Stadt Gernrode ist ein Ortsteil von Quedlinburg im nordöstlichen Rand des Harzes im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt und staatlich anerkannter Erholungsort. Gernrode wurde 961 erstmals urkundlich erwähnt und erhielt im Jahr 1539 das Recht, Wappen und Siegel zu führen, was häufig mit einer Stadtrechtsverleihung gleichgesetzt wird. Der Ort war fast 700 Jahre lang der Sitz des erst geistlichen, nach der Reformation freiweltlichen Damenstifts Gernrode (→Stift Gernrode).

Geographie mini|Aussicht vom Försterblick Lage Gernrode liegt am Nordrand des Mittelgebirges Harz (Ostharz) im Naturpark Harz/Sachsen-Anhalt. Es befindet sich etwa 6,5 km südlich von der Kernstadt Quedlinburg direkt östlich vom Ortsteil Bad Suderode und südwestlich vom Ballenstedter Ortsteil Rieder auf etwa 200 bis . Westlich fließt der Steinbach und östlich der Wellbach, beides sind Zuflüsse des Quarmbachs und damit solche der Bode. Durch den vorgelagerten Bückeberg () ist Gernrode etwas vor rauen Nordwinden geschützt. Die höchste Erhebung in der näheren Umgebung ist die Viktorshöhe mit . Die Gemarkung Gernrode hat eine Fläche von 3406 Hektar, davon sind 2718 ha Wald und 20 ha Gewässer.

Geologie mini|Muschelkalkprofil im Steinbruch am Bückeberg nördlich von Gernrode

Die Region um Gernrode zeigt die Entstehung des etwa 500 Millionen Jahre alten Harzes und dessen Aufschiebung auf sein jüngeres Vorland. Seit dem Ordovizium befand sich der Harz in einem Meeresbecken, welches im Verlauf von 180 Millionen Jahren von feinkörnigen Sedimenten aufgefüllt wurde. Der Boden des Meeres veränderte sich im Devon in Schwellen und Becken. Gleichzeitig setzte intensiver untermeerischer Vulkanismus ein, der bis in das jüngere Unterkarbon anhielt. Dabei kam es zum Eindringen von Basaltkörpern in die devonischen Sedimente. Diese werden als Intrusivkörper bezeichnet, ein solcher tritt am Osterteich bei Gernrode zu Tage. Von der variszischen Gebirgsbildung wurde der Harz zwischen 360 und 330 Millionen Jahren erfasst, das Gebiet wurde dabei gefaltet, herausgehoben und teilweise abgetragen. Der Abschluss erfolgte vor rund 300 Millionen Jahren mit dem Aufstieg saurer Magmen. Das Granitmassiv des Rambergs gehört in diese Zeit. Vor 320 bis 272,5 Millionen Jahren, während der Zeit des Rotliegenden, verstärkte sich die Abtragung in die nach der Gebirgsbildung entstandenen Senken hinein. In der Mulde zwischen Hoym und Badeborn sind die jüngeren Gesteine der Kreidezeit erhalten geblieben. Der Höhenzug des Ruhmbergs bei Badeborn ist der Anfang des Quedlinburger Sattels. Hier sind Gesteine wie der Muschelkalk, welcher zwischen 243 und 230 Millionen Jahre alt ist, zu finden. Südlich von Badeborn befindet sich die Blankenburger Mulde, diese ist mit Sandsteinen der Kreidezeit, zwischen 89 und 81 Millionen Jahre alt, gefüllt. Die Südflanke der Mulde ist mit den Gegensteinen morphologisch herausgehoben. Diese bestehen aus quarzitischem Sandstein, der durch silikatische Lösungen aus dem Untergrund besonders verfestigt ist. Die sichtbare Steilstellung der Schichten ist ein Beweis für die Heraushebung des Grundgebirges des Harzes und dessen Verschiebung nach Norden vor rund 80 Millionen Jahren. Der Bückeberg am nördlichen Rand von Gernrode stammt aus dem Unteren Muschelkalk und gehört zu der Aufrichtungszone entlang des nördlichen Randes des Harzes. Im ehemaligen Kalksteinbruch Bückeberg sind die steilgestellten und teilweise überkippten Schichten des Muschelkalkes gut zu erkennen. Dort kann eines der vollständigen zusammenhängenden Muschelkalkprofile in Mitteldeutschland besichtigt werden.Henry Schroeder, Fritz Dahlgrün: Erläuterungen zur Geologischen Karte von Preußen und benachbarten deutschen Ländern, Blatt Quedlinburg, Lfg. 240, Nr. 2381. Berlin 1927.

Klima

mini|Klimadiagramm von GernrodeNach ehemals kostenfreiem Deutschen Wetterdienst, Normalperiode 1961–1990

Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Gernrode beträgt 8,7 °C. Die wärmsten Monate sind Juli und August mit durchschnittlich 17,3 beziehungsweise 16,8 °C und die kältesten Januar und Februar mit 0,3 beziehungsweise 0,6 °C im Mittel. Der meiste Niederschlag fällt im Juni mit durchschnittlich 66 Millimeter, der geringste im Februar und im Oktober mit durchschnittlich 33 Millimeter.

Der Harz liegt als Hindernis in der von Südwesten kommenden Westwinddrift. Durch den Brocken mit werden die Luftmassen zum Aufsteigen gezwungen und regnen sich dabei ab. Die nordöstliche Seite liegt dabei im Regenschatten des Harzes. In diesem Gebiet befindet sich der Ort Gernrode mit sehr geringen Jahresniederschlägen von nur 545 Millimeternzum Vergleich: in Köln fallen annähernd 798 Millimeter Niederschlag. Da die Monate Dezember, Januar und Februar absolut die niedrigsten Niederschlagswerte besitzen und die stark abnehmende Tendenz bereits im Spätherbst beginnt, kann von einer Wintertrockenheit gesprochen werden.

Ortsgliederung Der Ort gliedert sich in den Stiftsbesitz mit dem Bereich um die Stiftskirche und die am 17. Juli 961 in einer Urkunde von König Otto I. erstmals erwähnte Altstadt, östlich davon im Bereich um die ehemalige Marktkirche St. Stephanus und das Rathaus.

Ausgehend von diesem mittelalterlichen Kern wurde am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert ein Gürtel aus Villen im Jugendstil gebaut. Seit 1990 entstanden das Neubaugebiet Osterfeld und das Gewerbegebiet auf den Steinen.

Zur Stadt Gernrode gehören die Ortsteile Gernrode, Haferfeld und das Sternhaus.

Geschichte

Im Schatten der Stiftskirche bis zur Reformation mini|links|hochkant| Stiftskirche Gernrode

Im Jahr 959 gründete Markgraf Gero in seiner Burg Geronisroth ein Damenstift und setzte seine Schwiegertochter Hathui als Äbtissin ein. Die Stiftung wurde am 17. Juli 961 von König Otto I. bestätigt.Die Urkunden Konrad I., Heinrich I. und Otto I. Bearbeitet von Theodor Sickel. Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser 1. Hahn, Hannover 1879–1884, unveränderter Nachdruck München 1997, ISBN 3-921575-60-5, S. 313 f. Nr. 229. Online-Edition

Seine Nachfolger erteilten dem Kapitel in Urkunden die Freiheit, eine Äbtissin zu wählen und einen Schutzvogt nach dem Bedürfnis des Stifts anzunehmen. Gernrode lag im Sprengel des Bistums Halberstadt, unterstand aber unmittelbar dem Papst und dem Kaiser. Das Stift entwickelte sich zu einem wichtigen ottonischen und salischen Zentrum und war den Reichsabteien gleichgestellt. Kaiser Heinrich V. weilte zu Besuch in Gernrode und Kaiser Friedrich Barbarossa hielt 1188 hier einen Hoftag ab.Die Urkunden Friedrichs I. Teil 4. 1181–1190. Bearbeitet von Heinrich Appelt. Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser. Bd. 10,4. Hahn, Hannover 1990, ISBN 3-7752-5151-0, ISBN 3-7752-5152-9, S. 268–271, Nr. 983–985 (Online-Edition).

In der Bestätigungsurkunde von 961 wird erstmals ein Ort Rode erwähnt, der sich neben dem Stift und der Burg Geronisroth befand. Der Ort Geronrod ist nach der Endung -rode als Rodungsdorf entstanden. Seit 1700 hat sich als Name der Stadt Gernrode durchgesetzt. Die Äbtissinnen hatten die Hoheit über das Dorf Gernrode. Der Äbtissin stand bei der Erfüllung ihrer Aufgaben ein Schutzvogt zur Seite; dieser hatte die Abtei vor Angriffen zu schützen und übte die weltliche Gerichtsbarkeit über das Stift und die hohe Gerichtsbarkeit über den Ort Gernrode aus. Im Jahre 1149 wurde Albrecht der Bär aus dem Hause der Askanier der Schutzvogt des Stiftes. Von da ab bis zum Ende der Abtei 1616 stellten die Askanier meistens den Schutzvogt der Abtei.

Stadtgründung der Renaissance mini|hochkant|Grabplatte der Elisabeth von Weida

1533 wurde in Gernrode das erste Schulgebäude auf Geheiß der Äbtissin Anna von Plauen erbaut und aus Mitteln der Abtei unterhalten. Die Idee einer Schulgründung geht auf ihre 1532 verstorbene Vorgängerin Elisabeth von Weida zurück. Eine Schrift Luthers von 1524 hatte sie offenbar bewogen, den Bau einer Schule zu veranlassen, denn Luther verlangte, dass für das gemeine Volk Schulen zu errichten seien. Anna von Plauen und ihre Nachfolgerin Anna von Kitlitz führten die Schulpolitik fort und unterhielten Beziehungen zur Universität Wittenberg. An der Schule wurden Kinder unabhängig vom Stand ihrer Familie gleichermaßen unterrichtet. Es wird davon ausgegangen, dass es die wahrscheinlich älteste protestantische Elementarschule in Deutschland war. Noch bis 1847 fand in den Schulräumen Unterricht statt.

