mini|Philipp von Zesen Philipp Zesen, ab 1653 von Zesen, (auch Filip Cösius oder Caesius, Pseudonym: Ritterhold von Blauen; * in Priorau; †  in Hamburg) war ein deutscher Dichter, evangelischer Kirchenlieddichter und Schriftsteller. Er gilt neben Sigmund von Birken als einer der ersten deutschen Berufsschriftsteller. Sein autobiographischer Roman Die Adriatische Rosemund von 1645 gilt als der erste große deutsche Roman der Barockliteratur, seine Poetik hatte einen hohen Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Metrik.

Leben mini|Gedenkstein bei Priorau Philipp von Zesen wurde als Sohn des lutherischen Pastors Philipp Zesen und dessen Ehefrau Dorthe, geborene Paschasius, in Priorau im kursächsischen Amt Bitterfeld geboren. Sein Geburtshaus blieb erhalten. Als er etwa 16 Jahre alt war, besuchte er das Gymnasium in Halle unter Christian Gueintz, der den begabten Schüler schon damals dem benachbarten Hof in Köthen vorstellte. Er studierte von 1639 bis 1641 Rhetorik und Poetik an der Universität Wittenberg bei August Buchner. Ab Anfang 1642 hielt er sich in Hamburg auf.Max Gebhardt: Untersuchungen zur Biographie Philipp Zesens. Dissertation an der Kaiser-Wilhelms-Universität Strassburg, Berlin 1888, S. 17.

Die Jahre nach seiner Ausbildung waren von der Suche nach einer Anstellung, häufigem Wohnsitzwechsel und finanzieller Not geprägt. Er bewarb sich mehrfach vergeblich bei Hofe und arbeitete notgedrungen als freier Schriftsteller. Die Kriegsjahre 1642 bis 1648 verbrachte er zumeist in Amsterdam, Leiden oder Utrecht, wo er als Übersetzer und Korrektor für niederländische Verleger tätig war, unternahm aber auch ausgedehnte Reisen nach London, Paris, in das Baltikum und nach Dänemark. 1643 kehrte er nach Hamburg zurück. Hier fasste er gemeinsam mit den Freunden Dietrich Peterson und Hans Christian von Liebenau den Plan zur Gründung einer Vereinigung Gleichgesinnter. Diese umfasste bereits 1645 36 Mitglieder. Abermals machte er sich 1646 auf Reisen, diesmal nach London. In dieser Zeit entstand sein Roman Ibrahim.

Von 1648 bis 1656 wohnte er im Elternhaus in Priorau und wurde bei einem seiner Besuche am benachbarten Köthener Hof mit dem Gesellschaftsnamen Der Wohlsetzende in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen. Sein eigener Landesfürst Johann Kasimir von Anhalt-Dessau wurde 1652 durch einen Jagdunfall gelähmt und Zesen verbrachte mehrere Jahre als Gesellschafter des Fürsten am Dessauer Hof. Von hier aus begab er sich auf eine Reise nach Regensburg, wo er durch Kaiser Ferdinand III. in den Adelsstand erhoben wurde. Seine Dankbarkeit über diese hohe Ehre brachte er in seinem Gedicht „Güldener Regen“ zum Ausdruck.

Erst ab 1656 hatte er wieder einen ständigen Wohnsitz in den Niederlanden, meist in Amsterdam, wo er 1662 das Bürgerrecht erhielt und als einer der wichtigsten Mitarbeiter im Verlag Elsevier galt. In dieser Zeit entstand die 1664 durch ihn herausgegebene Beschreibung der Stadt Amsterdam. 1672 heiratete Zesen die Leinwandhändlerin Maria Becker aus Stade, mit der er sich in seinen letzten Lebensjahren wieder in Hamburg niederließ. Versuche, für sich hier ein Amt zu bekommen, scheiterten. Deshalb zog er 1679 erneut nach Holland. Hier eröffnete er ein Geschäft für das Handeln mit Leinen. Erst 1683 kehrte er nach Hamburg zurück und widmete sich in den letzten Jahren fast ausschließlich seinen schriftstellerischen Arbeiten.

Werk Zesen hat sich in fast allen Literaturgattungen versucht; sein Werk ist in erster Linie von sprach- und literaturtheoretischer Bedeutung, an zweiter Stelle rangieren seine Gedichte. Theologische und kirchengeschichtliche Bedeutung gewinnt Zesen durch seine Vermittlung biblischer Inhalte in Gedichten und Romanen.

Er sah sich als Sprach-, Vers- und Orthographiereformer sowie als Sprachpurist in der Nachfolge Luthers,Herbert Blume: Die Morphologie von Zesens Wortneubildungen. (Diss.) 1967, S. 104. der nach der „ehrsten Lutherischen Sprachreinigung“zit. n. Herbert Blume: Die Morphologie von Zesens Wortneubildungen. 1967, S. 104. mit Neologismen den Wortschatz der deutschen Literatursprache erweitern wollte. Wegen der von ihm empfohlenen Orthographie, die von Zeitgenossen als skurril empfunden wurde,So schrieb Zesen regelmäßig i statt ie wie in si und di. Außerdem benutzte er zz statt tz, kk statt ck und Buchstabenverbindungen wie chch, etwa im Wort versprochchen. Quelle: Adriatische Rosemund. Fünftes Buch. Kurzer entwurf der alten und izigen Deutschen. blieb ihm die Mitgliedschaft in der Fruchtbringenden Gesellschaft lange Zeit versagt. Erst Anfang 1649 besuchte Zesen Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen und wurde von ihm als Mitglied aufgenommen. Als Gesellschaftsname wurde Zesen der Wohlsetzende verliehen und als Devise der Natur nach zugedacht. Zesens Emblem zeigt das Ruhrkraut. Im Köthener Gesellschaftsbuch findet sich unter der Nr. 521 auch Zesens Reimgesetz anlässlich seiner Aufnahme:

Wolsetzend der Natur, bin ich hier genant, Weil uns das Ruhrkraut pflegt im leibe wol Zu setzen Was ungesundes drin: Also muß wol bekant Und flüßig sein die schrift, die einen sol ergetzen: Man sich für neurung hüt’ in ieder kunst und stand, Das man nicht red’ darvon und ursach sey Zu schertzen: Wer dan aufbringen wil was neues, nehm in acht Das er es stell’ und schreib’ aus gutem vorbedacht.

Bei diesen Zeilen handelt es sich um die von Zesen selbst verbesserte letzte Fassung.

1653 auf dem Reichstag zu Regensburg wurde Zesen von Kaiser Ferdinand III. persönlich geadelt; 1667 wurde er zum Hofpfalzgrafen erhoben.

Wahrscheinlich gründete Zesen schon 1642 in Hamburg eine Sprachgesellschaft mit Namen Deutsch-Zunfft. Ein Jahr später ging sie in die Deutschgesinnte Genossenschaft über. Diese Vereinigung hatte sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die deutsche Sprache zu bewahren und Einflüsse durch Fremdwörter zu vermeiden.

Zesen war rege als Übersetzer tätig. Herbert BlumeHerbert Blume: Die Morphologie von Zesens Wortneubildungen. (Diss.) 1967. listet 14 Titel auf, hebt die Themenvielfalt hervor (neben Romanen auch Sachbücher: Militärarchitektur (Festungsbau), Heilkunde, Staatswesen, außereuropäische Kulturen/Geographie, Technik des Zeichnens, Reden), die Mehrsprachigkeit des Übersetzers (Niederländisch, Französisch, Lateinisch, Italienisch) sowie den oft kurzen zeitlichen Abstand zwischen dem Erscheinungsdatum des Originals und dem der Übersetzungen. Gerade auch bei Übersetzungen hat Zesen viele Wortneubildungen (Lehnübersetzungen, Lehnübertragungen) geschaffen.

Durch seine schrift- und sprachreformerischen Bemühungen polarisierte Zesen sowohl seine Mitwelt als auch seine Nachwelt bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.Herbert Blume: Die Morphologie von Zesens Wortneubildungen. (Diss.) 1967, S. 17. Manche Zeitgenossen bewunderten ihn, er schuf sich jedoch auch viele Feinde, die ihn mit beißendem Spott überzogen. Es gab Freunde Zesens, die ihre Position wechselten und zu erbitterten Gegnern wurden (besonders Rist, weniger auch Harsdörffer).Hugo Harbrecht: Philipp von Zesen als Sprachreiniger. Karlsruhe in Baden: Gillardon 1912 (Diss.), Herbert Blume: Die Morphologie von Zesens Wortneubildungen. 1967 (Diss.). Schon wenige Monate nach seinem ersten Besuch, nämlich am 16. Mai 1649, entzog ihm auch Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen in einem BriefAuszugsweise zitiert bei Herbert Blume: Die Morphologie von Zesens Wortneubildungen. (Diss.) 1967, S. 12. wieder seine Gunst.

Zesen schrieb nahezu 90 Bücher fast aller poetischer Gattungen und starb im Alter von 70 Jahren am 13. November 1689 in Hamburg.

Werke Sämtliche Werke Philipp von Zesen: Sämtliche Werke. Unter Mitwirkung von Ulrich Maché und Volker Meid hrsg. v. Ferdinand van Ingen. Berlin [u. a.]: De Gruyter 1970– (bis 2020 erschienen: Bde. 1 bis 19 in 26 Teilbänden; siehe Verlagswebseite).

Einzeltitel (Auswahl, Kurztitel) Online-Ausgaben über die Fußnoten zu den EinzeltitelnOnline weitere, insbesondere auch kleinere Werke Zesen über die Deutsche Digitale Bibliothek mini|hochkant|Titelblatt Leo Belgicus

Melpomene (1638),Melpomene Oder Trauer- und Klaggedichte sub.uni-goettingen.de Lyrik Deutscher Helicon (1640),Philippi Caesii Deutscher Helicon/ oder Kurtze verfassung aller … Teil 1, sub.uni-goettingen.de Poetik Himmlische Kleio (1641), Lyrik FrühlingsLust oder Lob-, Lust- und Liebeslieder (1642), Gedichtesammlung Poetischer Rosen-Wälder Vorschmack (1642),. Schäferdichtung Hooch-Deutsche Spraach-Übung (1643),Ph. Caesiens Hooch-Deutsche Spraach-übung Oder unvorgreiffliches Bedenken über die Hooch-deutsche Haupt-Spraache und derselben Schreibrichtigkeit: In unter-redung gestellet/ und auff begehren und guhtbefinden der Hoochlöblichen Deutsch-Zunfft herfür … hab.de literaturtheoretische Abhandlung Liebesbeschreibung Lysanders und Kalisten (1644),. Romanübersetzung (siehe unten) (Ritterholds von Blauen) Adriatische Rosemund (1645), autobiographischer Roman Lustinne (1645),Ritterholds von Blauen Adriatische Rosemund. hab.de GedichtesammlungZusammen mit Die Adriatische Rosemund veröffentlicht (ab S. 298) und teilweise als dazugehörig angesehen. Die afrikanische Sofonisbe (1646),Die Afrikanische Sofonisbe hab.de Romanübersetzung (siehe unten) Zum dritt- und letzten mahle...ausgefärtigter Hoch-deutscher HelikonVom Helikon gibt es insgesamt vier(!) Ausgaben (1649),Hochteutscher Helicon. Teil 1–3 (die Google-Bezeichnung „Hochteutscher Helicon“ entspricht nicht dem Buchtitel); books.google.de Technik der Poetik, Reimlexikon Gekreuzigter Liebesflammen oder Geistlicher Gedichte Vorschmack (zu Hamburg / In Verlegung Georg Papens, 1653) Leo Belgicus (= lateinische Version, 1660), Niederländischer Leue (= deutsche Version, 1677Filips von Zesen Niederländischer Leue: Das ist/ Kurtzer/ doch gru. sub.uni-goettingen.de), Geschichtswerk Beschreibung der Stadt AmsterdamVollständiger Titel: „Darinnen von Derselben ersten ursprunge bis auf gegenwärtigen zustand/ ihr unterschiedlicher anwachs/ herliche Vorrechte/ und in mehr als 70 [andere Ausg.: „und in 60“] Kupfer-stükken entworfene führnehmste Gebeue/ zusamt ihrem Stahts-wesen/ Kauf-handel/ und ansehnlicher macht zur see/ wie auch was sich in und mit Derselben märkwürdiges zugetragen vor Augen gestellet werden“ (1664)Filips von Zesen Beschreibung der Stadt Amsterdam Schöne Hamburgerin (1668), Lieder Assenat (1670), biblischer Roman Reiselieder (1677) Simson (1679),Filips von Zesen Simson: eine Helden- und Liebes-Geschicht/ Mit dreissig schönen Kupferstükken gezieret. hab.de biblischer Roman

Das Werk Kurtze Doch grundrichtige Anleitung zur Höfligkeit (1649)Kurtze Doch grundrichtige Anleitung zur Höfligkeit. hab.de ist Zesen gewidmet (der Dankesworte schreibt), jedoch nicht von Zesen verfasst. Autor ist „Der Schmäkkende“, Pseudonym von Hans Adolph von Alewein.Philipp von Zesen: Sämtliche Werke. Band XII: Gesellschaftsschriften, S. 463. Im Anhang (S. 84–107) sind Briefe Zesens abgedruckt.

Übersetzungen (Kurztitel) Liebes-beschreibung Lysanders und Kalisten (1644);Liebes-beschreibung Lysanders und Kalisten. klassik-stiftung.de Übersetzung von: Vital d’Audiguier: Histoire trage-comique de nostre temps. Sous les noms de Lysandre et de Caliste (1624, französisch). Ibrahims oder Des Durchleuchtigen Bassa und der Beständigen Isabellen Wundergeschichte (1645);3./4. Teil: ; Ausgabe Zweybrücken 1667, Teil 1–4: ; Digitalisat des 2. Teils und des 3. Teils bei Google Books. Übersetzung von: Ibrahim ou l’illustre Bassa (1644, französisch). Der herzlich-verliebte schmerzlich-betrübte Roselieb (1646); Übersetzung von: Torquato Tasso: Aminta (italienisch). Die afrikanische Sofonisbe (1647);hab.de Übersetzung von: François Du Soucy Sieur de Gerzan: L’histoire africaine de Cleomede et de Sophonisbe (1627–1628, französisch). Matthiæ Dögens Heutiges Tages Übliche Kriges Bau-kunst (1648);hab.de Übersetzung von: Matthiae Dögen Dramburgensis Marchici Architectura Militaris Moderna (1647, lateinisch).