mini|Carl Menger Als Österreichische Schule, Wiener Schule oder Österreichische Grenznutzenschule wird eine Gruppe von Theoretikern bezeichnet, die eine bestimmte heterodoxe Lehrmeinung in der Volkswirtschaftslehre vertreten. Zentral ist die Idee der evolutorischen Schöpfung von Wissen durch den Unternehmer und die Betrachtung der dynamischen Unsicherheit wirtschaftlicher Abläufe. Die Schule betont die Bedeutung der einzelnen Menschen und deren individueller Vorlieben für die wirtschaftlichen Prozesse (Subjektivismus, Methodologischer Individualismus). Hinzu kommt eine Abneigung gegenüber der mathematischen Darstellungsform volkswirtschaftlicher Zusammenhänge – mit einigen Ausnahmen, wie z. B. Oskar Morgenstern (vierte Generation)Friedrun Quaas: Der Geltungsanspruch der New Austrians. In: Forschungsseminar Politik und Wirtschaft Leipzig (Hrsg.): Booms, Busts und blinde Flecken. Marburg 2013, S. 22. und Roger W. Garrison (New Austrians). Dem Mathematik-skeptischen Ansatz gegenüber stehen die etwa gleichzeitig entstandene Lausanner Schule und weitere Theorien mit ihren mathematisch formulierten Gleichgewichtsmodellen (Neoklassische Theorie). Die Anhänger und Vertreter der Österreichischen Schule sind bis heute der Ansicht, dass Theorien letztlich nicht durch Geschichte oder Empirie widerlegbar seien.Reinhard Neck: Die Österreichische Schule der Nationalökonomie. Peter Lang, 2008, ISBN 978-3-631-54668-0, S. 15.
Als Gründer der Österreichischen Schule wird gemeinhin Carl Menger angesehen, der mit der Grenznutzenlehre zur Entwicklung der Grenznutzenschule beitrug: Er vertrat die Auffassung, dass das klassische Wertparadoxon, also die Frage nach dem Verhältnis von Wert und Nutzen, dadurch gelöst werden kann, dass der Wert eines Gutes durch den Beitrag einer weiteren Einheit eines Gutes zur Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses bestimmt wird. Bekannt wurde dieser Ansatz im Methodenstreit der Nationalökonomie mit der Historischen Schule, in dem Menger die These vertrat, die Wirtschaftstheorie sei gegenüber der Wirtschaftsgeschichte unabhängig. Eugen von Böhm-Bawerk ergänzte Mengers Lehre um eine subjektivistische Kapitaltheorie, wonach der Kapitalzins in einem Marktprozess zwischen Individuen mit unterschiedlichen Zeitpräferenzen entsteht. Der Eigentümer von Kapital verzichte auf Konsum in der Gegenwart, um als Gegenleistung für seinen Verzicht den Zins zu erhalten. Ludwig von Mises baute auf dieser Basis eine Geld- und Konjunkturtheorie auf. Er erklärte Konjunkturzyklen mit der Verzerrung des Produktionsprozesses durch die Geldschöpfung der Zentralbanken, die durch zu niedrige Zinsen überhöhte Investitionen anregen. Friedrich von Hayek präzisierte diese Theorie und stellte sich damit in scharfen Gegensatz zur Theorie John Maynard Keynes’ und zum Monetarismus (Chicagoer Schule).
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts stehen die meisten Ökonomen der modernen Österreichischen Schule kritisch gegenüber und betrachten ihre Ablehnung von mathematischer Modellierung, Ökonometrie und makroökonomischer Analyse als heterodoxe Ökonomie, d. h. außerhalb des ökonomischen Mainstreams.
