mini|Links: RathausMitte: Marktplatzrechts: Bracken und Rickesches Haus (vorne) Bad Gandersheim (bis 1932 Gandersheim) ist eine Kurstadt im niedersächsischen Landkreis Northeim. Die Stadt, deren Namensbestandteil Bad sich auf ihr ehemaliges Soleheilbad bezieht, liegt westlich des Harzes. Nach der Dichterin Roswitha von Gandersheim wird die Stadt auch „Roswithastadt“ genannt.
Geographie Lage Die Stadt Bad Gandersheim liegt zwischen Leinebergland, Weserbergland und Harzvorland im Tal des Flusses Gande, in den im Stadtgebiet die Eterna mündet. Im Norden liegt der Höhenzug Heber. Das Stadtgebiet ist überwiegend bergig. Etwa zehn Kilometer östlich der Stadt beginnt der Harz, fünf Kilometer westlich liegt das Leinetal.
* Entfernungen sind gerundete Straßenkilometer bis zum Ortszentrum.
Stadtgliederung Bad Gandersheim besteht neben der Kernstadt aus folgenden Stadtteilen:
Geschichte Mittelalter mini|Die frühere Burg Gandersheim, heute Sitz des Amtsgerichts mini|Merian-Stich um 1654 von Gandersheim Das Stift Gandersheim wurde 852 von Sachsenherzog Liudolf, dem Namensgeber der Liudolfinger, gegründet. Es handelte sich um ein Frauenstift, das seit 877 reichsunmittelbar war. Bereits in früherer Zeit bestand eine Kaufmannsniederlassung (der Wiek) an der Stelle der heutigen Georgskirche. Die Stadt erlebte eine Blütezeit unter den Liudolfingern im 10. Jahrhundert. Zu dieser Zeit lebte auch die Dichterin Roswitha von Gandersheim. Das Markt-, Münz- und Zollrecht wurde ihr 990 von der Kaiserin Theophanu im Namen ihres (unmündigen) Sohnes Otto III. verliehen.
Um 1300 wurde die herzoglich-braunschweigische Burg Gandersheim als Gegenpunkt zum Stift errichtet. 1329 kauften sich die Bürger der Stadt endgültig aus ihrer Abhängigkeit vom Stift frei (Magna Charta Gandershemensis). Die drei Machtzentren Stift, Stadt und Burg waren künftig für Gandersheim bestimmend.
Neuzeit 1568 wurde auf Betreiben des Herzogs Julius von Braunschweig die Reformation auch für das Stift durchgeführt. Eine weitere Blüte erlebte das Stift im Barock unter der Äbtissin Elisabeth von Sachsen-Meiningen (Äbtissin von 1713 bis 1766). Mit dem Reichsdeputationshauptschluss verlor das Stift 1803 seine Unabhängigkeit und wurde 1810 nach dem Tod der letzten Äbtissin ganz aufgelöst. Das Vermögen ging an das Königreich Westphalen. Das Stift bestand zunächst als evangelisches Damenstift fort, die Territorien fielen an den Herzog von Braunschweig.Bad Gandersheim – Kanonissenstift (Reichsstift).
Stadtbrände ereigneten sich 1580, als die damalige Stadtkirche St. Mauritius zerstört wurde, und 1833. Zudem kam es im Dreißigjährigen Krieg zu erheblichen Verwüstungen, sodass von der ursprünglichen Stadtbefestigung nur Reste vorhanden sind.Wilhelm Görges: Vaterländische Geschichten und Denkwürdigkeiten der Vorzeit. Band 3, 1845, S. 223.
1833 wurde der Landkreis Gandersheim gegründet und 1977 im Wesentlichen auf die Landkreise Goslar und Northeim aufgeteilt. 1878 wurde das erste Solebad in Gandersheim gegründet, und der Kurbetrieb setzte langsam ein. Nach dem Ersten Weltkrieg begann eine professionelle Fremdenverkehrswerbung, und ab 1932 durfte die Stadt sich „Bad“ Gandersheim nennen. Zur Entwicklung des Postwesens in Gandersheim siehe: Postroute Braunschweig–Göttingen
20. und 21. Jahrhundert 1936 wurde auf dem kleinen Osterberg über der Stadt eine NSKK-Motorsportschule eröffnet; diese war nicht die einzige im deutschen Reich, galt aber als Vorzeigeeinrichtung ihrer Art.
