mini|360px|Gebiete des Taiping-Aufstands (Provinzgrenzen von vor 1858): Der Taiping-Aufstand (1851–1864) war eine Konfrontation zwischen dem Kaiserreich China unter der niedergehenden Qing-Dynastie und der Taiping-Bewegung. Diese religiöse und zunehmend politische Gruppierung hatte der Mystiker Hong Xiuquan () nach Kontakten mit christlichen Missionaren und eigenen krankheitsbedingten Visionen gegründet. Die mit dem Jintian-Aufstand beginnende Bewegung war nach dem Tàipíng Tiānguó () benannt, dem Himmlischen Reich des Großen Friedens, welches von den Aufständischen ausgerufen wurde. Die Bewegung wurde vorwiegend von ethnischen Minderheiten getragen, die sich durch die Zentralregierung benachteiligt oder unterdrückt fühlten.
Im Taiping-Aufstand starben 20 bis 30 Millionen Menschen – er war damit der opferreichste Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte.
Ursachen und Ursprünge Zur Mitte des 19. Jahrhunderts war China von vielen Problemen gezeichnet. Eine Reihe von Naturkatastrophen hatte das Land getroffen. Die Qing-Dynastie war nicht in der Lage, die unter anderem durch hohes Bevölkerungswachstum und eine verkrustete Bürokratie verursachten ökonomischen Probleme zu lösen. Dazu kamen 1813 der Aufstand der Acht Trigramme sowie militärische Niederlagen gegen westliche Mächte (vgl. Opiumkriege).
In den südlichen Provinzen Guangxi und Guangdong war das soziale Gefüge durch Piratenunwesen (besonders 1795–1809), die Aktivitäten der Triaden und den lukrativen Opiumhandel der Briten (1820er, 1830er) besonders unterminiert. Demobilisierte Söldner aus dem Ersten Opiumkrieg (1839–1842) betätigten sich als Banditen, zudem verdrängte die britische Flotte die Piraterie ins Landesinnere, d. h. in das Flusssystem Guangxis. Im Übrigen ging der Aufstieg Shanghais auf Kosten des traditionellen Handels über Kanton und erzeugte dort Arbeitslosigkeit.
Zum eigentlichen Entstehen der Taiping-Bewegung führten jedoch ethnische Konflikte, durch die ausgestoßene Gruppen in ihrem Überlebenskampf für neue Ideen empfänglich wurden. In den Jahren 1836 und 1847 gab es z. B. zwei Aufstände der Yao-Minderheit, hinter denen der importierte Weißer-Lotus-Kult und die Triaden standen, welche die Minderheitenkonflikte für sich zu nutzen wussten. Eine weitere Revolte von 1849 (nach einer Hungersnot) wusste ebenfalls die Minderheiten für sich zu mobilisieren.
Da von der korrupten und unfähigen Verwaltung keine Hilfe zu erwarten war, führten sämtliche Problembereiche dazu, dass die Landbevölkerung Selbstverteidigungs-Organisationen (t'uan) bildete und lokale Milizen entstanden.
Hong Xiuquan und die Sektengründung Hong Xiuquan (1814–1864) gründete seine Sekte um 1847 im Süden Chinas. Der Sohn eines Hakka-Nomaden aus der Umgebung von Kanton wollte ursprünglich Beamter werden. Aber er fiel in den Beamtenprüfungen viermal durch (das erste Mal im Jahr 1827 im Alter von 14; ein zweites Mal im Jahr 1836; das dritte Mal im Jahr 1837; und schließlich ein viertes Mal im Jahr 1843).Philip Kuhn: The Taiping Rebellion. In: John King Fairbank (Hrsg.): Late Ch'ing, 1800–1911. Part 1. Cambridge University Press, Cambridge 1978, S. 264–317, hier S. 266–268. Nachdem er beim zweiten Versuch durchgefallen war, traf er auf einen christlichen Missionar (vermutlich ein Amerikaner mit dem Namen Roberts), der predigte und ihm neun kurze Kapitel mit der Aufschrift Gute Worte zur Ermahnung der Welt (勸世良言) zum Lesen gab. Der Autor dieser Schrift, Liang Fa (1789–1855), sollte einen maßgeblichen Einfluss auf Hong ausüben. In dem Büchlein wurden die Allmacht Gottes, die Schande der Sünde und der Vielgötterei sowie die Entscheidung zwischen Erlösung und Verdammnis thematisiert. Der Historiker Philip A. Kuhn schreibt, dass Liangs Schrift nach seinem Wissensstand die einzige schriftliche Quelle für Hong gewesen sei.Philip Kuhn: The Taiping Rebellion. In: John King Fairbank (Hrsg.): Late Ch'ing, 1800–1911. Part 1. Cambridge University Press, Cambridge 1978, S. 267. Diese Schriften wirkten nicht sogleich einflussreich auf Hong, doch nach einiger Zeit sollten sie ihm zum religiös-ideologischen Unterbau dienen.
