mini|hochkant=1.5|Die Reichskleinodien, kolorierte Zeichnung von 1909 mini|hochkant=1.5|Abbildung des Kaiserlichen Ornats und anderer Kleinodien, Graphik aus dem Klebeband Nr. 16 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen mini|hochkant=1.5|Abbildung des Großen Heiligthums zu Nürnberg mit der Heiligen Lanze, ebenda
Die Reichskleinodien (auch Reichsinsignien oder Reichsschatz) sind die Herrschaftsinsignien der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches und der einzige fast vollständig erhaltene Kronschatz aus dem Mittelalter. Ihre wichtigsten Bestandteile sind die Reichskrone, die Heilige Lanze, das Reichsschwert und der Krönungsmantel. Sie wurden vom Hochmittelalter bis 1792 bei fast allen Krönungen der römisch-deutschen Könige und Kaiser in Aachen und Frankfurt am Main verwendet. Ihr Besitz galt als wichtiges Kennzeichen der Legitimität des Herrschers.
Der Reichsschatz wurde zunächst in wechselnden Burgen, Abteien und Kathedralen des Reiches gehütet. Von 1424 bis 1797 wurde er größtenteils im Heilig-Geist-Spital in Nürnberg und zu einem kleineren Teil bis 1794 in der Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen verwahrt. Um die Kleinodien während der Koalitionskriege vor dem befürchteten Zugriff durch französische Truppen zu schützen, wurden sie zunächst ins Kapuzinerkloster Paderborn und nach Regensburg, dem Sitz des Reichstags, überführt. Von dort ließ sie Franz II., der letzte römisch-deutsche Kaiser, 1800/1801 nach Wien in Sicherheit bringen. Nach dem Anschluss Österreichs zur Zeit des Nationalsozialismus wurde der Schatz von 1938 bis 1945 nochmals nach Nürnberg gebracht. 1946 an Österreich zurückerstattet, werden die Kleinodien seit 1954 in der Schatzkammer der Wiener Hofburg ausgestellt.
Begriff der Reichskleinodien Für die Zeit bis zum Hochmittelalter ist der Begriff der Reichskleinodien bzw. -insignien eigentlich unangemessen, da die Reichsidee im Zusammenhang mit den Insignien erst später stärker hervortrat. Die lateinischen Bezeichnungen beispielsweise variieren für den Insignienschatz zwischen Ausdrücken wie: insignia imperialia, regalia insignia, insignia imperalis capellae quae regalia dicuntur und ähnlichen Ausdrücken. In einer Inventarliste der Burg Trifels aus dem Jahr 1246 heißen diese wiederum keiserliche zeichen.
Damit ist klar, dass zu dieser Zeit der Bezug auf die Person und das Amt des Herrschers maßgeblich für die Benennung ist. Hinzu kommt, dass der Bestand des Reichsschatzes bis zur Zeit Karls IV. nicht stabil war. Es wurden höchstwahrscheinlich Stücke hinzugefügt, entnommen bzw. gegen andere Stücke ausgetauscht.
Trotzdem wird in der Forschung aus pragmatischen Gründen auch für diesen Zeitraum meist die Bezeichnung Reichskleinodien oder Reichsinsignien verwendet. Ein früher Beleg für Reichskleinodien stammt aus dem Jahr 1580.Stichwort Reichskleinodien, in: Deutsches Rechtswörterbuch, Band XI, S. 649 (online).
Bestandteile mini|Die Reichskrone mini|Der Reichsapfel mini|Das Reichskreuz mit der Heiligen Lanze (links) und der Kreuzpartikel (rechts) mini|Das Krönungsevangeliar mini|Die Stephansburse mini|Die Adlerdalmatika mini|Der Krönungsmantel mini|hochkant|Ein Handschuh (Palermo, vor 1220) Die Reichskleinodien bestehen aus zwei verschiedenen Gruppen. Die größere Gruppe sind die sogenannten „Nürnberger Kleinodien“. Der Name stammt daher, dass sie von 1424 bis 1796 in Nürnberg aufbewahrt wurden. Zu dieser Gruppe gehören die Reichskrone, die Teile des Krönungsornats, der Reichsapfel, das Zepter, das Reichs- und das Zeremonienschwert, das Reichskreuz, die Heilige Lanze und alle übrigen Reliquien mit Ausnahme der Stephansbursa.
Die bereits erwähnte Stephansbursa, das Reichsevangeliar und der sogenannte Säbel Karls des Großen wurden bis zum Jahre 1794 in Aachen aufbewahrt und werden deshalb als die Aachener Kleinodien bezeichnet. Es ist nicht bekannt, seit wann diese Stücke den Reichskleinodien zugerechnet und in Aachen aufbewahrt wurden.
