mini|Kreuzigung Christi mit Lanzenstich des Hauptmanns Longinus, Fresko von Fra Angelico (um 1437–1446) Die Heilige Lanze (auch Longinuslanze, Mauritiuslanze oder Speer des Schicksals) ist das älteste Stück der Reichskleinodien der Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Sie enthält angeblich ein Stück eines Nagels vom Kreuz Christi (Heiliger Nagel). Nach der Legende gehörte die Lanze Mauritius, dem Anführer der Thebaischen Legion, oder nach anderen Quellen dem römischen Hauptmann Longinus, der mit ihr den Tod Jesu überprüfte , so dass sie auch mit dessen heiligem Blut getränkt sein soll.

Zeitweise war sie das bedeutendste Stück der Insignien, später trat an ihre Stelle die Reichskrone. Die Lanzenspitze wurde in einem Hohlraum im Inneren des Querbalkens des Reichskreuzes aufbewahrt. Ein Herrscher, der diese Lanze besaß, galt als unbesiegbar. Sie war das sichtbare Zeichen dafür, dass seine Macht von Gott ausging und er der Stellvertreter Christi war.

Für mindestens drei weitere Lanzen bzw. deren Spitzen wurde der Anspruch erhoben, die „echte“ Heilige Lanze aus der Zeit Christi zu sein (siehe Andere Heilige Lanzen). Schon zur Zeit Kaiser Ottos III. wurden zwei Kopien der zu den Reichskleinodien gehörenden Lanze hergestellt und an befreundete Herrscher übergeben (die Fürsten Polens und Ungarns).

Die Lanze wurde zusammen mit den anderen Reichskleinodien im Koalitionskrieg 1796 von ihrem traditionellen Aufbewahrungsort Nürnberg nach Wien gebracht, um sie vor dem Zugriff Napoleon Bonapartes zu schützen.

Hitler ließ die Lanze nach dem Anschluss Österreichs 1938 nach Nürnberg bringen. Sie wurde 1945 von Soldaten der US Army in den dortigen Felsengängen aufgefunden und zurück nach Wien gebracht. Sie wird in der Schatzkammer der Wiener Hofburg unter der Inventarnummer XIII, 19 ausgestellt.

Aussehen mini|Die Heilige Lanze in der Schatzkammer Wien Die Heilige Lanze, von der nur noch die Spitze erhalten geblieben ist, ist eine 50,7 Zentimeter lange Flügellanze. Der Lanzenschaft, der wohl aus Holz gefertigt war, fehlt. Aus dem Lanzenblatt ist ein spitzovaler Teil auf einer Länge von 24 Zentimeter und einer maximalen Breite von 1,5 Zentimeter herausgeschnitten. In diesem ist ein ornamental zurechtgeschmiedetes, auch als Dorn (lat. spina) bezeichnetes Eisenstück eingepasst, dessen unteres abgebrochenes Ende fehlt. Es ist mit vierfachem Silberdraht befestigt, wobei nicht klar ist, ob er früher in anderer Weise fester in den Freiraum eingefügt war.

Dieser Dorn galt jahrhundertelang als der „Heilige Nagel“. Ein (Kreuz-)Nagel kann er keinesfalls gewesen sein. Jedoch befinden sich auf zwei von den drei mondsichelförmigen Ausnehmungen mit knotenartigen Verdickungen des Dorns messingtauschierte Kreuze, die vielleicht eingelagerte Kreuznagelpartikelchen markieren.

Dort, wo sich das Lanzenblatt verjüngt, um in die Tülle überzugehen, ist auf jeder Seite der Lanze nachträglich je eine kurze zusätzliche Stahlschneide angebracht, auf deren innerer Seite zur Befestigung an der Lanze Löcher gebohrt wurden. An diesen beiden etwa rechteckigen Stahlklingen, welche oft als Messerklingen interpretiert wurden, fallen ungewöhnlich tiefe Scharten auf, wie von einer scharfen Klinge beim Parieren oder im Gegenhieb verursacht.

Derartige Beschädigungen lassen sich in großer Zahl auf den Schneiden von Lanzenspitzen aus Opferfunden der vorrömischen und römischen Kaiserzeit nachweisen.Gunther Wolf, Franz Kirchweger, S. 165.

Halt und Befestigung finden diese zusätzlichen Klingen hauptsächlich durch die von den Edelmetallmanschetten weitgehend verdeckten Lederbänder und den kunstvoll verspannten Silberdraht. Da die Art ihrer Verbindung mit dem Hauptteil des Lanzenblatts sehr dem oben eingefügten Eisendorn ähnelt, wird schon seit langem angenommen, dass beides im gleichen Arbeitsgang hinzugefügt wurde, also vor etwa 1000 Jahren.

