mini|hochkant|Die Gegend von Alkmaions Heimatstadt Kroton (Crotone) Alkmaion ( oder (attisch) , latinisiert ), auch Alkmaion von Kroton genannt, war ein antiker griechischer Naturphilosoph. Er lebte im späten 6. und frühen 5. Jahrhundert v. Chr. im griechisch besiedelten Süditalien und gehörte zu den Vorsokratikern, die mit unterschiedlichen Ansätzen ein ganzheitliches Naturverständnis anstrebten. Außerdem soll er als Arzt praktiziert haben. Jedenfalls setzte er sich im Rahmen seiner naturphilosophischen Tätigkeit mit medizinischen und biologischen Fragen auseinander. Ungeklärt ist sein Verhältnis zur Gemeinschaft der Pythagoreer, der er angeblich angehörte.

Alkmaion hob die Rolle des Gehirns als Wahrnehmungs- und Erkenntnisorgan hervor. Die Gesundheit deutete er als ausgewogenes Verhältnis zwischen gegensätzlichen Faktoren im Körper, Krankheiten führte er auf Störungen des Gleichgewichts durch ein Übermaß zurück. Im einseitigen Dominieren eines einzelnen Faktors sah er ein Übel. Bei der Erörterung der Verhältnisse im Körper bediente er sich einer aus dem politischen Diskurs stammenden und mit entsprechenden Wertungen verbundenen Terminologie. Diese war in Kreisen verbreitet, die politisch und sozial eine ausgleichende Haltung einnahmen und das Prinzip der Alleinherrschaft oder Tyrannis ablehnten.

Leben

Alkmaion stammte aus der Stadt Kroton, dem heutigen Crotone in Kalabrien. Dort hatte um 530 v. Chr. der Philosoph Pythagoras eine Schule und Gemeinschaft von Gleichgesinnten gegründet. Die Anhänger seiner Lehre, die Pythagoreer, übten zu Alkmaions Zeit im griechisch besiedelten Süditalien kulturell und politisch erheblichen Einfluss aus. Laut Angaben von Quellen aus der römischen Kaiserzeit gehörte Alkmaion zur Gemeinschaft der Pythagoreer. Der Doxograph Diogenes Laertios und der spätantike Philosoph Iamblichos bezeichnen ihn als Schüler des Pythagoras.Diogenes Laertios 8,83; Iamblichos, De vita Pythagorica 104. Vgl. Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 122 f. In der Metaphysik des Aristoteles steht, dass in Alkmaions Jugendzeit Pythagoras noch am Leben, aber schon betagt gewesen sei. Die Authentizität dieser Mitteilung ist zwar zweifelhaft, denn es besteht der Verdacht, es könne sich um eine Interpolation – eine nicht authentische Einfügung – im Text der Metaphysik handeln, doch gilt die chronologische Angabe als glaubwürdig.Aristoteles, Metaphysik 986a29–30. Siehe dazu William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy, Band 1, Cambridge 1962, S. 232 Anm. 1 und S. 341–343; Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich/München 1979, S. 76 f.; Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 70; Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 123 und Anm. 79. Wenn die Information zutrifft, fällt Alkmaions Geburt ins dritte Viertel des 6. Jahrhunderts v. Chr., denn Pythagoras kam um 530 v. Chr. nach Kroton und lehrte dort rund zwei Jahrzehnte lang. Allerdings wird in der Fachliteratur auch eine Spätdatierung der Wirkenszeit – nach der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. – erwogen.Jaap Mansfeld: The body politic: Aëtius on Alcmaeon on isonomia and monarchia. In: Verity Harte, Melissa Lane (Hrsg.): Politeia in Greek and Roman philosophy, Cambridge 2013, S. 78–95, hier: S. 78 und Anm. 1.

