mini|Harald Schönhaar erhält das Königreich aus seines Vaters Händen (Darstellung aus dem isländischen Flateyjarbók, 14. Jahrhundert)
Harald I. Schönhaar, manchmal auch Haarschön (altnordisch Haraldr hinn hárfagri; norwegisch Harald Hårfagre; schwedisch Harald Hårfager; * um 852; † 933), war der erste König des größtenteils an der Küste liegenden Norwegens.
Vorfahren Die Vorfahren Harald Hårfagres sind bis auf seinen Vater Halvdan Svarte (Halvdan den Schwarzen) und dessen Mutter Åsa unbekannt. (Nach dem Auffinden des Oseberg-Schiffs im Jahre 1904 vermutete man zunächst, dass es sich bei dem in der Grabkammer auf dem Schiff gefundenen Frauenskelett um Åsa handeln könnte.) Die Stammliste wurde erst spät konstruiert und entstammt dem Bestreben, die Herrschaftslegitimation durch vornehme Abstammung von Alters her zu untermauern. Der Isländer Sæmundur fróði hatte ein lateinisches Werk über die norwegischen Könige geschrieben, das verloren ist. Sein Enkel Jón Loftsson benutzte das Werk im 11. Jahrhundert für sein Gedicht Konungatal. Dort wird nur Halvdan der Schwarze genannt. Auch der Skalde Thorbjørn Hornklove bezeichnet Harald als „Halvdansson“. Die Fagrskinna beginnt mit dessen angeblichem Vater „Gudrøð Veiðikonung“ (Gudrød der Jägerkönig). Ari fróði, ein etwas jüngerer Zeitgenosse Sæmundurs, war wohl der erste, der die Stammlinie Haralds weit zurückführte bis auf die sagenhaften Könige Schwedens und Uppsalas. Diese Könige hießen ursprünglich Skilvinger. Ari benannte sie in Ynglinge um und führte sie auf den Gott Yngvi-Freyr zurück, der in alter Zeit der Hauptgott in Uppsala gewesen sein sollte. Bei der Gelegenheit knüpfte er sich selbst auch in das Ynglinge-Geschlecht. Vorbild mag Sæmundurs Ahnenreihe für die dänischen Könige mit etwa 30 Generationen gewesen sein, die er auf die Skjoldungen zurückführte, wobei auch er sich in diese Ahnenreihe selbst als Abkömmling einbaute.
Die Ahnenreihe der Ynglinge wird in 20 Generationen von Odin, Njörd und Freyr hergeleitet. Danach folgen:
Ingjald Illråde Olav Tretelgjá Halfdan Kvítbein Øystein Halvdan Guðrøð Veiðikongur Olav Geirstaðalv Ragnvald Heiðumhære Halvdan svarte Harald Hårfagre Ingjald (Vorfahr Ari Froðis)
Der Bericht der Sagas Über Harald Schönhaar ist wenig Sicheres überliefert. Das meiste ist Herrscherlob ohne historische Relevanz. So heißt es bei Snorri Sturluson, Harald habe viele Skalden um sich versammelt, die im Volke bekannte Gedichte verfertigt hätten. Snorri vermag aber nur sehr wenige zu zitieren. Wahrscheinlich hat erst Haralds Sohn, Olav Haraldsson, die Skalden in größerer Zahl um sich versammelt. In den Sagas wurden viele märchenhafte Züge verwendet, so im Ágrip (altnordisch für „Zusammenfassung“) der Liebeswahn, in den Harald über die Samin Snæfrid Svåsedotter verfiel.
Die Fagrskinna beschreibt Harald auf zehn Seiten, die Snorri auf 30 Seiten ausweitet. In der Fagrskinna wird eigentlich nicht mehr gesagt, als dass Harald der Gründer des Königshauses von Norwegen und der erste Reichskönig gewesen sei. Der Skalde Thorbjørn Hornklove soll das Gedicht Glymdråpa über Haralds Kämpfe gedichtet haben. Das Lobgedicht spricht in acht Strophen von klaffenden Wunden und Strömen von Blut. Fagrskinna übernahm die Strophen und bezog sie alle auf die Schlacht am Hafrsfjord. Snorri verwendet das Gedicht als Quelle für mehrere Schlachten Haralds und geht davon aus, dass einige Strophen mit dieser Schlacht nichts zu tun haben. Die Interpretations- und Zuordnungsprobleme haben sich seit damals nicht wesentlich verändert.
Von den Skaldengedichten über ihn sind elf Fragmente mit etwa 50 Strophen überliefert. Sie sind über acht Sagas verstreut. Diese Gedichte sind von unterschiedlichem Quellenwert, insbesondere, da sie bis zu ihrer Verschriftlichung zwischen 1210 und 1230 schon eine mehrhundertjährige mündliche Weitergabe hinter sich hatten. So dürften die Harald selbst zugeschriebenen Strophen nicht von ihm stammen.
Ein zeitgenössisches Skaldengedicht Haraldskvæði, das ebenfalls Thorbjørn Hornklove zugeschrieben wird, berichtet, dass Harald ein Sohn Halvdans gewesen sei, und alle Quellen stimmen darin überein, dass er der Sohn des Königs Halvdan Svarte im (norwegischen) Ostland gewesen sei. Allerdings ging die literarische Entwicklung dahin, die Familie immer weiter in den Westen zu verlagern. Bei Snorri ist Halvdan dann König von Vestfold.
Der Isländer Sæmundur fróði, der Vater der isländischen Geschichtsschreibung, hat die Stammlinie Haralds offenbar nicht weiter als bis zu seinem Vater Halvdan zurückgeführt, höchstens bis zu dessen Vater Gudrød Veidekonge (sein auf Latein geschriebenes Werk ist verloren gegangen). Ein Werk von seinem Enkel Jón Loptsson Noregs Konungatal aus dem Ende des 12. Jahrhunderts gibt eine Zusammenfassung des Werkes seines Großvaters. Er beginnt mit Halvdan. Erstmals wurde in Ynglingatal, dessen Autor und Entstehungszeit umstritten sind, das Geschlecht der Vestfoldkönige, als deren letzter der Vetter Haralds Ragnvald Hederhög genannt wird, auf die sagenhaften Könige Uppsalas zurückgeführt, was dann Snorri in die Heimskringla übernahm.
Sæmundur fróði und die zeitgenössischen Gelehrten um ihn machten die späteren norwegischen Könige Olav Tryggvason, Olav Haraldsson und Harald Hardråde zu Nachfahren Harald Hårfagres. Damit hatten sie eine lange Kontinuität der Herrschaft hergestellt. Aber man weiß nicht, wie viele Söhne Harald wirklich hatte. Die Zahlen variieren zwischen elf und 20. Aber selbst die niedrigste Zahl wird als zu hoch angesehen. Harald wurde bald eine Sagengestalt, und es liegt nahe, ihn mit vielen Frauen in verschiedenen Landesteilen in Verbindung zu bringen, die teilweise selbst Sagengestalten sind. Viele spätere Könige waren bemüht, ihre Vorfahren zu ihrer Legitimation ihrer Herrschaft auf Harald zurückzuführen. Einen Anhaltspunkt, der eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hat, bietet das Hákonarmál von Øyvind Skaldespiller. Es handelt sich um ein Gedächtnisgedicht auf Håkon den Guten vom Beginn des 10. Jahrhunderts. Dort heißt es, dass er, als er nach Walhall kam, von acht Brüdern begrüßt wurde. Wenn man davon ausgeht, dass Håkon von allen Brüdern am längsten lebte, muss Harald also neun Söhne gehabt haben. Die Namen kennt man kaum. Nur vier oder fünf sind bekannt: Erik, Håkon, Ragnvald, Bjørn und Halvdan (möglicherweise zwei verschiedene mit dem letztgenannten Namen). Damit, dass Harald einen Sohn Bjørn hatte, ist auch nicht gesagt, dass es sich um den oben in der Nachfahrentafel genannten sagenhaften Bjørn Farmann handelt.
Dass Harald seinen Sohn Erik zum Nachfolger wählte, wird in den Sagas darauf zurückgeführt, dass seine Mutter eine Königstochter, nämlich Ragnhild die Mächtige von Jylland gewesen sei.
Auch hinsichtlich der Mutter gibt es Widersprüchliches: Sæmundur berichtet nur, dass Halvdan Ragnhild, die Tochter des Königs von Sogn geheiratet habe und dass Harald ihr Sohn gewesen sei. Fagrskinna und Snorri geben sich damit nicht zufrieden. Sie berichten, Ragnhild sei die erste Frau Halvdans gewesen. Sie und ihr Sohn Harald seien aber bald darauf gestorben. Daraufhin habe Halvdan eine andere Ragnhild geheiratet; diese stammte von dem legendären Skjoldunger Ragnar Lodbrok ab. Deren Sohn Harald sei Harald Hårfagre gewesen. So wurde ihm neben der Ynglingen-Abkunft noch eine weitere ruhmreiche Ahnenreihe zugeteilt.
Neuere Ansichten gehen dahin, dass die Abkunft Haralds von Halfdan und den Ynglingen eine spätere Konstruktion aus dem 13. Jahrhundert sei, um ihn mit Vestfold zu verknüpfen und den Einfluss der Dänen in der Umgebung Oslos und die dahingehenden Gebietsansprüche zurückzuweisen. Es wird auch für möglich gehalten, dass er aus dem mächtigen Karmøy-Geschlecht stammte, da sein Machtzentrum Avaldsnes auf Karmøy lag.