Das Lanzenblatt ist gebrochen. Möglicherweise brach es beim Ausmeißeln des Spalts kurz vor dem Jahr 1000, da in eine vereinfachte, noch existierende Kopie, die Kaiser Otto III. nach Krakau verschenkt hat, auch eine Nachbildung dieses Dorns eingepasst ist. Die Bruchstelle ist dreifach verkleidet, zuerst mit einem schmalen Eisenband, dann mit einem breiten Silberblech und zuletzt mit einem Goldblech. Die silberne Manschette trägt auf einem vergoldeten Streifen folgende lateinische Inschrift:

Der Auftraggeber der silbernen Manschette ist Heinrich IV., er ließ diese in der Zeit zwischen 1084 und 1105 anbringen. Heinrich IV. hatte sie in der Schlacht bei Flarchheim durch den für ihn kämpfenden Herzog Vratislav von König Rudolf von Rheinfelden erbeutet.Wilhelm Wegener: Die Lanze des hl. Wenzel. Ein Versuch zur Geschichte der mittelalterlichen Herrschaftszeichen. In: ZRG, 1955, S. 56–82. Er wies an, dass die Lanze künftig bei feierlichen Anlässen den Herzögen von Böhmen vorangetragen werden sollte.

Die oberste goldene Manschette, die Kaiser Karl IV. anfertigen ließ, ist mit der lateinischen Inschrift versehen.

Geschichte Entstehung mini|hochkant|Zeichnung der Heiligen Lanze im Detail Metallurgische Untersuchungen der Montanuniversität Leoben zeigten schon 1914, dass die Heilige Lanze erst im 8. Jahrhundert nach Christus nach dem Muster einer karolingischen Flügellanze hergestellt worden sein kann. Auf dem Hoftag zu Worms 926 erwarb König Heinrich I. die Heilige Lanze vom burgundischen König Rudolf II., der sie 922 vom Grafen Samson samt Herrschaft über Italien erhalten hatte, im Austausch gegen die Südwestecke des Ostfrankenreichs, die Stadt Basel.Liutprand von Cremona, Antapodosis IV,25. Bald bildete sich die Legende, Heinrich I. verdanke seinen Sieg über das gefürchtete Heer der Ungarn in der Schlacht bei Riade an der Unstrut 933 nur dem Einsatz der Heiligen Lanze. Auch bei der Schlacht bei Birten 939, in der sich Otto I. gegen reichsinterne Gegner durchsetzte, und bei der Schlacht auf dem Lechfeld 955, in der die Ungarn von König Otto I. endgültig besiegt wurden, soll die Lanze zum Einsatz gekommen sein. Die neuesten Untersuchungen durch Wissenschaftler der Universität Wien förderten jedoch keinerlei typische Kampfspuren an der Lanzenspitze zu Tage.Die „Heilige Lanze“ zwischen Wissenschaft und Legende Online-Zeitung der Universität Wien, 4. April 2005 (Abgerufen am 16. Mai 2010) Die Heilige Lanze dürfte hingegen in ihren Anfängen als Fahnenlanze in Verwendung gewesen sein. Dass die vier Nietlöcher des neuen Eisenrings am Lanzenschaft abgenutzt sind, ist eine Bestätigung für die anfänglich intensive, nicht auf Schonung bedachte Nutzung der Lanze – und zwar nach dem Jahr 1000, da dieser Schaftring an der Kopie in Krakau noch nicht vorhanden ist.

Schon das Mitführen der Heiligen Lanze bei Kriegszügen garantierte angeblich dem Herrscher die Unbesiegbarkeit. Daher ließ auch Otto III. auf seinem Zug nach Rom 996 die Lanze dem Heer voraustragen. Otto III. schätzte die Lanze so sehr, dass er im Jahre 1000 eine Kopie an den polnischen Herzog Boleslaw I. von Polen weitergab, als er diesen zum „socius et amicus“ (lateinisch für „Verbündeter und Freund“) ernannte. Boleslaw I. leitete aus diesem Vorgehen für sich die Königswürde ab. Otto III. hatte die Lanze stets bei sich gehabt, auch als er im Alter von 21 Jahren in Italien ohne direkte Nachkommen starb.

Bei der Überführung seines Leichnams nach Aachen im Jahre 1002 in Begleitung des Erzbischofs Heribert von Köln brachte der spätere Kaiser Heinrich II. die Reichskleinodien in seine Gewalt, um sich die Thronfolge zu sichern. Die Heilige Lanze war jedoch schon vorausgeschickt worden, und so setzte Heinrich II. auch den Bruder Erzbischof Heriberts, den Bischof von Würzburg, gefangen, um so die Herausgabe der Lanze zu erzwingen. Bernhard II. übergab die in seiner Obhut befindliche Heilige Lanze erst an Heinrich II., als dieser im Juli 1002 bei der Nachwahl zum König in Merseburg das alte sächsische Recht zu achten versprach.

