Maschinenstürmer waren eine Protestbewegung gegen die sozialen Folgeerscheinungen der Mechanisierung in der industriellen Revolution. Häufig war die Zerstörung von Maschinen oder neu errichteten Fabriken ein Mittel, um die von Fabrikanten beabsichtigte Ersetzung von qualifizierten Arbeitern durch Ungelernte zu verhindern oder um gegen Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen zu protestieren. Schwerpunkt des so genannten Maschinensturms war England, aber auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz kam es zu ähnlichen Protesten. Der Aufstand der schlesischen Weber von 1844 wird in der Geschichtsschreibung häufig als der bekannteste deutsche Fall aufgeführt.
Begriff Als eine „historisch genau verortbare Protestbewegung“Rolf Peter Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1984, S. 65. war der Maschinensturm ein Phänomen der Frühindustrialisierung, in deren Folge traditionelle Wirtschafts- und Arbeitsweisen in Frage gestellt wurden. Rolf Peter Sieferle spricht von der Auflösung der „Handwerkskultur einer normintegrierten Ständegesellschaft“.Rolf Peter Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1984, S. 66. Die Mechanisierung der Produktion war nur das offensichtlichste Element dieser Veränderungen. Gruppen, die infolge der Umwälzungen deklassiert zu werden drohten, verteidigten ihren sozialen Status mit dem einzigen Mittel, das ihnen – bei Abwesenheit von geregelten (Tarif-)Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und ArbeitnehmernHobsbawm spricht von „collective bargaining by riot“; s. Eric J. Hobsbawm: The Machine Breakers. In: Ders.: Labouring Men. Weidenfeld & Nicolson, London 1964, S. 5–25, hier S. 7. – zur Verfügung stand: der „Androhung oder Anwendung von offensiver Gewalt“Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, S. 17. gegen Maschinen oder Waren oder Privateigentum der industriellen Fabrikanten bzw. Verleger.
Der Begriff Maschinensturm gelangte ab 1812 als Übersetzung des englischen Begriffs machine breaking ins Deutsche.Klaus Schlottau: Maschinenstürmer gegen Frauenerwerbsarbeit. Dea ex machina. In: Torsten Meyer und Marcus Popplow (Hrsg.): Technik, Arbeit und Umwelt in der Geschichte. Günter Bayerl zum 60. Geburtstag. Waxmann, Münster 2006, S. 111–132, hier S. 114. Marx und Engels benutzten noch den Begriff Maschinenzertrümmerung, häufiger aber schrieben sie von „Revolten, Aufständen oder Emeuten gegen die Maschine bzw. Maschinerie“.Walther Müller-Jentsch: Maschinenstürmer. In: Wolfgang Fritz Haug, Frigga Haug, Peter Jehle, Wolfgang Küttler (Hrsg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 8/II: Links/Rechts bis Maschinenstürmer. Argument, Hamburg 2015, Spalten 2035–2040, hier Sp. 2035.
Als offen geführter Protest unterscheidet sich der Maschinensturm von der verdeckten Kampfform der Sabotage.Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, S. 18.
Beteiligte Berufsgruppen Die Aktionen der Maschinenstürmer fanden vorwiegend im Textilsektor statt und richteten sich dort gegen neue Maschinen der Textilherstellung und -bearbeitung. Der Maschinensturm in England, nach seinem fiktiven Anführer Ned Ludd auch als Luddismus benannt, war nach E. P. Thompson auf den Zeitraum von 1811 bis 1817 und auf drei Regionen und Berufsgruppen begrenzt: Tuchscherer (West Riding of Yorkshire), Baumwollweber (Süd-Lancashire) und Strumpfwirker (Nottingham). Tuchscherer waren gelernte und privilegierte Arbeiter, während die Weber und Strumpfwirker Heimarbeiter mit einer langen Handwerkertradition waren.Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. Zweiter Band. Suhrkamp, Frankfurt 1987, S. 607. Alle drei Berufsgruppen erlitten eine Verschlechterung ihres Status durch den Wegfall von Schutzgesetzgebung (Rauhmaschinenverbot und Webstuhlbegrenzung)„Im Jahre 1809 […] wurde die gesamte Schutzgesetzgebung in der Wollindustrie – einschließlich Lehrlingsregelung, Rauhmaschinenverbot und Webstuhlbeschränkung – abgeschafft.“ Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. Zweiter Band. Suhrkamp, Frankfurt 1987, S. 614 f. und durch die Konzentration von Webstühlen in den neu gegründeten Fabriken mit ungelernten und jugendlichen Arbeitern. Auch in Deutschland konzentrierten sich die Aktionen auf den Textilsektor mit den Trägergruppen von Tuchscherern, Handwebern und Kattundruckern.Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, S. 42 ff. An den sogenannten Weberaufständen waren Kleinunternehmer und Handwerker beteiligt, die die entstehende Konkurrenz bekämpften. Neben den Textilarbeitern kämpften am häufigsten Metallhandwerker (Schleifer, Schmiede) gegen Maschinen und neue Produktionsverfahren.Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, S. 124.
Ziele und Motive Sagten Karl Marx und Friedrich Engels den Maschinenstürmern noch unverstandene Technikfeindlichkeit nach,Beispielsweise spricht Marx von der „rohen Form der Arbeiterempörung gegen die Maschinerie“, von „ziellosen Gewaltakten“ und „blindwütigen Handlungen“. Alle Zitate nach Walther Müller-Jentsch: Maschinenstürmer. In: Wolfgang Fritz Haug, Frigga Haug, Peter Jehle, Wolfgang Küttler (Hrsg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 8/II: Links/Rechts bis Maschinenstürmer. Argument, Hamburg 2015, Spalten 2035–2040, hier Sp. 2036. so zeigte die historische Forschung, dass die Zerstörung von Maschinen keiner irrationalen Technikfeindlichkeit entsprang.Milos Vec: Recht und Normierung in der industriellen Revolution. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-465-03490-2, S. 237.Hubertus Bardt: „Arbeit“ versus „Kapital“ – zum Wandel eines klassischen Konflikts. Eine ordnungsökonomische Studie. Lucius & Lucius, Stuttgart 2003, ISBN 3-8282-0277-2, S. 105.Michael Spehr: Maschinensturm. Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, ISBN 978-3-89691-118-6, S. 4.
Das eigentliche Motiv war vielmehr die Abwehr vormals relativ gesicherter Berufsgruppen gegen eine Verschlechterung ihres sozialen Status und den Verlust traditioneller Privilegien, die sie teilweise auch mit Petitionen an die herrschenden Gewalten zu sichern suchten. Obwohl durch die Einführung von Maschinen nur punktuell Arbeiter entlassen wurden, verminderte die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen die Akzeptanz des technischen Fortschritts und verzögerte die Industrialisierung.Hubertus Bardt: „Arbeit“ versus „Kapital“ – zum Wandel eines klassischen Konflikts. Eine ordnungsökonomische Studie. Lucius & Lucius, Stuttgart 2003, ISBN 3-8282-0277-2, S. 105–107.Michael Spehr: Maschinensturm: Protest und Widerstand gegen technische Neuerungen am Anfang der Industrialisierung. Westfälisches Dampfboot, Münster 2000, ISBN 978-3-89691-118-6, S. 25, 41.
Nach E. P. Thompson kämpften die Maschinenstürmer gegen „die ‚Freiheit‘ des Kapitalisten, die Gebräuche des Gewerbes zu zerstören, durch neue Maschinen, durch das Fabriksystem oder durch uneingeschränkte Konkurrenz […] und Aushöhlung der handwerklichen Normen“.Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. Zweiter Band. Suhrkamp, Frankfurt 1987, S. 637.
Eric Hobsbawm argumentierte in seinem Aufsatz The Machine Breakers,Eric Hobsbawm: The Machine Breakers. In: Ders.: Labouring Men. Weidenfeld & Nicolson, London 1964, S. 5–25. dass die Zerstörung der Maschinen den Ludditen auch als Druckmittel diente. Die Zerstörung und die Androhung der Zerstörung von Produkten oder Produktivkapital war für Hobsbawm schon im 18. Jahrhundert ein Mittel der Lohnverhandlung.Jürgen Mittag und Benjamin Legrand: Eric Hobsbawm und der Bochumer Historikerpreis 2008 oder: Deutungskraft und Impulse – Perspektiven einer engagierten Geschichtswissenschaft. In: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen. Ruhr-Universität Bochum, Nr. 40/2008, S. 158. Da den Arbeitern in der damaligen Zeit, so seine Schlussfolgerung, zur Durchsetzung ihrer kollektiven Interessen keine legalen Mittel wie gewerkschaftliche Organisierung, Arbeitskampf und Tarifverhandlungen zur Verfügung standen, hätten sie zu diesem Mittel gegriffen. Die Zerstörung von Produktionsmitteln habe auch das virulente Solidarisierungsproblem in Arbeitskämpfen gelöst, da eventuelle Streikbrecher nicht weiterarbeiten konnten. Der Widerstand gegen die Maschinen war nach Hobsbawm, „quite consciously resistance to the machine in the hands of the capitalist“ (ganz bewusst Widerstand gegen die Maschine in den Händen des Kapitalisten).Eric Hobsbawm: The Machine Breakers. In: Labouring Men. Weidenfeld & Nicolson, London 1964, S. 11. Er sieht im Maschinensturm eine Form der Kollektivverhandlung durch Aufruhr („collective bargaining by riot“). Dass es zumeist nicht zu weiteren gewalttätigen Aktionsformen kam, erklärt Hobsbawm damit, dass Maschinen häufig in Wachstumsphasen gekauft wurden, in denen es genügend Arbeit gab, so dass ihnen die Lohnentwicklung keine Sorgen bereitete.Jürgen Mittag & Benjamin Legrand: Eric Hobsbawm und der Bochumer Historikerpreis 2008 oder: Deutungskraft und Impulse – Perspektiven einer engagierten Geschichtswissenschaft. In: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen. Ruhr-Universität Bochum, Nr. 40/2008, S. 159.
Auch der deutsche Sozialhistoriker Rolf Peter Sieferle dokumentiert zahlreiche Fälle des Maschinensturms bereits im 18. Jahrhundert, denen gemeinsam war, „dass sie im Zusammenhang mit Arbeitskämpfen stattfanden“ und – bei Abwesenheit von Gewerkschaften – als „wichtiges Druckmittel zur Durchsetzung von (Lohn-)Forderungen“Rolf Peter Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1984, S. 69 f. dienten.
Beispiele für Maschinenstürmerei England Unter den technikbezogenen Aufständen in England gehören die Aufstände der Ludditen zwischen 1811 und 1816 und die sogenannten Swing Riots zwischen 1830 und 1833 zu den bekanntesten.
Der Aufstand der englischen Ludditen ist benannt nach dem legendären Ned Ludd (Ludlam), der sich seinem Vater (oder Meister) widersetzte und aus Protest die Nadeln in dessen Strumpffabrik zerbrach. Andere Quellen betiteln „Captain“ oder „General Ludd“ als – mehr folkloristischen denn realen – Anführer der ersten Proteste. Er galt den Handwerksgesellen des Wollgewerbes als „Verteidiger uralten Rechts“ und „Hüter einer verlorenen Verfassung“.Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. Zweiter Band. Suhrkamp, Frankfurt 1987, S. 615.