mini|Karl Jatho 1907/1908 am Steuer seines Zweiflächers

Karl Jatho (* 3. Februar 1873 in Hannover; † 8. Dezember 1933 ebenda) war ein deutscher Beamter und Flugpionier. Laut seinen persönlichen NotizenWolfgang Leonhardt hat die im Historischen Museum am Hohen Ufer lagernden persönliche Dokumente von Karl Jatho in seinem über BoD zugänglichen Buch Karl Jathos erster Motorflug 1903 verwendet. sowie 30 Jahre später beigebrachten angeblichen notariellen BestätigungenKarl Jathos erster Motorflug 1903, S. 32. soll er einer der ersten Menschen gewesen sein, die einen motorisierten Flug durchgeführt haben. Es gibt bislang keine Quelle, die dafür einen unabhängigen Beleg vorlegt. Seine frühen Versuche und technischen Experimente lösten jedoch nicht das Problem des Motorflugs, da Jatho die Gesetze des Auftriebs nur unzureichend umsetzte.Jatho, Karl. In: Neue Deutsche Biographie.

Leben Nach Besuch des Realgymnasiums I und einer Präparandenanstalt in Hannover durchlief Jatho ab 1891 eine Ausbildung im Expeditions- und Registraturwesen. 1892 trat er in den Dienst der Hannoverschen Stadtverwaltung; am 1. April 1901 wurde er zum städtischen Beamten ernannt.Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 10. Bevor er seine Flugleidenschaft entdeckte, machte sich Karl Jatho als Radsportler und an der Seite seiner Schwester als Hochrad-Akrobat einen Namen. Ab 1896 baute Jatho Am Jagdstall bei der Lister Bockwindmühle Gleitflieger. Unbefriedigt von seinem Erstflug und beunruhigt durch den tödlichen Absturz Otto Lilienthals im selben Jahr nahm er ständige Verbesserungen an seinem Fluggerät vor.Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 9 ff. Neben seinem Luftfahrt-Engagement blieb er weiterhin hauptamtlich als Magistratsbeamter in Hannover im Dienst und ließ sich für seine Teilnahmen an der Internationalen Sportausstellung 1907 in Berlin und der ILA 1909 in Frankfurt vom Dienst befreien.Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 54.

Im November 1913 gründete Jatho gemeinsam mit Partnern die Hannoverschen Flugzeugwerke GmbH, der jedoch kein wirtschaftlicher Erfolg beschieden war. Die Firma wurde bei Heeresaufträgen nicht berücksichtigt und musste bereits im August 1914 wieder schließen. Danach befasste sich Jatho nur noch theoretisch mit dem Flugzeugbau. Wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen betrieb er über Jahre seine Versetzung in den Ruhestand, die schließlich im April 1924 vorläufig und 1928 dauerhaft vollzogen wurde.Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 140–141. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er im Rollstuhl.Walter Euhus: Karl Jatho – der Fahrrad- und Flugzeugpionier aus Hannover. In: Der Knochenschüttler. Heft 37, 2/2006, S. 23.

Kunstradsport

mini|1900 oder 1901 von den Gebr. Forcke mit der Hannoverschen Gummi-Kamm-Compagnie, Act.-Ges. für Jatho und dessen Schwester produziertes Riesen-Sociable-Zweirad

Von Jugend an war Karl Jatho ein begeisterter Sportler und betätigte sich im Turnen und Schlittschuhlaufen. 1893 lernte er das Radfahren und trat im Jahr darauf dem Radfahrer-Club Hannover von 1895 bei. In den folgenden Jahren trat er erfolgreich als Kunstradfahrer auf dem Hochrad auf. Seine Paradeübung war ein freistehender Handstand auf einem 51 Zoll großen Hochrad von den Brennabor-Werken, von denen sich Jatho auch das „größte Hochrad der Welt“ mit 3,60 Metern Höhe bauen ließ. Später ließ er sich für 2000 Reichsmark ein 40 Kilogramm schweres Doppelsitzer-Hochrad von der Holzfelgenfabrik Gebr. Forcke bauen, das er gemeinsam mit seiner Schwester fuhr.

Jathos frühe Flugapparate mini|Seckendorff antwortet für Heinrich von Preußen am 19. November 1902 auf eine Eingabe von Herrn Karl Jatho, „Revisor beim Stadtbauamt“ Hannover mini|Der „Jatho-Drachen“ in der „Dreiflächer“-Version auf der Internationalen Sport-Ausstellung in Berlin vom 20. April bis 5. Mai 1907 mini|Der „Jatho-Drachen“ in der „Zweiflächer“-Version mit fünf Rädern, Automobil-Lenkrad und Luftschraube aus „Eschenholzgerippe mit Blechüberzug“Notiz in der Allgemeinen Automobil-Zeitung, Nr. 51, Bd. IV., 20. Dezember 1907, S. 75. neben einem Schuppen. Das Bild ist frühestens aus dem Sommer 1907. Die gut erkennbare Lenksäule und das Automobil-Lenkrad, das Jatho umfasst, wurden erst ab Sommer 1907 verwendet.Notiz im Hannoverschen Anzeiger, 20. August 1907, siehe Zitat im Fließtext. mini|Der „Jatho-Drachen“ in der „Zweiflächer“-Version mit Automobil-Lenkrad und Aluminium-Luftschraube auf der Vahrenwalder Heide im Norden Hannovers im 2. Halbjahr 1907. Gut zu erkennen ist außerdem, dass der Fahrgestellrahmen auf dem Boden aufliegt. mini|Der „Drachenflieger Nr. 4“ mit dem Jatho an der ILA 1909 teilnahmveröffentlicht in Flugsport Nr. 16/1909.

