mini|Der Schluss des Hippias minor in einer Handschrift aus dem 15. JahrhundertFlorenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, ms. 85,9, fol. 200r. Der Hippias minor oder Hippias II ( oder ‚der Kleine Hippias‘) ist ein Dialog des griechischen Philosophen Platon. Die Bezeichnung Hippias minor dient der Unterscheidung vom Hippias maior, dem „Größeren“ oder „Großen“ Hippias, einem längeren und daher als „größer“ bezeichneten Dialog, der Platon zugeschrieben wird, dessen Echtheit aber umstritten ist.
Es handelt sich um ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch. Platons Lehrer Sokrates diskutiert mit dem Sophisten Hippias von Elis, nach dem der Dialog benannt ist. Den Ausgangspunkt bildet ein Vergleich zwischen den mythischen Helden Achilleus und Odysseus hinsichtlich ihres Umgangs mit Wahrheit und Lüge. Daraus entwickelt sich eine grundsätzliche Debatte darüber, ob es besser ist, aus freier Entscheidung die Unwahrheit zu sagen und etwas Übles zu tun, oder unfreiwillig so zu handeln. Es gelingt nicht, diese Frage zu klären; der Dialog endet in einer Ratlosigkeit (Aporie).
Platon lässt die Dialogfigur Sokrates die provozierende Ansicht vertreten, ein schlauer Lügner sei tüchtiger und daher „besser“ als jemand, dem die Fähigkeit abgeht, andere hinters Licht zu führen, und der sich daher notgedrungen an die Wahrheit hält. Damit will Platon den Leser zu eigenständigem Nachdenken über eine komplexe ethische Problematik anregen. Es geht um die Klärung des Kriteriums, von dem die ethische Rangordnung abhängig zu machen ist.
In der modernen Forschung wird die voraussetzungslose, konventionelle Moralvorstellungen missachtende Auseinandersetzung des Sokrates mit der brisanten Thematik teils als bloßes Gedankenspiel eingeschätzt, teils vor dem Hintergrund des platonischen Ethikverständnisses gedeutet.
Ort, Zeit und Personen mini|Sokrates (römische Büste, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris) Die Debatte spielt sich in Athen ab, vermutlich in einem Gymnasion. Die Zeit ist schwer zu bestimmen; wahrscheinlich ist an den Zeitraum 421–416 zu denken. Damals herrschte der Nikiasfrieden, der den Peloponnesischen Krieg für einige Jahre unterbrach.Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 313; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 142.
Der Gesprächspartner des Sokrates, Hippias von Elis, war eine historische Gestalt. Er zählte zu den Sophisten, umherziehenden Wanderlehrern, die Jünglingen der Oberschicht ein als nützlich betrachtetes Wissen gegen Entgelt beibrachten. Außerdem betätigte er sich als Gesandter für seine Heimatstadt Elis. In Athen hielt er sich nur zeitweilig auf.Siehe zum historischen Hippias Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 168f.; Michel Narcy: Hippias d’Élis. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band 3, Paris 2000, S. 755–758; Slobodan Dušanić: Hippias the Elean: the revolutionary activities and political attitudes of a Sophist. In: Aevum 82, 2008, S. 41–50. Sein dortiger Gastgeber Eudikos ist in Platons Dialog anwesend, spielt aber nur eine unwesentliche Nebenrolle und beteiligt sich nicht an den philosophischen Erörterungen. Ob Eudikos tatsächlich gelebt hat oder eine von Platon erfundene Figur ist, ist unbekannt.Siehe zu Eudikos Slobodan Dušanić: Hippias the Elean: the revolutionary activities and political attitudes of a Sophist. In: Aevum 82, 2008, S. 41–50, hier: 44f.
