gilt ein Minimum visibile von einer Bogenminute.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Loseblattsammlung 1966–1977, 6. Ordner (S–Zz). Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. S 140. „Der Visus ist dabei der Kehrwert des Öffnungswinkels in Winkelminuten und wird in logarithmischer Abstufung in Dezimalzahlen angegeben.“Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 269. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 1599.
Minimum discriminibile Mit Minimum discriminibile bezeichnet man die Erkennbarkeitschwelle für kleinste Unterschiede von Außenobjekten. In Prüfsituationen geht es hier beispielsweise um die Klärung, ob es sich beim Betrachten einer Linie um eine durchgehende Linie oder um eine so genannte Noniusanordnung handelt (Noniussehschärfe, engl.: Vernier acuity oder Hyperacuity), ob eine minimale Ortsänderung (Bewegung) oder auch eine Orientierungsänderung (Verkippung) zweier Objekte zueinander stattgefunden hat.Herbert Kaufmann (Hrsg.): Strabismus. 1986, ISBN 3-432-95391-7, S. 81.
Die Sehschärfe liegt unter diesen Bedingungen bei 5 - 10 Bogensekunden. Da der Durchmesser der fovealen Zapfen bei 1 Bogenminute liegt, müssen nachgeschaltete Neurone an der Auswertung beteiligt sein.
Minimum separabile Das Minimum separabile (Synonyme: anguläre Sehschärfe, Englisch: angular acuity oder Minimal Angle of Resolution, MAR, Kehrwert des Visus) erfordert neben einer relativen Lokalisation eine Trennung eng benachbarter Konturen, die durch minimale Leuchtdichte-Unterschiede auf der Netzhaut eben noch als getrennt wahrgenommen werden können. Hierbei überlagern sich die Leuchtdichteverteilungen der benachbarten Objekte umso mehr, je enger die Muster im Außenraum nebeneinander liegen.
Diese Überlagerung verursacht z. B. den Unterschied zwischen der idealen Sehschärfe (beim Menschen 0,5 bis 2′) und der praktischen Erkennbarkeit von Doppelsternen (bei sogenannten Augenprüfern etwa 3 bis 10′), je nach ihrer Helligkeit.
Die Winkel-Sehschärfe (anguläre Sehschärfe) ist das Auflösungsvermögen, bei dem zwei Sehobjekte noch als getrennt wahrgenommen werden (Minimum separabile). Die Auflösung von 1′ (einer Winkelminute) entspricht einer Ortsauflösung von etwa 1,5 mm bei 5 m Abstand. Je kleiner die Winkel-Sehschärfe ist, desto besser ist die allgemeine Sehschärfe.Herbert Kaufmann (Hrsg.): Strabismus. 1986, ISBN 3-432-95391-7, S. 81 ff.
Minimum legibile Das Minimum legibile ist die Lesesehschärfe. Sie unterscheidet sich von den anderen Sehschärfenvarianten durch die Miteinbeziehung gespeicherter Formen von Optotypen als Wortbestandteile. Daher ist ihr Wert in der Regel auch höher als der Wert der anderen Sehschärfenarten, weil hier Zeichen und Wörter nicht nur isoliert visuell erkannt, sondern auch aus dem Kontext abgeleitet werden.Th. Axenfeld (Begr.), H. Pau (Hrsg.): Lehrbuch und Atlas der Augenheilkunde. Unter Mitarbeit von R. Sachsenweger u. a., Stuttgart: Gustav Fischer Verlag, 1980, ISBN 3-437-00255-4 S. 17 ff.
Minimum perceptibile Dies bezeichnet die Fähigkeit des Auges, einen einzelnen Reiz bei minimaler Größe und Helligkeit überhaupt als solchen wahrzunehmen (Wahrnehmungsschwelle).Werner D. Bockelmann auf Springer Nature Link: Sehschärfe, ISBN 978-3-642-93316-5Th. Axenfeld (Begr.), H. Pau (Hrsg.): Lehrbuch und Atlas der Augenheilkunde. Unter Mitarbeit von R. Sachsenweger u. a., Stuttgart: Gustav Fischer Verlag, 1980, ISBN 3-437-00255-4 S. 17.
