mini|Dizzy Gillespie, 1946 (Fotografie von William P. Gottlieb) mini|Dizzy Gillespie, 1991 Dizzy Gillespie (; * 21. Oktober 1917 in Cheraw, South Carolina; † 6. Januar 1993 in Englewood, New Jersey; eigentlich John Birks Gillespie) war ein US-amerikanischer Jazzmusiker (Trompeter), Komponist, Sänger, Arrangeur und Bandleader. Gillespie gehört neben Thelonious Monk und Charlie Parker zu den Wegbereitern des Bebop.

Leben Gillespie kam als eines der jüngeren von zehn Kindern zur Welt und wurde von seinem Vater, einem Bauarbeiter und lokalen Amateur-Bandleader, in seiner musikalischen Entwicklung unterstützt und gefördert. Mit vier Jahren spielte er Klavier, anschließend erlernte er autodidaktisch die Zugposaune und bevor er zwölf Jahre alt war, stieg er auf die Trompete um. Er erhielt ein Stipendium für das Laurinburg Institute in North Carolina, verließ aber bald die Schule, um Vollzeit-Musiker zu werden.

In jungen Jahren spielte Gillespie in zahlreichen Swing-Bigbands: 1935 wurde er in Philadelphia von Frank Fairfax angeheuert, den er kurz darauf verließ. Mit der Band von Teddy Hill bereiste er Europa. Gillespie war ein Wandervogel und spielte von 1939 bis 1941 bei Cab Calloway – der seine abenteuerlichen Soli als „chinesische Musik“ bezeichnete – unter anderen mit Chu Berry und Cozy Cole, bis er im Streit mit Calloway aus der Band geworfen wurde.Er soll hinter Calloways Rücken ins Publikum gewinkt haben und warf nach Berendt („Jazzbuch“) sogar Papierkügelchen auf ihn. Als Calloway ihn in der Garderobe zur Rede stellte, soll es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen sein. 1942 spielte er im Orchester von Earl Hines mit Charlie Parker, Sarah Vaughan und Billy Eckstine, während er für Jimmy Dorsey Stücke arrangierte und in der Band von Duke Ellington mitspielte. Auch in der Entwicklung des Bebop spielte er eine wichtige Rolle in experimentellen Jamsessions zusammen mit Thelonious Monk, Kenny Clarke, Charlie Parker und anderen im Minton’s Playhouse in Harlem ab 1941. Eckstines neu gegründete Band, die großteils aus der Hines-Band hervorging, wurde mit Parker, Gillespie und Vaughan ab 1944 die erste Band, die diesen neuen Stil spielte. 1944 spielte er im Quintett von Oscar Pettiford Bebop im Onyx Club und macht mit dem Quintett im selben Jahr auch Aufnahmen mit Coleman Hawkins. 1944 bis 1945 hatte er seine erste Combo mit Parker im Three Deuces und Spotlite.

1945 nahm er beim Musiklabel Guild seine ersten historischen Bebop-Platten auf. Ein Jahr später gründete er sein eigenes Orchester, die „Dizzy Gillespie Big Band“, in der unter anderem Jazzgrößen wie Kenny Clarke, John Lewis, Milt Jackson, James Moody und John Coltrane spielten. Mit dieser Zusammensetzung bereiste er Anfang 1948 die Vereinigten Staaten, Frankreich und Belgien. In seinem Schaffen als Bandleader gelang es ihm, neue Jazzströmungen in einen Big-Band-Kontext zu übertragen. 1950 löste er die Gruppe aus finanziellen Gründen auf und spielte hauptsächlich mit Kleinformationen. Gelegentlich stellte er allerdings noch Bigbands zusammen, mit denen er auch auf Tournee ging. In seinen letzten Lebensjahren trat er mehrfach mit dem für ihn gegründeten „United Nation Orchestra“ auf, in dem nicht nur frühere Weggefährten, sondern auch Schüler von ihm mitwirkten.

Gillespie kandidierte 1964 für das Amt des US-Präsidenten; mit dem eingängigen Slogan „Ich kandidiere als Präsident, weil wir einen brauchen“ hatte er jedoch keinen Erfolg.Joelle Ulrich: ARD-Radiofestival 2012

Eine nichteheliche Tochter, Jeanie Bryson, stammt aus einer Liaison mit der US-amerikanischen Jazz-Sängerin und Songschreiberin Connie Bryson.Alyn Shipton: Groovin’ High. Google-Book

Seit 2005 trägt der Asteroid (5831) Dizzy Gillespies Namen.

