mini|Israelische Truppen während der Bodenoffensive im Gazastreifen im Rahmen der Operation „Swords of Iron“ (2023) Ein asymmetrischer Krieg ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen Parteien, die waffentechnisch, organisatorisch und strategisch stark unterschiedlich ausgerichtet sind. Weil sich die asymmetrische Kriegführung vom gewohnten Bild des Krieges unterscheidet, wird auch die Bezeichnung asymmetrischer Konflikt verwendet.
Typischerweise ist eine der beteiligten Kriegsparteien waffentechnisch und zahlenmäßig so überlegen, dass die andere Kriegspartei militärisch in offen geführten Gefechten nicht gewinnen kann. Langfristig können jedoch nadelstichartige Verluste und Zermürbung durch wiederholte kleinere Angriffe zum Rückzug der überlegenen Partei führen, bedingt auch durch die Überdehnung derer Kräfte. In den meisten Fällen agiert dabei die militärisch überlegene Partei, meist reguläres Militär eines Staates, auf dem Territorium eines anderen Landes und kämpft gegen eine militante Widerstands- bzw. Untergrundbewegung, die sich aus der lokalen Bevölkerung gebildet hat. Diese Form der Kriegsführung wird daher in der älteren Literatur auch als Guerillakrieg(sführung) bezeichnet. Die vermeintlich überlegene Kriegspartei ist daher mit dem Einsatzraum und seiner Bevölkerung nicht vertraut und wird im weiträumigen Einsatzgebiet ihre Kräfte immer nur punktuell ansetzen können. Zudem gerät sie ideologisch oft in eine unterlegene Position und kann auch aus diesem Grund den Kampf nicht gewinnen. Die scheinbar unterlegene Seite hingegen rekrutiert sich zumeist aus der regionalen Bevölkerung immer wieder neu und wird von dieser mit Informationen und logistisch unterstützt.
Sowohl das Phänomen selbst als auch die militärtheoretischen Grundlagen sind seit der Antike bekannt. Beispiele aus dem 20. Jahrhundert sind die Kolonialkriege, in denen nationale Befreiungsbewegungen in Kolonien gewaltsam gegen die jeweiligen Kolonialmächte und ihr Militär vorgingen (siehe auch Guerilla). Seit etwa dem Ende des Kalten Kriegs 1990 taucht der Begriff auch als Unkonventionelle KriegsführungJames Stejskal: US-Spezialkräfte in Berlin, Detachement "A" und PSSE-B" – Geheime Einsätze im Kalten Krieg (1956–1990), aus dem Amerikanischen von Oberst a. D. F. K. Jeschonnek, Verlag Dr. Köster Berlin 2017, ISBN 978-3-89574-950-6., der vorher hauptsächlich Fachleuten bekannt war, zunehmend in öffentlichen Debatten auf, verstärkt in Zusammenhang mit der Besetzung des Irak 2003–2011 und dem NATO-Einsatz in Afghanistan (ISAF).
Militärische Konzepte zur Bekämpfung von Untergrund- oder Widerstandsbewegungen durch reguläres Militär werden auch unter dem Begriff Aufstandsbekämpfung (engl. Counterinsurgency oder COIN) zusammengefasst. Weil derartige Konflikte oft jahrelang andauern, ohne dass es zu größeren Kampfhandlungen kommt, werden sie auch als Konflikte niedriger Intensität bezeichnet (englisch Low Intensity Conflict).
Begriffsgeschichte Die Bezeichnung „asymmetrische Kriegsführung“ wurde in der Öffentlichkeit bekannt, als nach dem Ende des Kalten Krieges klassische („symmetrische“) Kriege zwischen Staaten in wesentlich geringerem Umfang als der moderne Kleinkrieg die Bedrohungsszenarien vieler Länder bestimmten. Dabei werden im allgemeinen Sprachgebrauch der Terrorismus und Kriegshandlungen in einem auch unerklärten Krieg zwischen zwei Kriegsparteien, von denen eine in der konventionellen Stärke unterlegen ist, gerne synonym genutzt, sie sind jedoch voneinander zu trennen.
