200px|mini|Solidus des Herakleios, geprägt 610-613, mit der lateinischen Legende DN HERACLIVS PP AVG (Dominus noster Heraclius perpetuus Augustus). Herakleios (;Mit vollständiger Titulatur Imperator Caesar Flavius Heraclius fidelis in Christo mansuetus maximus beneficus pacificus Alamannicus Gothicus Francicus Germanicus Anticus Alanicus Vandalicus Africanus Erulicus Gepidicus pius felix inclitus victor ac triumphator semper Augustus; vgl. Gerhard Rösch: Onoma Basileias. Studien zum offiziellen Gebrauch der Kaisertitel in spätantiker und frühbyzantinischer Zeit. Wien 1978, S. 170. ; * um 575 in Kappadokien; † 11. Februar 641 in Konstantinopel) war vom 5. Oktober 610 bis zu seinem Tod oströmischer bzw. byzantinischer Kaiser. Er war einer der bedeutendsten oströmischen Herrscher und kann zugleich als der letzte Herrscher der Spätantike und der erste Kaiser des mittelbyzantinischen Reiches gelten. Die von ihm begründete Dynastie regierte bis zum Jahre 711.
Herakleios’ gesamte Regierungszeit war geprägt von einem militärischen Abwehrkampf gegen äußere Aggressoren, zuerst gegen die Perser und die Awaren, später dann gegen die Araber. Im Inneren vollzog sich die Wandlung hin zum nun vollständig gräzisierten Imperium, wobei Staat und Gesellschaft tiefen Veränderungen unterworfen waren.Allgemein dazu Haldon, Byzantium in the Seventh Century.
Leben Herkunft und Thronbesteigung mini|180px|Solidus des Kaisers Phokas Flavius Heraclius war wahrscheinlich armenischer Abstammung, wenngleich die Herkunft seiner Familie in den Quellen teils abweichend angegeben wird.Walter E. Kaegi: Heraclius – Emperor of Byzantium. Cambridge 2003, S. 21. Seine Mutter hieß Epiphania, sein Vater, Herakleios der Ältere, war unter Kaiser Maurikios General gewesen, bevor er zum Exarchen von Karthago ernannt wurde (im Prinzip ein Gouverneur mit weitreichenden militärischen und zivilen Befugnissen, siehe Exarchat von Karthago). Der jüngere Herakleios dürfte auch noch Latein gesprochen haben, doch seine Muttersprache wird wohl Griechisch gewesen sein. Möglich (aber eher unwahrscheinlich) ist auch eine Abstammung von den Arsakiden, die bis 226 in Persien und bis 428 in Armenien regierten.Vgl. Walter E. Kaegi: Heraclius – Emperor of Byzantium. Cambridge 2003, S. 21, Anm. 4, mit weiteren Literaturhinweisen.
mini|hochkant|Solidus des Herakleios aus dem Jahr 608, der ihn und seinen Vater als Konsuln zeigt
Einige Zeit nach der Machtergreifung des Phokas, in deren Verlauf Kaiser Maurikios samt seiner Familie ermordet wurde, kam es offenbar infolge der Unzufriedenheit mit dessen Regierung zur Kontaktaufnahme zwischen senatorischen Dissidenten in Konstantinopel und Herakleios’ Vater. 608 erhob sich Herakleios, interessanterweise zunächst noch nicht als Gegenkaiser, sondern als „Konsul“, gegen Phokas. Anschließend marschierte ein Heer unter der Führung des Niketas, eines Vetters von Herakleios, in Ägypten ein, die Kornkammer des Reiches; die Besetzung des Landes wurde womöglich durch die reiche und einflussreiche Familie der Apionen unterstützt.Walter E. Kaegi: Heraclius – Emperor of Byzantium Cambridge 2003, S. 38. Damit wurde Konstantinopel, abhängig vom Getreide aus dem Nilland, erpressbar. Währenddessen segelte Herakleios selbst, der anstelle seines betagten Vaters ging, 610 mit der Flotte nach Konstantinopel. Phokas wurde dort Anfang Oktober desselben Jahres entmachtet und auf grausame Art getötet.
