mini|Henri de La Rochejaquelein in der Zweiten Schlacht bei Cholet am 17. Oktober 1793. Historiengemälde von Paul-Émile Boutigny mini|Henri de La Rochejaquelein. Illustration einer Biografie des 19. Jahrhunderts Der Aufstand der Vendée () war der bewaffnete Kampf der royalistisch-katholisch gesinnten Landbevölkerung des Départements Vendée und benachbarter Départements gegen Repräsentanten und Truppen der Ersten Französischen Republik von 1793 bis 1796. Über 300.000 Tote und die gezielte Vernichtung von Siedlungen, Vieh und landwirtschaftlichen Flächen durch die Truppen der Republik waren die Folge.Angaben zu Beteiligung und Opfern der Vendéekriege in der Geschichtsliteratur und in Biographien sind vielfältig und mit Rücksicht auf den politischen Standpunkt der Autoren zu beurteilen. Die Frage, ob die Revolutionstruppen der Ersten Französischen Republik einen Völkermord an der Bevölkerung der Vendée begangen haben, wird großteils bejaht, teilweise aber auch bestritten. Manche Historiker wie Pierre Chaunu sehen in der Niederschlagung des Aufstands „die Ouvertüre ... zu dem stalinistischen Gulag und dem deutschen Völkermord an den Juden.“
Hintergrund Die war ein Bürgerkrieg in Folge der Französischen Revolution, der von 1789 bis 1792 mit von der katholischen Kirche unterstützten gewaltlosen Protesten und Manifestationen der Bauern begann. 1793 wurde er wegen der Einführung der Wehrpflicht durch die Revolutionsregierung zur bewaffneten Rebellion, und, mit zunehmender Brutalisierung des Konflikts von beiden Seiten, zu einem Krieg der Konterrevolution. Keinen nachhaltigen Einfluss hatten Truppen des emigrierten Adels und Anhänger der Monarchie, die sich an der Gegenrevolution beteiligten – finanziell und militärisch unterstützt von der britischen Regierung William Pitts.
Die menschliche Bilanz des rund dreijährigen Aufstandes war für die betroffenen Départements verheerend. Einige Gemeinden verloren zwischen 25 und 35 % ihrer Bevölkerung. Die Zahl der Toten wird auf 300.000 geschätzt. Einige Historiker in Frankreich meinen, dass es sich bei der Niederschlagung um einen Genozid, d. h. um Völkermord gehandelt habe. Th. v. Münchhausen: Aufruf zur Vernichtung. FAZ, 25. September 1993.
„Vendée“ war in Frankreich bereits in der Diktatur der Jakobiner gleichbedeutend mit Gegenrevolution und gewalttätigem Widerstand anderer Regionen gegen die Regierung der Ersten Republik:
Die energische, sehr oft unmenschliche Niederschlagung des Aufstands und die Befriedung des Westens durch republikanisches, politisch handelndes Militär und Verwaltungsbeamte aus allen Teilen Frankreichs wird als ein wichtiger Beitrag zur „Schaffung der nationalen Einheit Frankreichs gesehen.“R. E. Reichardt: Das Blut der Freiheit. S. 49 ff.
mini|links|Symbol des Widerstands: Das Sacré-Cœur mit der Devise „Gott, König“ war auf die Kleidung der Aufständischen aufgenäht. mini|Jean-Baptiste Paulin Guérin – François de Charette (1819, Ausschnitt) mini|Pierre Narcisse Guérin – Porträt Henri de La Rochejaqueleins (1815)
Vorgeschichte Den Nährboden für die Erhebung bildete die soziale und wirtschaftliche Unzufriedenheit der im Mittelwesten Frankreichs beheimateten Bauern, die sich der Revolution wegen der Beseitigung der Adelsprivilegien angeschlossen hatten, aber durch die Kirchenpolitik der Nationalversammlung ihre „altgewohnte gemeindliche Lebenswelt“R E. Reichardt: Das Blut der Freiheit. S. 55. bedroht sahen. Die stark bäuerlich geprägte Landschaft der Vendée umfasste den größeren Teil des alten Poitou, einen Teil von Anjou und der Bretagne und gehörte zu denjenigen Regionen Frankreichs, in denen der katholische Glaube besonders tief verwurzelt war. Besonders in dieser Region stieß die Priesterverfolgung auf Empörung; es handelte sich hierbei um diejenigen Pfarrkleriker, die den von der Nationalversammlung geforderten Eid auf die Verfassung und damit auf die Zivilverfassung des Klerus verweigerten.
