Lampedusa (sizilianisch Lampidusa [lambɪˈɾuːsa]) ist die größte der Pelagischen Inseln im Mittelmeer zwischen Sizilien und Tunesien. Die Insel gehört zu Italien, und hier innerhalb der Autonomen Region Sizilien zur Gemeinde Lampedusa e Linosa im Freien Gemeindekonsortium Agrigent.
Lampedusa ist seit den 2010er Jahren vor allem bekannt als Station auf der Flucht nach Europa. Die Lebensbedingungen der vielen Tausend auf der Insel festgehaltenen Flüchtlinge werden seither als menschenunwürdig kritisiert. 2023 wurde die italienische Regierung deswegen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt.Zeit Online, abgerufen am 4. April 2023.
Geografie Lage Lampedusa liegt zwischen dem Libyschen und Sizilischen Meer rund 205 Kilometer südlich von Sizilien und auf der kürzesten Strecke 138 Kilometer östlich der tunesischen Küste,Anlaufziel für Flüchtlinge – Warum Lampedusa? In: tagesschau.de, 3. Oktober 2013. Abgerufen am 6. Mai 2017. etwa auf gleicher Breite wie die Stadt Monastir.
Es ist die südlichste Insel Italiens. Südlichere Punkte der EU im Mittelmeer gibt es u. a. auf Zypern, Kreta oder in Melilla.
Beschreibung mini|Steilküste im Nordosten von Lampedusa mini|Küstenabschnitt Lampedusas Die Fläche beträgt etwa 20 km², der höchste Punkt ist Albero Sole mit
Die neun Kilometer lange und bis zu drei Kilometer breite Insel erstreckt sich in Ost-West-Richtung. Die Nordküste ist geprägt von steilen Klippen, an der Südküste befinden sich mehrere Buchten mit Sandstränden.
Der Hauptort an der Südküste ist gleichnamig. Im Jahre 2005 wohnten etwa 4.500 Menschen dauerhaft auf Lampedusa, in der Hauptreisezeit allerdings zeitweilig bis zu 10.000. Die Bewohner leben vom Tourismus, vom Fischfang und von der Produktion von Fischkonserven.
Klima/Bewuchs Lampedusa besitzt typisches Mittelmeerklima. Dank der Position zum europäischen Kontinent und geologisch zu Afrika gehörend hat die Insel eine der höchsten Durchschnittstemperaturen am Mittelmeer (22,3 Grad Celsius). Selbst im Februar beträgt die Durchschnittstemperatur 15 Grad Celsius. Die jährliche Niederschlagsmenge ist mit 300 Millimetern sehr gering.
Durch Rodungen und fehlende Quellflüsse ist das Inselinnere verödet.
Nachbarinseln mini|Isola dei Conigli 45 km nordöstlich von Lampedusa liegt die bewohnte Insel Linosa, 17 km nordwestlich die unbewohnte Insel Lampione. Der Südküste direkt vorgelagert liegt das kleine Eiland Isola dei Conigli ().
Naturschutz An der Isola dei Conigli und in den Buchten von Lampedusa suchen die Unechten Karettschildkröten ihre Plätze zur Eiablage. Um den Bestand der Schildkröten zu wahren, wurden im Jahr 2002 Teile Lampedusas und die Isola dei Conigli unter Naturschutz gestellt.
Geschichte Auf Lampedusa (früher auch Lopadusa, von phönizisch-griechisch Lopadoussa)Johann Jakob Egli: Nomina geographica. Sprach- und Sacherklärung von 42000 geographischen Namen aller Erdräume. Friedrich Brandstetter, 2. Aufl. Leipzig 1893, S. 523 befinden sich Spuren griechischer (sie besaßen dort zwei oder drei Türme), römischer, byzantinischer und arabischer Siedlungen. Zudem diente die Insel vielfach Seefahrern als Stützpunkt. 812/813 wurde Lampedusa Opfer eines Überfalls muslimischer Seeräuber, die auf 13 Schiffen kamen.Ferdinando Maurici: Le isole minori della Sicilia in età bizantina. In: Anthony Bonanno, Pietro Militello (Hrsg.): Interconnections in the Central Mediterranean. The Maltese Islands and Sicily in History (= KASA (Koiné archeologica, sapiente antichitá). Bd. 7). Officina di Studi Medievali, Palermo 2008, ISBN 978-88-88615-80-6, S. 69–80, hier: S. 78. Da es der byzantinischen Flotte gelang, die gegnerischen Schiffe zu versenken, dürfte Lampedusa noch für einige Jahre byzantinisch geblieben sein. Archäologisch lässt sich die byzantinische Siedlung nur bis zum Ende des 7. Jahrhunderts nachweisen. Danach waren die meisten der zu Sizilien gehörenden Inseln wie auch Lampedusa ab der normannischen Zeit, also dem 11. Jahrhundert, unbewohnt. So berichtet Idrisi von den unbewohnten Inseln.Ferdinando Maurici: Le isole minori della Sicilia in età bizantina. In: Anthony Bonanno, Pietro Militello (Hrsg.): Interconnections in the Central Mediterranean. The Maltese Islands and Sicily in History (= KASA (Koiné archeologica, sapiente antichitá). Bd. 7). Officina di Studi Medievali, Palermo 2008, ISBN 978-88-88615-80-6, S. 69–80, hier: S. 69f. Allerdings fand sich eine der Hl. Maria geweihte Kapelle, und möglicherweise bot die Insel, auf der sich noch Siedlungsspuren fanden, noch im 16. und 17. Jahrhundert Unterschlupf für flüchtige Sklaven aus Nordafrika.Ivan Arnaldi: Nostra Signora di Lampedusa. Storia civile e materiale di un miracolo mediterraneo. Leonardo, Mailand 1990, ISBN 88-355-0216-0.
Im September 1843 ging der Kapitän Bernardo Maria Sanvisente, ein Gesandter von Ferdinand II., mit 120 Männern und Frauen an Land, um die Insel dauerhaft zu besiedeln. Von Sanvisente stammt auch der vorher wechselnde Inselname Lampedusa.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel als strategisch wichtiger Punkt Ziel von Bombenangriffen („Operation Corkscrew“). Am 13. Juni 1943 kapitulierte die italienische Besatzung der Insel kampflos.Relman Morin (14. Juni 1943): Sergeant Cohen Reigns As „King of Lampedusa“. Youngstown Vindicator. Associated Press, S. 1. Englischer Bericht von der Notlandung des Piloten Sidney Cohen aus Malta, dem die Insel zunächst noch vor der Landung anderer britischer Verbände übergeben wurde.
Im Jahr 1986 schlugen vor Lampedusa zwei R-17-Raketen ein, vermutlich abgefeuert von Libyen als Antwort auf Angriffe der US Air Force auf Tripolis und Bengasi (Operation El Dorado Canyon). Es gab keine Verletzten.
Station auf der Fluchtroute übers Mittelmeer Im Zuge des Arabischen Frühlings und des internationalen Militäreinsatzes in Libyen entwickelte sich Lampedusa aufgrund seiner Nähe zu Nordafrika zu einer von Migranten angesteuerten Zwischenstation bei der Flucht über das Mittelmeer.Thomas Demmelhuber, Axel T. Paul & Maurus Reinkowski (Hrsg.): Arabellion: Vom Aufbruch zum Zerfall einer Region? In Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Sonderband 31, 2017, ISBN 978-3-8452-7603-8, S. 123 f. Nach den Unruhen in Nordafrika Anfang 2011 (Arabischer Frühling), vor allem nach dem Sturz Zine el-Abidine Ben Alis in Tunesien, erreichten in kurzer Zeit tausende Flüchtlinge Lampedusa auf dem Seeweg, unter ihnen möglicherweise ein Attentäter. Die damalige Regierung Italiens (Berlusconi IV) erklärte daraufhin den humanitären Notstand und erhob durch Innenminister Roberto Maroni Kritik an der Untätigkeit anderer europäischer Staaten in dieser Frage.Hans-Jürgen Schlamp: Tausende Afrikaner planen Flucht über Tunesien. In: spiegel.de, 13. Februar 2011.
Nachdem die Anzahl der Geflüchteten im März 2011 auf fast 6.000 gestiegen war, begann die italienische Marine damit, sie nach Sizilien und das italienische Festland auszuschiffen. Nach einem Plan der Regierung Berlusconi sollte die Insel entlastet werden und zugleich die italienischen Regionen 1000 Flüchtlinge pro Million Einwohner aufnehmen, insgesamt bis zu 50.000 Menschen.vgl. Lampedusa: 700 Menschen in sizilianisches Flüchtlingsdorf gebracht. In: derstandard.at, 23. März 2011, abgerufen am 7. Januar 2012.
2011 wurde in Libyen der langjährige Diktator Gaddafi gestürzt; 2014 begann in Libyen ein jahrelanger Bürgerkrieg. Hieraus ergaben sich weitere Fluchtbewegungen. Ebenfalls ab 2014 nutzten Menschen, die vor dem Bürgerkrieg aus Syrien über den Landweg nach Nordafrika geflohen waren, die zentrale Mittelmeerroute über Lampedusa, Malta oder Sizilien zur Flucht.Gudrun Sachse: Sieben Wege nach Europa. In: NZZ Folio, Auf der Flucht, Januar 2015, abgerufen am 6. Juli 2019.