Dem Bericht des Aristoteles zufolge ist die Naturphilosophie Alkmaions derjenigen der Pythagoreer oder einer bestimmten Gruppe von Pythagoreern ähnlich, stimmt aber nicht in jeder Hinsicht mit ihr überein, da er sich nicht so präzis wie diese Denker auf bestimmte Aussagen festlegte. Wer dabei wen beeinflusste, ist für Aristoteles unklar. Ob man daraus folgern kann, dass Aristoteles Alkmaion nicht für einen Pythagoreer gehalten habe, ist in der Forschung umstritten.Aristoteles, Metaphysik 986a22–986b10. Siehe dazu Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 122 f. Zwar gestattet die Quellenlage keine genauere Bestimmung von Alkmaions Verhältnis zu den Pythagoreern, doch ist immerhin zu erkennen, dass er ihnen jedenfalls philosophisch nahestand. Für seine Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft plädiert Leonid Zhmud.Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 71, 229; Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 121–124. Anderer Meinung sind beispielsweise William K. C. GuthrieWilliam K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy, Band 1, Cambridge 1962, S. 341. und Andreas Patzer.Andreas Patzer: Wort und Ort, München 2006, S. 115. Die Eigenständigkeit Alkmaions betont Roberta Marrollo.Roberta Marrollo: Alcmeone: l’uomo tra osservazione medica e approccio psicologico. In: Antonio Capizzi, Giovanni Casertano (Hrsg.): Forme del sapere nei presocratici, Rom 1987, S. 115–135, hier: 117 f.

Alkmaions Heimatstadt Kroton war zu seiner Zeit ein bedeutendes Zentrum der griechischen Medizin; dort lebte damals der berühmte Arzt Demokedes. Alkmaion selbst soll auch praktizierender Arzt gewesen sein, doch ist dies in der Forschung umstritten, denn es fehlen zuverlässige Informationen; erst der spätantike Gelehrte Calcidius nennt ihn ausdrücklich Arzt.Gegen eine Tätigkeit als Arzt äußert sich Jaap Mansfeld: Alcmaeon: „Physikos“ or Physician? In: Jaap Mansfeld, Lambert M. de Rijk (Hrsg.): Kephalaion, Assen 1975, S. 26–38. Anderer Meinung ist Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 355 f. Siehe auch Roberto Lo Presti: Between distinction and separition: Rethinking the centrality of the brain in Alcmaeon’s theory of sense-perception and cognition. In: Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption 19, 2009, S. 9–30, hier: S. 9 Anm. 1.

Werke

Alkmaion schrieb ein Buch über seine Naturphilosophie, dessen – möglicherweise nicht vom Autor stammender – Titel Über die Natur (Peri phýseōs) oder nach anderer Überlieferung Naturlehre (physikós lógos) lautete. Diese Schrift ist verloren, doch lässt sich ihr Inhalt teilweise aus Erwähnungen und Zitaten in späterer Literatur erschließen. Mit dem naturphilosophischen Werk wandte sich Alkmaion nach seinen Worten an drei Leser namens Brotinos, Leon und Bathyllos. Die namentliche Nennung dieser Männer zu Beginn der Schrift wird gewöhnlich als Widmung des Werks an sie gedeutet. Die Absicht des Verfassers kann aber auch eine bloße Ermahnung oder Belehrung gewesen sein. Brotinos, Leon und Bathyllos waren Pythagoreer. Sie erscheinen mit teils etwas abweichender Schreibung ihrer Namen auch in den Pythagoreerlisten des Iamblichos.Iamblichos, De vita Pythagorica 267. Vgl. Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 120. Nach einer Mitteilung des kaiserzeitlichen Schriftstellers Favorinus galt Alkmaion als der erste Autor, der ein naturphilosophisches Werk verfasste. Diese Annahme ist allerdings irrig.Favorinus ist zitiert bei Diogenes Laertios 8,83. Siehe dazu Maria Timpanaro Cardini (Hrsg.): Pitagorici. Testimonianze e frammenti, Band 1, Firenze 1958, S. 122 f. Anm. 1. Dem Bericht des Diogenes Laertios zufolge behandelten Alkmaions Schriften vorwiegend medizinische Themen.Diogenes Laertios 8,83.

Lehre

Aus den Quellen geht hervor, dass sich Alkmaion besonders für medizinische und biologische Fragen interessierte und dass in seiner Philosophie anthropologische Probleme im Vordergrund standen. Er befasste sich mit Physiologie einschließlich PflanzenphysiologieAndrei Lebedev: Alcmaeon on Plants. In: La Parola del Passato 48, 1993, S. 456–460. und Embryologie, angeblich auch mit Anatomie. Ferner nahm er zu astronomischen Fragen Stellung.Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 331 f., 366, 371 f., 374–379.

