miniatur|Sinterterrassen in Pamukkale, Türkei
Sinter (von ‚Schlacke‘; in der Geomorphologie auch Dauch) oder Sinterstein ist die Substanz bzw. das Gestein, das durch eine allmähliche mineralische Ablagerung entsteht („Versinterung“), insbesondere eine Kalkablagerung.
Entstehung miniatur|Tropfsteinbildung Sinter bildet sich durch Abscheiden (Kristallisation) von in Wasser gelösten Mineralen, also in Gewässern, Wasserleitungen und -behältern oder in feuchtem Milieu. Er bildet krustenförmige Überzüge (Inkrustation) im Gelände – an Hängen, Geländestufen oder Terrassen (Sinterterrasse) und entsteht in vielfältiger Form in Höhlen, Bergwerken und feuchten Stollen als Speläothem (Höhlensinter), von Sinterhäutchen bis hin zu mächtigen Bänken, wenn mineralhaltiges Wasser auf den Boden tropft und im Laufe der Zeit einen Stalagmit ausbildet.
Chemisch handelt es sich unspezifisch um Alkali- und/oder Erdalkalimetall-Salze von diversen anorganischen, aber auch organischen Säuren mitsamt verschiedenen Beimischungen. Petrologisch gehört Sinter zu den Sedimentiten. In der Biologie spricht man bei Sinter von Inkrustation.
Die an der Entstehung beteiligten chemischen Vorgänge sind eingehend bei Wasserhärte#Kalk-Kohlensäure-Gleichgewicht beschrieben.
Formen mini|Kalksinter (Travertin) aus Stuttgart-Untertürkheim (Eem-Warmzeit), in dem Pflanzenabdrücke durch die Kalkabscheidung konserviert wurden. miniatur|Sinterüberzug in der Grube Eisenberg mini|Rezente Sinterbildung in der Wutachschlucht. Die Moose entziehen dem Wasser Kohlenstoffdioxid, es kommt zur Ausfällung von Kalk.
Mineralische Ablagerungen von relativ reiner Zusammensetzung in der Natur sind: Kalksinter, die vorwiegend aus Calciumcarbonat bestehen (etwa Travertin, Kalktuff sowie Höhlenperlen und Erbsenstein),Hans Murawski, Wilhelm Meyer: Geologisches Wörterbuch. 12. Auflage, Spektrum, Heidelberg 2010, S. 153. Kieselsinter aus kryptokristallinen Siliciumdioxid oder Opal, das sich an heißen Quellen (z. B. Geysiren) absetzen kann und mitunter Geysirit genannt wirdRadim Kettner: Allgemeine Geologie. Band 2: Zusammensetzung der Erdkruste, Entstehung der Gesteine und Lagerstätten. Berlin 1959, S. 98.Hans Murawski, Wilhelm Meyer: Geologisches Wörterbuch. 12. Auflage, Spektrum, Heidelberg 2010, S. 61. und Schwefelsinter, hauptsächlich diverse Sulfide und Sulfate, häufig die Folge vulkanischer Vorgänge.
Mineralausprägungen wie Quarz-Adern in anderen Gesteinen, Achat, Drusen (Geoden) können als Sonderfall betrachtet werden.
Salzgesteine (Evaporite), insbesondere Steinsalz (Halit) sind streng genommen auch Sinter, doch ist die Bezeichnung hier nicht gebräuchlich.
Die Konkretion, ein durch Fällung entstandener Stein, etwa Raseneisenstein, kann Formen der Versinterung annehmen.
In der Technik werden folgende Ablagerungen als Sinter bezeichnet: in Töpfen, Rohren und Kesseln, in denen Wasser (über 60 °C) erhitzt wird – (Kesselstein) in Urinalen – Urinstein in Weinfässern und -flaschen – Weinstein Sinter, Sinterhaut, Kalksinterhaut oder allgemein InkrustationMartin Meschede et al.: Geologisches Wörterbuch. Springer Spektrum, Berlin 2022, S. 166. – die durch Verdunstung entstandene, wenige Mikrometer bis Millimeter dicke feinkristalline mineralische Schicht aus Calcit, Gips, Kieselsäure oder Metalloxiden, die sich auf trocknendem Kalk- und Zementputz, Naturwerkstein, Beton sowie mineralisch gebundenen Farben bildet, siehe auch Fresko. Als Sinterstein wurde auch die bei der Erzschmelze entstehende SchlackeGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 463 (zu sindel, bei der Metallschmelze entstehende Schlacke, zu sinderclos, Schlackeklumpen, und zu sinterstein). bezeichnet.
Besondere natürliche Vorkommen Tropfsteine und andere Speläothem-Formen poröser Travertin, Kalktuff (etwa an den Plitvicer Seen) Steinerne Rinnen und andere relativ kompakte, feingeschichtete Formen (Wachsender Felsen an der Isar) Sinterstufen (Sinterterrassen) als Gewässerform (Plitvicer Seen, Pamukkale, Saturnia, Mammoth Hot Springs u.v. a.m.) Das Vorkommen des Böttinger Marmors im Geopark Schwäbische AlbJohannes Baier: Geohistorische Bemerkungen zum Vulkanfeld der Schwäbischen Alb. In: Geohistorische Blätter, Bd. 31 (2020), H. 1/2, S. 39–64, . Der Aquäduktenmarmor, als Sinterprodukt einer römischen Wasserleitung in der Eifel Sprudelstein-Vorkommen von KarlsbadJohannes Baier: Karlsbad – Stadt der Thermen und Sinter. In: Fossilien, Jg. 30 (2013), S. 24–28.Johannes Baier: Goethe und die Thermalquellen von Karlovy Vary (Karlsbad, Tschechische Republik). In: Jahresberichte und Mitteilungen des Oberrheinischen Geologischen Vereins, N. F., Jg. 94 (2012), S. 87–103 künstliche Riffe.
Wirtschaftliche Nutzung Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Sinterbildung vom Unternehmen Fontaines pétrifiantes de Saint-Nectaire im französischen Ort Saint-Nectaire für die Herstellung von Objekten genutzt. Produziert werden beispielsweise Reliefs.
Siehe auch Carbonat-Silicat-Zyklus, zum Chemismus der Sinterbildung
Weblinks
Mineralienatlas:Sinter
Einzelnachweise
Kategorie:Geomorphologie Kategorie:Biogenes Sedimentgestein Kategorie:Chemisches Sedimentgestein
en:Sinter