Der Bahnhof Tokio (jap. , Tōkyō-eki) ist ein Bahnhof in der japanischen Hauptstadt Tokio. Er liegt an der Grenze zwischen den zentralen Bezirken Chiyoda und Chūō bzw. zwischen den Stadtteilen Marunouchi im Westen und Yaesu im Osten. In der Nähe befinden sich der Kaiserpalast, zahlreiche Wolkenkratzer und das Ginza-Viertel. Als Hauptbahnhof Tokios gehört er zu den wichtigsten Bahnhöfen des Landes, die Bahnhöfe Shinjuku und Ikebukuro zählen allerdings mehr Reisende.
Tokio ist der wichtigste Knoten des Shinkansen-Streckennetzes und Ausgangspunkt zweier Schnellfahrstrecken. Während JR Central die Tōkaidō-Shinkansen in Richtung Nagoya und Osaka betreibt, ist JR East für den Betrieb der Tōhoku-Shinkansen und aller davon abzweigenden Strecken zuständig. Außerdem betreibt JR East mehrere durch den Bahnhof Tokio verlaufende Stadt- und Regionallinien. Der Bahnhofskomplex umfasst zehn normalspurige Gleise für Hochgeschwindigkeitszüge und 18 kapspurige Gleise für den konventionellen Schienenverkehr (von denen sich acht in zwei Tunnelbahnhöfen befinden). Hinzu kommen ein zweigleisiger U-Bahnhof und ein Busbahnhof für den Fernbusverkehr.
Der Bahnhof Tokio besitzt je ein Empfangsgebäude beidseits der Anlage. An der Westseite steht das 1914 eröffnete Marunouchi-Gebäude, ein von Tatsuno Kingo entworfenes Bauwerk, das zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört. Die Architektur des aus roten Mauerziegeln bestehenden Gebäudes orientiert sich an der europäischen Neorenaissance des späten 19. Jahrhunderts. Das Gegenstück an der Ostseite bildet das 2013 fertiggestellte Gebäude GranRoof in Yaesu, eine von Helmut Jahn entworfene postmoderne Stahl-Glas-Konstruktion.
Verbindungen Tokio ist einer der bedeutendsten Eisenbahnknoten der Hauptstadt und ganz Japans. Eine herausragende Bedeutung besitzt der Bahnhof als zentraler Knotenpunkt des landesweiten Shinkansen-Hochgeschwindigkeitsnetzes. Auf der von JR Central betriebenen Schnellfahrstrecke Tōkaidō-Shinkansen verkehren im dichten Takt Züge, die zum Teil auf der San’yō-Shinkansen weiterfahren. Ihre Ziele sind in der Regel Nagoya, Shin-Osaka, Okayama, Hiroshima und Hakata. Die übrigen von Tokio aus verkehrenden Shinkansen-Verbindungen werden von JR East angeboten. Auf der Tōhoku-Shinkansen werden (inkl. der daran anschließenden Akita-, Hokkaidō- und Yamagata-Shinkansen) die Ziele Sendai, Shinjō, Morioka, Akita, Aomori und Hakodate angefahren. Auf der Jōetsu-Shinkansen kann Niigata erreicht werden, auf der Hokuriku-Shinkansen Nagano und Kanazawa.
Auch für alle nachfolgend genannten Bahnlinien ist JR East zuständig. Die Tōkaidō-Hauptlinie dient überwiegend dem beschleunigten Pendlerverkehr über mittlere Entfernungen. Es verkehren in dichtem Takt Eilzüge in Richtung Atami bzw. Odawara. Hinzu kommen die Shōnan Liner (Eilzüge während der Verkehrsspitze mit reservierten Sitzplätzen), touristische Ausflugszüge sowie der zur Izu-Halbinsel verkehrende Regionalschnellzug Odoriko.JR時刻表 2021年3月号 (JR-Fahrplan März 2021). Kōtsū shinbunsha, Tokio 2021. Die meisten Nahverkehrszüge, deren Endstation früher der Bahnhof Tokio war, verkehren seit 2015 weiter auf der Ueno-Tokio-Linie, einer Viaduktstrecke über den Gleisen der Tōhoku-Shinkansen zum Bahnhof Ueno. Sie werden dadurch mit der Utsunomiya-Linie, der Jōban-Linie und der Takasaki-Linie im nördlichen Teil der Metropolregion verknüpft.