+ Heutiger Bestand in Wien: Aachener Kleinodien Wahrscheinlicher Entstehungsort und Reichsevangeliar (Krönungsevangeliar) Aachen, Ende des 8. Jahrhunderts Stephansbursa karolingisch, 1. Drittel des 9. Jahrhunderts Säbel Karls des Großen osteuropäisch, 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts Nürnberger Kleinodien Wahrscheinlicher Entstehungsort und Reichskrone westdeutsch, 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts Reichskreuz westdeutsch, um 1024/1025 Heilige Lanze langobardisch, 8./9. Jahrhundert Kreuzpartikel Reichsschwert Scheide deutsch, 2. Drittel des 11. Jahrhunderts Reichsapfel westdeutsch, etwa Ende des 12. Jahrhunderts Krönungsmantel (Pluviale) Palermo, 1133/34 Alba Palermo, 1181 Dalmatica (Tunicella) Palermo, um 1140 Strümpfe Palermo, um 1170 Schuhe Palermo, um 1130 oder um 1220 Handschuhe Palermo, 1220 Zeremonienschwert Palermo, 1220 Stola mittelitalienisch, vor 1338 Adlerdalmatika oberdeutsch, vor 1350 Zepter deutsch, 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts Aspergile deutsch, 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts Reliquiar mit den Kettengliedern Rom oder Prag, um 1368 Reliquiar mit einem Gewandstück des Evangelisten Johannes Rom oder Prag, um 1368 Reliquiar mit einem Span der Krippe Christi Rom oder Prag, um 1368 Reliquiar mit dem Armbein der heiligen Anna wahrscheinlich Prag nach 1350 Reliquiar mit einem Zahn Johannes des Täufers böhmisch, nach 1350 Futteral der Reichskrone Prag, nach 1350 Tuchreliquiare mit einem Stück vom Tischtuch des letzten Abendmahls und der Schürze Christi bei der Waschung
Die Nürnberger Bestandteile sind teilweise in der Verfügung Kaiser Sigismunds aufgezählt.
Geschichte Mittelalter Der Bestand der Reichskleinodien wird in hochmittelalterlichen Aufzählungen meist mit fünf oder sechs Objekten angegeben. So zählt Gottfried von Viterbo folgende Gegenstände auf: das heilige Kreuz, die Heilige Lanze, die Krone, das Zepter, den Apfel und das Schwert. Andere Listen erwähnen das Schwert hingegen nicht.
Inwiefern die Erwähnungen im Hoch- und Spätmittelalter tatsächlich auf die heute in Wien verwahrten Stücke zu beziehen sind, hängt jeweils von verschiedenen Faktoren ab. So wurde meist nur davon gesprochen, dass der Herrscher war, ohne zu beschreiben, um welche Objekte es sich konkret handelt. Problemlos ist die Zuordnung zu den heutigen Objekten bei der Heiligen Lanze und dem Reichskreuz, da deren Entstehung vor dieser Zeit liegt und es ausreichend Belege für die tatsächliche Übereinstimmung gibt.
Entstehung des heutigen Bestandes Das älteste Stück der Reichskleinodien ist die Heilige Lanze, die wahrscheinlich auf Heinrich I. zurückgeht. Dabei handelt es sich um eine Flügellanze aus karolingischer Zeit, aus deren Blatt eine Öffnung gestemmt wurde, in die ein Eisenstift eingelegt und mittels Silberdrähten fixiert wurde. Der Legende nach soll es sich um einen Heiligen Nagel vom Kreuz Jesu handeln.
Die heutige Reichskrone lässt sich wahrscheinlich erst um 1200 nachweisen, als sie in der mittelalterlichen Dichtung anhand des Waisen, eines großen und hervorstechenden Edelsteins, erkennbar wird (siehe auch: erste Erwähnungen der Reichskrone). Weitestgehend zweifelsfrei ist der Nachweis aber erst wesentlich später auf einem Wandgemälde auf der Burg Karlstein bei Prag möglich.
Auch beim Reichs- und beim Zeremonienschwert ist es schwer zu bestimmen, seit wann diese zu den Reichskleinodien gehören. Bei den anderen Stücken gestaltet sich die zeitliche Zuordnung in den Bestand der Reichskleinodien ähnlich schwierig.
