mini|Platon (römische Kopie des griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek München) Der Hippias maior oder Hippias I (, deutsch „der Größere Hippias“ oder „der Große Hippias“) ist ein antiker literarischer Dialog. Er soll von Platon stammen, seine Echtheit ist aber seit dem 19. Jahrhundert umstritten. Die Bezeichnung maior dient dabei der Unterscheidung vom Hippias minor, dem „Kleineren“ oder „Kleinen“ Hippias, einem kürzeren und daher als kleiner bezeichneten Dialog, der nach der heute vorherrschenden Forschungsmeinung ein echtes Werk Platons ist.
Es handelt sich um ein fiktives philosophisches Gespräch. Platons Lehrer Sokrates diskutiert mit dem Sophisten Hippias von Elis, nach dem der Dialog benannt ist. Das Thema ist die Frage nach der Definition des „Schönen“. Dabei wird der Begriff „schön“ in einem weiten, nicht nur ästhetischen Sinn aufgefasst, er schließt also auch schöne Verhältnisse und Handlungen ein. Einige undurchdachte Definitionsversuche des philosophisch ungeschulten Hippias erweisen sich als untauglich, aber auch die fünf Vorschläge, die Sokrates anschließend unterbreitet, scheitern an den Einwänden, die er selbst dagegen vorbringt. Am Ende ist eine befriedigende Lösung nicht in Sicht, der Dialog mündet in Ratlosigkeit (Aporie). Der Gesprächsverlauf zeigt nicht nur die Schwierigkeit des Problems, sondern auch die fundamentale Verschiedenheit der Denkweisen der beiden Debattierenden. Dem Pragmatiker Hippias ist das analytische, abstrahierende Vorgehen des Sokrates völlig fremd.
Die philosophische Qualität wird in der Forschung unterschiedlich bewertet; die Einschätzungen reichen von der Einstufung als unterhaltsames Gedankenspiel bis zur Annahme einer verborgenen Tiefgründigkeit.
Ort, Zeit und Teilnehmer mini|Sokrates (römische Büste, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris) Die Debatte spielt sich an einem nicht näher bezeichneten Ort in Athen ab. Die Zeit ist schwer zu bestimmen; wahrscheinlich ist an den Zeitraum 421–416 v. Chr. zu denken, in den auch die fiktive Dialoghandlung des Kleineren Hippias fällt. Damals herrschte der Nikiasfrieden, der den Peloponnesischen Krieg für einige Jahre unterbrach.Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 313; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 302. Hippias kündigt an, dass er übermorgen eine Rede halten wird, und lädt Sokrates dazu ein. Wahrscheinlich ist der öffentliche Vortrag (Epideixis) gemeint, der den Anlass zu der im Kleineren Hippias wiedergegebenen Debatte bot. Demnach fand das im Größeren Hippias wiedergegebene Gespräch zwei Tage vor dem im Kleineren Hippias dargestellten statt.Ernst Heitsch: Platon: Größerer Hippias. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2011, S. 54.
Am Dialog beteiligt sind nur zwei Personen, Sokrates und Hippias. Hippias von Elis war eine historische Gestalt. Er war ein namhafter Sophist, das heißt ein Lehrer, der Jünglingen der Oberschicht gegen Entgelt Unterricht erteilte und ihnen insbesondere die Kunst des gewandten, überzeugenden Auftretens in der Öffentlichkeit beibrachte. Seine Redekunst verschaffte ihm außerdem öffentliche Aufträge; für seine Heimatstadt Elis war er als Gesandter tätig.Siehe zum historischen Hippias Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 168f.; Michel Narcy: Hippias d’Élis. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band 3, Paris 2000, S. 755–758; Slobodan Dušanić: Hippias the Elean: the revolutionary activities and political attitudes of a Sophist. In: Aevum 82, 2008, S. 41–50. Inwieweit der Autor seiner Dialogfigur Züge des historischen Hippias – einer vielseitigen Persönlichkeit – verliehen hat, ist unklar; vielleicht hat er ihr stellenweise die Meinung des historischen Vorbilds in den Mund gelegt.Siehe dazu Ernst Heitsch: Platon: Größerer Hippias. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2011, S. 45 Anm. 22, S. 92 und Anm. 136; Slobodan Dušanić: Hippias the Elean: the revolutionary activities and political attitudes of a Sophist. In: Aevum 82, 2008, S. 41–50. Einige Forschungsmeinungen zum Verhältnis zwischen dem historischen Hippias und der im Größeren Hippias und anderen Dialogen auftretenden Figur sind zusammenfassend wiedergegeben bei Ronald Bilik: Literaturbericht über Hippias von Elis 1980–1995. In: Anzeiger für die Altertumswissenschaft 49, 1996, Sp. 69–78. Die Mannigfaltigkeit der Interessen und Kenntnisse des Sophisten und sein erstaunliches Gedächtnis werden im Dialog ebenso wie im Kleineren Hippias – wenngleich in ironischer Absicht – gerühmt; diese Darstellung scheint dem Eindruck zu entsprechen, den der historische Hippias auf seine Zeitgenossen machte.Vgl. dazu Andreas Patzer: Der Sophist Hippias als Philosophiehistoriker, Freiburg/München 1986, S. 106–108.