Durch den Bahnhof Tokio führt die Yamanote-Linie, die das Stadtzentrum kreisförmig umrundet und zu den am stärksten genutzten Bahnstrecken der Welt gehört. Auf ihr fahren Nahverkehrszüge in beiden Richtungen alle zwei bis vier Minuten. Die Keihin-Tōhoku-Linie und die Yokosuka-Linie verlaufen zum Teil parallel zur Tōkaidō-Hauptlinie, decken den Lokalverkehr ab und verfügen über eigene Gleise. Erstere verbindet Ōmiya mit Yokohama, letztere ist im Bahnhof Tokio mit der in Chiba beginnenden Sōbu-Schnellbahnlinie verknüpft und führt über Yokohama auf die Miura-Halbinsel. Auf der Chūō-Hauptlinie bzw. der Chūō-Schnellbahnlinie verkehren Schnell- und Eilzüge in Richtung Tachikawa, Ōme, Kōfu, Shiojiri und Matsumoto. Eine bedeutende Zugverbindung ist der Narita Express, der Ōmiya, Takao und Ōfuna mit Tokio und dem Flughafen Narita verbindet. Schließlich führt die Keiyō-Linie vom Bahnhof Tokio entlang der Küste in Richtung Chiba.
Zurzeit (2023) wird der Bahnhof Tokio von zehn Linien der städtischen Busgesellschaft Toei Bus erschlossen, die an Haltestellen auf dem westlichen Bahnhofsvorplatz und an der Ostseite des Bahnhofs halten. Hinzu kommen einzelne Linien von Tokyu Bus und Sightseeing-Busse von Hato Bus, die vom Bahnhofsvorplatz abfahren. Außerdem verkehren Shuttlebusse von SkyHopBus, die auf drei Linien durch die benachbarten Stadtteile fahren; das Angebot richtet sich vor allem an Touristen. Für den Fernbusverkehr steht der Busbahnhof im GranRoof-Gebäude zur Verfügung, der von JR Bus Kantō betrieben wird. Er wird von mehr als 40 Unternehmen genutzt, die Fahrten in alle Regionen Japans anbieten.
Anlage mini|Ansicht von oben Das weitläufige Bahnhofareal liegt zum größten Teil im Stadtteil Marunouchi im Bezirk Chiyoda, einem der wichtigsten Geschäftsviertel Tokios. Entlang dem östlichen Rand des Geländes verläuft die Grenze zum Stadtteil Yaesu im Bezirk Chūō. In der Umgebung stehen mehrere Wolkenkratzer, die zu den höchsten des Landes zählen. Dazu gehören das Marunouchi Building (179 m), das Shin-Marunouchi Building (198 m), der JP Tower (200 m), das Marunouchi Park Building (170 m) und das Tokyo Building (164 m) an der Westseite sowie die zwei GranTokyo-Wolkenkratzer (je 205 m) und der Sapia Tower (176 m) im Osten. Etwa einen Viertelkilometer westlich des Bahnhofs erstrecken sich die weitläufigen Kaisergärten mit dem Kaiserpalast in deren Mitte. Weitere wichtige Gebäude in der Nähe sind das Tokyo International Forum und das Mitsubishi-Ichigokan-Museum.
Der von Norden nach Süden ausgerichtete Bahnhof zählt in seinem oberirdischen Teil 20 Gleise an zehn Mittelbahnsteigen. Am westlichsten liegen die Gleise 1 bis 10 des konventionellen Streckennetzes von JR East, das in Kapspur (1067 mm) ausgeführt ist. Hier verkehren Züge der Tōkaidō-Hauptlinie, der Tōhoku-Hauptlinie (bzw. der Utsunomiya-Linie), der Keihin-Tōhoku-Linie und der Yamanote-Linie. Die Gleise 1 und 2 sind auf einem Viadukt über den Gleisen 3 und 4 verlegt, ungefähr auf der Höhe des dritten Stockwerks des Empfangsgebäudes; sie dienen ausschließlich den Zügen der Chūō-Hauptlinie und der Chūō-Schnellbahnlinie. In der Mitte liegen die Gleise 14 bis 19 von JR Central. Sie sind normalspurig (1435 mm) und dienen den Hochgeschwindigkeitszügen auf der Tōkaidō-Shinkansen. Ganz im Osten liegen die normalspurigen Gleise 20 bis 23 von JR East, auf denen die Hochgeschwindigkeitszüge der Tōhoku-Shinkansen abgefertigt werden. Drei breite Passagen unter den Gleisen hindurch stellen Verbindungen zwischen der West- und Ostseite her, wobei nur beim nördlichsten keine Bahnsteigsperren passiert werden müssen.
Im Untergeschoss des westlichen Empfangsgebäudes befindet sich der zweigleisige U-Bahnhof Tōkyō. Er wird von der Marunouchi-Linie der Bahngesellschaft Tōkyō Metro betrieben. Unter dem davor liegenden Bahnhofsvorplatz ist in 26 m Tiefe der gemeinsam von der Sōbu-Schnellbahnlinie und der Yokosuka-Linie genutzte Durchgangsbahnhof zu finden. Er besitzt zwei Mittelbahnsteige mit vier kapspurigen Gleisen.Fukuda: 東京駅改良工事の変遷について. S. 51–53. Etwa 350 m südlich des Bahnhofs befindet sich im vierten Untergeschoss des Tokyo International Forum der Kopfbahnhof der Keiyō-Linie. Er liegt in 28,6 m Tiefe und besitzt ebenfalls zwei Mittelbahnsteige mit vier kapspurigen Gleisen.Yamada: 絶えず変化している駅 東京駅: S. 21. Im Gegensatz zu allen anderen Bahnsteigen sind sie von Osten nach Westen ausgerichtet. Aufgrund der beträchtlichen Entfernung stehen drei Fahrsteige zur Verfügung.
Im Fiskaljahr 2019 nutzten durchschnittlich 852.462 Fahrgäste täglich den Bahnhof. Davon entfielen 462'589 auf das konventionelle Schienennetz von JR East, 75'004 auf die Shinkansen-Züge von JR East, 98'120 auf JR Central und 216'749 die U-Bahn. Auf das Streckennetz von JR East bezogen ist Tokio somit der am dritthäufigsten genutzte aller Bahnhöfe, nach Shinjuku und Ikebukuro.
Architektur mini|Video (2017) mini|Das neue Empfangsgebäude in Yaesu (2019) mini|Eingang im Sapia Tower (2014) Das von Tatsuno Kingo entworfene und im Jahr 1914 fertiggestellte Empfangsgebäude an der Westseite gehört zu den markantesten und bekanntesten Bauwerken der Stadt, weil es sich mit seinen Fassaden aus charakteristischen roten Mauerziegeln deutlich von den Glas- und Stahlfassaden der benachbarten Wolkenkratzer abhebt. Oft wird es mit dem 1889 von Pierre Cuypers erbauten Bahnhof Amsterdam Centraal verglichen. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass Tatsuno jemals in den Niederlanden war und in seinen Aufzeichnungen finden sich auch keine Hinweise auf Amsterdams Hauptbahnhof. Vielmehr sind es die seitliche Anordnung der Gebäude, ihre Funktion und ihr hauptsächliches Baumaterial, die fast zwangsläufig zu einer ähnlichen Form geführt haben.Onoda: 高架鉄道と東京駅[下]. S. 151–153. Das Marunouchi-Empfangsgebäude präsentiert sich als fünfteiliges Neorenaissance-Bauwerk mit drei Stockwerken, das sich von Norden nach Süden dem Gleisfeld entlang erstreckt. Es ist etwa 270 Meter lang und besitzt eine Grundfläche von rund 7800 m² sowie eine Geschossfläche von etwa 23.800 m². Die maximale Höhe beträgt 34,8 Meter, die Traufhöhe 16,7 Meter. An das südliche Ende des Gebäudes angebaut ist das diagonal abgewinkelte Bahnhofshotel (das Tokyo Station Hotel). Zusammen mit den Anbau beträgt die Gesamtlänge des Gebäudekomplexes 335 Meter.Onoda: 高架鉄道と東京駅[下]. S. 178. Der 6500 m² große Bahnhofsvorplatz wurde in den Jahren 2014 bis 2017 zu einer Fußgängerzone umgestaltet. Er ist mit weißem Granit gepflastert und wird teilweise von Zelkoven gesäumt. Auf dem Platz steht eine von Asakura Fumio geschaffene Statue, die den Eisenbahningenieur Inoue Masaru darstellt.
In der Vertikalen wird das Marunouchi-Gebäude durch Risalite und Pilaster aus Granit gegliedert, in der Horizontalen durch Lisenen, Gesimse und Kapitelle. Das Dach ist mit Schieferplatten gedeckt, die zu fast drei Vierteln aus Spanien stammen.Kōtsū shimbun, 3. Oktober 2012. Am Nord- bzw. Südende befinden sich zwei baugleiche achteckige Hallen, die oben jeweils von einer Kuppel abgeschlossen werden. Im Gegensatz zum eindeutig europäisch wirkenden Äußeren ist das Innere der Kuppelhallen mit typisch asiatischen Reliefs verziert. Abgebildet werden jeweils acht Klematis und Adler mit einer Spannweite von 2,1 Metern. Hinzu kommen Reliefs, die acht der zwölf chinesischen Tierkreiszeichen darstellen; sie sind gemäß den Himmelsrichtungen angeordnet, die sie traditionellerweise repräsentieren. Die Räume neben der Nordkuppel werden seit 1988 von der Tokyo Station Gallery genutzt, einem von JR East betriebenen Kunstmuseum.