Inhalt Die Ausgangsfrage
Hippias hat eine Epideixis gehalten, eine öffentliche Rede belehrender Art. Bei solchen Reden ging es vor allem darum, jemand oder etwas zu loben oder zu tadeln. In diesem Fall war das Thema die Dichtkunst und insbesondere die Epik Homers. Nachdem sich das Publikum entfernt hat, sind Hippias, Eudikos und Sokrates zurückgeblieben. Eudikos bittet Sokrates, sich zu der Rede zu äußern. Sokrates möchte Fragen stellen, und Hippias ist gern bereit sie zu beantworten. Die Frage, mit der Sokrates nun den Dialog beginnt, betrifft die Bewertung der homerischen Helden. Nach einer Einschätzung, die Sokrates vom Vater des Eudikos gehört hat, ist die Ilias ein schöneres Epos als die Odyssee, und ihr Vorrang zeigt sich auch in der Rangordnung der Helden, deren Taten jeweils verherrlicht werden: Achilleus, der Hauptheld der Ilias, übertrifft Odysseus, den Helden der Odyssee. Sokrates möchte erfahren, was Hippias von dieser Bewertung hält. Hippias erklärt, Homer habe Achilleus als den vortrefflichsten unter den Helden des Trojanischen Krieges dargestellt, Odysseus als den gewandtesten oder verschlagensten. Auf die Nachfrage hin, was mit der Verschlagenheit gemeint sei, präzisiert Hippias, unter einem Verschlagenen sei ein verlogener Mensch zu verstehen. Homer wolle den geradlinigen, schlichten Achilleus dem schlauen, unaufrichtigen Odysseus gegenüberstellen. Daraus leitet Hippias den Vorrang des Achilleus ab, der für ihn der „beste“ (áristos) unter den Helden ist.Platon, Hippias minor 363a–365c. Mit seinem relativ ungünstigen Urteil über Odysseus folgt der Sophist einer zu seiner Zeit bereits verbreiteten Wertung, die allerdings nicht Homers Auffassung entspricht.Michael Erler: Der Sinn der Aporien in den Dialogen Platons, Berlin 1987, S. 121f. Zu Platons positiver Bewertung des Odysseus siehe Fabio Massimo Giuliano: L’Odisseo di Platone. Uno ζήτηµα omerico nell’Ippia minore. In: Graziano Arrighetti (Hrsg.): Ricerche di filologia classica, Bd. 4: Poesia greca, Pisa 1995, S. 9–57.
Die grundsätzliche Erörterung
Sokrates weist darauf hin, dass die Frage nach Homers Urteil zwar offenbleiben muss, doch für den Zweck der Diskussion zunächst unterstellt werden kann, dass Hippias’ Deutung zutrifft. Zu fragen ist dann, wie das Verhalten derer, die sich nicht an die Wahrheit halten, zu beurteilen ist. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen denjenigen, die zur Täuschung befähigt sind, und denjenigen, denen die dazu erforderliche Klugheit fehlt. Auf Befragen stellt Hippias klar, dass er unter den Gewandten und Lügnerischen tüchtige Menschen versteht, die dank ihrer List und Umsicht jederzeit in der Lage sind, nach ihrem Belieben andere erfolgreich zu hintergehen. Sie besitzen Wissen, einschlägige Sachkenntnis, und können als „Kundige“ – das Wort sophós bedeutet sowohl „kundig“ als auch „klug“ und „weise“ – bezeichnet werden. Davon ausgehend fragt Sokrates, wer dann auf einem Gebiet, wenn es ums Täuschen geht, der Tüchtigste und Beste sei: der Inkompetente oder der, der dank seiner Beschlagenheit nach Belieben das Richtige oder etwas Falsches behaupten kann. Es zeigt sich, dass der Fachmann nicht nur im Darlegen der Wahrheit, sondern auch im Lügen überlegen ist. Demnach ist es falsch, zwischen Aufrichtigen und Lügnern zu unterscheiden, denn es lässt sich auf keinem Gebiet eine Eigenschaft finden, die den Aufrichtigen als solchen zukommt und den Lügnern als solchen abgeht. Vielmehr besteht nur ein Unterschied zwischen den Fähigen, denen alle Möglichkeiten zur Verfügung stehen und die sich frei entscheiden können, und den Unfähigen, die mangels Schlauheit ehrlich sind, da ihnen nichts anderes übrig bleibt. Somit ist nur die Kompetenz und nicht die Aufrichtigkeit das Kriterium für die Unterscheidung von guten und schlechten Menschen.Platon, Hippias minor 365c–369a.
Die Anwendung des grundsätzlichen Ergebnisses auf die Ausgangsfrage
Vom Ergebnis der grundsätzlichen Erörterung ausgehend kommt Sokrates auf den Vergleich zwischen Achilleus und Odysseus zurück. Odysseus konnte nur dann ein Meister der Lüge sein, wenn er die Wahrheit kannte, also auch zur Wahrhaftigkeit befähigt war; Achilleus war nur dann aufrichtig, wenn er auch über die Option, unaufrichtig zu sein, verfügte. Somit trugen beide sowohl Wahrheit als auch Lüge in sich. Demnach waren sie nicht grundverschieden, sondern von gleicher Art. Achilleus drohte vor Troja wegen eines Streits wiederholt mit seinem Abzug, unternahm aber keine Vorbereitungen dazu. Seine Drohung war nicht ernst gemeint, es waren leere Worte. Also verfügte auch er über die Fähigkeit, mit Worten etwas vorzutäuschen, und er machte von ihr bei Bedarf Gebrauch. Aus einem Selbstwiderspruch, der Achilleus unterlief, den Odysseus aber offenbar nicht bemerkte, ist ersichtlich, dass Achilleus keineswegs das vorhatte, was er zu beabsichtigen vorgab. Also waren beide verschlagen, und es gibt unter diesem Gesichtspunkt keinen Grund, einen Unterschied anzunehmen und Achilleus für besser zu halten.Platon, Hippias minor 369a–371d.