Papst Franziskus besuchte am 8. Juli 2013 die Insel. Er machte auf das Leid der Bootsflüchtlinge aufmerksam und gedachte der Toten durch einen Kranz, den er ins Meer warf. Er zelebrierte zusammen mit etwa 10.000 Menschen eine Messe im Stadion der Insel. In: tagesschau.de, 8. Juli 2013. Abgerufen am 8. Juli 2013.
Am 3. Oktober 2013 sank vor Lampedusa ein mit etwa 545 Geflüchteten aus Somalia und Eritrea beladener Kutter, der aus der libyschen Hafenstadt Misrata kam (→ Bootsunglück vor Lampedusa 2013). Nach einem Motorschaden steckte laut Zeugenaussagen der Kapitän eine Decke als Notsignal in Brand. Das Feuer geriet außer Kontrolle. Durch die Panik der dicht gedrängt stehenden Passagiere kenterte das Schiff. Die italienische Küstenwache und einheimische Fischer konnten 155 Menschen retten. 366 Menschen kamen nachweislich ums Leben.Trafficker gets 18 years in jail over Italian shipwreck that killed 366 migrants. Guardian, 2. Juli 2015, abgerufen am 25. Juli 2018. Der tunesische Kapitän wurde wegen mehrfachen vorsätzlichen Totschlags und Havarie festgenommen.
Die italienische Staatsanwaltschaft leitete gegen die Überlebenden Ermittlungsverfahren wegen illegaler Einwanderung ein.
Am 11. Oktober 2013 ertranken weitere 34 Flüchtlinge zwischen Malta und Lampedusa im Mittelmeer, 206 Menschen konnten von der maltesischen Marine aus einem gekenterten Boot gerettet werden. Erzbischof Reinhard Marx sagte dazu: „Auch wenn Europa nicht jeden aufnehmen kann, dürfen wir niemanden an den Grenzen zu Tode kommen lassen.“ UN-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte, die internationale Gemeinschaft müsse derartige Tragödien verhindern; die Menschenrechte der Flüchtlinge müssten geschützt werden.Ban: Internationale Gemeinschaft muss Flüchtlingstragödien wie bei Lampedusa verhindern. Deutschlandradio, 13. Oktober 2013.Ban Ki-moon: After latest Lampedusa tragedy, Ban calls for action to protect human rights of migrants. United Nations News Centre, 12. Oktober 2013. Abgerufen am 13. Oktober 2013.
2015 und 2016 versuchten weitaus mehr Migranten die Überfahrt als in den Jahren davor (→ Flüchtlingskrise in Europa seit 2015). Im August 2017 sank die Zahl der Ankömmlinge in Lampedusa stark.Warum viel weniger Flüchtlinge in Italien ankommen als erwartet. In: sueddeutsche.de, 16. August 2017.
Ende Juni 2019 geriet Lampedusa erneut in den Fokus der Aufmerksamkeit durch den Fall Carola Rackete, der Kapitänin der Sea-Watch 3. Nach der Aufnahme von 53 Flüchtlingen vor der libyschen Küste, die Rackete am 12. Juni 2019 aus Seenot rettete, fuhr sie in der Nacht auf den 29. Juni 2019 ohne Genehmigung in den Hafen von Lampedusa ein und streifte dabei ein Schnellboot der Guardia di Finanza, das die Sea-Watch 3 am Anlegen zu hindern suchte. Rackete muss sich strafrechtlich verantworten und wurde in Hausarrest genommen.
Am 6. Juli 2019 wurde publik, dass auch das Segelboot Alex der italienischen Hilfsorganisation Mediterranea mit 41 Flüchtlingen an Bord trotz Verbots in Lampedusa anlegte. Die unter italienischer Flagge segelnde Alex hatte am 4. Juli 2019 54 Migranten an Bord genommen. Italiens Innenminister Matteo Salvini untersagte dem Boot per Dekret die Einfahrt in italienische Gewässer und verlangte von ihm, die maltesische Hauptstadt Valletta anzusteuern. 13 Menschen hätten die Alex in Lampedusa zuvor verlassen können. Salvini habe auch ein härteres Vorgehen angekündigt. Die Strafe für Hilfsorganisationen, die trotz eines Verbots italienische Häfen ansteuern, soll auf eine Million Euro angehoben werden. Darüber hinaus soll es leichter werden, Schiffe zu beschlagnahmen.
Wenig später ereignete sich ein ähnlicher Vorfall. Am 26. Juli 2019 wurde berichtet, dass Salvini der Gregoretti, einem Schiff der Küstenwache mit 140 Migranten an Bord, verbot, in Lampedusa anzulegen. Er kündigte an, die Erlaubnis erst zu erteilen, „wenn eine Verteilung dieser Migranten in ganz Europa schriftlich feststeht“. Die Gregoretti hatte die Migranten nach ihrer Rettung von einem italienischen Fischerboot übernommen.