mini|Gustav Weißkopf Gustav Albin Weißkopf (* 1. Januar 1874 in Leutershausen, Bayern, Deutsches Reich; † 10. Oktober 1927 in Bridgeport (Connecticut), USA) war ein deutscher Pionier des Motorflugs, der in jungen Jahren in die USA auswanderte, wo er sich Gustave Whitehead nannte. Bis heute wird kontrovers diskutiert, ob er den ersten bemannten Motorflug durchgeführt hat.Henry Lai: Der erste Motorflug der Geschichte. In: br.de. 31. Dezember 2013, abgerufen am 23. Oktober 2021.
Herkunft und Ausbildung Gustav Weißkopf wurde 1874Eintrag des Standesamtes: Erstes Kind der Familie. In: familysearch.org. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (Anmeldung erforderlich). als Sohn der Eheleute Karl Ernst Weißkopf (1848–1887) und Maria Sibilla geb. Wittmann (1849–1886) in Leutershausen geboren. Seine Eltern hatten sechs Monate vor seiner Geburt am 13. Juli 1873 in WeißenkirchbergEintrag des Standesamtes: Heirat & Eltern der Brautleute. In: familysearch.org. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (Anmeldung erforderlich). geheiratet. Das erste Kind der Eheleute war die 1871 vorehelich in Colmberg geborene Schwester Eva Babetta. Sein Vater, als Bauaufseher und Zimmermann bei der EisenbahnTätigkeiten bei der Eisenbahn: um 1870/75 am Bau der Strecke Ansbach-Crailsheim, 1875/77 am Bau der Strecke Nürnberg-Bayreuth, 1878/80 am Bau der Neckartalbahn in seinem letzten Lebensjahr arbeitete er kurzzeitig am Frankfurter Hauptbahnhof. tätig, stammte aus Brunst (Leutershausen), seine Mutter aus Colmberg. In Neuhaus an der Pegnitz kam 1875 der zweite Sohn Johann Kaspar und 1877 Sohn Nikolaus zur Welt. Am 4. April 1878 wurde in Neckarelz das fünfte Kind der Eheleute geboren, Johann Weißkopf. Ein Jahr später, ebenfalls in Neckarelz, am 2. Dezember 1879 folgte als sechstes Kind die Tochter Maria († 25. April 1880). In Höchst am Main wurde am 28. Mai 1884 das letzte Kind, die Tochter Marie Katharine, geboren. Die Mutter Maria Sibilla starb am 12. Oktober 1886Namenskorrektur beim Todeseintrag in Höchst, lt. Anordnung der 2ten Civilkammer vom 11. Mai 1887. (JPG) In: digitalisate-he.arcinsys.de, abgerufen am 23. Oktober 2021. mit nur 37 Jahren in Höchst am Main. Der Vater Karl Ernst Weißkopf starb viereinhalb Monate später am 26. Februar 1887 in Fürth mit 39 Jahren. Die Geschwister wurden getrennt, Gustav kam zu den Großeltern nach Ansbach.. In: weisskopf.de.
Gustav Weißkopf begann 1887 zunächst eine Lehre als Buchbinder, brach sie jedoch ab und wurde stattdessen zu einem Schlosser in die Lehre geschickt. Auch diese Lehre brach er im ersten Lehrjahr ab, diesmal, weil er sich 1889 unerlaubt aus Ansbach entfernt hatte. Von Juni bis August 1889 arbeitete er als Tagelöhner in Höchst am Main.
Auswanderung Über seinen weiteren Lebenslauf ist wenig bekannt, bis er acht Jahre später in den USA wieder nachweisbar wurde. Vermutlich wanderte er nach Porto Alegre in Brasilien aus. Nachdem er sich kurze Zeit im damals noch völlig unerschlossenen Landesinneren versucht hatte, kam er nach Rio de Janeiro. Vermutlich um das Jahr 1895 wanderte er auf unbekannte Art in die USA ein.Immigration laut Crewliste vom 1. April 1895, in der 6. Zeile: „mit der Brigg Jane Adeline in Port Boston, Massachusetts“. In: familysearch.org. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (Anmeldung erforderlich). Gustav Weißkopf hat nie seine deutsche Staatsangehörigkeit abgelegt oder eine andere Staatsangehörigkeit beantragt oder angenommen. In den USA schrieb er seinen Namen an die englische Sprache angepasst „Gustave Whitehead“. Nach seinen Angaben arbeitete er vor seiner Immigration in die USA zeitweise als Besatzungsmitglied auf Segelschiffen. In Brasilien baute und flog er nach seinen Angaben Segelflugzeuge. Er sagte, er habe in Chile den Flug der Kondore beobachtet und am Kap Horn den der Albatrosse. Jeweils einen dieser Vögel habe er gefangen, um ihre Spannweite und deren Verhältnis zum Gewicht zu untersuchen. Nach seinen Angaben kehrte er noch einmal nach Deutschland zurück, um dort Otto Lilienthal zu treffen und dessen Mitarbeiter und Schüler zu werden.