Da die Quellen nur aus der Perspektive des Siegers berichten, ist denkbar, dass es sich bei der Revolte gegen Phokas vielleicht letztlich nur um einen Putsch gehandelt hat, wenngleich dies Spekulation bleiben muss. Herakleios war zunächst zweifellos ein Usurpator, genau wie sein Vorgänger. Denn zumindest anfangs unterschied sich die Politik des neuen Kaisers kaum von der seines Vorgängers; lediglich gegenüber den Aristokraten scheint Herakleios größeres Entgegenkommen gezeigt zu haben. Der Widerstand gegen die angreifenden Perser, die seit 603 oströmisches Territorium attackierten (siehe unten), scheint sogar erst einmal abgenommen zu haben, was allerdings teils dadurch zu erklären ist, dass Herakleios zunächst Schwierigkeiten hatte, seine Herrschaft zu konsolidieren: Auf den Sturz des Phokas folgte ein Bürgerkrieg, der die Kräfte des Imperiums band. Es ist zudem festzuhalten, dass die Regierung des Phokas zumindest in Teilen der Bevölkerung auf Widerstand gestoßen sein muss, da Herakleios sonst nicht so erfolgreich nach der Macht hätte greifen können. Die Herrschaft des Phokas führte zu einer politischen, militärischen und finanziellen Krisenzeit, die Herakleios letztlich doch überwand.Vgl. Süha Konuk: A Tyrant on the Throne: Phocas the Usurper, and the Collapse of the Eastern Frontier. In: Trames 24, 2020, S. 201–213.
Der Perserkrieg des Herakleios
Die ersten Kriegsjahre: der Verlust Syriens und Ägyptens Die persischen Sassaniden, die alten Erzfeinde Ostroms, hatten seit der Zeit des Maurikios Frieden gehalten. Dessen Absetzung und Ermordung benutzte der persische Großkönig Chosrau II. jedoch 603 als Vorwand, um in oströmisches Gebiet einzufallen und verlorene Gebiete zurückzuerobern; damit begann der „letzte große Krieg der Antike“ (James Howard-Johnston).Die wichtigste aktuelle Studie dazu ist nun James Howard-Johnston: The Last Great War of Antiquity. Oxford 2021.
Offenbar strebte Chosrau nach den unerwarteten Erfolgen schließlich wohl eine Wiederherstellung der „alten Grenzen“ des Perserreiches an. Zunächst aber präsentierte er einen Mann, der angab, Theodosius, ein Sohn des Maurikios zu sein, der das von Phokas angerichtete Blutbad angeblich überlebt habe, doch war nach einer Weile von ihm keine Rede mehr. In den ersten Jahren des Herakleios hatte Ostrom dann die bis dato größten Verluste in seiner Geschichte zu beklagen (Armenien war schon unter Phokas gefallen, ebenso die wichtige Festung Dara). Dennoch wäre es falsch zu behaupten, Herakleios habe nichts unternommen, um die persische Invasion zu stoppen oder wenigstens zu verlangsamen. Zudem muss auch bedacht werden, dass Herakleios zunächst im Inneren noch immer mit der Konsolidierung seiner Herrschaft beschäftigt war: So kam es unter anderem noch zu Kämpfen mit phokastreuen Truppen, deren Führer Komentiolos ein Bruder des Phokas war. Im Jahr 611 war der Widerstand der Phokas-Truppen dann zusammengebrochen, und oströmische Truppen leisteten bei Emesa den Persern Widerstand, wurden aber geschlagen. Persische Truppen drangen in der Folge teils nach Kleinasien vor und plünderten Kappadokien. 612 eroberte der oströmische Feldherr Priskos Kaisareia zurück. 613 unternahm der oströmische General Philippikos eine Invasion in Persarmenien und drang dabei tief in feindliches Gebiet vor; die Perser waren gezwungen, Truppen zurückzuziehen, um mit dieser Entwicklung fertigzuwerden. Währenddessen konnte sich Herakleios mit seinem Bruder Theodoros und seinem Vetter Niketas in Syrien vereinigen. Dort aber wurden die römischen Truppen in einer großen Schlacht nahe Antiochia am Orontes geschlagen; sie mussten sich eiligst nach Kleinasien zurückziehen. Im selben Jahr ging Damaskus an die Perser verloren.