Begriffsinhalt Mit Österreichischer Schule beziehungsweise Austrian School werden zum Teil sehr unterschiedliche Positionen bezeichnet. Israel Kirzner, ein Schüler Ludwig von Mises’, unterscheidet fünf verschiedene Auffassungen über den Begriffsinhalt:
Die vor allem in Deutschland und Österreich verbreitete Sicht der Österreichischen Schule als eine rein historische Epoche der Wirtschaftswissenschaft, deren Lehren (vor allem die Lehre vom Grenznutzen und einer von der Wirtschaftsgeschichte unabhängigen Wirtschaftstheorie) spätestens ab 1930 von fast allen anderen Schulen anerkannt wurden. Das wiederholte Interesse an der Kapitaltheorie Böhm-Bawerks, jedoch ohne die streng subjektivistische Theorie Mengers. In diesem Sinne wird der Begriff vor allem bei John Richard Hicks (Capital and Time: A Neo-Austrian Theory (1973)), Peter Bernholz und Malte Michael Faber (Introduction to Modern Austrian Capital Theory (1979)) verwandt. Mit austrian wird seit Anfang der 1980er Jahre in den USA eine generell libertäre politische Philosophie der Befürwortung freier Märkte bezeichnet. Dies geht insbesondere auf Murray Rothbard zurück. Als ein seit etwa 1970 in den USA bestehendes Interesse an der historischen Österreichischen Schule mit den Ideen und Methoden Carl Mengers und der im Folgenden als erste Generation bezeichneten Wirtschaftstheoretiker unter Einschluss der späteren Konzepte von Mises’ und von Hayeks; zum Teil wird die Bezeichnung Neo-Austrians verwendet. In diesem Sinne findet sich der Begriff bei Murray N. Rothbard (Man, Economy and the State (1962)), Israel Kirzner (Competition and Entrepreneurship (1973)). Die Neo-Austrians grenzen sich vor allem durch ihre Betrachtung von Märkten als Prozess im Gegensatz zum in der Wirtschaftswissenschaft vorherrschenden Gleichgewichtsmodell ab. Die Bezeichnung einer allgemein subjektivistischen Theorie der Mikroökonomie, die die Unsicherheit aller ökonomischen Entscheidungen betont. Kirzner ordnet diesem Verständnis das Werk von G. L. S. Shackle und Ludwig Lachmann zu.
Lehren (Überblick) Fritz Machlup, ein Schüler von Wiesers und von Mises’, nennt 1982 sechs Hauptlehren der Österreichischen Schule, die um etwa 1930 das Herzstück der Österreichischen Neuerungen bilden: Methodologischer Individualismus: Wirtschaftliche Sachverhalte müssen aus dem Handeln von Individuen heraus erklärt werden (nicht zu verwechseln mit ideologischem oder politischem Individualismus, den Gegensatz stellt der methodologische Kollektivismus dar). Methodologischer Subjektivismus: Wirtschaftswissenschaft basiert auf der Untersuchung der Handlungen realer Individuen, deren subjektivem Wissen (beziehungsweise Unwissen), ihrer subjektiven Bedürfnisse und ihrer subjektiven Erwartungen. Grenznutzenlehre: Alle ökonomischen Entscheidungen werden durch den Grenznutzen bestimmt. Nützlichkeit: Subjektive Wertungen (Nützlichkeit) und abnehmender Grenznutzen bestimmen die Nachfrage und somit den Marktpreis. Opportunitätskosten (auch Wiesersches Kostengesetz): Handlungen sind abhängig von der Bewertung alternativer Handlungsmöglichkeiten. Zeitstruktur von Konsum und Produktion: Die Entscheidung zu sparen oder zu konsumieren entsteht durch die subjektive Zeitpräferenz.
Als innerhalb der Schule umstritten führt er die folgenden Lehren auf, die insbesondere durch Ludwig von Mises ab den 1960ern in die USA ausstrahlten: Vollständige Souveränität der Konsumenten: Die Konsumenten drücken ihre Bedürfnisse über die Nachfrage aus. Nur der von Staatseingriffen unbehinderte Markt sorgt durch Wettbewerb dafür, dass permanent (über das Preissystem als Steuermechanismus) die Bedürfnisse der Konsumenten optimal befriedigt werden. Politischer Individualismus: Nur vollständige ökonomische Freiheit sorgt dauerhaft für politische und moralische Freiheit der Bürger. Ökonomische Beschränkungen führen zur zunehmenden Ausbreitung und Beschränkung politischer und moralischer Freiheit.
Da die unbestrittenen Thesen der Schule bald von allen ökonomischen Schulen anerkannt wurden, sieht Israel Kirzner die Liste als um zwei Punkte ergänzungsbedürftig im Hinblick auf das Spätwerk von Mises’ und von Hayeks an: Märkte und Wettbewerb als Lern- und Entdeckungsprozess Individuelle Entscheidungen als Wahl zwischen individuell zu identifizierenden Alternativen in grundsätzlich unbekanntem Kontext.
