mini|Nationalflagge Afghanistans bis 2021 Die Geschichte Afghanistans umfasst die Entwicklungen in Afghanistan von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Der Name Afghanistan wurde 1801 zum ersten Mal im anglo-persischen Friedensvertrag offiziell erwähnt. Der seit 1919 unabhängige Staat Afghanistan ging auf ein von Ahmad Schah Durranis 1747 gegründetes Großreich zurück. Insbesondere vor den Gründungen der persischen Reiche wird das Gebiet des heutigen Afghanistans als Durchgangsland für Nomaden und Eroberer gesehen.
Von der Antike bis zur Neuzeit mini|Das Perserreich der Achämeniden um 500 v. Chr. mini|Diodotos I., Gründer des Griechisch-Baktrischen Königreiches Im Norden des heutigen Afghanistan blühte im dritten und zweiten Jahrtausend v. Chr. die sogenannte Oasenkultur. Die Menschen lebten vom Ackerbau und wohnten teilweise in Ortschaften, die schon städtischen Charakter hatten. Einzelne befestigte Bauten deuten auf Fürstensitze und eine deutlich gegliederte Gesellschaft. Bronze und Gold wurden verarbeitet. Diese Kultur ging um 1700 v. Chr. unter.Viktor Sarianidi Die Kunst des alten Afghanistan. Architektur, Keramik, Siegel, Kunstwerke aus Stein und Metall. VCH, Acta Humaniora, Leipzig 1986, ISBN 3-527-17561-X (gute Zusammenfassung, allerdings nicht mehr auf den neuesten Stand der Forschung). Aus dem Süden des Landes gibt es vergleichbare Funde, die in jüngerer Literatur als Helmand-Kultur bezeichnet werden. Ein wichtiger Ort ist vor allem Mundigak, wo ein Tempel und ein Palast ausgegraben wurden. Said Qala Tepe im heutigen Iran weiter südlich brachte vergleichbare Funde zu Tage.
Im ersten Jahrtausend v. Chr. wurden Teile des heutigen Afghanistan unter Kyros II. (559 bis 529 v. Chr.) Teil des Achämenidenreichs. Sechs Satrapien lagen dort: Haraiva um Herat, Baktrien im Norden, Zranka im Süden, Harahuvatisch um Kandahar, Satagusch um Kabul und Gandhara ganz im Nordosten. Provinzhauptstadt von Harahuvatisch war wahrscheinlich Kandahar, wo sich auch einige Texte auf Elamisch fanden.
Alexander der Große eroberte das Achämenidenreich und damit auch diese Satrapien im Osten. Nach seinem Tod wurden sie Teil des Seleukidenreiches. Zahlreiche Griechen kamen in die Region. Ai Khanoum war eine weitestgehend griechische Stadt, die durch Ausgrabungen gut bekannt ist. Die Anwesenheit von Griechen ist auch an anderen Orten bezeugt; in Baktra fanden sich korinthische Kapitelle. Im Jahr 305 v. Chr. ging der Süden des Landes an das Maurya-Reich. Bei Kandahar fand sich eines der Ashoka-Edikte, das zweisprachig in Griechisch und in Aramäisch abgefasst ist.
256 v. Chr. wurde von Diodotos I. in Baktrien das Griechisch-Baktrische Königreich gegründet, dessen Geschichte weitestgehend im Dunkeln liegt.S. Glenn: Heliocles and Laodice of Bactria: a Reconsideration, in: The NumismaticChronicle 174 (2014), S. 45–59 Die Herrscher sind vor allem durch ihre Münzprägungen bekannt. Vereinzelt werden sie von klassischen Autoren erwähnt. Menandros, der etwa von 165 v. Chr. bis 130 v. Chr. regierte, wird in buddhistischen Quellen genannt und war auch westlichen Historikern als mächtiger Eroberer bekannt. Zwischen 141 und 129 v. Chr. eroberte das indogermanische Reitervolk der Yuezhi das Griechisch-Baktrische Königreich. Die Geschichte der folgenden Jahre ist unklar. Teile der Region scheinen unter parthischer Herrschaft gekommen zu sein, während es wahrscheinlich auch noch diverse Kleinkönigreiche im Hindukusch und in Pakistan gab, deren Herrscher griechische Namen trugen und Münzen im griechischen Stil prägten. Im ersten Jahrhundert v. Chr. regierte auch die Indo-Skythische Dynastie Teile des Landes, etwas später, im ersten Jahrhundert n. Chr. das Indo-Parthische Königreich.