Erkenntnistheorie

Alkmaion legte Wert auf die Unterscheidung zwischen Denken und Wahrnehmen. Im Denken sah er die spezifische Besonderheit des Menschen, den er damit vom Tierreich scharf abgrenzte. In der Erkenntnistheorie lehrte er, eine unmittelbare Einsicht in die unsichtbaren und die vergänglichen Dinge sei den Göttern vorbehalten, während die Menschen darauf angewiesen seien, sich diskursiv durch Folgerungen aus Beobachtungen um Erkenntnis zu bemühen.Belege bei Maria Timpanaro Cardini (Hrsg.): Pitagorici. Testimonianze e frammenti, Band 1, Firenze 1958, S. 128 f., 146–149.

Unklar ist, ob die funktionale Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Denken, die Alkmaion vornahm, ihn dazu bewog, eine Trennung zwischen zwei verschiedenartigen Vorgängen anzunehmen. Die Besonderheit seines Beitrags zur antiken Erkenntnistheorie besteht wohl nicht in Überlegungen zu einer solchen Trennung. Seine Leistung ist vielmehr darin zu sehen, dass er die theoretischen Voraussetzungen dafür schuf, die verschiedenen Stufen der kognitiven Bewältigung der Objektwelt, die von den Wahrnehmungs- und Denkakten ermöglicht werden, zu charakterisieren und ihre Unterschiedlichkeit im Rahmen seines umfassenden Modells zu beschreiben.Roberto Lo Presti: Between distinction and separition: Rethinking the centrality of the brain in Alcmaeon’s theory of sense-perception and cognition. In: Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption 19, 2009, S. 9–30, hier: 10 f., 25.

Medizin mini|Alkmaion von Kroton auf einer Medaille von 1832 Von Alkmaion stammt die älteste bekannte Definition von Gesundheit und Krankheit. Er bestimmte die Gesundheit als den Zustand der Isonomie und Krankheit als dessen Störung. Das Wort isonomía bedeutet wörtlich Gleichberechtigung. Damit meinte Alkmaion ein Gleichgewicht oder eine Ausgewogenheit der gegensätzlichen polaren Kräfte im menschlichen Körper. Krankheit war für ihn das Ergebnis der Alleinherrschaft (monarchía) eines von zwei Gegensatzpolen. So führte er ursprünglich politische Begriffe in die medizinische Terminologie ein. Er war der einzige antike Denker, der das Begriffspaar Isonomie/Alleinherrschaft in naturphilosophisch-medizinischem Zusammenhang verwendete. Unter Isonomie verstand man im politischen Diskurs Gleichberechtigung und Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz. Es war ein programmatischer Begriff aus dem Wortschatz der Gegner willkürlicher Herrschaft.Siehe dazu Stavros Kouloumentas: The Body and the Polis: Alcmaeon on Health and Disease. In: British Journal for the History of Philosophy. Band 22, 2014, S. 867–887, hier: S. 869–873 und 881–885; Jaap Mansfeld: The body politic: Aëtius on Alcmaeon on isonomia and monarchia. In: Verity Harte, Melissa Lane (Hrsg.): Politeia in Greek and Roman philosophy. Cambridge 2013, S. 78–95, hier: S. 79–82 und 84.

Als Beispiele von medizinisch relevanten Gegensatzpaaren nannte Alkmaion das Feuchte und das Trockene, das Kalte und das Warme, das Bittere und das Süße; als Krankheitsursache komme insbesondere übermäßige Hitze oder Kälte in Betracht. Ein Krankheitsausbruch erfolge entweder im Blut oder im Mark oder im Gehirn; als Anlass führte Alkmaion unter anderem ein Übermaß oder einen Mangel an Nahrung an.Siehe dazu Dimitri Z. Andriopoulos: Alcmeon’s and Hippocrates’s Concept of Aetia. In: Pantelis Nicolacopoulos (Hrsg.): Greek Studies in the Philosophy and History of Science, Dordrecht 1990, S. 81–90, hier: 83 f. Der Darstellung des Aristoteles zufolge nahm er an, dass das menschliche Leben größtenteils von Gegensatzpaaren bestimmt sei. Damit meinte er innere Qualitäten des Organismus, auf die dann auch die Humoralpathologie mit ihren Primärqualitäten der Körpersäfte als Elementarbestandteile des menschlichen Körpers beruht.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 7 und 8. Im Gegensatz zu den Pythagoreern legte er sich nicht auf eine bestimmte Anzahl von genau benannten Gegensatzpaaren als Urprinzipien fest.Aristoteles, Metaphysik 986a–b. Siehe dazu Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans. Oxford 2012, S. 359–361.

Physiologie, Anatomie und Embryologie