Wirken mini|Dizzy Gillespie mit dem Schlagzeuger Bill Stewart 1984 auf dem Stanford-Jazz-Workshop Gillespie war in den 1940er und 1950er Jahren – auch äußerlich – der Inbegriff des smarten, hippen Jazz-Intellektuellen (Hipster). In dieser Zeit zählte er auch zu den ersten amerikanischen Jazzmusikern, die lateinamerikanische, afrokubanische und afrikanische Elemente in ihre Kompositionen und Improvisationen einfließen ließen. In rascher Abfolge spielte er mit Chano Pozo, Lalo Schifrin, José Mangual Sr., Mongo Santamaría und anderen Spezialisten der afrokubanischen und lateinamerikanischen Klänge. In späteren Jahren war er Freund und Förderer jüngerer kubanischer Talente wie Arturo Sandoval und Gonzalo Rubalcaba. Gillespies Eintreten gegen Rassismus führte ihn zum Glauben der Bahai, deren IdealeChristopher Buck: The Interracial “Baha’i Movement” and the Black Intelligentsia: The Case of W. E. B. Du Bois. In: Journal of Religious History, Vol. 36, No. 4, December 2012:542–562 ihn anzogen und deren Religion er um 1970 annahm, was seinen Lebensstil und sein Auftreten in der Öffentlichkeit veränderte. Der „Clown des Bebop“ wurde ein ernsthafter Musiker, der sich auch für politische Ziele einsetzte, ohne jedoch parteipolitisch aktiv zu werden. 1988 gründete er das „United Nation Orchestra“, mit dem er Ägypten, Marokko und etwas später Kanada sowie Südamerika bereiste.

mini|links|Dizzy Gillespie, 1988 Seine Rolle als Integrationsfigur des Jazz begann jedoch schon in den 1950er Jahren, als er nach Erfolgen auch in Europa (z. B. Pleyel Konzerte 1948 in Paris) und Auftritten bei „Jazz at the Philharmonic“ 1955 vom State Department die Gelegenheit bekam, eine Bigband zu bilden, mit der er bis 1958 auf Welttour ging (sein Auftritt 1956 in Athen half die wegen des Zypernkonflikts aufgestauten antiamerikanischen Spannungen abzubauen und zahlte sich somit auch für seine Geldgeber aus). Nachdem er in den 1960er Jahren, in denen er auch mit Thirdstream-Komponisten wie Lalo Schifrin und Gunther Schuller zusammenarbeitete, meist in kleineren Combos gespielt hatte, ging er Anfang der 1970er Jahre mit den Jazz Giants (Sonny Stitt, Thelonious Monk, Art Blakey und anderen) auf Tournee nach Europa und Australien und unternahm 1973 eine große Afrikatour.

Dizzy Gillespie ist eine der populärsten Figuren des Jazz, und Musiker wie Miles Davis, Thad Jones und Kenny Dorham nannten ihn als wichtigen Einfluss. Woody Herman nannte ihn einen „Giganten des Jazz“. Viele seiner Stücke wie A Night in Tunisia, Groovin' High und Woody ’n You zählen heute zu den Jazzstandards. Als sein Markenzeichen gilt die Trompete mit 45 Grad nach oben gebogenem Schalltrichter (siehe Foto) und seine charakteristisch prall aufgeblasenen Wangen, ein Phänomen, für das die Medizin sogar einen Fachbegriff geschaffen hat: „Gillespie pouch“.

mini|Gillespie mit seinen Memoiren To Be or Not to Bop (1980) Der Musiker Gillespie wird heute in mehrfacher Hinsicht gewürdigt: „als Klangvisionär“, der auf der Trompete zudem „eine gänzlich individuelle Virtuosität entwickelte, als Komponist, Arrangeur und Bandleader, als Sänger mit unvergleichlichen Bebop-Vocals und als Inszenator einer hochexplosiven Mixtur aus Jazz und afrokubanischer Musik.“Hans-Jürgen Schaal Erneuerer und Entertainer Jazzzeitung 10/2002

Im Verlag „Doubleday“ erschien 1979 seine zusammen mit Al Fraser verfasste Autobiografie mit dem Titel To Be or not to Bop. John Holland drehte 1985 einen Film von einem Gastspiel in Havanna („Dizzy Gillespie – a Night in Havanna“ 1988).

In der Zeit des Endes des Ost-West-Konflikts und der beginnenden Annäherung von Ost und West organisierte die deutsche Bahaigemeinde die Benefiz-Tournee „One World Concerts mit Dizzy Gillespie“, vom 9. bis 11. Mai 1990 unter der Schirmherrschaft von Willy Brandt. Sie begann mit einem Auftakt-Konzert im Palast der Republik in Berlin in der Gegenwart der letzten Präsidentin der Volkskammer Bergmann-Pohl und ging dann über Moskau nach Prag. mini|links|Dizzy Gillespie triumphiert über Mauerfall, Berlin, 1990 In Berlin bestieg er vor seinem Konzert Mauerreste und bejubelte den Fall der Mauer. Im Prager Kulturpalast brachten ihm seine legendären Worte „Es gibt nur eine Welt oder keine“ inmitten des Konzerts in der Gegenwart von Václav Havel minutenlangen Beifall ein. mini|Vaclav Havel (Mitte), Dizzy Gillespie, Ingo Hofmann (l.), Godrat Rafat (2.v.r.), Prager Kulturpalast, 1990

Sein letztes öffentliches Konzert gab er im Februar 1992 in Seattle. In seinem Todesjahr 1993 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt.