Später übernahmen die Kuschana die Herrschaft in der Region. Unter ihnen festigte sich allmählich der Buddhismus. Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden entlang der damaligen Handelsrouten eine Reihe von buddhistischen Stätten – Stupas, Tempel und Klosterstätten sowohl südlich als auch nördlich des Hindukusch-Gebirges.Kosaku Maeda: The Mural Paintings of the Buddhas of Bamiyan: Description and Conservation Operations. In: Juliette van Krieken-Pieters (Hrsg.): Art and Archaeology of Afghanistan. Its Fall and Survival. A multi-disciplinary Approach (= Handbook of Oriental Studies. = Handbuch der Orientalistik. Section 8: Handbook of Uralic Studies. Bd. 14). Brill Academic Publishers, Leiden u. a. 2006, ISBN 90-04-15182-6, S. 127–144, hier S. 129. Bei Begram handelt es sich wahrscheinlich um das antike Kapisa, eine der Sommerresidenzen der Kuschana.
mini|Baktrisches Dokument aus dem 4. Jahrhundert mit Bezug zu den HephthalitenÜbersetzung bei Dániel Balogh: Hunnic Peoples in Central and South Asia. Sources for their Origin and History, 2020, S. 144. In der Spätantike siedelten in Baktrien die sogenannten iranischen Hunnen, die teils eine ernsthafte Bedrohung für das Sassanidenreich darstellten. Um 350 begannen die Angriffe der Chioniten, anschließend folgten mehrere Angriffswellen anderer Stammesgruppen. Das letzte Herrschaftsgebilde der „iranischen Hunnen“, das Hephthalitenreich, wurde um 560 von Sassaniden und Kök-Türken vernichtet. Nach dem Fall des Sassanidenreichs, dessen letzter Großkönig 651 ermordet wurde, und der Islamischen Expansion der Araber, dominierten bis zum Mittelalter persische Lokaldynastien, die dem muslimischen Kalifat unterstanden. Der Islam setzte sich in dieser Region verhältnismäßig langsam durch, da die buddhistischen Turk-Schahi und die hinduistischen Hindu-Shahi starken Widerstand leisteten. Erst gegen Ende des 10. Jahrhunderts, das heißt nach der großen Völkerwanderung der Türken ins Iranische Hochland, sollen nach einer islamischen Chronik die meisten Einwohner im Raum Ghur zwischen Herat und Kabul Moslems gewesen sein. Im Jahr 983 hatte sich aber beispielsweise in Ohind, das heißt in Gandhara, noch ein hinduistisches Königreich unter König Jaipal gehalten. Der Islam stieg vor allem in seiner sunnitischen Form zur vorherrschenden Religion auf. Unter den Samaniden, Ghaznawiden und Ghuriden folgte eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit in der Region.
Dabei spielte die Region in dieser Zeit auch eine grundlegende Rolle in der Entwicklung der Neupersischen Sprache, welche in verschiedenen Variationen bis heute in Afghanistan, Iran, Tadschikistan und einigen weiteren Regionen in Zentralasien vorherrschend gesprochen wird. So wurden die ersten Gedichte der neupersischen Sprache, welche historisch auch als Dari bekannt ist, im heutigen Afghanistan verfasst.Ludwig W. Adamec (2011): Historical Dictionary of Afghanistan (4th Revised ed.). Scarecrow. ISBN 978-0-8108-7815-0, S. 205. Zu Hochzeiten fand die Sprache eine kulturelle und verwaltungstragende Verbreitung vom indischen Subkontinent bis in den heutigen Balkan und aus ihr entwickelte sich einer der bedeutendsten Literatursprachen der Welt.
Die mittelalterliche Stadtkultur wurde durch den Mongolenangriff im 13. Jahrhundert arg in Mitleidenschaft gezogen. In der Folge sicherten die Kartiden kurzzeitig eine gewisse Eigenständigkeit der Region, bevor Timur das türkisch-persische Timuriden-Reich gründete. Timurs Nachfahren verlegten die Hauptstadt von Samarkand nach Herat und leiteten eine bedeutende Blütezeit von Kunst, Kultur und Wissenschaft ein.
Ab dem 16. Jahrhundert gehörten Herat und Ghur zum Reich der Safawiden, während Kabul dem Mogulreich unterstand. Kandahar gehörte abwechselnd Persien und Indien, bis sich im 18. Jahrhundert einige paschtunische Stämme gegen die Perser und Mogulen erhoben.