Die US-amerikanischen Neo-Austrians, die im Wesentlichen durch von Mises und dessen Schüler Murray Rothbard geprägt sind, definieren sich vor allem durch die Abgrenzung zu den neoklassischen und (neo-)keynesianischen, als statisch bezeichneten, Gleichgewichtsmodellen. Jesús Huerta de Soto, ein spanischer Vertreter der Neo-Austrians, hebt als Merkmale dieser speziellen Richtung folgende Lehren hervor: Ausformung einer universalen Theorie menschlichen Handelns (im Gegensatz zur rein wirtschaftswissenschaftlichen Theorie der Rationalen Entscheidung). Der wissenschöpfende, kreative Unternehmer als Wirtschaftssubjekt (im Gegensatz zum neoklassischen homo oeconomicus). Möglichkeit unternehmerischer Fehler (im Gegensatz zur neoklassischen Modell vollständiger Information). Strenge Unterscheidung zwischen objektivem (wissenschaftlichem) und subjektivem (praktischem) Wissen. Märkte als Entdeckungsprozess (im Gegensatz zum neoklassischen Modell der vollständigen Konkurrenz). Subjektive Kostentheorie (im Gegensatz zur neoklassischen objektiven Kostentheorie). Verbale Logik (im Gegensatz zur neoklassischen mathematischen Formalisierung). Aprioristisch-deduktive Methode (im Gegensatz zum empirischen Modell). Unmöglichkeit quantitativer Vorhersagen, sondern Beschränkung auf pattern predictions. Vorhersage wirtschaftlicher Geschehnisse durch die unternehmerische Fähigkeiten jedes Menschen (im Gegensatz zum Sozialingenieur).
Methodik Die Österreichische Schule ist der Ansicht, dass Theorien infolge der „Theoriegebundenheit der Daten“ nicht eindeutig durch Geschichte oder Empirie falsifizierbar seien. In der Praxis ging der Erkenntnisskeptizismus der neueren österreichischen Schule weit über den kritischen Rationalismus hinaus. Friedrich von Hayek hat nie versucht, seine Theorien empirisch zu überprüfen. Er rechtfertigte dies damit, dass nur bei simplen Theorien, nicht aber bei komplexen Phaenomenen – wie Hayeks Arbeiten – ein empirischer Test möglich sei. Eine solche Position wäre selbst aus Sicht eines Vertreters des kritischen Rationalismus unhaltbar. Dies wiegt umso schwerer, als Hayek praktische Probleme lösen wollte. Hier ist es offensichtlich unlogisch, bei einem per-se-Urteil stehen zu bleiben, ohne die konkrete Wirkung zu testen.Guido Schröder: F.A. von Hayeks Methodologie zur Analyse gesellschaftlicher Probleme in der Ökonomik. In: Ingo Pies, Martin Leschke: F.A. von Hayeks konstitutioneller Liberalismus. Mohr Siebeck, 2003, ISBN 3-16-148218-2, S. 237. Ludwig von Mises Weltbild war geprägt von Katallaktik und Praxeologie, einem radikalen Apriorismus und einer totalen Opposition gegenüber Empirie, Ökonometrie und steriler Mathematik.Hans Werner Holub: Eine Einführung in die Geschichte des ökonomischen Denkens. Teil 1, Band 5, LIT Verlag, Münster 2011, ISBN 978-3-643-50283-4, S. 36.
Theoriegeschichte und -entwicklung Antike und scholastische Vorgänger Vertreter der Schule sehen bereits in Ciceros De re publica 51 v. Chr. Argumente vorweggenommen, die später zentral für von Mises’ und von Hayeks Überlegungen zur Unmöglichkeit des Sozialismus sein würde: Niemals habe eine zentrale Planstelle vergleichbares Wissen verfügbar, wie es über das Preissystem zum Ausdruck komme. Eine zentral verwaltete Wirtschaft sei somit zwangsläufig einem Marktsystem an Leistungsfähigkeit unterlegen.
mini|Luis de Molina (1536–1624) Von Hayek sieht im Gegensatz zu Max Weber die Ursprünge des Kapitalismus nicht in calvinistischer und protestantischer Ethik, sondern in der spätscholastischen Schule von Salamanca und zitiert in seiner Nobelpreisrede von 1974 Luis de Molina und Juan de Lugo; Murray Rothbard bezeichnete die Schule von Salamanca als „proto-austrians“. Jesús Huerta de Soto sieht in ihren Lehren sowie bei Richard Cantillon und Turgot bereits alle wesentlichen Ideen der Österreichischen Schule vorweggenommen: