mini|Diatonische Mundharmonikas, hier: Oktav- und Richtermundharmonika

Die Mundharmonika ist ein Musikinstrument aus der Gruppe der Harmonikainstrumente mit Durchschlagzungen aus Metall in parallel angeordneten Luftkanälen. Die Luftkanäle werden direkt mit dem Mund angeblasen.

Eine besondere Stellung nimmt die Mundharmonika in der europäischen Volksmusik, im Blues (mit der Blues Harp) und in der Old-Time Music ein – in der klassischen Musik dagegen ist das Instrument nur eine Randerscheinung.

Die Mundharmonika ist im Vergleich zu den meisten anderen Musikinstrumenten klein, kostengünstig und weniger empfindlich.

Geschichte Zur technischen Vorgeschichte siehe: Geschichte der Stimmzunge Geschichte des Harmoniums Geschichte der Handharmonika

Erfindung der Mundharmonika Aus der Geschichte der durchschlagenden Stimmzunge ergibt sich, dass Orgelbauer, Mechaniker oder Spieluhrenbauer wie Friedrich Kaufmann in Dresden oder andere vergleichbare Mechaniker zum Beispiel in Nürnberg, Paris, Wien und Prag um 1800 bereits die nötigen Kenntnisse und Voraussetzungen dafür hatten, um auch Aeolinen oder Mundharmonikas anzufertigen. Im Blickfeld standen jedoch die Maschinen und Orgeln, mit denen eine größere Aufmerksamkeit zu erreichen war. Daher besteht die Möglichkeit, dass erste Exemplare vor den 1820er-Jahren angefertigt wurden. Obwohl Beweise vollständig fehlen, könnte der fünfzehnjährige, in vielen Schriften als Erfinder dargestellte Christian Friedrich Ludwig Buschmann schon im Jahr 1820 ein ähnliches Instrument angefertigt haben – sehr wahrscheinlich ist dies aber nicht. Letztlich bleibt ungeklärt, wer als erster die Idee der Vermarktung als Nebenprodukt hatte oder ob mehrere an verschiedenen Orten ähnliche Produkte in Umlauf brachten, und es gibt aus heutiger Sicht keine Einzelperson, die als Erfinder der Mundharmonika bezeichnet werden kann. Vor allem scheint die Mundharmonika anfangs keine besondere Aufmerksamkeit erhalten zu haben, da aus der Anfangszeit keinerlei spezielle Patente für die Mundharmonika bekannt sind und die musikalischen Zeitungen im deutschsprachigen Raum aus der Zeit von 1800 bis 1824 auch keinerlei Hinweise auf das Instrument enthalten. Einzig von Auftritten mit der Mundharmonika wird mehrfach berichtet, wobei es sich aber nicht um die heutige Mundharmonika handelt; gemeint ist die Maultrommel oder – wie die Maultrommel damals noch bezeichnet wurde – das Brummeisen. In Wien trat nach 1810 bis 1822 der prominente Chorleiter Franz Xaver Gebauer mit der Mundharmonika (Maultrommel) auf.Eduard Hanslick: Geschichte des Concertwesens in Wien. Band 1. 1869, S. 185 (books.google.at).Eduard Bernsdorf (Hrsg.): Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Band 2. 1857, S. 122 (books.google.at).

Gesicherte Berichte In den frühen 1820er Jahren tauchten Mundharmonikas erstmals auf und verbreiteten sich dann im deutschsprachigen Raum. 1823 erwarb Johann Georg Meisel auf der Braunschweiger Messe eine Mundharmonika. Für Wien ist der Verkauf von Mundharmonikas ab 1825 belegt.

Im Jahr 1825 erweiterte Anton Reinlein seine Befugnis und nannte sich dann „bürgerlicher Spieluhrenfabrikant und Mundharmonikaerzeuger“. 1826 baute Ignaz Hotz in Knittlingen Mundharmonikas nach. 1827 war die Mundharmonika bereits ein Modeartikel in Wien; hoch gerechnet wurden im Jahr 1827 500.000 Stück der „Ohrenquäler“ verkauft.Österreichischer Gewerbeverein (Hrsg.): Wochenschrift, Bände 1–4, Vienna, 1840, S. 29 (books.google.at). 1827 wurde das Instrument auch in Graslitz (Klingenthal) von Johann Georg Meisel gemeinsam mit Johann Langhammer nachgebaut. 1829 erhielt Johann Wilhelm Rudolph Glier vom physikalischen Verein in Frankfurt am Main eine Mundharmonika zum Geschenk und baute kurz darauf die Instrumente nach. Ein Privilegium (Patent) direkt für eine Mundharmonika ist nicht bekannt.Beschreibung der Erfindungen und Verbesserungen, … die Privilegien vom Jahre 1821–1835 enthält. (books.google.de). 1829 erhielt Jakob Kissling die erste Gewerbeberechtigung Wiens, in der direkt die Mundharmonika genannt wird. Im Jahr 1834 wurde in Wien die Mundharmonikafabrik von Fridrich Wilhelm Thie (1803–1869), der aus Rathenow stammte, gegründet, die bis 1922 bestand. Von zwei Mundharmonika-Machern wurde im Jahr 1836 in Nürnberg berichtet.Monatsschrift für deutsches Städte- und Gemeindewesen. Band 3, S. 298 (books.google.de).