Die organisierte Gewaltanwendung des modernen Terrorismus wurde mit der Bildung des Begriffes „asymmetrische Kriegführung“ ebenfalls als Krieg erfasst, obwohl sie sich vom klassischen Waffengang der vergangenen Jahrhunderte stark unterscheidet. Besonders die hegemoniale Position der USA als einzig verbliebener Supermacht wird als „asymmetrisch aus Stärke“ verstanden, während der Terrorismus aus Schwäche zu unorthodoxen Gefechts- und Kampfmethoden greift. In diesem Sinn erscheint der Terrorismus als Fortentwicklung der Partisanenkriegführung, mit dem sich seit ihren Anfängen der spanischen Guerilla gegen die napoleonische Besatzung diejenigen zur Wehr setzen, die in einer offenen Schlacht unterlegen wären. Wesentlich für die Charakterisierung ist, dass eine konventionelle Armee, die einen Krieg nicht gewinnt, verliert, eine Guerilla hingegen im asymmetrischen Krieg gewinnt, wenn sie diesen nicht verliert.
Der Begriff des Partisanen (von partigiano Parteigänger; vgl. Partei) als eines bewaffneten Kämpfers, der nicht zu den regulären Streitkräften eines Staates gehört, wird in diesem Zusammenhang synonym genutzt, meist jedoch auf irreguläre Kämpfer im Zusammenhang mit den konventionellen Kriegen des 20. Jahrhunderts wie bei den Sowjetischen Partisanen, der Résistance Frankreich oder den „Waldbrüdern“ im Baltikum bezogen.
Das Konzept der asymmetrischen Kriegsführung wurde bereits früh in der Militärtheorie behandelt und während der Kolonialeroberungen sowie der nachfolgenden Kriege der regionalen Bevölkerung gegen die Kolonialtruppen in Südafrika, Namibia, vormals Deutsch-Südwestafrika, Tansania mit Ruanda und Burundi, vormals Deutsch-Ostafrika, sowie in China angewandt.
Johann von Ewald veröffentlichte bereits 1785 in Kassel seine „Abhandlung über den kleinen Krieg“, welche auf seinen Erfahrungen mit den Aufständischen in den nordamerikanischen Kolonien und denen der Amerikaner während des Siebenjährigen Krieges in Nordamerika (insbesondere durch den Einsatz von leichten Truppen unter Robert Rogers) beruhte.
Carl von Clausewitz beschreibt in seinem Buch Vom Kriege im Kapitel Volksbewaffnung ebenfalls das Konzept der asymmetrischen Kriegführung und führt in Vom kleinen Kriege Gefechtshandlungen unter diesen besonderen Bedingungen aus.
Bekannt wurde diese Art der Kriegführung auch durch Thomas Edward Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien, während des Ersten Weltkriegs in Arabien, der die militärische Taktik des Hit and Run anwandte, indem er permanent tiefe Flankenangriffe auf die Versorgungs- und Transportlinien der türkischen Armee des osmanischen Reiches wie die Hedschasbahn und gegen die Osmanische Militärbahn in Palästina unternahm und diese unterbrach. Dabei konnte er die Stadt Aqaba über die Landseite der Wüste Nefud erfolgreich für die britische Armee als Nachschubpunkt erobern.
Mao Zedong systematisierte diese Kriegsführung in den 1920er und 1930er Jahren und orientierte sich dabei an dem antiken Schriftsteller Sun Tsu, der 510 v. Chr. ein Buch über die dreizehn Prinzipien der Kriegsführung verfasst hatte. Ziel seiner Strategie war die konsequente Fehler- und Schwächenauswertung des Feindes bei gleichzeitiger Nutzung kleiner, aus dem Überraschungsmoment operierender Einheiten oder Einzelpersonen. Laut Sun-Tsu war die Strategie durch die zur Verfügung stehenden Mittel zu bestimmen. Ziel war es, mit unterlegenen Mitteln und konsequenter Anwendung dieses Konzepts den Feind empfindlich zu treffen und abschließend endgültig zu schlagen.
Ein Vorteil der asymmetrischen Kriegsführung liegt in den geringen Kosten. Eine Guerillatruppe ist in der Lage, mit primitiven und teilweise dem Feind abgenommenen Waffen einen hochgerüsteten Gegner zu bekämpfen. Der Gegner muss zum Schutz seiner Nachschublinien und schützenswerten Objekte einen großen Aufwand betreiben, der hohe Kosten verursacht. Beispiele für asymmetrische Kriegsführung sind unter anderem der Burmafeldzug der britischen und amerikanischen Armee 1944, der französische Indochina- und der amerikanische Vietnamkrieg, die meisten Kriege und Unabhängigkeitskriege in Afrika, der sowjetische Afghanistankrieg 1979/1989, der amerikanische Krieg in Afghanistan 2001–2021 und der Irak-Krieg 2003 der Vereinigten Staaten, die Kriege Russlands in Tschetschenien oder die palästinensische Intifada, die Bürgerkriege durch teils kommunistische Bewegungen in Mittel- und Südamerika, wie die FARC in Kolumbien, sowie als eine der letzten asymmetrischen Auseinandersetzungen in Mali mit der Opération Serval.
