Reichsmarine war die Bezeichnung der Marine des Deutschen Reichs in der Zeit vom 1. Januar 1921 bis zum 31. Mai 1935. Sie bildete einen Teil der Reichswehr. Nach Gründung der Wehrmacht wurde sie am 1. Juni 1935 in Kriegsmarine umbenannt.

Bereits die während der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 am 4. Juni 1848 von der Frankfurter Nationalversammlung gegründete Marine war in einigen Dokumenten als Reichsmarine bezeichnet worden. Um Verwechslungen zu vermeiden, benutzen Historiker inzwischen den Begriff Reichsflotte für die Marine von 1848.

Vorläufige Reichsmarine Auf Grund des Gesetzes, das die Nationalversammlung am 16. April 1919 billigte, hieß die deutsche Marine Vorläufige Reichsmarine. Sie war nach der Beendigung des Ersten Weltkrieges aus der Kaiserlichen Marine des Deutschen Kaiserreichs hervorgegangen. Zu den Aufgaben der Reichsmarine gehörten Küstensicherung, Fischereischutz, Minenräumen, Seepolizei und Unterstützung der Handelsschifffahrt. 1919 ging die Führung der Marine vom bis dahin bestehenden Reichsmarineamt auf die neue Admiralität über. Die Flagge der vorläufigen Reichsmarine war identisch mit der Flagge der Kaiserlichen Marine.

Die kurze Periode der Vorläufigen Reichsmarine war bestimmt von einer Anzahl wichtiger Ereignisse und Entwicklungen der deutschen Geschichte, an denen sie direkt oder indirekt beteiligt war: Die Deutsche Revolution 1918–1919, die Ablieferung und spätere Selbstversenkung der Hochseeflotte, die Unterzeichnung des Versailler Vertrages, den Kapp-Putsch

Revolution und Kapp-Putsch mini|Angehörige der Marinebrigade Ehrhardt als Teilnehmer beim Kapp-Putsch Die Novemberrevolution 1918, ausgelöst durch den Kieler Matrosenaufstand der Hochseeflotte, und die Internierung der Hochseeflotte in Scapa Flow führten zum inneren Zusammenbruch der deutschen Seestreitkräfte. Linke, häufig kommunistische Mannschaften und konservativ-monarchistische Offiziersgruppen rotteten sich gleichermaßen als Freischaren zusammen. Die kommunistischen Matrosen bildeten die Volksmarinedivision, die konservativen Kräfte mehrere Verbände, darunter die Marinebrigaden Ehrhardt und Loewenfeld, die anfangs vorwiegend aus Berufssoldaten bestanden.

Beide Seiten beteiligten sich an blutigen Kämpfen und Gewalttaten. Die Volksmarinedivision wurde im März 1919 aufgelöst, die Marinebrigaden erst nach dem Kapp-Putsch im März 1920, an deren Zustandekommen sie wesentlich beteiligt waren. Einer der Auslöser war der Befehl des Reichswehrministers Gustav Noske, die Marinebrigaden aufzulösen. Die Brigade Ehrhardt unterstützte den Kapp-Putsch und besetzte Berlin. Der Chef der Admiralität, Vizeadmiral von Trotha erklärte, die Marine stehe der neuen Regierung zur Verfügung. Damit hatte er die Vorläufige Reichsmarine außerhalb der Verfassung gestellt. In den kommenden Jahren sah sie sich von rechts dem Vorwurf des Matrosenaufstands und der Novemberrevolution ausgesetzt, von liberaler und linker Seite dem des Verfassungsbruchs.

Im Offizierskorps der Marine gab es seit der Meuterei im November 1918 einen besonders scharfen „antimarxistischen Komplex“. Die besonders scharfe Frontstellung der NSDAP gegen Kommunismus und Marxismus beeindruckte daher viele Angehörige der Marine.Francis L. Carsten: Reichswehr und Politik 1918-1933. Köln, Berlin 1966, S. 346.

Selbstversenkung der Hochseeflotte und Versailler Vertrag Ein weiteres wesentliches Ereignis in der kurzen Geschichte der Vorläufigen Reichsmarine war die Selbstversenkung der Hochseeflotte in Scapa Flow am 21. Juni 1919. Die Schiffe hätten gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrages den Alliierten ausgeliefert werden sollen. Als Entschädigung für diese Verluste verlangten die Alliierten die Auslieferung weiterer deutscher Kriegsschiffe, die auf deutscher Seite schon für den Aufbau einer neuen Flotte vorgesehen waren.

Der Vertrag von Versailles begrenzte die Größe und Bewaffnung der deutschen Streitkräfte. Danach durfte die Marine 6 Linienschiffe (plus 2 in Reserve), 6 Kreuzer (plus 2 in Reserve), 12 Zerstörer (plus 4 in Reserve), 12 Torpedoboote (plus 4 in Reserve), 38 Minensuchboote, Sperrübungsfahrzeuge ohne Beschränkung, 8 Tender und Bewacher, 8 Fischereischutzboote, 2 Vermessungsschiffe, 6 Peilboote und 1 Segelschulschiff besitzen. Ersetzt werden durften die alten Schiffe erst nach einer Dauer von 20 Jahren (die großen Einheiten) oder 15 Jahren (die kleineren Einheiten). Neubauten und Schiffskäufe im Ausland waren genauso wie der Besitz von U-Booten verboten. Sperrübungsfahrzeuge und unbewaffnete Einheiten unterlagen keiner zahlenmäßigen Beschränkung. Eine ganze Flotte von U-Bootzerstörern, Leichten Minensuchbooten und Flachgehenden Räumbooten überließ die Marine daher in abgerüstetem Zustand dem Reichswasserschutz, von dem sie die Boote später zum Teil wieder zurück erwarb. Die Personalstärke der Reichsmarine durfte 15.000 Mann nicht überschreiten.

Erhalt einer eigenständigen Marine Aufgrund der Ereignisse am Ende des Ersten Weltkriegs und in der Revolutionszeit war das Ansehen der Marine auf einen Tiefpunkt gesunken. Die Selbstversenkung der Hochseeflotte hatte allerdings dazu beigetragen, die konservative Öffentlichkeit wenigstens teilweise mit der Marine zu versöhnen. Angesichts der strengen Beschränkungen des Versailler Vertrages für deutsche Streitkräfte kam auch ein gänzlicher Verzicht auf eine eigene Marine – wie vereinzelt diskutiert – nicht in Frage, da sich das Reich damit selber noch weiter geschwächt hätte.

Die Aufgaben der Reichsmarine waren zunächst nur in einer Denkschrift der Marineleitung aus dem Jahr 1920 festgelegt und entsprachen denen der Vorläufigen Reichsmarine (s. o.). Sie waren stark von den Notwendigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit geprägt. Polizei- und Ordnungsaufgaben standen gegenüber der eigentlichen Verteidigungsaufgabe im Vordergrund. Erst nach einigen Jahren wurde die seeseitige Verteidigung des Reiches wieder stärker betont.

Ein Beispiel für die Zukunftshoffnungen der Reichsmarine auf einen Aufstieg zur Weltmacht sind die Vorträge von Karlgeorg Schuster. In einem Vortrag im Mai 1930 in Hamburg zog er aus dem Weltkrieg die Lehre, , Marine und Heer müssten das aufstoßen, weil könne.Jost Dülffer: Weimar, Hitler und die Marine. Reichspolitik und Flottenbau 1920-1939. Düsseldorf 1973, S. 195 f.

Reichsmarine Mit dem Wehrgesetz vom 23. März 1921 erfolgte die Umbenennung in Reichsmarine (RM) rückwirkend zum 1. Januar 1921. Zugleich wurde die endgültige Organisation als Teil der Reichswehr festgelegt. Oberbefehlshaber aller Streitkräfte war der Reichspräsident. Unter ihm besaß der Reichswehrminister Befehlsgewalt über die Reichswehr. Ihm unterstanden die Chefs der Heeresleitung und der Marineleitung nebeneinander als militärische Befehlshaber.Konrad Ehrensberger: 100 Jahre Organisation der deutschen Marine. Bonn 1993, ISBN 3-7637-5913-1. Die bis 31. Dezember 1921 verwendete Kriegsflagge des Kaiserreichs wurde abgelöst durch die Kriegsflagge der Reichsmarine: schwarz-weiß-rote Balken, in der Mitte ein eisernes Kreuz und im Liek (Ecke oben links) die schwarz-rot-goldenen Reichsfarben der Republik. Die Farben im Liek wurden 1933 wieder entfernt.