Im Jahr 1830 erschien ein Buch mit dem Titel Systematische Darstellung der neuesten Fortschritte in den Gewerben; darin findet sich ein Hinweis, dass die Mundharmonika neuerlich in Württemberg erfunden wurde, ohne irgendeinen Beleg dafür anzuführen.Stephan von Keeß, Wenzel Carl Wolfgang Blumenbach: Systematische Darstellung der neuesten Fortschritte in den Gewerben …. Band 2, 1830, S. 37: „Die neuerlich in Württemberg erfundene Mundharmonika besteht aus zwey Blechen, in welchen über Quere schmale längliche Ausschnitte sich befinden. Über jeden solchen Ausschnitt läuft eine aus Silber und einem andern Metall legierte Feder, welche an einer Seite an dem Metallblech befestigt ist, so daß noch eine sehr schmale Öffnung bleibt. Jede dieser Federn gibt einen andern Ton, der jenem der Physharmonica gleichkommt. Die Töne lassen sich vom sanftesten Piano bis zum stärksten Forte darauf hervorbringen. Eine solche Mundharmonica kostet in Wien 36 kr. biß 4 fi. 24 kr. E. M.“ (). Im Jahr 1832 gründete im württembergischen Trossingen Christian Messner die erste Werkstätte, in der Mundharmonikas gefertigt wurden. Dies erfolgte, nachdem er im Jahr 1830 eine aus Wien mitgebrachte Mundharmonika nachgebaut hatte. Das Unternehmen wurde später von der Matthias Hohner AG übernommen.

Innerhalb kürzester Zeit erreichte der Instrumentenbau enorme Stückzahlen, und sie gilt heute als das meistgebaute Instrument.Edgar Niemeczek: Musik aus der Rocktasche. In: Schaufenster Volkskultur. Nr. 3/2007, Atzenbrugg; In aller Munde. Ausstellungskatalog Technisches Museum Wien, 2002, zit. n. Tascheninstrumente. In: ABC zur Volkskunde Österreichs. Austria-Lexikon.

Im Jahr 1833 waren in Wien bereits sieben Mundharmonikamacher nachweisbar (Jakob Kissling, Wilhelm Schütz, Joseph Forstinger (Uhrmacher), Michal Harig, Johann Fell, Vincenz Fischer, Johann Klein (Klappenharmonikamacher)). 1856 gab es bereits 120 aufgelistete Mund- oder Handharmonikamacher in Wien.

In Böhmen war 1839 ein Mundharmonika-Macher behördlich registriert.Johann Gottfried Sommer: Mundharmonika-Macher, Das Königreich Böhmen. Band: Budweiser Kreis. 1841, S. 5: „Die Gewerbs-Industrie wird hauptsächlich von den Bewohnern der Stadt Budweis und des Städtchens Rudolfstadt betrieben. Auf den Dörfern findet man nur die unentbehrlichsten Handwerke. Am 1. Juli 1839 beschäftigten sich in der Stadt und den übrigen Ortschaften … 1 Mundharmonika-Macher …“ (books.google.de). Die beiden in Deutschland heute noch bestehenden Hersteller von Mundharmonikas begannen 1847 (C. A.Seydel, CASS, Klingenthal) und 1857 (Matthias Hohner, Trossingen) mit der Herstellung.

Im deutschen Sprachraum, wo sie als Tascheninstrument neben Ziehharmonika (Konzertina) und Okarina (Gänschen) sehr schnell Beliebtheit fand, hieß die Mundharmonika anfangs Mundharmonika chinesischer Art – in Abgrenzung zur Maultrommel (Brummeisen), die seinerzeit auch „Mundharmonika“ genannt wurde – oder volkssprachlich bildhaft bayer.-österr. Fotz(en)hobel ( ‚Mund, Maul, Gosche‘).Josef Focht: Fotzhobel, Maultrommel und Harmonika in frühen volksmusikalischen Quellen. In: Josef Focht, Herbert Grünwald (Hrsg.): Konzertina, Bandonion, Akkordeon. Die Entwicklung der Harmonika-Instrumente und ihr Spiel in Bayern. Mit Beiträgen von Dieter Krickeberg und Kari Oriwohl. Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e. V. (Volksmusiksammlung und -Dokumentation in Bayern Nr. E 12), München 1999, S. 5–10.