Reisen durch das Reich Bis in das 15. Jahrhundert hinein hatten die Reichsinsignien keinen festen Aufbewahrungsort und begleiteten manchmal den Herrscher auf seinen Reisen durch das Reich. Vor allem bei Auseinandersetzungen um die Rechtmäßigkeit der Herrschaft war es wichtig, die Insignien zu besitzen. Als Aufbewahrungsorte während dieser Zeit sind einige Reichsburgen oder Sitze zuverlässiger Ministerialen bekannt: Benediktinerabtei Limburg bei Dürkheim (Pfalz) (11. Jh.) Kaiserdom zu Speyer (ab 1065 unter den Saliern) Harzburg (11. Jh.) Kaiserpfalz Goslar (11., 13. Jh.) Burg Hammerstein (am Rhein) (vor 1105–1125)Alexander Thon: Vom Mittelrhein in die Pfalz. Zur Vorgeschichte des Transfers der Reichsinsignien von Burg Hammerstein nach Burg Trifels im Jahre 1125. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 32, 2006, S. 35–74. Burg Trifels bei Annweiler (12. und 13. Jh., mit Unterbrechungen) Pfalzkapelle Hagenau (12., 13. Jh., mit Unterbrechungen) Burg Waldburg bei Ravensburg (ca. 1221–1242?)Bettina Jost: Die Übergabe der Reichskleinodien 1246 an Konrad IV. auf dem Trifels: Überlegungen zu baulichen Bedingungen und personellen Verflechtungen. In: Burgen und Schlösser, Bd. 42 Nr. 4 (2001), S. 236–244 (PDF; 469 KB; ohne Abbildungen). Burg Krautheim an der Jagst (um 1242?) Schloss Kyburg bei Winterthur (1273–1322, mit einer Unterbrechung) Burg Stein bei Rheinfelden (um ca. 1280 unter Rudolf I. (HRR)) Alter Hof in München (unter Ludwig dem Bayern, 1324–1347) Zisterzienserabtei Stams (unter Ludwig dem Brandenburger 1347–1350) danach Übergabe an Karl IV. Veitsdom in Prag und Burg Karlstein in Böhmen (ca. 1350/52–1421) Plintenburg und Ofen in Ungarn (1421–1424)
Nürnberg mini|hochkant|Idealbild Karls des Großen mit den Reichskleinodien, gemalt 1513 von Albrecht Dürer für seine Vaterstadt Nürnberg Übergabe an Nürnberg Der römisch-deutsche König Sigismund übertrug der Reichsstadt Nürnberg mit einer am 29. September 1423 datierten Urkunde die Reichskleinodien zur Verwahrung „auf ewige Zeiten, unwiderruflich und unanfechtbar“ und ließ sie im Jahr darauf in die Stadt verbringen, wo sie bis Ende des 18. Jahrhunderts aufbewahrt wurden. Eine Nürnberger Delegation unter der Führung des Ratsmitglieds Niklas Muffel brachte sie von der Plintenburg aus Ungarn in die Reichsstadt. Sie trafen am 22. März des folgenden Jahres dort ein und wurden fortan in der Kirche des Heilig-Geist-Spitals aufbewahrt. Diesen Ort verließen sie regelmäßig für die Heiltumsweisungen (jährlich am vierzehnten Tag nach Karfreitag) auf dem Hauptmarkt (Nürnberg) sowie für die Krönungen im Frankfurter Dom.Annamaria Böckel: Heilig-Geist in Nürnberg. Spitalstiftung & Aufbewahrungsort der Reichskleinodien (= Nürnberger Schriften Bd.; 4). Böckel, Nürnberg 1990, ISBN 3-87191-146-1. Die Gefälle des gleichzeitig zur Heiltumsweisung stattfindenden Marktes in Nürnberg durfte die Stadt für sich einnehmen.
Der Aufbewahrungsort blieb nicht unumstritten. Im Jahr 1443 forderte König Friedrich III. die Bürgermeister und den Rat der Reichsstadt ernstlich auf, die Heiltümer des Reiches nach Regensburg zu schicken, von wo er sie die Donau hinab nach Österreich und dann nach Wiener Neustadt bringen lassen wollte, um sie dort zu behalten.Friedrich III. – RI XIII H. 14 n. 187. In: Regesta Imperii Online.
Albrecht Dürer beschriftete sein 1512/14 im Auftrage der Stadt verfertigtes Gemälde, das Karl den Großen – historisch nicht korrekt – mit den Kleinodien zeigt, voll Stolz:
Zeremonieller Zierrat Nach der Einführung der Reformation in Nürnberg 1524 wurden zwar die öffentlichen Heiltumsweisungen eingestellt, die Heiltümer genossen jedoch als Symbole des Reiches weiterhin höchstes Ansehen. Es fanden nur noch außerordentliche Weisungen in der Heiliggeistkirche statt, insbesondere in Gegenwart des Kaisers oder vor durchreisenden anderen Würdenträgern.