Außerdem hatte die Nationalversammlung den Grundbesitz und Immobilien des Klerus enteignet, welche das Assignaten-Papiergeld garantieren sollte. Als sie diese Nationalgüter (biens nationaux) verkaufte, nützte dies vor allem dem städtischen Besitzbürgertum der Vendée. Die Bauern als Pächter des Ackerlandes waren aus Kapitalmangel zumeist leer ausgegangen und hassten daher das Bürgertum der Städte, das die ehemaligen Kirchengüter erworben hatte. Die Güterenteignung der Kirche – die Geistlichen bezahlte dann der Staat – wurde als Plan zur Zerstörung der katholischen Religion verstanden.
Steuerreformen und neue Agrargesetze der Revolution hatten die Abgabenlast in den Augen der Bauern weder gerechter gemacht, noch verringert. Im Gegenteil: Die Einführung einer direkten Hauptsteuer, der Contribution personelle et mobilière, war eine gefühlte Steuererhöhung, da sie der bisherigen schlechten Steuermoral wegen in neuer Erhebungspraxis zu zahlen war. In ihrer Erwartung auf Freiheit und Gleichheit durch die Revolution sahen sie sich getäuscht und benachteiligt. „Das «Programm» der Aufständischen war 1793 nicht eigentlich gegenrevolutionär, sondern zielte auf die bäuerliche Würde und Freiheit.“Rolf. E. Reichardt: Das Blut der Freiheit. S. 51.
Der Aufstand kam in einer besonders kritischen Phase der jungen Republik: Der Kurs der Assignaten war durch immer neue Emissionen auf ein Viertel des Nennwertes gesunken. In Erwartung einer Invasion der Engländer und der emigrierten Royalisten hatte man Kampftruppen nahe den Häfen an der Küste konzentriert, die im Landesinneren fehlten. Im Norden, Osten und Süden Frankreichs kämpfte die Republik gegen die Koalitionstruppen der Monarchien. In 60 von 80 Départements gab es Unruhen und Widerstand gegen das revolutionäre Paris, wo radikale, gemäßigte und konservative Gruppen um die Regierungsgewalt und die Vollendung der Revolution kämpften und diese Auseinandersetzungen mit häufigen, politisch motivierten Strategie- und Kommandowechseln in die Armeen trugen. Disziplinlosigkeit, Desorganisation und Mangelversorgung auf Seiten der Republikaner verhalfen den Aufständischen zu den Erfolgen zu Beginn ihrer Revolte.
Militärische Situation 1793 mini|300px|Die »Vendée militaire« (in grün die für Verstecke wichtigsten Wälder). Die republikanischen Truppen wurden im Mai 1793 von General Biron kommandiert, der gegen seinen Willen vom Nationalkonvent in die Vendée abkommandiert worden war. Er fand die „Armee von La Rochelle“ „in schrecklicher Unordnung vor“. Eigentlich zum Küstenschutz aufgestellt, war sie durch Zwangsrekrutierungen verstärkt, „in Verwirrung, ohne Instruktionen, ohne Disziplin, ohne Proviant auf die Vendée geworfen.“ Dazu kamen schwer zu führende Freiwilligenbataillone und Nationalgardisten, angeführt von dem sansculottischen Bierbrauer General Santerre oder dem ehemaligen Schauspieler Gramont. Eine Reihe von politischen Kommissaren (représentants en mission), die der Konvent zur Armeekontrolle und -organisation entsandt hatte, behinderten eine politische Lösung des Konfliktes und verbreiteten stattdessen Panik in Paris. Eine Radikalisierung der Regierungsanweisungen, im Terror endend, war die Folge.
Die Jakobiner in Paris, die anfänglich den Aufstand als Polizeiaktion gegen Deserteure, Abenteurer und Straßenräuber, les brigands, gesehen hatten, wechselten die Berufsoffiziere aus und machten militärisch unbedarfte Sansculotten und befreundete Revolutionsaktivisten zu Kommandanten. Niederlagen und desertierende oder sich als ganze Einheiten ergebende Republikaner waren im Frühjahr und Sommer 1793 daher häufiges Gefechtsergebnis im Krieg der Vendée.
Erst der Regierungswechsel in Paris, die Entsendung erfahrener Generale und Linientruppen von der Nordgrenze, ließ die Republik ab dem Spätherbst 1793 alle gegenrevolutionären Widerstände erfolgreich bekämpfen.
Das Heer der Vendée, die Armée catholique et royale de Vendée war im Sommer 1793 sieben Divisionen groß, mit einer geschätzten Mannschaftsstärke von insgesamt 40.000 bis 60.000 Bauern- und Handwerkersoldaten, die sich schnell zusammenschließen konnten, aber genau so schnell wieder auflösten und zu ihren Höfen und Werkstätten zurückkehrten. Rund 12.000 zählte die größte Division de Saint-Florent-le-Vieil, 2.000 die kleinste Division d’Argenton-les-Vallées. Die Armee war nicht zentral gelenkt, hatte keine Kriegskasse, keine nennenswerte Kavallerie oder Artillerie und eine Struktur, die kaum mit einer ordentlichen Heeresführung zu vergleichen war. Ihre militärische Schwäche konnten sie mit bedingungslosem Einsatz und ihrem religiös begründeten Hass auf die Republikaner ausgleichen. Ihre Anführer verpflichteten sich im Juni 1793 zu gemeinsamem, aber selten geübtem Vorgehen und der Gründung eines Rates, einer Art Regierung, die sich aber bereits nach wenigen Monaten wieder auflöste.
Kriegsverlauf Beginn des bewaffneten Aufstands im Frühjahr 1793 Als am 10. März 1793 die große Rekrutenaushebung stattfinden sollte, erhob sich an verschiedenen Orten der Vendée der Widerstand. In Saint-Florent-le-Vieil, im heutigen Département Maine-et-Loire, wählten die Aufständischen einen Fuhrmann, Cathelineau, in Niederpoitou (Marais) den vormaligen Marineoffizier Charette zu ihrem Führer.
In Cholet griff man die Nationalgardisten an und soll über 300 getötet haben. In Machecoul, einem Flecken im Département Loire-Atlantique kam es zu einem ersten Massaker an 150 gefangenen Nationalgardisten, das die radikalen Montagnards die Aufständischen zu von Priestern aufgestachelten Revolutionsgegnern dämonisieren ließ.
Innerhalb weniger Tage wurden Orte und Landschaft der alten Provinzen Anjou, Bretagne und Poitou zu einem Kriegsschauplatz, auf dem sich Bauern und Handwerker zusammenschlossen und, meistens in Überzahl, die örtlichen Nationalgarden und Truppen der Republik übermannten.
Die mangelnde Kriegsübung ersetzten die Führer der Revolte durch ihre genaue Kenntnis des Landes. Als der Adel sich dem Aufstand anschloss, erlangten die Bauern in ihm, besonders in Männern wie Henri de La Rochejaquelein und Louis de Salgues de Lescure, militärisch erfahrene Führer.
mini|links|Le Vendéen, von Julien Le Blant, um 1880 Im Sommer 1793 sah man die Vendéer in den meisten Kämpfen als Gewinner, weil sie alleine durch Überzahl die regulären Truppen oft in Angst und Schrecken versetzten. Am 5. Mai sollen 20.000 Vendéer der vereinigten Divisionen die 5.000 Republikaner unter einem General Quétineau bei Thouars (Département Deux-Sèvres) zur widerstandslosen Aufgabe gezwungen haben. La Rochejaquelein erfocht am 25. Mai 1793 einen Sieg bei Fontenay-le-Comte und soll dabei 3.500 Gefangene gemacht haben, eroberte am 10. Juni Saumur und erbeutete 15.000 Gewehre und 50 bis 80 Kanonen.
Um sich mehr Hilfsquellen zu eröffnen, unternahm die Armee der Vendéer mit 30.000 Mann, zu deren Befehlshaber Cathelineau gewählt worden war, vom 25. bis 29. Juni 1793 Angriffe auf die Stadt Nantes. Die damals 90.000 Einwohner zählende Stadt galt den Royalisten als sicherer Ort und Hafen für die Anlieferung englischer Hilfsgüter. Der unerwartete Widerstand von Nationalgarde und pro-republikanischer Teile der Bevölkerung demoralisierte das Heer der Vendéer. Ihr Anführer Cathelineau wurde tödlich verwundet und starb am 11. Juli. Sein Nachfolger Baron d’Elbée konnte die sich auflösende Masse der Kämpfer nicht zusammenhalten.