Der Begriff der asymmetrischen Kriegsführung wurde in postsowjetischer Zeit in den Medien zum ersten Mal (in Militärkreisen bereits in den 1960er Jahren) im Zusammenhang mit der Operation Allied Force und der Kriegsführung der jugoslawischen Volksarmee im Jahr 1999 verwendet. Nach dem Krieg wurde festgestellt, dass die Luftangriffe der NATO nur geringe Wirkung zeigten und die Jugoslawische Volksarmee im Krieg gegen die UÇK (kosovarische Befreiungsarmee) nur wenig behinderten. Grund dafür war das Konzept der Verteilung, Tarnung, Deckung und des überraschenden direkten Angriffs auf den Gegner unter Ausnutzung der Geländekenntnisse durch die jugoslawische Armee.
Dieselbe Logik liegt terroristischen Aktivitäten zugrunde. Ein Terrorangriff wie der des 11. September 2001 kostete die Terroristen sehr wenig im Vergleich zu den großen Investitionen im Security-Bereich an den Flughäfen, die aus ihm resultierten.
Der wichtigste Theoretiker dieser Kriegführung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Brasilianer Carlos Marighella. Sein Mini-manual do Guerrilheiro Urbano (Wörtlich: Mini-Handbuch des Stadtguerillero, in deutscher Fassung meist übersetzt als Handbuch des Stadtguerillero), São Paulo 1969, wurde vor allem von westeuropäischen terroristischen Gruppierungen wie zum Beispiel der RAF adaptiert.
Die Asymmetrie der Gefechtsführung fand auch in jedem der Kolonialkriege statt, da die Befreiungsbewegungen oder Guerilla meist waffentechnisch unterlegen waren, in der effektiven Mannstärke gegenüber den Kolonialtruppen wie den Tirailleurs sénégalais oder den Koninklijk Nederlandsch-Indisch Leger überlegen, während diese waffentechnisch immer überlegen waren. Beispiele sind Rifkrieg (1909), Rifkrieg (1921), Italienisch-Äthiopischer Krieg (1895–1896), Schlacht von Tel-el-Kebir und Portugiesischer Kolonialkrieg.
Strategie der asymmetrischen Kriegführung Die Varusschlacht, der Angriff von Arminius gegen Varus auf den Schlachtfeldern um den Teutoburger Wald, ist ein typisches Beispiel einer erfolgreichen asymmetrischen Kriegführung, die gezielt die offene Feldschlacht vermied, um den dort überlegenen römischen Gegner in Einzelgefechten aufzureiben.
Die asymmetrische Kriegführung (außerhalb der wissenschaftlichen Diskussion Partisanenkampf genannt) gab es seit jeher. Bereits die Kämpfe der frühen Eidgenossen und Dithmarscher oder noch früher der Slawen (siehe Landnahme der Slawen auf dem Balkan) lassen sich dazu zählen. Hierbei handelte es sich um eine kleine Anzahl unorganisierter Bauernhaufen, die durch ihre hervorragenden Geländekenntnisse wesentliche Vorteile gegenüber den besser ausgerüsteten Rittern zu Pferd hatten.
Auch der bewaffnete Widerstand zum Beispiel in Spanien gegen Napoleon im 19. Jahrhundert oder im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler (Résistance) wählte eine asymmetrische Kriegführung ohne wesentliche ethische Zweifel an ihrer Berechtigung. Anders als bei den üblichen Kämpfen außerhalb eng besiedelter Bevölkerungsgebiete sind asymmetrische Kriege aber sehr häufig mit hohen Opferzahlen unter einer eigentlich nicht direkt am Kampf beteiligten Zivilbevölkerung verbunden. Diese bietet eine ausgezeichnete Versteckmöglichkeit für die waffentechnisch schwächere Kriegspartei, bei der technisch immer ausgeklügeltere Systeme moderner hochtechnisierter Armeen zwar kurzfristig erfolgversprechend sind, aber in ihrer Wirkung rasch abstumpfen (vgl. ständige blutige Zwischenfälle in Afghanistan und Irak).