Zwei verschiedene Entwicklungs-Chronologien In den Quellen, die über Jathos Entwicklungsschritte im Flugzeugbau berichten, ist übereinstimmend beschrieben, dass Jathos spätestens ab 1900 an einem Flugapparat arbeitete, der im Herbst 1902 aber noch nicht motorisiert war.

Ab 1903 sind über mehrere Jahre zwei prinzipiell verschiedene Entwicklungs-Chronologien dargestellt. Quellen, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 veröffentlicht wurden, berichten von Flugversuchen nach der Berliner Sportausstellung 1907 und dem Bau von drei motorisierten Flugapparaten bis 1909. Quellen, die nach Jathos Versetzung in den dauerhaften Ruhestand 1928 veröffentlicht wurden, berichten von Flugversuchen und Flügen ab 1903 und mehr als drei Flugapparaten, die bis 1909 gebaut wurden.

Hannoverscher Courier 1907, Rumpler 1909 und Hannoversche Sportwoche 1912 Die zeitnächsten unabhängigen Quellen zu seinem Projekt stammen aus den Jahren 1907, 1908 und 1909.

F.W. Oelze aus Hannover berichtet in seinem Artikel in den „Illustrierten Aeronautischen Mitteilungen“ vom 3. Januar 1908 über die „Anfahrversuche“ von Jatho und eine „wirkliche Flugprobe, wie eine solche in nächster Zeit stattfinden soll“.

Folgt man Rumpler, der 1909 in „Die Flugmaschine“Die Flugmaschine … einen kurzen Überblick über von Jatho erstellte Flugapparate bis zum Redaktionsschluss seines Buches gibt, hat Jatho bis 1908/1909 zwei motorisierte Flugapparate gebaut und eine dritte Maschine für 1909 in Planung.

Inhaltlich bestätigt wird Rumpler, wenn man der in der Hannoverschen Sportwoche vom 1. Dezember 1912 veröffentlichten Chronologie folgt. Jatho baute in der Zeit von 1898 bis 1909 drei motorisierte Flugapparate.Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 46. Im Einzelnen werden aufgezählt: Ab 1898 baute Jatho einen Dreidecker (Zweidecker mit aufgesetztem Höhensteuer). Dieser „Drachenflieger“ hatte einen „9/12pferdigen Buchet-Luftschiffmotor“ und „ruhte auf fünf Pneumatik-Rädern“. Den Dreidecker „ereilte ein frühes Ende, denn bei den Anfahrversuchen in dem tiefen Sande der Vahrenwalder Heide überschlug er sich, wobei ein Segel und das Anfahrgestell zertrümmert wurden.“ Es folgte ein Zweidecker, bei dem erneut der Buchet-Motor eingesetzt wurde. Mit ihm gelangen „kurze, sprungartige Flüge“, bevor die Maschine in einem Graben „in Trümmer“ ging. Daraufhin wurde ein Zweidecker, bei dem das Höhenruder vorn angebracht war, mit einem vierzylinder 36 PS Körting-Motor gebaut. Es wurden Flüge von vier Meter Höhe und neunzig Meter Länge ausgeführt, bevor „diesen Apparat während der Ila sein Schicksal ereilte“.

Diese Auflistungen von Rumpler und der Hannoverschen Sportwoche werden aus den Zeitungsberichten von 1907 bis ins Detail bestätigt, nach denen Jatho im April 1907 seinen Dreiflächer in Berlin ausstellte und am 1. August 1907 seinen Zweiflächer von Militärangehörigen und Pressevertretern besichtigen ließ und danach Roll- und Flugversuche unternahm.