Beschreibung und Umdeutung zur Mauritiuslanze Eine erstmalige umfangreiche Beschreibung der Lanze findet sich um das Jahr 961 bei Liutprand von Cremona, einem Geschichtsschreiber aus der Zeit Otto I. Er schreibt über das Aussehen der Lanze (deutsche Übersetzung):

Die frühen ottonischen Geschichtsschreiber nannten die Lanze noch einfach „lancea sacra“.Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae I,25. In den folgenden Jahrhunderten verbreitete sich jedoch die Ansicht, sie sei vom heiligen Mauritius getragen worden, einem römischen Legionär und Märtyrer, der zur Zeit des römischen Kaisers Maximian, Schwiegervater des Kaisers Konstantin, hingerichtet worden war. Eine Weitergabe der Lanze durch Konstantin, wie es die Überlieferung besagte, wäre damit nicht ganz unwahrscheinlich gewesen. Der früheste schriftliche Beleg für diesen Bedeutungswandel findet sich in einem um 1000 geschriebenen Brief von Bruno von Querfurt, der jedoch noch nicht direkt von der Mauritiuslanze spricht.Bruno von Querfurt wendet sich darin gegen das Bündnis des christlichen Königs Heinrich II. mit den heidnischen Ljutizen, wofür er Christentum und Heidentum gegenüberstellt. Zwei aufeinanderfolgende Fragesätze verbinden die Paare Mauritius / Heilige Lanze einerseits und Heidengott Zuarasi / „diabolica vexilla“ andererseits; vgl. A. Brackmann, Die politische Bedeutung der Mauritius-Verehrung im frühen Mittelalter; in: Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 30.1937, S. 292f. Erst Mitte des 11. Jahrhunderts lässt sich die Lanze in schriftlichen Quellen als „lancea sancti Mauritii“ nachweisen.Beispielsweise: Ekkehard von St. Gallen, Casus sancti Galli, c. 65; Hugo von Flavigny, Chronicon II, 29; Benzo von Alba, Ad Henricum IV. Imperatorem I, 9. Unter Heinrich III. war die Umdeutung schon so dominant, dass dieser die Lanze mit einer Silbermanschette, die eine Mauritiusinschrift trägt, verkleiden ließ.Vgl. M. Kuhn: Sankt Mauritius mit der Lanze, der ottonische Reichspatron, in: Geschichte am Obermain, Bd. 7, Lichtenfels 1971–72; S. 54f. Bühler behauptet jedoch, dass erst Heinrich IV. 1084 die Manschette anbringen ließ, vgl. Albert Bühler: Die Heilige Lanze. Ein ikonografischer Beitrag zur Geschichte der deutschen Reichskleinodien, in: Das Münster 16, 1963, S. 85–116. Dadurch verbanden sich der Kult um die Lanze und um Mauritius sehr stark. Im Hochmittelalter galt die Mauritiuslanze als einer der mächtigsten heiligen Gegenstände, da sie dem Träger Unbesiegbarkeit in der Schlacht garantiere.

Prag, Nürnberg und Wien mini|„Abbildung des Großen Heiligthums zu Nürnberg“, 18. Jahrhundert Kaiser Karl IV. aus dem Hause der Luxemburger entdeckte die Heilige Lanze als Machtsymbol wieder. Da sich die Kaiserkrone im Besitz seiner Widersacher aus dem Hause Wittelsbach befand, ließ Karl die Lanze zur Legitimation seiner Kaiserwürde aus dem Zisterzienserkloster Stams in Tirol auf seine Residenz nach Prag bringen. Erst ab dem beginnenden 13. Jahrhundert ist durch ein päpstliches Schreiben die Legende überliefert, bei der Heiligen Lanze handle es sich um die gleiche Lanze, die von einem römischen Legionär mit Namen Longinus zur Überprüfung des Todes Jesu am Kreuz verwendet worden war. Zuvor hatten die Splitter der in der Lanze verarbeiteten Nägel, die angeblich vom Kreuz Christi stammten, ausgereicht, um den Ruf der Lanze als bedeutende Reliquie zu begründen. Wurden anfangs nur die Partikel von Nägeln erwähnt, so wurde später der Dorn in der Mitte der Lanzenspitze als Nagel vom Kreuz des Herrn bezeichnet. Vielleicht kam es durch den Einbau dieses Mittelstücks zum Bruch der Lanze, vielleicht aber auch bei der Entnahme von Material für Kopien, die Otto III. anfertigen ließ.