Anstellung bei der Boston Aeronautical Society Weißkopfs Lebensweg lässt sich erstmals wieder 1897 belegen. Die Boston Aeronautical Society hatte sich in den zwei vorangegangenen Jahren bemüht, den zu dieser Zeit weltberühmten Lilienthal nach Boston zu bringen, wo er Vorträge und praktischen Flugunterricht halten sollte. Nach Lilienthals Tod im August 1896 beschloss die Boston Aeronautical Society stattdessen, einen Lilienthal-Gleiter nachbauen zu lassen. Für diese Aufgabe wurde Gustav Weißkopf wohl wegen seiner angeblichen Erfahrungen im Bau und Flug von Gleitflugzeugen in Brasilien und seiner angeblichen Mitarbeit bei Otto Lilienthal eingestellt. Gustav Weißkopf baute im Dienst der Aeronautical Society zwei Fluggeräte, die beide fluguntauglich waren. Daraufhin wurde er von der Aeronautical Society entlassen und verließ Boston. Er ging nach New York, wo er Arbeit in einer Fabrik für Sport- und Spielzeugartikel fand.
Familie Am 24. November 1897 heiratete Weißkopf in Buffalo im Staat New York die gleichaltrige Louise (Lujca) Tulpa (bzw. Tuba, * 24. Juli 1875 in Csót (Ungarn)). Auf dem Trauschein gibt er als Beruf Aeronaut an. Louise sprach Deutsch. Mit ihr hatte er drei Töchter und einen Sohn: Rose Whitehead wurde am 21. Oktober 1898Grabstein von Rose, verheiratete Rennison. In: gustavewhitehead.info, abgerufen am 23. Oktober 2021. in New York geboren,Im Census vom Juni 1900 Pittsburg: #74-76 ist Rose zwei Jahre alt. In: familysearch.org. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (Anmeldung erforderlich). ihr Bruder Charles kam 1901, Lilian 1906 und Cornelia 1908 zur Welt.
Entwicklung und Bau von Flugmaschinen Über Baltimore und Johnstown im US-Bundesstaat Pennsylvania zog Weißkopf mit seiner Familie 1899 nach Pittsburgh, wo er Arbeit in einem Kohlebergwerk fand. Hier freundete er sich mit seinem Arbeitskollegen Louis Darvarich an, der ihm beim Flugzeugbau zur Hand ging. Darvarich gab in einer eidesstattlichen Erklärung vom 19. Juli 1934 an, dass er mit Weißkopf geflogen sei:
Eine New Yorker Zeitung brachte 1901 ein Interview mit Weißkopf, in dem er diesen Flug erwähnte.Ship that will fly like a bird may soon be placed on the market. In: New York Telegram. 19. November 1901, S. 10 (gustave-whitehead.com Scan).
Entwicklung und Bau der Nr. 21 mini|hochkant=1.6|Gustav Weißkopf (rechts) mit Tochter Rose 1901 neben seinem Flugzeug Nr. 21 1900 ließ sich Gustav Weißkopf in Bridgeport, Connecticut nieder und arbeitete als Nachtwächter bei der Firma Willmot & Hobbs, wodurch er genug Zeit hatte, tagsüber seinem Interesse, der Entwicklung und dem Bau von Flugmaschinen mit selbstkonstruierten Motoren, nachzugehen. Er konnte den flugbegeisterten Stanley Y. Beach und dessen Vater, den Herausgeber des Scientific American, Frederick C. Beach, überzeugen, sein Engagement finanziell zu unterstützen. Helfer rekrutierte er aus der Nachbarschaft.
Im Minneapolis Journal vom 26. Juli 1901 berichtete Weißkopf von einer ersten Fahrt in einer von ihm gebauten unbemannten Maschine am 3. Mai 1901, dem Ausklappen ihrer Tragflächen aus Bambusrohr und Baumwolle, dem Anwerfen ihres zwei Propeller antreibenden zweiten Motors, und zwei anschließenden Flügen mit 220 Pfund Ballast statt Besatzung, letztlich über 12 m hoch und eine halbe Meile weit.
Tragfläche und Höhenleitwerk der Konstruktion Nr. 21 entsprachen in der Form den von Lilienthal verwendeten. Zusätzlich besaß Nr. 21 eine Art Bootsrumpf, bestückt mit einem selbstgebauten 10-PS-Motor für das Fahrwerk und einem 20-PS-Motor für die beiden Propeller. Die Schwanzflosse war als Höhenruder nach oben und unten schwenkbar. Das Flugzeug besaß kein Seitenruder und keine Querruder. Zur Drehung um die Gierachse war möglicherweise vorgesehen, die beiden Propeller mit unterschiedlicher Geschwindigkeit zu betreiben.
Bemannter Motorflug Am 18. August 1901 berichtet der sonntags erscheinende Bridgeport Herald über einen unbemannten Flug mit 220 Pfund Ballast und einen anschließenden ersten bemannten Motorflug Weißkopfs mit sanfter Landung nach einer halben Meile am Mittwoch, dem 14. August 1901. Mit eingeklappten Flügeln auf ihren 30 cm hohen Scheibenrädern aus Holz auf der Straße fahrend, wird der Maschine eine Geschwindigkeit von ca. 45 km/h bescheinigt. Als vor Ort bei Fairfield anwesende Augenzeugen nennt der nicht namentlich genannte Autor neben sich selbst und dem Piloten Weißkopf dessen zwei Gehilfen James Dickie und Andrew Celli. In der ZDF-Produktion Rätsel um den ersten MotorflugRätsel um den ersten Motorflug. In: ZDFmediathek. 24. Juli 2016, abgerufen am 27. Januar 2019 (Video verfügbar bis 24. Juli 2026). wird der Autor allerdings als Richard Howell benannt. Der Artikel wurde mit einer Zeichnung des fliegenden Flugzeugs und einem Foto illustriert, das nur Weißkopf zeigt. Außer dem Bridgeport Herald berichtete auch die Bridgeport Evening Post am 26. August 1901, und zwar ausdrücklich über einen zweiten erfolgreichen Flug. Zahlreiche weitere Zeitungen übernahmen diese Berichte.Liste der Zeitungsberichte zum bemannten Motorflug 1901. In: gustave-whitehead.com.
Der Cook County Herald vom 26. Oktober 1901 zitiert Weißkopf mit den Worten, am vorigen Dienstag erstmals geflogen zu sein und sein nächstes Flugzeug mit Tragflächen aus Stahlrohr und Seide statt aus Bambus und Baumwolle bauen zu wollen.
Gründung einer Flugzeugfabrik Im Herbst 1901 erhielt Weißkopf von dem New Yorker Unternehmer Herman Linde 10.000 $ Kapital und gründete eine Flugzeugfabrik, in der er insbesondere leichte und starke Flugmotoren fertigen wollte. Die St. Louis Republic zitierte Weißkopf am 18. November 1901 mit den Worten, sein Geldgeber und er könnten in einigen Monaten ein Flugzeug auf den Markt bringen. Im November 1901 waren bereits 15 Mechaniker und zwei Ingenieure in der Flugzeugfabrik beschäftigt.Bridgeport Herald. 17. November 1901, S. 1. Im Januar 1902 zerbrach die Partnerschaft. Linde übernahm die Flugzeugfabrik und machte 1904 bekannt, dass er ein selbststartfähiges Flugzeug bauen werde.New York Herald. 22. März 1904, S. 9 (gustave-whitehead.com). Er wurde später vorübergehend wegen eines „trivialen Zwischenfalls“ in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen.Herman Linde. In: New York Dramatic Mirror. 29. Mai 1909 (gustave-whitehead.com Scan).
Im Frühjahr 1902 gab Gustav Weißkopf bekannt, er habe am 26. Januar mit einem neuen Flugzeug, das er Nr. 22 getauft hatte, zwei erfolgreiche Flüge über fast zwei Meilen und über sieben Meilen absolviert. In zwei Briefen an die Washingtoner Zeitschrift The American Inventor beschrieb Weißkopf zwei Testflüge über der Wasserfläche des Long Island Sounds, die beide zufriedenstellend verlaufen wären und jeweils mit einer sanften Wasserung endeten. Der zweite, längere Flug soll ein Kreisflug mit Wasserung nahe dem Startplatz gewesen sein. Weißkopf behauptete, seine Männer hätten ihm beim Transport und beim Schlepp des gewasserten Flugzeuges geholfen.Eidesstattliche Erklärung von Anton Pruckner. In: gustave-whitehead.com, abgerufen am 23. Oktober 2021. Er gab an, er könne durch unterschiedliche Drehzahlen der beiden Propeller, wie beim Flugzeug Nr. 21, eine Kurve steuern. Anders als das Vorgängermodell sei das Flugzeug Nr. 22 mit einem 40-PS-Motor bestückt gewesen, mit dem es im Flug mindestens 110 km/h habe erreichen können. Weißkopf behauptete in seinen Briefen an The American Inventor, er habe wegen schlechten Wetters keine Fotos von Nr. 22 machen können, und sandte stattdessen Fotos von Nr. 21, da sich die beiden Flugzeuge sehr ähnlich wären.
Es ist kein Foto von Nr. 22 bekannt. Über den Verbleib des Flugzeuges ist nichts überliefert. In den zehn Jahren nach diesen angeblichen Flügen über zwei beziehungsweise über sieben Meilen ist es Gustav Weißkopf nie wieder gelungen, diese vermeintliche Leistung zu reproduzieren, obwohl er noch zahlreiche Flugzeuge gebaut und viele erfolglose Startversuche unternommen hat.
Leichte Flugmotoren