Bellinzona ( , im lombardischen Dialekt der Umgebung einfach Bórgh ‹Stadt›;Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 134–136.Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, Band II, S. 725. heute selten Bellenz; früher auch Bellence; , ) ist eine politische Gemeinde im Kreis und Bezirk Bellinzona sowie Hauptort des italienischsprachigen Kantons Tessin in der Schweiz. Mit seinen rund 45'000 Einwohnern ist Bellinzona nach Lugano die zweitgrösste Stadt des Kantons. Die Einwohner werden Bellenzer genannt, italienisch Bellinzonesi.
In Bellinzona hat das Bundesstrafgericht seinen Sitz.Tribunale penale federale (mit Video) (italienisch) auf bstger.ch
Geographie Bellinzona liegt in der Talebene östlich des Flusses Tessin am Fuss des Gotthardmassivs nahe der Grenze von Sopraceneri (nördliches Tessin) und Sottoceneri (Südtessin). Aus der mit der Magadinoebene direkt verbundenen Ebene ragen Felsen heraus, die in der letzten Eiszeit geformt wurden; sie bestehen überwiegend aus Gneis.Geologischer Atlas der Schweiz: Karte Der Burgfelsen war der wesentliche Anlass für die Errichtung einer Festung an dieser Stelle.
Nachbargemeinden sind Arbedo-Castione, Lumino, San Vittore, Roveredo, Riviera, Sant’Antonino, Cugnasco-Gerra, Verzasca und Isone sowie ferner auf italienischem Territorium Cavargna, San Nazzaro Val Cavargna und Gravedona ed Uniti.
Die Agglomeration Bellinzona umfasst 59'285 Einwohner (2023) und ist damit nach Lugano und Locarno die drittgrösste Agglomeration des Kantons Tessin.
Östlich oberhalb von Bellinzona liegen die Ruinen der verlassenen Siedlung von Prada (Bellinzona).
Quartiere Die Stadt Bellinzona unterscheidet 13 Quartiere. Es sind dies die am 1. April 2017 mit Bellinzona fusionierten Gemeinden.
Wappen Name Flächein km² Quartierkarte 20px Bellinzona 19,1450px 20px Camorino 8,3 20px Claro 21,2 20px Giubiasco 6,2 20px Gnosca 7,5 20px Gorduno 9,2 20px Gudo 9,9 20px Moleno 7,4 20px Monte Carasso 9,7 20px Pianezzo 8,0 20px Preonzo 16,4 20px Sant’Antonio 33,6 20px Sementina 8,4
Klima Für die Normalperiode 1991 bis 2020 beträgt die Jahresmitteltemperatur 11,9 °C, wobei im Januar mit 1,5 °C die kältesten und im Juli mit 21,9 °C die wärmsten Monatsmitteltemperaturen gemessen werden. Im Mittel sind hier rund 91 Frosttage und in zwei von drei Jahren ein Eistag zu erwarten. Sommertage gibt es im Jahresmittel rund 87, während normalerweise 17 Hitzetage zu verzeichnen sind.
Die Messstation des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz) befindet sich in der Gemeinde Cadenazzo, auf , ca. 8 Kilometer südwestlich des Stadtzentrums von Bellinzona (Luftlinie).
Geschichte Ortsname mini|Historisches Luftbild von Walter Mittelholzer (1919) mini|hochkant|Maschinenhaus des Kraftwerks Morobbia in Giubiasco Bellinzona wird erstmals 590 als ad Bilitionem erwähnt, danach als Bellitiona, Belizona, Berinzona, Beliciona, Birrinzona und 1168 Birizona. Die Bedeutung ist nicht restlos geklärt; am ehesten liegt dem Ortsnamen ein Personenname Belitius oder Bellitio zugrunde.Lexikon der schweizerische Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 134–136.
Ereignisgeschichte Der Ort war als Schlüssel zu den Pässen St. Gotthard, Lukmanier und San Bernardino von grosser strategischer Bedeutung. Archäologen vermuten, dass die Stadt seit 4000 Jahren bewohnt wird. Die Siedlungen aus der Jungsteinzeit, so wird vermutet, befanden sich auf dem Hang, wo heute das Castelgrande steht. Dieser Ort war leicht zu verteidigen und gesichert vor Hochwasser des Tessin. Seit dem 1. Jahrhundert vor Christus gehörte der Ort zum Römischen Reich. Dieses baute die Festung auf dem Hang weiter aus. Im fünften Jahrhundert gelangten die Langobarden aus dem Süden in die Stadt und bauten auf dem Hang des heutigen Castelgrande eine erste, grössere Befestigungsanlage. 590 wurde die Stadt von den Franken angegriffen und bei dieser Gelegenheit erstmals schriftlich erwähnt. Im 11. und 12. Jahrhundert wurden die vermutlichen Holzpalisaden durch Steinmauern ersetzt.
Giovanni Visconti und Luchino Visconti belagerten 1340 die Stadt zwei Monate lang und eroberten sie schliesslich; sie war schon damals dank dem Gotthardpass ein wichtiger Handelsort. 1291 gründete sich die Eidgenossenschaft und wurde immer mächtiger. Die Herzöge von Mailand wollten die Stadt nicht verlieren und rüsteten sie deshalb stark auf. So entstanden als Verteidigungslinie gegen Norden die drei Burgen, von West nach Ost das Castelgrande, Castello di Montebello und Castello di Sasso Corbaro. 1499 griff Ludwig XII. von Frankreich mit seinen Truppen Bellinzona an und nahm es in Besitz. Die Einwohner verkauften die Stadt heimlich an die Eidgenossen. Im Ewigen Frieden von 1516 gab Frankreich die Stadt an die Schweizer ab. Dennoch versuchte Frankreich immer wieder, sie zurückzukaufen, was die Eidgenossen ablehnten. 1803, mit der Gründung des Kantons Tessin, bei der Vereinigung des Kantons Lugano mit dem Kanton Bellinzona, gingen die drei gut befestigten Burgen um Bellinzona in den Besitz des Kantons über.
Gemäss der von 1803 bis 1813 geltenden Mediationsakte wurde Bellinzona Hauptstadt des neuen Kantons, was von Lugano heftig bestritten wurde. Um die regionalen Rivalitäten zu entschärfen, legten die Kantonsverfassungen von 1814 und 1830 fest, dass der Hauptort im Sechsjahresrhythmus zwischen Bellinzona, Lugano und Locarno wechselte. 1878 wurde Bellinzona als permanente Hauptstadt bestimmt. Nachdem der letzte Turnus von Locarno abgelaufen war, zogen Kantonsregierung und -parlament am 3. März 1881 definitiv nach Bellinzona.
1907 wurden die bislang selbständigen Gemeinden Carasso, Daro und Ravecchia eingemeindet. Am 2. April 2017 folgten die benachbarten Gemeinden Camorino, Claro, Giubiasco, Gnosca, Gorduno, Gudo, Moleno, Monte Carasso, Pianezzo, Preonzo, Sant’Antonio und Sementina. Arbedo-Castione, Cadenazzo, Lumino und Sant’Antonino lehnten die Fusion ab. Die Fläche der politischen Gemeinde vergrösserte sich damit im Jahr 2017 von 19,1 auf 164,96 Quadratkilometer, und die Einwohnerzahl erhöhte sich von 18'347 (Stand: 31. Dezember 2016) auf fast 43'000.
Anfang 2008 legten die Arbeiter der Officine SBB-Cargo während einem Monat in einem Streik ihre Arbeit nieder und verhinderten mit breiter Unterstützung der Bevölkerung die Schliessung des Werks.
Energieversorgung Nach Faido, Lugano und Airolo war Bellinzona der vierte Ort im Tessin mit einer Stromversorgung. Das Kraftwerk im Valle di Gorduno ging am 1. Februar 1891 in Betrieb und lieferte hauptsächlich Strom für die öffentliche Beleuchtung. Die Idee einer Gasbeleuchtung wurde aufgegeben. Das bestehende Kraftwerk mit einer Leistung von 400 PS genügte bald nicht mehr zur Deckung des zusätzlichen Energiebedarfs von Privatpersonen und Industrie, darunter die 1891 eröffnete Unterhaltswerkstatt Officina Bellinzona der Gotthardbahn. Nach der Bewertung mehrerer Projekte beschloss die Stadt 1898, das Kraftwerk Morobbia zu bauen, das 1903 in Betrieb ging. Die Anlage wurde mehrfach erweitert und hatte 1947 eine Leistung von 7000 PS (5,2 MW). Anfangs der 1970er-Jahre wurde die Anlage erweitert und mit einem Wochenspeicher in der Form des Lago di Carmena versehen. 2018 hatte das Kraftwerk eine Leistung von 15 MW und konnte damit ein Fünftel des Strombedarfs der Stadt decken.
Politik Die Legislative bildet der Consiglio comunale (Gemeindeparlament) mit 60 Mitgliedern. Bei den letzten sechs Wahlen erzielten die Parteien folgende Sitzzahlen:Elezioni comunali 2024. In: www2.ti.ch/comunali
Partei 2004 2008 2012 2017 20212024 Sitzverteilung 2024 FDP 20 15 16 22 2019 SP 14 10 13 13 1313 Lega 4 4 5 9 109 Die Mitte 10 9 9 12 1010 Grüne – 3 3 2 63 Avanti con Ticino&Lavoro / Più Donne – – – – 12 MPS / POP – – – 2 mit Grüne2 SVP mit Lega 1 mit Lega mit Lega mit Legamit Lega PC – – mit SP mit SP mit SPmit SP GLP – – – – mit CVP– Il Noce – 7 3 mit Lega –2 Bellinzona vivibile 2 mit GPS 1 – –– Insieme per Bellinzona – 1 – – –– Total 50 50 50 60 6060
Die Exekutive bildet der Municipio, bestehend aus sieben Mitgliedern und zwei Ersatzmitgliedern. Er setzt sich nach den Gemeindewahlen vom 14. April 2024 folgendermassen zusammen: 3 FDP, 2 Vereinigte Linke, 1 Die Mitte und 1 Lega. Sindaco (Stadtpräsident) ist Mario Branda (SP).
Bei den Schweizer Parlamentswahlen 2023 betrugen die Wähleranteile in Bellinzona: FDP 25,5 %, Die Mitte 16,5 %, SP 15,1 %, SVP 12,0 %, Lega 10,7 %, Grüne 9,5 %, glp 1,2 %.
Bellinzona bildet nach wie vor eine eigenständige Bürgergemeinde.Patriziato di Bellinzona auf ti.ch/di/sel/patriziatiPatriziato di Bellinzona mit Bürgerfamilien und Wappen (italienisch) auf fondazionepatriziato.ch
Bevölkerung Beim letzten Zensus (Volkszählung) im Jahr 2000 hatte die Stadt 16'463 Einwohner. Davon sprachen 14'392 Italienisch, gefolgt von 590 Deutschsprechenden. 30,6 % waren 2000 ausländischer Herkunft, die meisten davon kamen aus Italien. Die Bellenzer italienischer Muttersprache sprechen teilweise Ticinese, die Tessiner Varietät des Lombardischen.
Die Agglomeration von Bellinzona hatte 2005 48'300 Einwohner in 16 Gemeinden (zwölf dieser Gemeinden wurden 2017 nach Bellinzona eingemeindet). Bellinzona und seine Agglomeration sind Teil der Metropolregion Tessin, zu der unter anderem Lugano und Locarno gehören und die etwa 325'000 Einwohner hat. Seit der Fusion am 2. April 2017 entwickelte sich die Bevölkerung wie folgt:Die Bevölkerung der am 2. April 2017 fusionierten Gemeinden Bellinzona, Camorino, Claro, Giubiasco, Gnosca, Gorduno, Gudo, Moleno, Monte Carasso, Pianezzo, Preonzo, Sant'Antonio und Sementina entwickelte sich bis 2016 wie folgt:Die Bevölkerung von Bellinzona (inkl. Carasso, Daro, Ravecchia – Eingemeindung 1907) entwickelte sich wie folgt:
Verkehr mini|Bellinzona von der ISS, 2017: Die Autobahn A2 verläuft durch Bellinzona grossteils parallel zum Ticino; die Autobahn A13 zweigt nach Osten ab. Bellinzona ist ein Verkehrsknotenpunkt. Von hier sind die Alpenpässe Gotthard, Lukmanier, San Bernardino und Nufenen erreichbar.
Die Stadt liegt an der Autobahn A2 (Basel–Gotthard–Bellinzona–Lugano–Chiasso). Die Autobahn A13 (St. Margrethen–Chur–San Bernardino–Bellinzona) endet hier. Die Hauptstrassen 2 und 13 kreuzen sich in Bellinzona.
Die Gotthardbahn von Luzern beziehungsweise Zürich führt über den Bahnhof Bellinzona nach Chiasso.
Öffentlicher Verkehr In Bellinzona und Umgebung werden sechs Ortsbus- sowie neun Postautolinien betrieben. mini|Liniennetzplan Bellinzona Betreiber Linie Strecke Haltestellen Ortsbus1Camorino, Villaggio – Castione, Stazione 322Bellinzona, Stazione – Giubiasco, Stazione 203Sant’Antonino, Centri Commerciali – Bellinzona, Scuola Media 2 404Bellinzona, Stazione – Bellinzona, Castello Sasso Corbaro 105Bellinzona, Stazione – Ravecchia, Madonna della Neve 128Castione, Stazione – Bellinzona, Moleno 13 Postauto171Bellinzona, Stazione – Chur, Postautostation212Camorino, Villaggio – Bellinzona, Carena 23213Sant’Antonino, Stazione – Giubiasco, Stazione 16214Bellinzona, Stazione – Mesocco, Stazione221Bellinzona, Stazione – Biasca, Stazione222Bellinzona, Espocentro – Biasca, Stazione231Cadenazzo, Stazione – Cadenazzo, Robasacco 7311Bellinzona, Stazione – Locarno, Rotonda 47350Cadenazzo, Stazione – Sant’Antonino, Centri Commerciali 8
Wirtschaft Die lokale Industrie basiert vor allem auf dem Maschinenbau. Die Società Bancaria Ticinese hat ihren Sitz in Bellinzona. Hauptarbeitgeber sind die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB).
Bildung und Forschung Bellinzona verfügt über drei Sekundarschulen (scuole medie), ein Gymnasium (liceo), vier Berufsbildungszentren sowie eine Höhere Fachschule für Hotellerie und Tourismus und eine Höhere Fachschule für Wirtschaft.