Die Paschtunen mini|
Die Geschichte des modernen Afghanistan ist untrennbar mit der nationalen Geschichte der Paschtunen verbunden. Unzählige paschtunische Aufstände gegen die jeweiligen Herrscher (persische Safawiden und indische Mogulen) führten schließlich mit dem Aufstand des Stammes Ghilzai (1719) zum Sturz der Safawiden in Persien (1722) (siehe auch: Hotaki-Dynastie). Dieser Sieg der Paschtunen hielt aber nicht lange an. Nur sieben Jahre später wurden sie von Nader Schah besiegt und zurück nach Kandahar verdrängt. Durch die folgenden Eroberungen Nader Schahs (1736–1747) erlangte das persische Reich vorübergehend wieder die Gewalt über die Region, die heute Afghanistan heißt. Nach dessen Ermordung übernahm der Stamm der Durrani, der mit Nader Schah gegen die Ghilzai verbündet war und unter seinem Befehl kämpfte, selbständig die Macht. Ihr Führer, der Paschtune Ahmad Schah Durrani begründete im Jahr 1747 ein selbständiges Königreich im Osten Persiens, das als Durrani-Reich bekannt ist. Damit gilt er allgemein als der Begründer Afghanistans, denn sein Königreich diente als Vorgänger und Wegbereiter des heutigen Staates. Abgesehen von zwei kleinen Ausnahmen haben die Paschtunen das Land seit seiner Gründung durchgehend beherrscht.
19. und frühes 20. Jahrhundert
mini|Zentralasien am Ende des 19. Jahrhunderts mini|Soldaten aus Herat während der Anglo-Afghanischen Kriege, 1879 Der Name Afghanistan bedeutet wörtlich Land der Afghanen. Bereits in den tschagataischsprachigen Memoiren Baburs aus dem 16. Jahrhundert wird das Wort in einem regional begrenzten Sinne erwähnt.Baburnama in der Übersetzung von Annette S. Beveridge. Die gebräuchliche Bezeichnung des heutigen Gebiets lautete Chorasan. Afghanistan wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zum offiziellen Namen des Königreiches. Wegen innerer Stammesstreitigkeiten kam es im frühen 19. Jahrhundert zu Teilungen des Landes und bedeutenden Einmischungen von außen, vor allem durch die Engländer und Russen.
Im 19. Jahrhundert führte der Konflikt zwischen den Kolonialmächten Russland und Großbritannien (The Great Game) zum Eingreifen der Briten in einen Thronfolgekrieg in Afghanistan. Mehrere Anglo-Afghanische Kriege waren die Folge, der erste von 1839 bis 1842. Der britische Versuch scheiterte, Afghanistan zu besetzen und Indien anzugliedern. Der zweite Afghanisch-Britische Krieg 1878–1881 veränderte den Status quo nicht.
Die Engländer entschlossen sich dazu, Abdur Rahman Khan (* 1844; † 1. Oktober 1901), einen Enkel von Dost Mohammed, auf den Thron zu setzen. Abdur Rahman wird allgemein als der Gründer des modernen Afghanistans angesehen. Während seiner Herrschaft legten Briten und Russen die heutigen Grenzen Afghanistans fest. 1893 wurde mit der Durand-Linie eine Demarkationslinie zwischen Afghanistan und Britisch-Indien geschaffen, die die Verantwortung über die jeweiligen Gebiete festlegte. Sie durchtrennte aber auch das Siedlungsgebiet des größten Volkes dieser Region, der Paschtunen. bei Q History, 7/2010. Im Jahre 1898 erhielt Afghanistan den Südteil des Khanates Buchara (Süd-Turkestan) zugesprochen und so seine bis heute gültige Nordgrenze.
Während des Ersten Weltkriegs versuchten das Deutsche und das Osmanische Reich, Afghanistan auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg zu ziehen (→ Niedermayer-Hentig-Expedition). Der Friede von Rawalpindi beendete 1919 den dritten Afghanisch-Britischen Krieg, brachte dem Land die Souveränität und führte zum Vertrag von Kabul (1921) mit der Anerkennung der vollen Unabhängigkeit Afghanistans durch Großbritannien und Russland. Seit 1925 bestand ein konstitutionelles Königreich. Nach der Ermordung des Schahs Mohammed Nadir am 8. November 1933 bestieg sein Bruder und Prinz Sardar Mohammed Haschim Khan den Thron. Er wurde zusammen mit weiteren Brüdern als Ministerpräsident zum Regenten für den 19-jährigen Thronfolger Mohammed Zahir Schah gewählt.
In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre schloss das Deutsche Reich einige Staatsverträge mit Afghanistan auf militärischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Sicherheitspolitisch schloss sich Afghanistan im Vertrag von Saadabad vom 8. Juli 1937 mit dem Irak, Iran und der Türkei auf einer gegenseitigen Nichtangriffsbasis gegen die Sowjetunion zusammen.