Minimum cognobile Eine Rolle hierbei spielt die Formen- und Detailerkennbarkeit, beides Fähigkeiten, die neben der physiologischen und physikalishen Bedeutung insbesondere auch die psychologischen Aspekte berücksichtigt.
Maßeinheiten
Der Visus als Maßeinheit Eine Maßeinheit für die Größenart „Sehschärfe“ ist der Visus. Er ist definiert als Kehrwert des Auflösungswinkels, nämlich der kleinsten erkennbaren Lücke im Landoltring in der Maßeinheit Winkelminuten.Herbert Kaufmann: Strabismus. 4. grundlegend überarbeitete und erweiterte Auflage, unter Mitarbeit von W. de Decker u. a., Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 2012, ISBN 978-3-13-129724-2. Er hat folglich die Dimension Winkelminute hoch minus eins, ist also in diesem Sinne keine reine Zahl. Allerdings entspricht er zahlenmäßig dem Wert des Bruchs, der im angelsächsischen Raum als Sehschärfe (‘visual acuity’) angegeben wird (z. B. entspricht 1,0 dem amerikanischen “20/20 vision” oder dem britischen “6/6”). Der Visus wird daher im Deutschen ohne Einheit, als dimensionslose Dezimalzahl angegeben.
Der Kehrwert des Visus, also der kleinste sichtbare Winkel, wird als MAR bezeichnet (minimal angle of resolution; wieder ohne Dimensionsangabe). Der Logarithmus des MAR – logMAR – ist ein in wissenschaftlichen Texten verbreitetes alternatives Sehschärfemaß.
Die Visus-Skala erlaubt zwar das Bilden von Verhältnissen (Brüchen), ist aber keine Verhältnisskala, da es keinen Nullpunkt gibt (und geben kann). Sie ist auch nicht, wie fast alle anderen Maßeinheiten und auch der gemessene Auflösungswinkel, eine Intervallskala, da sie keine gleichen Intervallgrößen hat: Eine Verschlechterung von 0,6 auf 0,5 Winkelminuten−1 ist viel stärker als eine von 1,1 auf 1,0.
Visusangabe in Prozent In der deutschsprachigen Ophthalmologie und Optometrie wird häufig umgangssprachlich von „100 % Sehschärfe“ für einen Dezimalvisus von 1,0 (Winkelminuten−1) gesprochen, obgleich Prozentangaben hier potentiell irreführend sind. Das erklärt Angaben wie „150 % Sehschärfe“ oder „180 v.H. Sehschärfe“.
Eine solche Prozentangabe scheint zwar leichter verständlich und wird zur vermeintlich besseren Verständigung gegenüber Patienten oft verwendet. Bei genauer Betrachtung ist sie allerdings irreführend; es gibt dabei vier Probleme:
Der Prozentwert hat keinen inhaltlich klaren Bezug (Prozent wovon?). Es wird der Eindruck erweckt, die Stufen hätten gleiche subjektive und objektive Bedeutung (Gleichabständigkeit, s. Intervallskala). Tatsächlich haben aber Verluste bei niedrigen Messwerten eine weit höhere Bedeutung, s. Verhältnisskala. „100 %“ legt das Missverständnis als höchste erreichbare Sehschärfe nahe („volle Sehschärfe“). Diese ist aber fast doppelt so hoch. Es scheint einen Nullpunkt zu geben. Den gibt es aber für einen Kehrwert nicht.
Der Gebrauch dieser Prozentangabe wird jedoch auch nahegelegt durch die Tatsache, dass ein Auflösungsvermögen von 1 Bogenminute innerhalb des Normbereichs jeder Altersgruppe liegt und deshalb ein Visus von „100 %“ regelmäßig als (noch) normal betrachtet werden kann. Im deutschen Sozialrecht ist dementsprechend, unabhängig vom Alter, ein Visus von 1,0 als nicht eingeschränkt definiert.
Verwendete Optotypen In der europäischen DIN-Norm (DIN EN ISO 8596) ist die Verwendung des Landoltrings zur Messung der Sehschärfe vorgeschrieben. Allerdings wird in der Praxis häufig mit anderen, international gebräuchlicheren, Optotypen (standardisierten Buchstaben oder Ziffern) statt des Landoltrings gemessen. Zur Umrechnung der Landoltsehschärfe in Ergebnisse mit anderen Optotypen (etwa Snellen-Sehschärfe) gibt es empirisch bestimmte Umrechnungstafeln.
Liste von Auflösungsvermögen einiger Spezies Angegeben ist der Auflösungswinkel in Winkelminuten, also der Kehrwert einer ungefähren Art von Sehschärfe.Die Gittersehschärfe wird in Keller u. a. (2000) mit 0,86 Perioden/Grad geschätzt. Eine halbe Periode (=1 Gitterbalken) hat die 1,4 – 2-fache Breite der Lücke (Heinrich & Bach, 2013). Damit entspricht das etwa 24' – 17' Landolt-Lücke
Wanderfalke: 0,4′ Mensch (Fovea, photopisch): 0,4′ bis 2,0′ (1′ ≈ 3 cm auf 100 m) Katze: 5′ Frosch: 7′ Elefant: 10,3′ Ratte: 40′ Kapuzenratte: 20' Siehe Linsenauge zum Vergleich der Sehschärfen anderer Tiere.
Komplexaugen: Honigbiene: 60′ Einsiedlerkrebs: 270′ Taufliege: 540′
Bedeutung der Sehschärfe Die Sehschärfe ist der wichtigste bestimmbare Parameter des Sehsinns.
Der natürliche Rohvisus ist altersabhängig und beträgt unkorrigiert durch Brille oder Kontaktlinsen bei einem 20-jährigen Menschen 1,0 bis 1,6, bei einem 80-jährigen bei normalem Organbefund etwa 0,6 bis 1,0. Mit einer Kunstlinse entspricht er im Idealfall dem aktuell besten präoperativ ermittelten Visus mit Brille oder Kontaktlinsen.
Der Visus ist in der Augenheilkunde der Zielparameter, dessen Verbesserung oder Erhalt mit den meisten ophthalmologischen Maßnahmen angestrebt wird. Zahlreiche rechtliche Vorschriften, die die Eignung für die Bedienung gefährlicher Geräte (zum Beispiel Kraftfahrzeuge) oder für bestimmte Berufe (zum Beispiel Polizist) festlegen, verlangen bestimmte Mindest-Visuswerte. Ebenso richten sich Leistungen privater und gesetzlicher Unfallversicherungen für Augenschäden und die Zahlung des gesetzlichen Blindengelds in erster Linie nach dem Visus.
Deutliche Sehweite Nicht zu verwechseln mit der Sehschärfe ist der Begriff der deutlichen Sehweite, auch Bezugssehweite oder Normsehweite genannt. Sie ist festgelegt auf 250 mm. Die Bezugsgröße ist erforderlich, um beispielsweise den Vergrößerungsfaktor einer Lupe zu definieren.
Physiologie der Sehschärfe mini|Sehschärfe in Abhängigkeit von der Netzhautstelle (auf dem horizontalen Meridian und auf 1.0 normiert; die Funktion entspricht einer Hyperbel) Die Sehschärfe des Menschen ist abhängig von: der Abbildungsqualität auf der Netzhaut, welche bestimmt wird durch die brechenden Medien des Auges – Hornhaut, Kammerwasser, Linse und Glaskörper – und die Refraktion des Auges sowie den Brechungsindex des Mediums, das von außen an die Hornhaut grenzt (Luft, Wasser);