Tournai (, aus ;Vgl. Willem Pée: Flamentum in Französisch-Flandern. In: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. Band 83, 1960, S. 107–113, hier: S. 108: „die sonderbare Gewohnheit [der Deutschen], flämische Orte immer mit ihrem französischen Namen zu nennen“. , veraltet Dornick) ist eine Stadt am Fluss Escaut (niederländisch: Schelde) in der Provinz Hennegau (niederländisch , französisch ) im picardischen Teil von Wallonien, dem überwiegend frankophonen Teil Belgiens. Sie hatte am 1. Januar 2019 gemäß den Angaben des nationalen Registers 69.233 Einwohner.Siehe Statistiques de population: Chiffres de population au 1er janvier 2019 auf der Website des Service Public Fédéral Intérieur, online. Die Stadt liegt etwa 85 km südwestlich von Brüssel. Mit einer Fläche von über 213,75 km² ist sie die größte Gemeinde Belgiens.

Ortsname

Administrative Gliederung Seit dem Zusammenschluss belgischer Gemeinden 1977 besteht die Gemeinde Tournai aus 30 Entitäten oder Sektionen. Das sind neben der alten Stadt Tournai 29 Dörfer.Tournai et ses 29 villages, online, abgerufen am 16. November 2019. Alle diese Sektionen waren vor 1977 eigenständige Gemeinden. Durch die Fusion wurde Tournai zur flächenmäßig größten Kommune Belgiens, mit einer Fläche von 213,75 km². Die Kommune gliedert sich in fünf Distrikte: Tournai, Froidmont, Gaurain, Kain und Templeuve.Les districts administratifs, online, abgerufen am 17. November 2019. Von den insgesamt etwa 70.000 Einwohnern leben gut 30.000 in der Kernstadt Tournai.Évolution de la population à Tournai (période 2002–2007), online, abgerufen am 16. November 2019.

Nr. Name Distrikt PostleitzahlI Tournai Tournai 7500II Chercq Tournai 7521III Saint-Maur Tournai 7500IV Ere Froidmont 7500V Willemeau Froidmont 7506VI Froidmont Froidmont 7504VII Orcq Templeuve 7501VIII Marquain Templeuve 7522IX Esplechin Froidmont 7502X Lamain Templeuve 7522XI Hertain Templeuve 7522XII Blandain Templeuve 7522XIII Templeuve Templeuve 7520XIV Ramegnies-Chin Templeuve 7520XV Froyennes Templeuve 7503XVI Kain Kain 7540XVII Mont-Saint-Aubert Kain 7542XVIII Mourcourt Kain 7543XIX Rumillies Kain 7540XX Warchin Tournai 7548XXI Havinnes Gaurain 7543XXII Melles Gaurain 7540XXIII Quartes Gaurain 7540XXIV Thimougies Gaurain 7543XXV Béclers Gaurain 7532XXVI Maulde Gaurain 7534XXVII Barry Gaurain 7534XXVIII Vezon Gaurain 7538XXIX Gaurain-Ramecroix Gaurain 7530XXX Vaulx Gaurain 7536 mini|ohne|400px|Sektionen der Gemeinde Tournai mini|ohne|400px|Gemeinden im Arrondissement Tournai-Mouscron

Tournai ist Teil des Arrondissements Tournai-Mouscron in der Provinz Hainaut. Diese gehört wiederum zur Wallonischen Region sowie zur Französischen Gemeinschaft Belgiens. Tournai ist frankophon.

Politik Kommunalwahlen Die Kommunalwahl am 14. Oktober 2018 führte zu folgendem Ergebnis:Wallonie, Élections Communales 2018, Résultats officiels – Commune de Tournai Partei/Liste Stimmenanteil Sitze Parti Socialiste (PS) 35,92 % 16 Mouvement Réformateur (MR, liberal) 22,67 % 10 Ecolo (grün) 17,77 % 7 Ensemble! 14,02 % 5 Parti du Travail de Belgique (PTB, links) 5,60 % 1 Weitere 4,02 % 0

Die Sozialisten und die Liberalen hatten gegenüber der letzten Kommunalwahl 2012 deutliche Verluste erlitten, die bis 2018 regierende Koalition dieser beiden Parteien zerbrach. Wahlsieger war Ecolo mit starken Zugewinnen. Es bildete sich eine Koalition von PS und Ecolo, zum Bürgermeister wurde Paul-Olivier Delannois von der Sozialistischen Partei gewählt.Amtliches Wahlergebnis der Seite elections2018.wallonie.be: Commune de Tournai; Bericht der Seite rtbf.be, 14. Oktober 2018: Tournai: Paul-Olivier Delannois, bourgmestre d’une majorité PS-Ecolo

Stadtrat

Nach der Wahl wurde eine Koalition aus MR, LE und Ecolo eingegangen.https://www.notele.be/si103-media154218-tournai-voici-le-casting-de-la-nouvelle-majorite-mr-engages-ecolo.html Sie kommen zusammen auf 22 der 39 Sitze.

Man könnte eine Koalition aus PS und Ecolo bilden. Sie kämen auf 108 von 195 Sitzen.

Geschichte

Römische Gründung Tournai liegt an der Stelle des römischen , das seit diokletianischer Zeit als Nachfolger von Castellum Menapiorum der Hauptort (civitas) der Menapier war. Sie ist nach Arlon und Tongern die drittälteste Stadt Belgiens. Die Anlage einer ersten Befestigung wird auf das Ende des dritten Jahrhunderts oder Beginn des vierten Jahrhunderts datiert. Allerdings fand sich bei Ausgrabungen in der rue de La Loucherie südlich der Domkirche eine große bäuerliche Hofanlage aus der Eisenzeit, deren Einfriedungen bis zum Vieux Marché du Beurre reichten.

In den 50er Jahren wurde unter Kaiser Claudius der Norden Galliens ausgebaut und die Grenze nach Germanien militärisch gesichert. So wurde an der Stelle eines vicus ein römisches Militärlager an der Furt über die Schelde erbaut, an der sich wichtige Handelsstraßen kreuzten und vor allem die zur befestigten Römerstraße ausgebaute Verbindung zwischen Boulogne-sur-Mer und Köln die Schelde überquerte. Diese Straße ist in Belgien als Chaussée Brunehaut bekannt und wird in Deutschland neuerdings als Via Belgica bezeichnet. Von dem Römerlager wurden 1954 Teile des umlaufenden Wassergrabens entdeckt.

In der Folge zeigte sich die Befestigung als zu schwach, im zweiten Jahrhundert plünderten Chauken die Stadt, im dritten Jahrhundert Franken und Alemannen. Möglicherweise auf Kaiser Diokletian geht die nachfolgende Befestigung zurück. Tournai wurde in dieser Zeit zum Hauptsitz der keltisch-germanischen Menapier. Die römische Garnison bestand zu dieser Zeit vor allem aus germanischen Laeten. Die Vandalen überfielen und plünderten Römerlager und vicus 406, womit die römische Zeit in Tournai endete.

Dass Römer unter ihrem König Lucius Tarquinius Priscus im Jahre 606 vor Christus den Ort gegründet hätten, der deswegen als „zweites Rom“ gelte, ist eine mittelalterliche Legende. Ebenso ist ein römischer oder gallischer Heerführer Turnus nicht historisch gesichert, der die lokalen Gallier gegen Julius Cäsar im Gallischen Krieg angeführt habe. Er wurde aber lange Zeit als Erklärung für den Namen Tournai angeführt, dessen erste Überlieferung Tornacus ist und als „Siedlung des Turnus“ gedeutet wurde.

Hauptort der Merowinger Die Stadt wurde Mitte des 5. Jahrhunderts unter Merowech merowingischer Herrschaftssitz, von wo aus auch Childerich I. agierte. Nach 487 verlegte Chlodwig I. den Königssitz nach Soissons. Die Stadt gehörte seitdem zum Frankenreich und kam im 10. Jahrhundert zur Grafschaft Flandern.

Unter den Habsburgern Nach der Schlacht bei Guinegate wurde die Stadt von den Engländern belagert und musste am 24. September 1513 kapitulieren. Der spätere englische Kardinal Thomas Wolsey bemächtigte sich gegen den von Papst Leo X. als gewählten Bischof 1513 eingesetzten Lois Guillard 1514 des Bistums Tournai. Wolsey gab es erst 1519 für eine jährliche Leibrente von 12.000 Livre des französischen Königs Franz I. frei.

1521 kam die Stadt in den Besitz der Habsburger und blieb auch nach der Unabhängigkeit der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen bei den Spanischen Niederlanden. Ab 1714 gehörte sie zu den Österreichischen Niederlanden.

1653 wurde in Tournai das Grab des Königs Childerich entdeckt, dessen Grabbeigaben 1831 teilweise gestohlen wurden. Der andere Teil befindet sich in der Bibliothèque nationale de France in Paris.

1667 wurde Tournai im Rahmen des Devolutionskrieges (1667–1668) zwischen Frankreich und Spanien belagert und nach vier Tagen durch Kapitulation der Spanier von den Franzosen erobert.

1709 wurde Tournai während des Spanischen Erbfolgekrieges von den Truppen des Herzogs von Marlborough und des Prinzen Eugen von Savoyen eingenommen. Nach dem Barrieretraktat von 1715 gehörte der Ort zu den Festungen, die mit Besatzungen der Republik der Vereinigten Niederlande belegt waren.

mini|Notmünze aus Tournais von 1709 aus Tafelsilber des Marquis de Surville

Im Jahr 1745 wurde die Stadt im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges von französischen Truppen unter dem Maréchal de Saxe belagert und erobert, wobei die Zitadelle komplett zerstört wurde. Tournai war bis zum Frieden von Aachen (1748) in französischer Hand und wurde anschließend zurückgegeben.

Die Niederlande wurden 1794/Januar 1795 von französischen Revolutionstruppen erobert; der Hennegau mit Tournai gehörte von 1795 bis 1814 zum französischen Département Jemappes. Von 1815 bis 1830 (Unabhängigkeit Belgiens) gehörte das Gebiet zum Königreich der Vereinigten Niederlande.

20. Jahrhundert

Im Ersten Weltkrieg war Tournai als Eisenbahnknotenpunkt und Sitz des Heeresgruppenführers Kronprinz Rupprecht von Bayern im Bischofspalais ein prädestinierter Etappenort und häufig Ziel von Luftangriffen.

Im Juni 1940 besetzte die Wehrmacht im Frankreichfeldzug Tournai und ganz Nordfrankreich; Frankreich musste den kapitulationsähnlichen Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnen.

Am 6. Juni 1944 begann die Landung in der Normandie; am 26. August 1944 kapitulierte die deutsche Wehrmacht in Paris. Anschließend rückten die westalliierten Truppen sehr schnell Richtung Osten voran. Am 31. August 1944 schlug Brigadegeneral Truman C. Thorson vor, Richtung Tournai vorzurücken, um den Kessel von Mons vorzubereiten. General Omar N. Bradley befahl General Hodges, seine Truppen Richtung Tournai zu ziehen.ibiblio.org S. 680. Am 2. September ab 14 Uhr trafen US-Truppen und britische Truppen dort ein;www.belgiumwwii.be. auf dem Weg fanden sie fast keinen Widerstand.

Sehenswürdigkeiten Die mittelalterliche Altstadt von Tournai ist gut erhalten. Besonders sehenswert sind die Kathedrale Notre-Dame (erbaut 1110 bis 1325) und der um 1200 erbaute und damit älteste belgische Belfried, die beide zum UNESCO-Welterbe gehören. Nordwestlich des Belfrieds schließt sich der Grand-Place an, der mit seiner dreieckigen Form einen ungewöhnlichen Schnitt aufweist. Er wurde vom 1. bis 4. Jahrhundert als Friedhof benutzt und Ausgrabungen Ende des 20. Jahrhunderts konnten Reste einer karolingischen Kapelle nachweisen. Die Verleihung der Gemeindecharta durch Philipp II. im Jahr 1187 leitete das Wachstum der Stadt und des Marktplatzes ein, so dass er das Zentrum des kommunalen Lebens wurde. Kriegsschäden aus dem Jahr 1940 wurden in der Nachkriegszeit stilgerecht behoben, so dass der Platz seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat. Der Renaissancebau der Tuchhalle wurde nach Plänen von Jacques Van den Steen im Jahr 1610 errichtet.

Ferner ist auch die Pont des Trous sehenswert, eine Brücke über den Escaut als Teil der mittelalterlichen Befestigung.Historische Karte der Festung als Digitalisat Die Brückenbögen des Pont des Trous wurden allerdings nach langen politischen Auseinandersetzungen gegen erhebliche Widerstände im August 2019 abgerissen, um die Durchfahrt größerer Schiffe auf dem Fluss zu ermöglichen. Es stehen nur noch die Türme auf den beiden Seiten des Escaut. Eine Restaurierung der Brücke ist geplant, es ist jedoch noch nicht klar, in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt.Siehe etwa: Benjamin Puech: La municipalité de Tournai choisit de détruire un pont médiéval pour améliorer la navigation. In: Le Figaro, 12. Februar 2019, online; Tournai s’apprête à dire adieu à son pont médiéval trop étroit pour la navigation. In: Le Figaro, 31. Juli 2019, online; Suivez en direct la démolition du pont médiéval de Tournai. In: Le Figaro, 2. August 2019, online; Tournai verliert ein Wahrzeichen: Die Pont des Trous muss weichen. In: Grenz-Echo, 3. August 2019, online.