Anschließend wandten sich die Perser nach Süden und eroberten 614 Jerusalem mitsamt dem Heiligen Kreuz, welches angeblich der christlichen Ehefrau Chosraus, Schirin, übergeben wurde.Barbara Baert, Dabei hatte der persische General Schahrbaraz offenbar die Juden zum Kampf gegen die Christen aufgefordert; es kam wohl zu einigen schweren Gräueltaten, die später auf christlicher Seite nicht vergessen wurden,Elliot Horowitz, In: Jewish Social Studies 4, 2. obwohl die Perser ihre Unterstützung der Juden 617/18 einstellten und nun offenbar die miaphysitischen Christen favorisierten, die seit langer Zeit im Streit mit den orthodoxen Kaisern lagen. Die Perser fielen 616 schließlich in Ägypten ein, wo Niketas nur hinhaltenden Widerstand zu leisten vermochte. Das Land wurde bis 619 erobert und dann administrativ in das Sassanidenreich integriert,Vgl. Ruth Altheim-Stiehl, The Sasanians in Egypt. In: Bulletin de la Société d’Archéologie Copte 31, 1992, S. 87–96. womit die Kornkammer des oströmischen Reiches in persischer Hand war – eine Katastrophe, der der Kaiser zunächst hilflos zusehen musste. Bereits eine bald nach dem Fall Jerusalems in großer Stückzahl geprägte Silbermünze (Hexagramma) mit der einzigartigen Aufschrift Deus adiuta Romanis („Gott, hilf den Römern!“) mag die verzweifelte Situation des Reiches illustrieren.Siehe Walter E. Kaegi: Heraclius – Emperor of Byzantium Cambridge 2003, S. 90 f. Dies ist die letzte neue Münzlegende in lateinischer Sprache, die auf oströmischen Münzen erscheint. Spätere Münzen zeigten entweder griechische Inschriften oder legten alte lateinische Legenden neu auf.
Denn auch an den übrigen Fronten war die Lage ernst. Während Herakleios’ Vorgänger Phokas auf dem Balkan noch von den Nachwirkungen der Balkanfeldzüge des Maurikios zehren konnte und diese Feldzüge unter Umständen sogar eine Zeit lang fortgesetzt hat, kamen die Folgen seiner späteren Untätigkeit unter Herakleios voll zum Tragen. Der zuständige magister militum per Thracias verfügte über keine schlagkräftigen Truppen; seit 615 fielen daher die Awaren und Slawen ungehindert in den Balkan ein (siehe hierzu Landnahme der Slawen auf dem Balkan). Währenddessen eroberten die Westgoten, mit deren König Sisebut Herakleios sich vor 617 noch einmal verständigt hatte, bis 625 den letzten von den Oströmern gehaltenen Landstrich im südlichen Spanien. Auch in finanzieller Hinsicht ergaben sich Schwierigkeiten, da ein Großteil der Steuereinnahmen wegbrach; dieses Problem wurde durch eine Finanzreform wenigstens teilweise gelöst. So wurden zahlreiche Donative und Privilegien gestrichen, wovon auch die Kirche betroffen war: Ein erheblicher Teil der Kirchenschätze wurde eingeschmolzen, um den Krieg finanzieren zu können. 619 verloren die Einwohner von Konstantinopel zudem nach fast drei Jahrhunderten das Privileg der kostenlosen Getreidespenden, was mittelfristig zu einem erheblichen Bevölkerungsschwund führte. Zugleich kam es wiederholt zu Seuchenausbrüchen, welche den organisierten Widerstand der römischen Truppen zusätzlich erschwerten.
Die Gegenoffensive des Herakleios mini|Das Oströmische Reich (oben ca. 526, unten ca. 533–600)
In der Bevölkerung Konstantinopels brodelte es angesichts der Rückschläge; ein Umsturz drohte. Die Lage des Kaisers war schließlich so verzweifelt, dass er laut dem Chronisten Nikephoros geplant haben soll, die Hauptstadt aufzugeben und sich ins sichere Karthago zurückzuziehen. Nur auf Drängen des Patriarchen Sergios soll er gegen seinen Willen im Osten geblieben sein und etwas später einen kühnen Plan gefasst haben: Er wollte in die Offensive gehen und den Feind in seinem eigenen Land schlagen. Dieser an sich sehr mutige Schritt zeigt aber letztendlich nur die ungemein schwierige Lage, in der sich der Kaiser zu jenem Zeitpunkt befand. Herakleios, der bereits 613 ein Heer nach Syrien begleitet hatte, erkaufte sich vom Awarenkhagan einen kurzen Frieden, sammelte die verbliebenen Truppen und verließ am 5. April 622 die Hauptstadt. Er begab sich mit dem Heer auf dem Seeweg nach Kleinasien. Vermutlich segelte die Flotte nach Pylai (lateinisch Pylae) in Bithynien (nicht nach Kilikien, wie teils in der älteren Forschung vermutet),Howard-Johnston, Heraclius’ Persian Campaigns. S. 3f. wo er die Soldaten zunächst drillte. Schließlich marschierte der Kaiser landeinwärts; die genaue Route der Armee ist ebenso wie die genaue Stärke nicht bekannt, sie soll jedoch beachtlich gewesen sein.Vgl. dazu Geoffrey B. Greatrex, Samuel N.C. Lieu: The Roman Eastern Frontier and the Persian Wars. Part II AD 363–630. London/New York 2002, S. 199.