Hippias sieht das anders. Nach seiner Interpretation handelte Achilleus nicht in listiger und übler Absicht, sondern er widersprach sich selbst, da seine Haltung schwankte. Der Grund für seinen Selbstwiderspruch war, dass er während der Auseinandersetzung seine Position änderte, denn er war von wechselnden Stimmungen abhängig. Also blieb er stets aufrichtig. Außerdem hatte er gar nicht die Wahl; er konnte seinen Abzug nicht vorbereiten, denn unter den gegebenen Umständen konnte er das griechische Heer nicht im Stich lassen, auch wenn er dies zeitweilig im Zorn erwog. Odysseus aber handelte immer mit einer hinterlistigen Absicht, sowohl wenn er die Wahrheit sagte als auch wenn er log.Platon, Hippias minor 370e–371e.
Daraus folgert nun Sokrates, dass in diesem Fall Odysseus besser war als Achilleus. Dabei geht er von dem Kriterium aus, das er zuvor etabliert hat, wonach der Fähigere, der mehr Optionen hat, der Bessere ist. Dem widerspricht Hippias. Er findet es paradox, dass jemand, der aus klarer Überlegung und in böser Absicht lügt oder etwas Übles tut, besser sein soll als jemand, der ohne Täuschungsabsicht etwas Unwahres sagt oder aus Mangel an Durchblick Unheil verursacht. Dabei beruft sich Hippias auf die Gesetzgebung; wer vorsätzlich gesetzwidrig handelt, wird weit härter bestraft als wer es aus Unwissenheit tut.Platon, Hippias minor 371e–372a.
Das Ende in Ratlosigkeit
Sokrates ist anderer Meinung, gibt aber von sich aus zu, dass er in dieser Frage unsicher ist. Er behauptet nicht zu wissen, dass ein vorsätzlich unrecht handelnder Täter besser sei als einer, der sich aus Unwissenheit falsch verhält, sondern er neigt nur momentan zu dieser Ansicht, weil ihm die gegenteilige unstimmig erscheint und Hippias seine Gegenposition nicht plausibel machen konnte. Zur Begründung trägt Sokrates eine Reihe von Beispielen vor, die illustrieren sollen, dass allgemein der Fähige, der als solcher verschiedene Optionen hat, besser ist als der Unfähige, dem seine Unzulänglichkeit enge Grenzen setzt. Wer beispielsweise als guter Läufer vorsätzlich langsam läuft, ist besser als einer, der zur Langsamkeit gezwungen ist, da er nicht schnell laufen kann. Ein Ringer, der absichtlich fällt, ist besser als einer, der niedergeworfen wird. Wer vorsätzlich misstönende Laute von sich gibt, ist besser als der, dessen Stimme von Natur aus hässlich ist. Jeder wird lieber absichtlich hinken, als vom Zustand seiner Füße dazu gezwungen zu werden. So verhält es sich auch generell mit der „Gerechtigkeit“ (dikaiosýnē). Mit diesem Begriff ist nach damaligem Verständnis nicht nur eine moralische Tugend im heutigen Sinne gemeint, sondern allgemein die Fähigkeit, sich richtig zu verhalten, das jeweils Angemessene und Angebrachte zu tun. Diese Fähigkeit besteht in der jeweils erforderlichen Tüchtigkeit, die – wie Sokrates darlegt – entweder eine Kraft (dýnamis) oder ein Wissen oder die Verbindung von beidem ist. Wer tüchtiger ist als andere, weil er ihnen an Handlungsfähigkeit und Sachkenntnis überlegen ist, ist somit „gerechter“ und besser. Er kann frei zwischen Recht und Unrecht wählen, und wenn er sich für etwas Unrechtes entscheidet, tut er dies absichtlich. Seine Entscheidungsfreiheit begründet seine prinzipielle Überlegenheit. Der in diesem Sinne Überlegene ist zwangsläufig der Bessere. Demnach ist er, wenn er bewusst etwas Schlechtes tut, besser als einer, der sich aus Ignoranz ebenso verhält, ohne sein Vorgehen durchdacht zu haben.Platon, Hippias minor 372a–376b.