Nach dem dritten Scheitern bei der Beamtenprüfung (1837) wurde Hong schwer krank und lag tagelang in seinem Bett. Bei den hierbei auftretenden Halluzinationen träumte er von einer Himmelfahrt, bei der seine inneren Organe ersetzt wurden und die somit eine Art spirituelle Wiedergeburt bewirkte.Philip Kuhn: The Taiping Rebellion. In: John King Fairbank (Hrsg.): Late Ch'ing, 1800–1911. Part 1. Cambridge University Press, Cambridge 1978, S. 268. Außerdem erschienen ihm ein bärtiger Greis auf einem Thron und ein Mann in mittleren Jahren, welche er später anhand der Schrift Gute Worte zur Ermahnung der Welt (勸世良言) als Gottvater (Jehova) und Jesus identifizierte. Seitdem hielt er sich selbst für den „Kleinen Bruder Jesu“.Das ist nicht so ungewöhnlich, denn frühere chinesische Rebellenführer proklamierten sich als Reinkarnationen Maitreyas. Im Jahr 1843 fiel Hong schließlich ein viertes und letztes Mal durch die Beamtenprüfung. Dieses Mal fiel Hong allerdings nicht wieder in Depressionen, sondern wendete sich, gestärkt von seinen Visionen und seiner neu gewonnenen religiösen Überzeugung, aktiv gegen das politische System und rief zum Aufstand auf. Er verlor seinen Posten als Lehrer und scharte in der zerrütteten Gesellschaft rasch mehr als 20.000 Anhänger um sich.
Das wurde ihm möglich, indem er die ethnischen Konflikte ausnutzte: Mitte der 1840er Jahre zielten seine ersten Schriften noch auf eine Vereinigung christlicher und konfuzianischer Moralvorstellungen ab. Doch durch die Verbindung seiner religiösen Visionen und moralischen Vorstellungen mit den Angelegenheiten der bedrängten Hakka-Gemeinschaft – verstreut lebende Immigranten ohne Miliz, nur verbunden durch ihre Sprache – wurde Hongs Mission schlagartig politisch. Feng Yunshan, ein Schulfreund und Cousin Hongs († 1852), hatte sich jahrelang bei den Hakka-Gemeinden aufgehalten, sie bekehrt und organisiert, um in den ethnischen Auseinandersetzungen mit den Han-Chinesen bestehen zu können. Neue Anführer traten hinzu, als Feng vorübergehend festgenommen und deportiert wurde. Auch sie erkannten Hongs religiöse Autorität an. So trat ein Waffenfabrikant in die Sekte ein, da er als Angehöriger der Miao von den Han-Chinesen verachtet wurde und sich bei seinen Nachbarn revanchieren wollte.
So mit Waffen ausgerüstet, beging die Gruppe erste Überfälle, die in der schlecht verwalteten Provinz zunächst gewöhnlichen Verbrechern zugeschrieben und daher nicht sonderlich beachtet wurden. Im Sommer 1849 waren diese Hakka-Gemeinschaften eine mehr oder weniger geschlossene religiös-politische Bewegung geworden. „The Hakka communities were now [im Sommer 1849] in full flood of religious ecstasy, an ecstasy that their leaders readily bent to the service of political authority.“Philip Kuhn: The Taiping Rebellion. In: John King Fairbank (Hrsg.): Late Ch'ing, 1800–1911. Part 1. Cambridge University Press, Cambridge 1978, S. 271. („Die Hakka-Gemeinschaften waren nun in religiöser Ekstase eingetaucht; eine Ekstase, die ihre Führer ohne Weiteres in den Dienst der politischen Autorität stellten.“)
Der Jintian-Aufstand und der Marsch auf Nanjing Die Sekte wurde schließlich verfolgt, was unter den verschärften Bedingungen der Hungersnot von 1849/50 zu einem Guerillakrieg zwischen den Hakka und anderen Gruppen führte. Den Anführern der Sekte wurde klar, dass sie sich in Guangxi nicht länger halten konnten und dass sie in einen offenen, großflächigen Aufstand treten mussten. Sie versammelten sich im Juli 1850 in Jintian (daher auch: Jintian-Aufstand) und zogen nordwärts. Vom Kaiserhof wurden die Rebellen schließlich im Oktober 1850 wahrgenommen, aber der zu ihrer Bekämpfung eingesetzte Lin Zexu verstarb noch auf dem Weg, und seine Nachfolger waren unfähig, die diversen Provinzstreitkräfte und Söldner zu koordinieren.
Am 11. Januar 1851China Radio International: , abgerufen am 6. September 2024. rief Hong Xiuquan das Taiping-Königreich aus, proklamierte sich zu dessen „Himmlischen König“ und erhielt zunehmend Zulauf von der Landbevölkerung, darunter insbesondere Kohlebrenner, arbeitslose Flussschiffer, Tagelöhner, Lastenträger und Bergarbeiter, zudem Räuber, Piraten und desertierte Soldaten. Besonders zahlreich waren dabei Angehörige der Hakka, Miao und Yao vertreten. Anfangs war auch eine erhebliche Anzahl Triaden-Mitglieder dabei, doch diese konnten sich nur schwer eingliedern. Trotz des Zulaufs und aller Entschlossenheit fügten die Taiping den kaiserlichen Truppen im Verlauf eines Feldzuges über Guilin nach Hunan nicht nur Niederlagen zu, sondern erlitten auch welche: Im Juni 1852 wurde Feng Yunshan, bis dahin der politische Kopf der Organisation, von einem kaiserlichen Söldnerbataillon auf dem Weg nach Hunan gestellt, besiegt und getötet. Hongs fähigster Feldherr, ein ehemaliger Holzkohlebrenner namens Yang Xiuqing, wurde nun mit dem Namen „König des Ostens“ betitelt und war somit de facto der Anführer der Armee.
In den folgenden Monaten wurde aus einem unbedeutenden Provinzaufstand eine Massenbewegung, die über Zentralchina hereinbrach, und im September 1852 befehligte Yang vor Changsha bereits 120.000 Mann. Nach der Eroberung von Wuhan waren es dann über 500.000 Mann, und mit diesen wandte sich Yang nach Nanjing und schloss es am 8. März 1853 ein. Elf Tage später wurde Nanjing eingenommen, wobei 30.000 kaiserliche Soldaten und tausende Zivilisten getötet wurden. Die gewöhnliche Bevölkerung der Stadt sollte verschont werden, wenn sie das Schriftzeichen für Unterwerfung auf ihre Tür malte und Tee bereitstellte. Nanjing wurde Hauptstadt des Himmlischen Königreichs und als solche in Tianjing (Himmlische Hauptstadt) umbenannt. Da Hong Xiuquan der Gouverneurspalast nicht groß genug erschien, ließ er ihn abreißen und eine neue „Verbotene Stadt“ von fünf Kilometern Durchmesser errichten.
Ideologie Die Taiping verbanden antimandschurische, religiöse und sozialrevolutionäre Gedanken: Zum einen rechtfertigten sie sich als Kämpfer gegen die mandschurische Qing-Dynastie, d. h. nördliche Barbaren, die den Thron als Fremdherrscher usurpiert hätten und entsprechend grausam und korrupt regierten. Zum anderen machten sie sich nicht die Mühe, ihre christlich beeinflusste religiöse Botschaft zu verbergen,Francesco Parodi: The Taiping Rebellion in the Letters of the Catholic Fathers in China. In: Ming Qing Studies, Jg. 2014, S. 143–179. sondern stellten die Mandschu offen als die Inkarnation des Bösen dar, gegen die sie mit ihrem himmlischen Mandat ankämpfen müssten. Die Verbote von Alkohol, Opium und Tabak sowie die Trennung von Männern und Frauen gehörten zu diesem Weltbild dazu. Die Taiping griffen nicht nur auf christliche, sondern auch auf taoistische, buddhistische und konfuzianische Gleichheitsideale zurück, z. B. die im Buch der Riten gepriesene „Große Harmonie“. Erleichtert wurde ihre Botschaft der universellen Brüderlichkeit dadurch, dass Teile der Gesellschaft in dem Gegensatz von arm und reich die Rechtfertigung zur Rebellion sahen und dass unter der gesellschaftlichen Oberfläche in China stets utopisches Denken existierte (vgl. z. B. Weißer Lotus). Privateigentum und Ausbeutung wurden verurteilt mit dem Hinweis, dass alles Eigentum eigentlich Gott (bzw. in dessen Vertretung dem Staat) gehöre.Wen-chih Huang: Das Taiping-Christentum. Eine Analyse seiner Entstehung, Entwicklung sowie seiner Lehre mit besonderer Berücksichtigung seiner Einflüsse auf die Revolutionsbewegung der Taipings. Diss., Universität Erlangen–Nürnberg 1973, S. 101–113.
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