Leonhardt 2002 Folgt man, wie es Wolfgang Leonhardt 2002 ausführt, den veröffentlichten BerichtenKarl Jathos erster Motorflug 1903, S. 42ff und Jathos Notizen, baute Jatho in der Zeit von 1897 bis 1909 sechs motorisierte Flugapparate: Von 1897 bis 1903 konstruierte Jatho einen Zweidecker mit aufgesetztem Höhensteuer und einem Grundtragsegel „Segel I“ mit ca. 24 m², Buchet-Motor und einer Gondel mit fünf Rädern. Für die Roll- und Flugversuche wurde eine 180 m lange Bahn genutzt.Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 13. Diesen Dreiflächer nutzte Jatho vier Tage vom 18. bis 21. August 1903. Am 18. August 1903 gelang der erste Luftsprung von 18 m Weite, am 21. August 1903 wurde die Maschine umgeworfen, und ein Rad und die Segelfläche nahmen Schaden. Vom 22. August bis 11. September 1903 erfolgte ein Umbau des defekten Dreiflächers in einen Zweiflächer mit 24 m² Segelfläche und 12 m² Höhensteuer. Am 23. September 1903 wird eine Aluminium-Luftschraube gebaut und montiert. Diese Maschine wurde bis November 1903 genutzt. 1904 baute er mit dem Buchet-Motor des 1903er Zweiflächers einen weiteren Zweiflächer „Jatho III“ ähnlich der Version von 1903 mit 51,8 m² Segelfläche auf einem Dreiradgestell, erzielte damit aber keine Verbesserungen. Im April 1907 zeigte Jatho einen Dreiflächer mit Buchet-Motor und Luftschraube aus Eschenholzgerippe mit Blechüberzug in Berlin. Am 1. August 1907 wurde der Presse ein Zweiflächer mit 24 m² Grundtragsegel, fünf Rädern und einem 12 PS Buchet-Motor vorgeführt, so wie er auch für September 1903 beschrieben wurde. Wie verschiedene BilderTüftler und Querdenker, Seiten 9 u. 27 zeigen die Maschine nach der Montage des Automobillenkrades im August 1907 mit Luftschraube aus Eschenholzgerippe mit Blechüberzug. Dieses Bild zeigt die Maschine mit Automobillenkrad und Aluminium-Luftschraube. zeigen, wurde auch im Jahr 1907 ein Luftschraubenwechsel auf eine Aluminium-Luftschraube vorgenommen, obwohl nach Jathos Notizen bereits seit 23. September 1903 eine Aluminium-Luftschraube Verwendung fand. Und ebenso wie 1903 war die Fahrbahn 1907 für die Roll- und Flugversuche 180 m lang. Über Roll- und Startversuche mit dem am 1. August 1907 der Presse vorgestellten Zweiflächer wurde ab Oktober berichtet. Die Maschine hob aber nicht ab. 1907/1908 wurde ein Zweidecker mit vorn liegendem Höhenruder und 36 PS Körting-Motor gebaut und auf der ILA 1909 ausgestellt und vorgeführt.

Die frühen Luftsprünge des Dreiflächers 1903, der Umbau zum Zweiflächer 1903, die Umrüstung der Luftschraube auf eine Aluminium-Version 1903, die Flugleistungen des Zweiflächers 1903 und die Maschine Jatho IIIKarl Jathos erster Motorflug 1903, auf S. 44 zeigt Leonhardt ein Bild der Jatho III. Die dort gezeigte Maschine scheint aber identisch mit einer Maschine, die dem Jahr 1907/1908 zugeordnet ist. von 1904 sind nicht über zeitnahe Zeitungsberichte und Fotos belegt, sondern ausschließlich in persönlichen Notizen Jathos, die ab 1933 ausgewertet wurden, beschrieben.

Identische Entwicklungsschritte 1903 und 1907 Bisher sind keine Quellen bekannt, die sich mit dieser von Leonhardt aus Buch- und Zeitungsberichten und Jatho-Notizen zusammengetragenen Gesamt-Chronologie auseinandersetzen, nach denen Jatho sowohl 1903 als auch 1907 eine 180 m lange Rollbahn anlegt, für seine Flugapparate den gleichen Motor und die gleichen Konstruktionen verwendet, seinen Dreiflächer in einen Zweiflächer umbaut, die Luftschraube aus Eschenholzgerippe gegen eine Aluminium-Luftschraube austauscht.

Aus Leonhardts Datensammlung ergibt sich, dass alle wesentlichen Entwicklungsschritte an Jathos Flugapparat, die in Jathos Notizen dem Zeitraum August bis November 1903 zugeordnet sind, auch ab April 1907 in identischer Form, diesmal von Dritten dokumentiert, durchlaufen wurden. Wenn man diese ab 1907 öffentlich begleiteten Entwicklungsschritte an Jathos Flugapparat als gesichert betrachtet, erscheinen die Jatho zugeschriebenen Notizen der Entwicklungsschritte zum Jahr 1903 wie eine zeitlich vorverlegte Kopie der Entwicklungsschritte von 1907.

Keine Geheimhaltung seitens Jatho ab 1902 Bereits 1935 warf Supf die Frage auf, warum man 1903 „so wenig von ihm [Jatho] gehört hat.“ und beantwortete die Frage selbst mit der Vermutung, die offensichtlich spätere AutorenSiehe z. B. Aero, Heft 46, S. 1267, und Leonhardt, S. 47. von ihm übernahmen: