Paul Schallück (* 17. Juni 1922 in Warendorf; † 29. Februar 1976 in Köln) war ein deutscher Schriftsteller.
Leben Paul Schallück war der Sohn des Warendorfer Buchbinders und Heimatdichters Heinrich Schallück (1894–1972) und seiner Frau Olga (1901–1989), einer Bibliothekarin. Der Vater hatte die Mutter als Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg in Sibirien kennengelernt.Heinrich Schallück: Die Sklaven in Sibirien. Erinnerungen aus schwerer Zeit 1915–1921. Verlag der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener, Ortsgruppe Warendorf / Verlag der Schnellschen Buchhandlung, Warendorf 1921. Sie flohen 1920/1921 auf abenteuerlichen Wegen über China und Indien.Paul Leidinger: «Asien und Europa». Olga und Paul Schallück zum Gedenken. In: Warendorfer Schriften, Jg. 19/20 (1989/1990), S. 45–51, hier S. 45.
Als Schüler plante Paul Schallück, Missionar zu werden; er besuchte sechs Jahre lang Klosterschulen der Franziskaner in Boppard bzw. der Herz-Jesu-Missionare in Hiltrup.Wolfgang Delseit: „Eine Stadt mit tausend Gesichtern“. Paul Schallück und Köln, abgerufen am 15. Mai 2014. Als die Nationalsozialisten Anfang 1940 das Gymnasium der Hiltruper Missionare schlossen, kehrte Schallück in seine Heimatstadt zurück und legte am Gymnasium Laurentianum das Abitur ab.Friedhelm Wacker: Erlebnisse am Laurentianum in meine Schulzeit – Erinnerung an Paul Schallück und andere. In: Klaus Schäffer (Hrsg.): Wie die Pommes nach Warendorf kamen. Ein Jahrhundertspaziergang. Schnell, Warendorf 1999, ISBN 3-87716-821-3. S. 46–53, hier S. 52–53. Er weigerte sich als einziger seiner Klasse, in die Hitlerjugend einzutreten.Klaus Gruhn: Vergessen, aber wieder aktuell. „Engelbert Reineke“, ein wichtiger Roman. In: Jahrbuch Westfalen, Jg. 49 (1995), S. 112–117, hier S. 113. In dieser Zeit entstanden seine ersten Gedichte.Friedhelm Wacker: Erlebnisse am Laurentianum in meine Schulzeit – Erinnerung an Paul Schallück und andere. In: Klaus Schäffer (Hrsg.): Wie die Pommes nach Warendorf kamen. Ein Jahrhundertspaziergang. Schnell, Warendorf 1999. ISBN 3-87716-821-3. S. 46–53, hier S. 51.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde Schallück in Frankreich schwer verwundet. Nach 1945 studierte er Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft an den Universitäten in Münster und in Köln, wo er sich auch als freier Schriftsteller niederließ. Von 1949 bis 1952 war er Theaterkritiker, danach verlegte er sich mehr und mehr auf die Arbeit für den Hörfunk und das Verfassen erzählerischer Werke. Er war einer der Mitbegründer und bis 1962 Vorsitzender der Germania Judaica, einer Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums, und Gründungsmitglied der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Seit 1972 war er Chefredakteur der deutsch-französischen Zeitschrift Dokumente.
Paul Schallück war ein typischer Vertreter der „Kahlschlagliteratur“ („Trümmerliteratur“).Walter Gödden: Lokalpatriotisches Lehrstück. Paul Schallücks verqueres Verhältnis zu seiner Heimatstadt Warendorf. In: Westfalenspiegel, Jg. 74 (2025), Heft 4, S. 50–51, hier S. 51. Er befasste sich in seinen Werken vorwiegend mit dem Zweiten Weltkrieg und dessen Nachwirkungen auf die frühe Bundesrepublik, so etwa in seiner Erzählung Weiße Fahnen im April, in seinem Debütroman Wenn man aufhören könnte zu lügen, in seinem Roman Engelbert Reineke und in seinem Essay Von deutscher Vergesslichkeit. Er war Mitglied der Gruppe 47, des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.
Grabstätte und Gedenken miniatur|Grab von Paul Schallück auf dem Kölner Friedhof Müngersdorf (2014) mini|Der neue Gedenkstein zu Ehren von Paul und Ilse Schallück auf dem Friedhof Köln-Müngersdorf (2024) Paul Schallück wurde auf dem Kölner Friedhof Müngersdorf beigesetzt, ebenso seine 1978 verstorbene Ehefrau Ilse Schallück im gemeinsamen Grab. Weil ihr Grab zu einem nicht bekannten Zeitpunkt aufgelöst worden war, errichtete eine Initiative dreier Kölner Vereine (Bürgerverein Köln-Müngersdorf e. V., Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e. V., Germania Judaica Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums e. V.) im Herbst 2024 an der ursprünglichen Grabstätte einen Gedenkstein zu Ehren von Paul und Ilse Schallück. Die Kreissparkasse Köln unterstützte die Initiative.