Snorri berichtet auch, dass Harald sich die Haare so lange nicht pflegen wollte, bis er Norwegen unterworfen habe. Nach der Schlacht am Hafrsfjord habe er sich erstmals die Haare kämmen lassen und daraufhin den Beinamen „Schönhaar“ erhalten. Hier findet sich das Motiv wieder, das auch bei Gregor von Tours und im Alten Testament zu finden ist: Samsons Kraft lag in seinen Haaren, ebenso war die Königswürde der Merowinger mit ihrer Haarpracht verknüpft. Ob dies eine ubiquitäre Auffassung war und sich Harald deshalb die Haare tatsächlich nicht schor, oder ob dies eine spätere gelehrte Zutat zu seinem Lebensbild ist, lässt sich nicht mehr entscheiden. In der zeitgenössischen Skaldendichtung wird der Beiname nicht verwendet. Außer in der Heimskringla kommt diese Bezeichnung noch in deren Vorlage, dem Ágrip, vor. Diese ist in einer Abschrift überliefert, aber hier sieht es so aus, als ob es sich um eine fehlerhafte Abschrift für den altnordischen Ausdruck afaraudga handelt, was „der außerordentlich reiche und glückliche“ bedeutet. Aber auch dieser Ausdruck kommt bei den Skalden nicht vor.Haug, S. 58.
Die Eroberungen
mini|Die Brautwerber Haralds kommen zu Gyða
Snorri berichtet, dass Harald Schönhaar den Plan zu seinen Eroberungen gefasst habe, weil dies die Bedingung dafür war, dass er Gyða Eiriksdóttir heiraten konnte. Der wahre Grund kommt aber in ihrer von Snorri überlieferten Antwort auf Haralds Werbung zum Ausdruck: „Es erscheint mir doch merkwürdig, dass sich kein König findet, der sich Norwegen genauso als Alleinherrscher unterwerfen will, wie das König Gorm [der Alte, † nach 935] mit Dänemark und König Erich [Eymundsson, † 882] mit Schweden gemacht haben.“ Das Vorbild des Frankenreichs wirkte mächtig nach.
Weiter berichtet Snorri, dass Harald nach dieser Bedingung Gyðas einen Eid leistete, sein Haar nicht zu scheren und nicht zu kämmen, ehe er sich „ganz Norwegen, Abgaben, Einkünfte und Herrschaft“ angeeignet habe. Daher habe er bald den Namen Haraldr lúfa („Strubbelkopf“) bekommen. Nachdem er die letzten Widerstände beseitigt habe, habe er anlässlich eines Besuchs beim Jarl Røgnvald Eysteinsson in Møre ein Bad genommen, sein Haar geschnitten und gekämmt und daraufhin vom Jarl den Beinamen „Schönhaar“ erhalten. Einen besonderen Prestigegewinn im In- und Ausland konnte er dadurch verzeichnen, dass es ihm gelang, einen seiner jüngeren Söhne, Haakon, bei König Æthelstan von England zur Erziehung unterzubringen.
Harald I. schlug viele Schlachten, um die Herrschaft über ganz Norwegen zu erlangen, die berühmteste war die Schlacht am Hafrsfjord vermutlich im Jahr 872. Die Zahl ist aber aus den Angaben von Ari fróði und den Sagas errechnet. Andere Forscher gehen von dem Jahr 900 oder kurz davor aus.Petrik, S. 32; Thuesen, S. 37. Die Herrschaft „über ganz Norwegen“ dürfte dem späten Herrscherlob Snorris für das Harald-Geschlecht geschuldet sein und nicht der Wirklichkeit entsprechen. Haralds Herrschaftsbereich wird als auf Vestlandet und die südliche Küste rund um Lindesnes bis zur Grenze zu Grenland am Oslofjord hin beschränkt angesehen. Auch geht man heute davon aus, dass Harald seine Eroberungen von Sogn aus startete und die Schlacht am Hafrsfjord deren Abschluss bildete.Eldbjørg Haug 2005, S. 56. Wenn damit auch die Bedeutung Haralds als Einiger des norwegischen Reiches verkleinert wird, so bleibt er dennoch der Initiator dieses Prozesses.
Am Hafrsfjord unterlagen ihm die Großen von Vestland, angeführt von König Erik von Hardanger, sowie König Skúli von Stavanger, der König von Agder und dessen Sohn von Telemark und von Sørland, auch Häuptlinge, von denen Kjotve und Haklang genannt werden. In Dänemark gibt es einen Runenstein, der für einen Haklang errichtet worden ist. Ob es sich um die gleiche Person handelt, ist nicht sicher.