alt=Minister und General der Infanterie Gustav von Rauch|mini|Minister und General der Infanterie Gustav von Rauch, Ehrenbürger von Berlin, Lithografie nach einer Zeichnung von Franz Krüger (um 1830) alt=Berliner Ehrengrab des Ministers und Generals der Infanterie Gustav von Rauch auf dem Invalidenfriedhof|mini|Berliner Ehrengrab des Ministers und Generals der Infanterie Gustav von Rauch auf dem Berliner Invalidenfriedhof – im Hintergrund links Grabmonument seines Amtsvorgängers Job von Witzleben Johann Justus Georg Gustav von Rauch (* 1. April 1774 in Braunschweig; † 2. April 1841 in Berlin) war ein preußischer General der Infanterie und Kriegsminister. Er wurde der 16. Ehrenbürger Berlins. Als enger Mitarbeiter des Generals Gerhard von Scharnhorst gehörte er zum Kreis der preußischen Heeresreformer. Mehr als zwei Jahrzehnte diente Gustav von Rauch in Personalunion als Generalinspekteur sämtlicher preußischer Festungen und Chef des Ingenieurkorps. Mit ihm verbunden sind die Reform des militärischen Bildungswesens, die Weiterentwicklung der preußischen Festungsanlagen zwischen Rhein und Weichsel und die Reorganisation des Ingenieur- und Pionierwesens. Rauch brachte den Aufbau der Preußischen Marine weiter voran, ließ erste Sanitätskompanien in der preußischen Armee aufstellen und gab Impulse für die militärische Kartografie.

Leben Herkunft und Familie Gustav von Rauch war der Sohn des preußischen Generalmajors und Ingenieuroffiziers Bonaventura von Rauch, des Direktors der königlichen Ingenieurakademie in Potsdam, und dessen Ehefrau Johanna, geborene Bandel.

Mathematisch-technische Begabung, pädagogisches Talent und fürstliche Empfehlung hatten König Friedrich II. von Preußen auf Rauchs Vater, ein Waisenkind und laut Taufregister wohl Lehrersohn aus dem bayerischen Chiemgau, aufmerksam werden lassen: Grundlage für den Aufstieg zum General seit dessen Übertritt zur preußischen Armee im Jahr 1777. Umso tiefer war 1806 der Fall Bonaventura von Rauchs, als dieser als Vizekommandant der Festung Stettin zustimmte, sie den französischen Truppen kampflos zu übergeben. Rauchs Vater wurde dafür ohne Abschied aus der Armee entlassen und zu lebenslangem Arrest in der Festung bzw. Stadt Spandau verurteilt.

Gustav von Rauchs Mutter Johanna Bandel entstammte einer im Anhaltischen und Braunschweigischen beheimateten Domänenpächter- und Landwirtsfamilie; sie war eine Nachfahrin von Hans Reinicke (um 1483–1538), Freund und Wegbegleiter des Reformators Martin Luther.Heinrich Banniza von Bazan/Richard Müller: Geschichte in Ahnentafeln. Band 2. Alfred Metzner Verlag, Berlin 1942, S. 132.

Rauch war das älteste der zwölf Kinder des Ehepaars Bonaventura und Johanna von Rauch. Zu seinen Brüdern zählten die Generäle Leopold von Rauch, Direktor der preußischen Kriegsakademie in Berlin, und Friedrich Wilhelm von Rauch, enger Vertrauter und Generaladjutant König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen. Seine Schwestern waren u. a. Charlotte (erste Ehefrau von Levin Friedrich von Bismarck, preußischer Regierungspräsident und Ehrenbürger von Magdeburg), Friederike (verheiratet mit dem Generalmajor Heinrich von Knobelsdorff, Inspekteur der preußischen Gardekavallerie) und Cecilie von Rauch (Ehefrau von Gustav Freiherr von Maltzahn Graf von Plessen, Majoratsherr auf Ivenack in Mecklenburg und Oberstleutnant im Regiment der Gardes du Corps).

Werdegang bis zur preußischen Niederlage (1788 bis 1807) Keinesfalls stand das dramatische Ende der Karriere seines Vaters Bonaventura 1806 dem steilen, zeitgleichen Aufstieg Gustav von Rauchs in der preußischen Armee entgegen.Hanns Hubert Hofmann (Hrsg.): Das deutsche Offizierkorps 1860–1960. Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit. Band 11. Walter de Gruyter Verlag, Berlin 1980. S. 177. Gustav von Rauch trat 1788, dem Beispiel des Vaters folgend, in das Ingenieurkorps ein und besuchte als Eleve zwei Jahre lang die im Potsdamer Kabinetthaus am Neuen Markt untergebrachte Ingenieurakademie (Ecole de génie). Von seinem Vater Bonaventura wurde er dort auf das Sorgfältigste ausgebildet. Als begabter junger Ingenieuroffizier verfügte er schnell über die persönlichen Voraussetzungen, die ihn rasch Teil der preußischen Heeresreform und der damit verbundenen Reorganisationsanstrengungen werden ließen. Rauch arbeitete von Anfang an im unmittelbaren Umfeld der reformerischen Akteure im preußischen Heer, so des Generalleutnants Levin von Geusau, des späteren Generalfeldmarschalls Friedrich Graf Kleist von Nollendorf und des Generalleutnants Ernst von Rüchel. Sein wichtigster Förderer wurde Generalleutnant Gerhard von Scharnhorst als Kopf der Heeresreform. Früh wurde er Mitglied der Militärischen Gesellschaft.

In der Zeit der Befreiungskriege kam es für ihn außerdem zur engen Zusammenarbeit mit und unter den Feldmarschällen Ludwig Graf Yorck von Wartenburg, Gebhard Leberecht Fürst Blücher, August Graf Neidhardt von Gneisenau und Hermann von Boyen sowie dem General der Infanterie und Kriegsminister Karl von Hake.

Rauch erhielt schon als 16-Jähriger am 6. April 1790 die Beförderung zum etatmäßigen Leutnant im Ingenieurkorps. Und bereits in seinen ersten Dienstjahren war Rauch mit eigenverantwortlich zu erledigenden Aufträgen bei Landesaufnahme- und Befestigungsarbeiten bis zum Spätherbst 1796 an der schlesisch-österreichischen Grenze und in den neu-preußischen Landesteilen eingesetzt. Dabei nahm er auch an dem durch die dritte Teilung Polens verursachten Krieg des Jahres 1794 teil.

Im Anschluss wurde er Adjutant des damals sehr einflussreichen Generalquartiermeisters und Chefs des Ingenieurkorps, des Generalleutnants Levin von Geusau in Berlin. Dadurch erhielt seine militärische Laufbahn eine Wendung, die ihn bereits in jungen Jahren mit der Arbeit höherer Stäbe vertraut machte. Am 14. Januar 1802 wurde er in den neugebildeten Generalstab versetzt, und zwar als Quartiermeisterleutnant in die von Oberst Christian Freiherr von Massenbach geleitete 2. Brigade des Generalquartiermeisterstabes.Johannes Kunisch (Hrsg.): Gerhard von Scharnhorst. Private und dienstliche Schriften. Band 3. Böhlau Verlag, Köln Weimar, 2002. ISBN 978-3-412-25005-8. S. 85 f. In dieser Verwendung verfasste Rauch 1803 eine Denkschrift zur militärischen Kartografie und Landesvermessung.Wolfgang Scharfe: Abriss der Kartographie Brandenburgs 1771–1821. In: Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin. Band 35. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 1972. ISBN 978-3-11-003898-9. S. 108, 124 f., 132, 208 ff., 350; Eckhard Jäger: Prussia-Karten 1542-1810. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 1982. ISBN 978-3-87437-197-1. S. 3. Am 12. Dezember 1803 erfolgte seine Beförderung zum Kapitän. 1805 wurde er dem „vortragenden Generaladjutanten“ von König Friedrich Wilhelm III., Oberst Friedrich von Kleist, dem späteren Generalfeldmarschall, als Hilfsarbeiter zugeteilt. Im Generalstab, in dem er am 22. Oktober 1805 zum Major und Generalquartiermeister befördert worden war, machte er die ergebnislos gebliebene Mobilmachung von 1805 mit.

Während des Krieges von 1806/07 gehörte Rauch phasenweise zum militärischen Gefolge von König Friedrich Wilhelm III. In seinen Ansichten über Kriegführung favorisierte Rauch eher methodisch-abstrakte Anschauungen, was Geländeeinflüsse und die Anwendung mathematischer Lehrsätze auf militärische Maßnahmen überlieferten Art betraf, als die neuen Grundsätze, nach denen der taktische Sieg über das feindliche Heer das wichtigste Ziel des Feldherrn sein sollte. So gehörte er zu denen, die im Jahre 1806 nicht zu dem Gedanken eines entschieden offensiven Vorgehens gegen die napoleonische Armee tendierten, sondern die Maßnahmen empfahlen, die zur Teilung der eigenen Kräfte in die am 14. Oktober bei Jena und Auerstedt getrennt geschlagenen Heeresteile führten.

Rauch kam dann unter glücklichen Umständen nach Preußen zurück und wurde im Frühjahr 1807 Generalstabschef des russischen Generals Nikolai Graf Kamenski (Kamenski II). Dieser sollte mit einem in Pillau eingeschifften und in Neufahrwasser gelandeten russisch-preußischen Heer der bedrängten Festung Danzig Entsatz bringen. Obwohl der Entsatzversuch vom 15. Mai 1807 in Weichselmünde scheiterte, erhielt Gustav von Rauch für sein umsichtiges Handeln und seine Führungsleistung während dieser Operation am 1. Juni 1807 den Orden Pour le Mérite.Gustav Köhler: Geschichte der Festungen Danzig und Weichselmünde bis zum Jahre 1814, in Verbindung mit einer Geschichte der freien Stadt Danzig. Verlag Wilhelm Koebner, Breslau 1893. S. 189. Rauch wurde danach für wenige Wochen Stabschef bei General Ernst von Rüchel, dem Generalgouverneur von Ostpreußen. Am 15. Juni 1807 überbrachte Rauch in Memel dem geflüchteten preußischen König die Nachricht von der Niederlage des russisch-preußischen Koalitionsheeres in der Schlacht bei Friedland.Thomas Stamm-Kuhlmann: König in Preußens großer Zeit. Friedrich Wilhelm III., 1992, S. 233, 251.

Wirken während der Heeresreform im Kriegsministerium und in den Befreiungskriegen (1807 bis 1814) Mit dem Friedensschluss von Tilsit vom Juli 1807 kehrte Rauch zum königlichen Gefolge zurück. 1808 wurde er General von Scharnhorst, dem Chef der ersten Abteilung, das heißt des Allgemeinen Kriegsdepartements im neu geschaffenen und zu diesem Zeitpunkt noch ministerlosen Kriegsministerium, zugeteilt. Daraus ergab sich eine enge und von Wohlwollen bestimmte Zusammenarbeit. Rauch leistete Scharnhorst bei den Arbeiten zur Neuordnung der Preußischen Armee wesentliche Dienste. So schlug ihn Scharnhorst als Mitglied einer unter dessen Vorsitz einzusetzenden Kommission zur Reorganisation des Ingenieurkorps vor und schrieb: „Rauch war früher von dem Oberst von Massenbach als ein geschickter, ganz vorzüglich brauchbarer Offizier empfohlen, hatte im letzten Kriege viele besondere Aufträge mit Zufriedenheit des Königs ausgeführt, versieht seine Geschäfte mit seltenem Eifer und wurde ohne Vorschlag von Sr. Majestät befördert“.zitiert nach Bernhard von Poten: Allgemeine Deutsche Biographie. Band 27, S. 388 f. 1810 erfolgte Rauchs Beförderung zum Oberstleutnant.

Nachdem Scharnhorst auf französischen Druck aus seinen bisherigen Verwendungen im Kriegsministerium hatte ausscheiden müssen, übernahm Gustav von Rauch am 8. März 1812 große Teile von dessen Aufgaben.Friedrich Meinecke: Das Leben des Generalfeldmarschalls Hermann von Boyen. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 1896. S. 383 f. Dazu teilte der preußische König Rauch mit: „Da ich den General Major von Scharnhorst heute auf sein Ersuchen mit dem Generalstabe aus aller Verbindung gesetzt habe, so will ich vor der Hand dagegen die Leitung der sämtlichen Geschäfte des Generalstabes Ihnen übertragen.“ Ferner: „Ich habe heute auf Vortrag des General Major von Scharnhorst bestimmt, dass Sie all diejenigen Geschäfte des Generalstabs und des Ingenieur Korps, welche der Chef nicht selbst führen will, unter Ihrer eigenen Autorität und Verantwortlichkeit leiten sollen, und ernenne Sie zu dem Ende zum interimistischen Kommandeur des Ingenieur Korps. Auch ist dem General von Scharnhorst überlassen worden, die laufenden Geschäfte der Direktion der Militärschulen unter seiner Leitung Ihnen zu übertragen.“Wortlaut nach Priesdorff, Band 4, S. 204. Innerhalb seines neuen Aufgabenkreises setzte Rauch einen besonderen Akzent beim Aufbau von Kriegsschulen für die Offizieranwärter aller Waffengattungen. Scharnhorst kommentierte anerkennend Rauchs Wirken: „Ohne Ihre Ordnungsliebe, Betriebsamkeit, Menschenkenntnis und Einsicht würde der mir bestimmte Wirkungskreis schlecht verwaltet werden.“zitiert nach Bernhard von Poten: Allgemeine Deutsche Biographie. Band 27, S. 389.