Diskografie mini|78er-Schellackplatte des Sängers Joe Carroll mit der Dizzy Gillespie Band: Lady Be Good auf dem kurzlebigen Label Dee Gee

Aufnahmen unter eigenem Namen 1937–49: The Complete RCA Victor Recordings compilation album (RCA Victor) 1945–47: Groovin’ High (Dizzy-Gillespie-Album) compilation album (Savoy) 1945: Town Hall, New York City, June 22, 1945 1948: Gene Norman Presents Dizzy Gillespie in Concert (GNP Crescendo 23) 1950: Bird and Diz (Clef) – with Charlie Parker 1951–52: Dee Gee Days: The Savoy Sessions compilation album (Savoy) – includes all tracks on The Champ (Savoy) and School Days (Regent) 1952–53: The Great Blue Star Sessions 1952–1953 compilation album (EmArcy) – includes all tracks on Dizzy Gillespie and His Operatic Strings Orchestra (Fontana) and some tracks released on Dizzy at Home and Abroad (Atlantic) 1952: Horn A Plenty (Blue Note 1952) 1953: Dizzy Digs Paris (Giant Steps) – includes all tracks on Dizzy Over Paris (Roost) 1953: Jazz at Massey Hall (Debut) – with Charlie Parker, Bud Powell, Charles Mingus and Max Roach 1953: Diz and Getz (Norgran) – with Stan Getz 1954: Afro (Norgran) 1954: Dizzy and Strings (Norgran) 1954: Roy and Diz (Clef) – with Roy Eldridge 1954–55: Jazz Recital (Norgran) – also released as Dizzy Gillespie and His Orchestra 1955: One Night in Washington (Elektra Musician ) 1956: Modern Jazz Sextet (Norgran) 1956: World Statesman – Big Band (Norgran) 1956 and 1957: Dizzy in Greece – Big Band Studio Recordings (Verve) 1956: For Musicians Only (Verve) – with Stan Getz and Sonny Stitt 1957: Birks’ Works – Big Band (Verve) 1957: Dizzy Gillespie and Stuff Smith (Verve) 1957: Sittin’ In (Verve) – with Stan Getz and Coleman Hawkins 1957: Dizzy Gillespie at Newport – Big Band (Verve) 1957: Duets (Verve) – with Sonny Rollins and Sonny Stitt 1957: The Greatest Trumpet of Them All (Verve) – with Benny Golson 1957: Sonny Side Up (Verve) – with Sonny Rollins and Sonny Stitt 1959: The Ebullient Mr. Gillespie (Verve) 1959: Have Trumpet, Will Excite! (Verve) 1960: The Copenhagen Concert (SteepleChase) – with Leo Wright and Junior Mance 1960: A Portrait of Duke Ellington (Verve) 1960: Gillespiana (Verve) – composed and arranged by Lalo Schifrin 1961: An Electrifying Evening with the Dizzy Gillespie Quintet (Verve) 1961: Carnegie Hall Concert (Verve) 1961: Perceptions (Verve) – composed and arranged by J. J. Johnson, conducted by Gunther Schuller 1962: Dizzy on the French Riviera (Philips) – with Elek Bacsik 1962: The New Continent (Limelight) – composed and arranged by Lalo Schifrin 1963: New Wave (Philips) – 8 tracks 1963: New Wave! (Wing WL1152) – 7 tracks 1963: Something Old, Something New (Philips) 1963: Dizzy Gillespie and the Double Six of Paris (Philips) 1964: Dizzy Goes Hollywood (Philips) 1964: The Cool World (Philips) 1964: Jambo Caribe (Limelight) 1964: I/We Had a Ball (Limelight, 1965) – 1 track + 3 with Quincy Jones 1965: Gil Fuller & the Monterey Jazz Festival Orchestra featuring Dizzy Gillespie (Pacific Jazz) – with Gil Fuller 1966: The Melody Lingers On (Limelight) 1967: Swing Low, Sweet Cadillac (Impulse!) 1967: Live at the Village Vanguard (Solid State) 1968: The Dizzy Gillespie Reunion Big Band (MPS) 1969: It's My Way (Solid State) – also released as My Way 1969: Cornucopia (Solid State) 1970: The Real Thing (Perception) – with James Moody 1970: Portrait of Jenny (Perception) 1971: Giants (Perception) – with Bobby Hackett and Mary Lou Williams 1971: Dizzy Gillespie and the Mitchell Ruff Duo in Concert (Mainstream) – with Willie Ruff and Dwike Mitchell