Aufgaben der Reichsmarine Die operativen Erwägungen der Marineleitung befassten sich – bedingt durch die Abtrennung von Ostpreußen und der Freien Stadt Danzig – zunächst mit Polen. Danach wurde der „Erbfeind“ Frankreich mit einbezogen. Im Falle eines Bündnisses beider Gegner entstünde eine gefahrvolle Zweifronten-Situation. Ein Konflikt mit Großbritannien erschien undenkbar. Er hätte die Marineleitung in eine ausweglose Lage geführt. Selbst Admiral Erich Raeder lehnte es offiziell strikt ab, die Marine auf diesen Fall vorzubereiten oder ihn auch nur durchzuspielen.M. Salewski: Selbstverständnis und historisches Bewusstsein der deutschen Kriegsmarine. In: Marine-Rundschau, Heft 2, 1970, 73 f. Allerdings äußerte er in einer Unterredung mit Reichskanzler Hitler am 27. Juni 1934 die Auffassung, „dass die Flotte später doch gegen England entwickelt werden müsse, dass daher von 1936 an die großen Schiffe mit 35cm Geschützen“ bewaffnet werden müssten, um den Einheiten der King George-Klasse gewachsen zu sein.G. Schreiber: Thesen zur ideologischen Kontinuität in den machtpolitischen Zielsetzungen der deutschen Marineführung 1897–1945. In: Manfred Messerschmidt (Hrsg.) Militärgeschichte: Probleme, Thesen, Wege. DVA, Stuttgart 1982, S. 268. Dort auch Quellenverweisung. Damit offenbarte sich nach Auffassung Gerhard Schreibers schließlich doch wieder die Kontinuität antibritischen Denkens seit der Tirpitz-Zeit. Ein Zusammenschluss Frankreichs mit der Sowjetunion hingegen erschien von Anfang an wieder als eine denkbare Gefahr. Frankreichs Marine war erheblich stärker als die deutsche und konnte die Seewege in der Nordsee blockieren. Das Gleiche galt bei einem Bündnis französisch-sowjetischer Seestreitkräfte für die Ostsee. Deshalb konzentrierten sich die deutschen Rüstungsplanungen spätestens ab Mitte der 1920er Jahre darauf, dieser Bedrohung entgegenzutreten.

Erst 1928 erließ der neue Reichswehrminister Wilhelm Groener operative Vorgaben für Heer und Marine. Von der Marine wurde unter anderem gefordert, dass sie in der Lage sein musste, die polnische Marine innerhalb von 72 Stunden vernichtend zu schlagen und den Stützpunkt Gdingen auszuschalten. Damit wollte man im Fall eines Grenzkonflikts mit Polen, wie es ihn in der direkten Nachkriegszeit gegeben hatte, ein abschreckendes Signal geben können.Werner Rahn: Marinerüstung und Innenpolitik einer parlamentarischen Demokratie – das Beispiel des Panzerschiffes A 1928. In: Die deutsche Marine – Historisches Selbstverständnis und Standortbestimmung. Schriftenreihe Deutsches Marine Institut; Deutsche Marine-Akademie, Bd. 4, Herford und Bonn 1983, ISBN 3-8132-0157-0, S. 53 ff.

Organisation mini|Die alten Linienschiffe Schleswig-Holstein (vorn), Schlesien (links) und Hessen etwa 1930. Diese bereits 1919 veralteten Schiffe bildeten lange Zeit den Kern der Reichsmarine. mini|Die 1910 errichtete Marineschule Mürwik im Jahr 1929 Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Reichswehrministerium in Berlin als oberste Reichsbehörde für die Reichswehr geschaffen. Im Ministerium bestand neben der Heeresleitung die Marineleitung als oberste Kommandostelle der Reichsmarine. An ihrer Spitze stand der Chef der Marineleitung. Ihm waren unterstellt (Stand 1930/31Wilhelm Köhler, Mitarbeit von Max Plüddemann. Illustrierter Deutscher Flotten-Kalender für 1932 (Köhlers Flotten-Kalender), 30. Jahrgang, Minden): Flottenkommando geführt vom Flottenchef (Flottenflaggschiff Linienschiff Schleswig-Holstein in Kiel, dazu Flottentender Hela) Befehlshaber der Linienschiffe (B.d.L.) (Flaggschiff Linienschiff Schlesien in Wilhelmshaven) Linienschiffe Hannover, Hessen, Schleswig-Holstein, Schlesien Flottentender Meteor, Peilboote II und V Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte (B.d.A.) (Flaggschiff Leichter Kreuzer Königsberg in Kiel) Leichte Kreuzer Emden, Köln, Königsberg, Leipzig I. Torpedobootsflottille (Swinemünde) II. Torpedobootsflottille (Wilhelmshaven) 1. Minensuchhalbflottille (Kiel) Kommando der Marinestation der Ostsee (Kiel) Küstenverteidigung der Ostsee Marineartillerieabteilungen I. (Kiel), III. (Swinemünde) und V. (Pillau) Kommandanturen in Swinemünde und Pillau Schiffsstammdivision der Ostsee (S.D.O.) Fahrzeugverband der Ostsee in Kiel mit Stationstender Nordsee Küstennachrichtenwesen der Ostsee Inspektion des Bildungswesens der Marine (B.I.) Marineschulen in Flensburg-Mürwik, Friedrichsort und Kiel-Wik Marinefachschulen Marinearchiv (Berlin) zeitweilig unterstellte Schulkreuzer Segelschulschiff Niobe Inspektion des Torpedo- und Minenwesens (T.M.I.) Torpedoversuchsanstalt (T.V.A.) in Eckernförde Torpedo- und Nachrichtenschule (T.N.S.) in Flensburg-Mürwik Torpedolaboratorium in Kiel