Inhalt Das Einleitungsgespräch
Sokrates begrüßt Hippias, der nach langer Zeit wieder nach Athen gekommen ist. Der Besucher erzählt von seinen häufigen Gesandtschaftsreisen und seiner Lehrtätigkeit, die ihm ein hohes Einkommen verschafft. In seinem übermäßigen Selbstbewusstsein stellt er sich über die traditionell verehrten Sieben Weisen und über berühmte Philosophen wie Anaxagoras. Er redet abschätzig von den Weisen der Vergangenheit, die es nicht verstanden hätten, ihr Wissen zu Geld zu machen. Dass sich manche von ihnen aus der Politik heraushielten, führt er auf ihre Unfähigkeit zurück. Um keinen Neid zu erregen, verzichtet er darauf, seine vermeintliche Überlegenheit über die berühmten Weisen öffentlich zu verkünden, doch vor Sokrates lässt er seiner Eitelkeit freien Lauf und wird von ihm darin noch bestärkt. Nur in Sparta hat er seinem Bericht zufolge nichts verdient, weil dort Unterricht von Fremden gesetzlich verboten ist. Die Spartaner behalten die Erziehung ihrer Jugend selbst in der Hand.Hippias maior 281a–284c.
Darauf nimmt Sokrates die Perspektive des Hippias ein und kritisiert aus dieser Sicht die spartanische Gesetzgebung: Sie sei verfehlt, da sie der Jugend die beste Unterweisung vorenthalte, wenn Hippias tatsächlich so überragend qualifiziert sei. Der Buchstabe des Gesetzes vereitle dessen Zweck, das Erziehungswesen bestmöglich zu gestalten, und sei somit eigentlich objektiv „gesetzwidrig“, wenn man vom Sinn der Gesetzgebung ausgehe. Nur zögernd stimmt Hippias der provozierenden Verurteilung der berühmten spartanischen Gesetzgebung und Erziehung zu. Diese ergibt sich zwar aus seinen eigenen Behauptungen, wie Sokrates gezeigt hat, ist aber mit der gängigen Hochschätzung des spartanischen Erziehungswesens unvereinbar. Durch den Gegensatz zwischen seinem Selbstbild und konventionellen, allgemein akzeptierten Vorstellungen, denen er ungern widerspricht, gerät Hippias in ein Dilemma.Hippias maior 284d–286c. Siehe dazu Anna Schriefl: Platons Kritik an Geld und Reichtum, Berlin 2013, S. 120–126.
Die Problemstellung
Sokrates nutzt die Gelegenheit, seinem anscheinend umfassend gebildeten Gesprächspartner eine Frage zu stellen. Er erzählt, dass er kürzlich in einem Gespräch einiges als schön gelobt, anderes als hässlich kritisiert hat. Darauf hat ihn jemand höhnisch in Verlegenheit gebracht, indem er eine Begründung für diese Bewertungen und eine Definition des Begriffs „schön“ verlangte. Sokrates war nach seiner Darstellung in dieser Situation ratlos. Daher habe er beschlossen, einen Kundigen um Belehrung zu bitten. Hippias versichert, er könne dies mühelos klären und kenne auch stichhaltige Antworten auf weit schwierigere Fragen. Sokrates erklärt ihm, dass die Definitionsfrage auf „das Schöne“ schlechthin zielt, also nicht auf einzelne schöne Dinge, sondern auf dasjenige, was allem Schönen die Eigenschaft Schönheit verleiht.Hippias maior 286c–287e. Das Substantiv to kalón, „das Schöne“, und das entsprechende Adjektiv sowie das zugehörige Adverb bezeichnen im Altgriechischen nicht nur das ästhetisch Ansprechende, sondern werden oft auch in einem weiten, übertragenen Sinn verwendet, ähnlich wie das deutsche Wort „schön“ und entsprechende Wörter in anderen modernen Sprachen. Gemeint ist dann etwas, was als gut, erfreulich oder richtig erscheint, etwa ein schönes Leben oder auch ein schöner Tod.Siehe dazu William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy, Bd. 4, Cambridge 1975, S. 177f.; Ernst Heitsch: Platon: Größerer Hippias. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2011, S. 42f.
Die Definitionsversuche des Hippias
Hippias versteht den von Sokrates dargelegten Unterschied zwischen Konkretem und Abstraktem nicht, denn abstraktes Denken ist ihm fremd. Er meint, es werde nach etwas Schönem gefragt, und das ist für ihn ein schönes Mädchen. Sokrates macht darauf aufmerksam, dass damit die Frage seines Bekannten nicht beantwortet ist, denn das Mädchen ist zwar selbst schön, es ist aber nicht die Ursache der Schönheit von anderem. Auch eine Kanne kann unter Umständen als schön bezeichnet werden, und das hat mit dem Mädchen nichts zu tun. Hippias gibt das widerstrebend zu, obwohl es ihm unpassend vorkommt, dasselbe Wort für einen Menschen und einen Gebrauchsgegenstand zu verwenden. Hier zeigt sich bereits die Relativität der Begriffsverwendung, die Sokrates nun, den Philosophen Heraklit zitierend, mit einem weiteren Beispiel veranschaulicht: Der schönste Affe ist im Vergleich mit dem Menschen hässlich und der schönste Mensch erscheint im Vergleich mit den Göttern wie ein Affe. Das schöne Mädchen kann also zugleich auch als hässlich bezeichnet werden. Seine Schönheit trägt zur Klärung der Frage nach dem schlechthin Schönen nichts bei.Hippias maior 287e–289d.
Hippias versucht nun, um der Frage gerecht zu werden, etwas Allgemeineres zu finden und nennt das Gold. Es sei der Faktor, der die Schönheit erzeuge, denn alles mit Gold Geschmückte erscheine schön, auch wenn es ansonsten hässlich aussehe. Dagegen wendet Sokrates ein, dass der Bildhauer Pheidias die berühmte Statue der Göttin Athene im Parthenon, deren Schönheit jeder anerkennt, nicht restlos aus Gold angefertigt hat. Gesicht, Hände und Füße sind aus Elfenbein, für die Augen wurden Steine verwendet, und so sieht das Ganze besser aus, als wenn sämtliche Teile aus Gold wären. Somit hängt die Schönheit nicht allein von einem bestimmten Material ab; auch Steine können zu etwas vorbildlich Schönem gehören. Hippias stimmt zu und ändert daraufhin seine Bestimmung der Schönheit: Schön kann etwas nur sein, wenn es auch passend ist. Wenn etwas passt, entsteht dadurch Schönheit. Hier führt Sokrates den Einwand an, den er von seinem kritischen Bekannten erwartet: Für einen Gebrauchsgegenstand wie eine Rührkelle ist Holz passender als Gold. Demnach könnte Feigenholz unter Umständen schöner sein als Gold, wenn man Hippias’ Definitionsvorschlag folgt. Nun sieht Hippias das Problem ein: Wenn etwas relativ Schönes etwas anderem an Schönheit nachsteht und somit vergleichsweise unschön ist, kann es nicht das schlechthin Schöne sein.Hippias maior 289d–291d.