Bestandteile mini|Stimmplatte auf dem Kanzellenkörper einer diatonischen Mundharmonika montiert mini|Kanzellenkörper und zwei Stimmplatten mini|Stimmplatte mini|Mundharmonika

Die Grundbestandteile einer Harmonika sind der Kanzellenkörper, die Stimmplatten mit den Stimmzungen sowie die (Klang-)Deckel.

Kanzellenkörper Der Kanzellenkörper ist zentraler Bestandteil des Instruments. Volkstümlich wird er auch „Kamm“ genannt aufgrund seiner Ähnlichkeit mit einem echten Kamm. Ursprünglich wurde er aus Holz gefertigt, heute aber häufig auch aus Kunststoff (ABS) oder Metall. Der Kanzellenkörper unterteilt das Instrument in Kanzellen. Das sind Luftkammern (Windkanäle), welche die Atemluft zu den Stimmzungen kanalisieren.

Stimmplatte und Stimmzungen Die Stimmplatten werden oben und unten auf dem Kanzellenkörper befestigt und durch Deckel aus Blech verkleidet. Die Stimmzungen (Tonzungen) sind auf die Stimmplatten genietet, so dass sie frei durch die darunter liegenden Ausschnitte in den Stimmplatten – die Tonlöcher – hindurchschwingen können. Die Abmessungen lassen einen definierten Luftspalt zwischen Tonloch und -zunge frei. Die längeren Stimmzungen erzeugen die tieferen Töne. Damit die Zunge durch die Blasluft anschwingen kann, muss sie ein wenig nach oben gebogen sein. An jeder Kanzelle sind jeweils eine nach innen gerichtete Druck- und eine nach außen gerichtete Sogzunge angeordnet, die entsprechend durch Blasen oder Saugen angeregt werden. Die jeweils inaktive Tonzunge hat beim normalen Spielen keinen Einfluss auf die Klangentstehung und verbleibt in Ruhelage.

Für eine gleichmäßigere Verteilung der Biegespannung verjüngen sich die Querschnitte der Zungen zum freien Ende hin. Bei tiefen Tönen kann die Profilierung jedoch auch anders aussehen, wobei sich die dünnste Stelle nicht mehr am Zungenende befindet. Um die Kerbwirkung an der Einspannstelle der Zunge zu vermindern, soll der Querschnittsverlauf frei von Unstetigkeiten sein.

Typen Durch die im 19. Jahrhundert auch in diatonischen Akkordeonen eingesetzte Richterstimmung eignen sich die diatonischen Mundharmonikas dazu, einfache Melodien gleichzeitig mit Begleitakkorden zu unterlegen; dafür sind nicht alle chromatischen Töne verfügbar. Die später entwickelten chromatischen Instrumente verfügen zwar über alle chromatischen Töne, erlauben aber in der Regel keine Begleitakkorde mehr.

Chromatische Mundharmonika mini|Chromatische Mundharmonika Chromatische Mundharmonikas erlauben es, über einen eingebauten Schieber alle Halbtöne der westlichen Musik abzudecken. Somit stehen ihnen alle Musikstile offen.

+ Chromatische Mundharmonika Kanzelle (Öffnung): 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Blastöne: C E G C C E G C C E G C Blastöne mit gedrücktem Schieber: C# F G# C# C# F G# C# C# F G# C# Ziehtöne: D F A H D F A H D F A H Ziehtöne mit gedrücktem Schieber: D# F# A# C D# F# A# C D# F# A# C

Die Kanzellen 1–4 und 5–8 umfassen demnach bereits sowohl eine vollständige C-Dur-Tonleiter als auch bei gedrückt gehaltenem Tonschieber eine vollständige C#-Dur-Tonleiter, die enharmonisch verwechselt auch als Db-Dur-Tonleiter benannt werden kann. In einer Kanzelle befinden sich also vier durch Plastikventile abgedichtete Stimmzungen.

Die chromatische Mundharmonika wird zumeist – wie andere Blasinstrumente – eintönig gespielt. Die bei anderen Mundharmonika-Modellen oft praktizierte rhythmisierende Zungenschlagtechnik wird bei der chromatischen Mundharmonika aus harmonischen Gründen eher nicht angewendet.

Es gab auch eine chromatische Mundharmonika mit zwei Schiebern, die Hohner Chordomonica II, die auf einer Erfindung von Chamber Huang basiert. Sie soll in den 80er Jahren, nach anderen Angaben 60er Jahren, außer Produktion genommen worden sein.