1944 wurde im ehemaligen Kloster Brunshausen bei Gandersheim das KZ Bad Gandersheim als Außenlager des KZs Buchenwald errichtet, in dem hunderte Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen leben mussten. Sie mussten Zwangsarbeit im zu den Heinkel-Werken gehörenden Flugzeugwerk und in einem nahegelegenen Steinbruch verrichten. Der französische Schriftsteller Robert Antelme, der dort interniert war, schildert das Leben und Sterben im Lager Gandersheim eindringlich in seinem Werk Das Menschengeschlecht. Außerdem existierte in Bad Gandersheim der Betrieb Gandersheimer Flachsröste GmbH, der 1935 als Zweigbetrieb der Deutschen Flachsbau GmbH Berlin gegründet wurde und sich bald zur größten Flachsröste im Deutschen Reich entwickelte. Mit der Weiterverarbeitung von Rohstoffen zu Garnen und Stoffen, unter anderem zur Verwendung für Fallschirme, zählte die Einrichtung in der NS-Kriegswirtschaft zu den kriegswichtigen Betrieben, die beim Arbeitseinsatz nachdrücklich zu unterstützen waren. Die Gandersheimer Flachsröste verfügte in der Karl-Dinklage-Straße im Gandersheimer Stadtgebiet über ein eigenes Lager für Zwangsarbeiter. Spätestens ab Mai 1940 wurden in der Flachsröste 40 Polinnen, die zwischenzeitlich im Lager Meierhof wohnten, später noch 20 Russinnen und 15 Ukrainerinnen eingesetzt. Diese wohnten in der örtlichen Molkerei, da im Zwangsarbeiterlager zu diesem Zeitpunkt noch Kriegsgefangene untergebracht waren. Einwohnermeldekarten bezeugen für den Zeitraum zwischen 1940 und 1945 den Einsatz von mindestens 51 osteuropäischen „Zivilarbeiterinnen“ und „Zivilarbeitern“ in der Flachsröste.
mini|Marktplatzlinks: Hotel „Weißes Roß“, Nr. 2, Haus „Zur Ecke“rechts: „Bracken“
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Heimatvertriebene vor allem aus Schlesien im Stadtgebiet angesiedelt. Deshalb wurde in den 1950er-Jahren eine neue katholische Kirche in der Innenstadt errichtet. Der angrenzende ehemalige Domänenhof des Stiftes wurde zu einem zentralen Busbahnhof umgebaut. An dessen südlicher Seite wurde für die evangelische Stiftskirchengemeinde auf dem Gelände des ehemaligen Kreuzgangs des Klosters das Martin-Luther-Haus als modernes Zentrum der Kirchengemeinde gebaut.
Die 1952 aus den zum Jubiläum 1100 Jahre Stift Gandersheim entstandenen Feierlichkeiten führten zu jährlichen Freilichttheater-Aufführungen direkt vor dem großen Eingangsportal des Doms. Bemerkenswert sind die Aufführungen klassisch-moderner Stücke mit einer i. d. R. jungen und engagierten Schauspieltruppe, deren Begeisterung am Spiel sich schnell auf die Zuschauer überträgt. Regie und Choreografie tragen hierbei nicht unwesentlich zum Erfolg bei.
In den 1990er-Jahren wurde die gesamte Innenstadt umgestaltet: Am Markt und neben der Stiftskirche gibt es seitdem eine kleine Fußgängerzone. Außerdem wurde die Moritzstraße – die Haupteinkaufsstraße der Stadt – verkehrsberuhigt; etliche Gebäude des historischen Stadtkerns wurden saniert. Hinzu kamen zwei Naturlehrpfade im Bad Gandersheimer Norden, der Bergkurpark in steiler Hanglage und ein Weg durch ein Feuchtgebiet mit hölzernem Beobachtungsturm.
Vom 14. April bis zum 15. Oktober 2023 fand die siebte Niedersächsische Landesgartenschau auf einem dreißig Hektar großen Gelände entlang der Flüsse Gande und Eterna sowie der Osterbergseen statt.
Eingemeindungen Am 1. März 1974 wurden die Gemeinden Ackenhausen, Altgandersheim, Clus, Dankelsheim, Dannhausen, Ellierode, Gehrenrode, Gremsheim, Hachenhausen, Harriehausen (bisher im Landkreis Osterode am Harz), Heckenbeck, Helmscherode, Seboldshausen, Wolperode und Wrescherode eingegliedert.
Religionen mini|hochkant|Katholische Kirche, hinten evang. Stiftskirche Im Mittelalter gab es in und bei Gandersheim fünf Klöster: Stift Gandersheim, Kloster Brunshausen, Kloster Clus, Marienkloster und ein Kloster der Franziskaner.
Die Bewohner der Stadt sind seit der Reformation mehrheitlich evangelisch-lutherisch. Ihre evangelische Pfarrkirche ist seit der Säkularisierung 1810 die Stiftskirche.
1953 wurde in unmittelbarer Nähe der Stiftskirche die neue katholische Kirche Mariä Himmelfahrt gebaut, zu der heute (einschließlich der umliegenden Dörfer) 1800 Gemeindemitglieder gehören.
Zudem gibt es eine Freie evangelische Gemeinde (FeG) und die CBG-Gemeinde, die dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden angehört.
Seit 1987 befindet sich auf dem Osterberg im Kasernengebäude der ehemaligen Zollschule Bad Gandersheim, das von 1936 bis 1945 als Motorsportschule des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) genutzt wurde, das Glaubenszentrum Bad Gandersheim. Es bezeichnet sich als konfessionsübergreifendes Glaubenswerk und kann der charismatisch-evangelikalen Richtung zugeordnet werden.
Die Neuapostolische Kirche in der Neuen Straße 32 wurde 2007 geschlossen.
Politik
Stadtrat Der Rat der Stadt Bad Gandersheim besteht aus 20 Ratsfrauen und Ratsherren. Auf Grund der Einwohnerzahl der Stadt würde der Rat eigentlich eine Zahl von 24 Mitgliedern umfassen. Allerdings hat der Rat der Stadt in der letzten Legislatur von der Möglichkeit der Reduzierung der Ratsmandate gem. § 46 Abs. 4 NKomVG auf 20 Gebrauch gemacht. Die Ratsmitglieder werden durch eine Kommunalwahl für jeweils fünf Jahre gewählt. Neben den 20 in der Gemeinderatswahl gewählten Mitgliedern ist außerdem der Bürgermeister im Rat stimmberechtigt.
Aus dem Ergebnis der Kommunalwahl 2021 ergab sich folgende Sitzverteilung:
Bürgermeister Derzeit amtierender Bürgermeister ist seit 2024 Niklas Kielhorn (SPD).
Bisherige Bürgermeister: 1851–1855: Karl Stegemann (1803–1887) 1898–1919: Friedrich von Ernst (1850–1928) 1919–1924 Wilhelm Gräfer (1885–1945) 1924–1933 Friedrich Homann (1891–1972) 1933 Albert Schneider (NSDAP) 1933–1935 Heino Rühling (1890–1940) (NSDAP) 1935–1945 Rudolf Reupke (1897–1960) (NSDAP) 1945 Wilhelm Brandes (1883–1962) 1945–1946 Rudolf Cahn von Seelen (1904–1992) 1946 Robert Urban (1915–1991) 1946–1948: Wilhelm Rohmeyer (1893–1964) 1948–1952: Wilhelm Brandes 1952–1957: Hermann Cramme (1907–1983) (CDU) 1957–1961: Wilhelm Muhs (1910–1982) (SPD) 1961–1968: Hermann Cramme (CDU) 1968–1970: Hans-Dieter Gottschalk (1933–2005) 1970 Hans Meier (1912–1991) 1970–1974: Klaus Büsselmann (1929–2001) (SPD) 1974–1986: Heinz Köhler (1919–2010) (CDU) 1986–1991: Uwe Schwarz (* 1957) (SPD) 1991–1996: Rudolf Hermes (* 1941) (CDU) 1996–2001: Uwe Schwarz (SPD) 2001–2014: Heinz-Gerhard Ehmen (parteilos) 2014–2024: Franziska Schwarz (SPD) seit 2024: Niklas Kielhorn (SPD)
Das Amt des Bürgermeisters gemäß der Niedersächsischen Gemeindeordnung wurde ab 1945 bis 2001 ehrenamtlich besetzt.
Das Verwaltungsgericht Göttingen erklärte 2024 auf die Klage eines unterlegenen Bewerbers die Bürgermeisterwahl vom September 2021 für ungültig. Die damals amtierende Bürgermeisterin Franziska Schwarz habe durch Gespräche mit Bürgern „über den Gartenzaun“, als wegen der COVID-19-Pandemie keine Wahlkampfveranstaltungen stattfinden durften, verdeckt Wahlkampf geführt und gegen ihre Neutralitätspflicht verstoßen. Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht lehnte eine Berufung von Schwarz ab und bestätigte die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes mit Beschluss vom 18. September 2024.Nach Urteil: Bürgermeisterin von Bad Gandersheim tritt nicht mehr an bei ndr.de vom 23. September 2024 Nach dem Niedersächsischen Kommunalrecht musste demnach binnen sechs Monaten eine Neuwahl stattfinden.Oberverwaltungsgericht Lüneburg bestätigt: Wahl von Schwarz ungültig - HNA.de
Ehemalige Stadtdirektoren 1947–1970: Rudolf Cahn von Seelen (1904–1992) 1970–1993 Hans-Dieter Gottschalk (1933–2005) 1993–2001 Heinz-Gerhard Ehmen
Wappen
Flagge Die Stadtflagge ist Schwarz – Gelb (1:1) längsgestreift und mittig mit dem Wappen der Stadt belegt.
Städtepartnerschaften Städtepartnerschaften mit: Rotselaar (Belgien) Skegness (Vereinigtes Königreich)
Kultur und Sehenswürdigkeiten
mini|hochkant=1.3|Stiftskirche St. Anastasius und St. Innocentius
Bauwerke
Romanische Kirche St. Anastasius und St. Innocentius des Stiftes Gandersheim (Erstweihe 881), obwohl keine Bischofskirche oft als Gandersheimer Dom bezeichnet. Das Westportal dient den Gandersheimer Domfestspielen als Kulisse. Georgskirche (älteste Pfarrkirche der Stadt) Historische Altstadt mit Fachwerkhaus Bracken von 1473