Die Äbtissin Anna von Plauen verlieh dem Ort 1539 das Recht, ein Siegel und ein Wappen zu führen. Eine ausdrückliche Verleihung des Stadtrechtes hingegen scheint nie erfolgt zu sein. Zumeist wird jedoch dieses Jahr als Termin der Stadtgründung angesehen. So gratulierte der anhaltische Städtelandtag, in dem Gernrode Sitz und Stimme hatte, 1939 zum 400. Jahrestag der Verleihung des Stadtrechtes.

Aufgrund seiner geringen Bedeutung blieb Gernrode immer Marktflecken, der Ort bzw. der Markt waren nicht ummauert. Noch im 17. und 18. Jahrhundert wird Gernrode in Urkunden als Flecken und ganz selten als Stadt bezeichnet.

Bei der 1603 erfolgten Teilung Anhalts in vier Fürstentümer wurden das Stift und die Stadt den Senioratsgütern zugewiesen. Die Verwaltung und Regierung des ehemaligen reichsunmittelbaren Stiftes lag nun in den Händen des jeweiligen Seniors der anhaltischen Fürsten. Die Rechtsnachfolge wurde 1728 durch Kaiser Karl VI. endgültig dem anhaltischen Fürstenhaus übertragen. Im Jahr 1802 erfolgte durch Franz II. die letztmalige Belehnung.Hans Hartung: Zur Vergangenheit von Gernrode. 1912, S. 62–90

Unter den Anhaltinern vom 17. bis 19. Jahrhundert mini|Ortsansicht um 1800 mini|Umgebung von Gernrode im Jahre 1750 gezeichnet von Johann George Schreiber

Als 1669 die Senioratsgüter aufgeteilt wurden, fiel der nördliche Teil des ehemaligen Stiftsgebietes mit Großalsleben und Alikendorf an Anhalt-Dessau. Die am Harz gelegenen Gebiete erhielt Anhalt-Bernburg. Die Stadt Gernrode kam an eine Nebenlinie der Anhalt-Bernburger zu Anhalt-Harzgerode. Ab 1709 gehörte die Stadt Gernrode zum Fürstentum Anhalt-Bernburg.

1806 wurde das Fürstentum Anhalt-Bernburg zum Herzogtum erhoben. Nach dem Erlöschen des Herzogtums kam es im Jahr 1863 zusammen mit dem Herzogtum Anhalt-Dessau zum Herzogtum Anhalt mit der Landeshauptstadt Dessau. Das Fürstentum Anhalt-Bernburg gliederte sich im 18. Jahrhundert in zwei Hauptgebiete – das Land Bernburg sowie das Gebiet im Vorharz. Das anhaltische Gebiet im Vorharz bestand aus den fünf Justizämtern Ballenstedt, Gernrode, Güntersberge, Harzgerode, Hoym. Das Amt Gernrode grenzte dabei im Norden und Westen an Preußen, Sitz des Amtes Gernrode war um 1739 der Fürstliche Amtshof. Das Gebäude befand sich westlich der Stiftskirche, vermutlich handelte es sich um den ehemaligen Äbtissinnen-Palas. Im frühen 18. Jahrhundert wurden Gebiete im südlichen Teil des ehemaligen Stiftsbezirkes für gelegentliche Aufenthalte der Anhalter Fürsten benutzt, sie waren wahrscheinlich von der baulichen Ausstattung her für eine Hofhaltung geeignet. Daher wurde dieser Teil von der Bevölkerung bald „das Schloss“ genannt. Die noch an der erhaltenen Stiftsmauer befindliche Schlossallee erinnert daran. Ab 1721 wurde die Gemahlin des Fürsten Karl Friedrich, Wilhelmine Charlotte Reichsgräfin von Ballenstedt, die bürgerlicher Abstammung war, zusammen mit ihren Söhnen nach Gernrode verbannt. Die beiden Söhne trugen die Namen Friedrich und Carl Leopold. Friedrich starb 1758 in Gernrode, sein Bruder wurde General in Hessen-Kassel. Er starb dort 1769. Die Mutter der beiden war 1740 in Gernrode gestorben.

Der Stiftsbezirk wurde 1832 in eine Domäne umgewandelt, die Nutzung als landwirtschaftlicher Betrieb zog fast die Zerstörung der Stiftskirche und des Stiftsbezirkes nach sich. Die Domäne wurde 1858 zurückgekauft, ab dem Jahr 1859 wurde mit der Restaurierung der Kirche durch Ferdinand von Quast begonnen.