Eine ältere Gedenktafel an seinem Geburtshaus in Warendorf erinnert ebenfalls an den Schriftsteller.
Auszeichnungen und Ehrungen Paul Schallück erhielt unter anderem folgende Preise: 1953 Preis der Zuckmayer-Stiftung 1955 Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis 1962 Literaturpreis der Stadt Hagen 1973 Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund Im Kölner Stadtteil Sülz wurde ebenso wie in seinem Geburtsort jeweils eine Straße nach ihm benannt. Der große Saal des Theaters am Wall in Warendorf trägt den Namen Paul-Schallück-Saal.
Werke Bücher Wenn man aufhören könnte zu lügen, Opladen 1951 Ankunft null Uhr zwölf, Frankfurt am Main 1953 Die unsichtbare Pforte, Frankfurt am Main 1954 Q 3 und die hohe Straße, Stierstadt, Taunus 1956 (zusammen mit Jens Baggesen) Weiße Fahnen im April, Münster 1956 Pro Ahn sechzig Pfennig, im Sammelband Deutsche Lyrik und Prosa nach 1945, Frankfurt am Main 1957 Engelbert Reineke, Frankfurt am Main 1959 Zum Beispiel, Frankfurt am Main 1962 Der Tod hat Verspätung, in der Anthologie Das Atelier, S. Fischer Verlag 1962 Wettlauf mit dem Tode, Bonn 1963 Hohe festliche Versammlung, Stierstadt im Taunus 1966 Lakrizza und andere Erzählungen, Baden-Baden 1966 Don Quichotte in Köln, Frankfurt am Main 1967 Gesichter, Berlin 1967 Orden, Berlin 1967 Karlsbader Ponys, Baden-Baden 1968 Gegen Gewalt und Unmenschlichkeit, Köln 1969 Hierzulande und anderswo, Wuppertal 1974 Dein Bier und mein Bier, Leverkusen 1976 Countdown zum Paradies, Leverkusen 1976 Gesamtwerk, Köln Bd. 1, Engelbert Reineke, 1976 Bd. 2, Don Quichotte in Köln, 1977 Bd. 3, Wenn man aufhören könnte zu lügen, 1977 Bd. 4, Ankunft null Uhr zwölf, 1977 Bd. 5, Bekenntnisse eines Nestbeschmutzers, 1977 Moment mal!, Köln 2003
Hörspiele 1953: Armer schwarzer Teufel – Regie: Raoul Wolfgang Schnell (Original-Hörspiel – NWDR Köln) 1955: Keiner ist verloren (Vorlage: Die unsichtbare Pforte (Roman)) – Regie: Raoul Wolfgang Schnell (Hörspielbearbeitung durch den Autor – NWDR Köln) 1955: Ein wildgewordenes Saxofon. Ein musikalisches Kurzhörspiel – Regie: Wilhelm Semmelroth (Originalhörspiel – NWDR Köln/SFB) 1956: Schleuder und Harfe. Alfred Kerr und die Kritik – Regie: Friedhelm Ortmann (Hörbild – WDR) 1960: Der Schmerz und die Schönheit – Bearbeitung (Wort): Paul Schallück; Regie: N. N. (Originalhörspiel – RIAS Berlin) 1964: Der Apfel und das Protokoll. Funkerzählung für drei Stimmen – Regie: Horst Loebe (Hörspiel – RB) 1968: Pipo oder Panik in Planstelle 0 – Regie: Gustav Burmester (Hörspiel – WDR) 1971: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit – Regie: Heinz Wilhelm Schwarz (Hörspiel – WDR) 1973: Verurteilt – Regie: Tibor von Peterdy (Hörspielbearbeitung, Dokumentarhörspiel – DW)
Herausgeberschaft Allemagne 1945–1965, Paris 1965 Im Namen des Volkes? Ausgeschlossen, eingesperrt, Köln 1973
Übersetzungen William Shakespeare: Troilus und Cressida, Frankfurt am Main 1970
Siehe auch Schmallenberger Dichterstreit
Literatur Paul Schallück. Dortmund 1973. Walter Gödden, Jochen Grywatsch (Hrsg.): „Wenn man aufhören könnte zu lügen …“ Der Schriftsteller Paul Schallück (1922–1976). Aisthesis, Bielefeld 2002, ISBN 978-3-89528-370-3.
Alan Frank Keele: Paul Schallück and the post-war German Don Quixote. Bern u. a. 1976.
Weblinks
Aufsatz über Paul Schallück im Literatur-Archiv NRW Artikel über den neuen Gedenkstein zu Ehren Paul Schallücks sowie Hintergrund im Internetangebot des Bürgervereins Köln-Müngersdorf
Fußnoten
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