mini|Beschilderung an einer Grundschule in der Gemeinde Ahrntal (Südtirol, Italien) mini|Zweisprachiges Straßenschild in Biel/Bienne Mit Bilingualismus oder Zweisprachigkeit wird die Fähigkeit bezeichnet, zwei Sprachen zu sprechen oder zu verstehen. Die Bezeichnung kann sich sowohl auf einzelne Menschen (individueller Bilingualismus) als auch auf ganze Gesellschaften beziehen (gesellschaftlicher Bilingualismus). Bilingualismus kann ebenso die entsprechende Forschungsrichtung bezeichnen, die das Phänomen selbst untersucht. Zweisprachigkeit ist eine Form der Mehrsprachigkeit.

Begriffsbestimmung Individuum und Gesellschaft mini|Das Bilingual Triangle (Darstellung nach Woidt 2002: 84) Die Zweisprachigkeit wird in individuelle oder gesellschaftliche Zweisprachigkeit eingeteilt und ist auch Gegenstand sprachpsychologischer oder sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. Eine eindeutige Trennung der verschiedenen Einteilungen ist unscharf, da sich die verschiedenen Bereiche teilweise überschneiden. Im Mittelpunkt der Betrachtungen kann also beispielsweise ein einzelner Sprecher stehen. Untersucht wird unter anderem, wie Sprecher mit mehreren Sprachen umgehen, also zum Beispiel, wie zwischen verschiedenen Sprachen im Gehirn gewechselt wird.

Der Wechsel der verschiedenen Sprachen innerhalb einer vertrauten Umgebung eines Menschen als Teil einer Gruppe oder Gesellschaft wird ebenfalls untersucht. Dazu gehören Betrachtungen der Mehrsprachigkeit und mehrsprachiger Sprecher in Klassenverbänden, in Jugendgruppen oder innerhalb der Familie.

Neben Sprachkontaktphänomenen wie Kreolsprachen und Pidgin-Sprachen spielen auch sprachen- und bildungspolitische Belange (z. B.: Sprachen von Minderheiten) als Forschungsgegenstand eine wichtige Rolle.

Individueller Bilingualismus Der Begriff Zweisprachigkeit wird für Personen verwendet, die Kompetenzen in zwei Sprachen auf einem bestimmten Niveau aufweisen. Diese Sprecher verfügen demnach über aktive oder passive Kenntnisse im Bereich der Grammatik und Kommunikation zweier Sprachen. Bilinguale Menschen gibt es in allen Gesellschaftsschichten und haben meist schon während ihrer Kindheit beide Sprachen erworben bzw. gelernt. Fremdsprachen können jedoch auch im Erwachsenenalter erlernt werden.

Die Muttersprache (L1) wird ohne Unterricht erworben. Der nordamerikanische Sprachforscher Noam Chomsky vermutet, dass es ein Instrument gibt, welches es Kindern erlaubt, die Gesetzmäßigkeiten der Sprachen zu erlernen, die im Umfeld des Kindes benutzt werden. Dieses Instrument wird als Language Acquisition Device (LAD) bezeichnet. Laut Chomsky lässt die Wirksamkeit dieser Fähigkeit mit der Zeit nach (was erkläre, weshalb ältere Kinder und Erwachsene Sprachen mit geringerem Erfolg [oder erst mit wesentlich höherem Aufwand] lernen als Kinder). Es gibt weitere mehr oder weniger ähnliche Ansätze, die versuchen, den natürlichen Spracherwerbs und die Bedeutung des Alters zu erklären (Bickertons Bioprogramm, Konnektionismus usw.). Die Beobachtungen, dass die Fähigkeit, Sprachen zu erlernen, mit dem Alter abnimmt, können als unwillkürlich nachvollziehbar gelten.

mini|Noam Chomsky beim Weltsozialforum 2003

Jedoch konnten verschiedene Untersuchungen keinen Nachweis eines natürlichen „Stopps“ oder Mechanismus erbringen, der zu einer Verzögerung oder gar einem Verschwinden der Spracherwerbsfähigkeiten führen soll. Menschen, die auch im späteren Alter nahezu muttersprachliche Kompetenz erwerben konnten (siehe Romaine), sprechen zusätzlich gegen die genetische Anlage eines solchen „Stopps“.

Die Beobachtungen stützen sich oft auf die Wahrnehmung von Aussprache bzw. von bestimmten Fehlern – die sich bei Erwachsenen hartnäckiger als bei Kindern zu halten scheinen. Zum Beispiel verwendet eine erwachsene Englischlernerin regelmäßig die Zahl one als Artikel: “I see one car” anstatt “I see a car” (Ich sehe ein Auto / einen Wagen) und spricht das „r“ in car deutlich hörbar, gerollt aus (wobei bestimmte „Englishes“ auch das „r“ rollen). Ob diese „Unflexibilität“ mit dem Sprachenlernen an sich oder eher mit anderen Faktoren zu tun haben, ist eine wichtige, zu klärende Frage. Ferner hängt der Spracherwerb/das Sprachenlernen bei Kindern und Erwachsenen mit unterschiedlichen Bedingungen zusammen. Kinder lernen mehrere Sprachen oft in einer Umgebung, in der sie jene ständig hören und benutzen können. Bei Erwachsenen ist die Vielfalt von Sprachkontakten in einer Zielsprache oft eingeschränkter. Zudem entwickeln sich die kognitiven Fähigkeiten und die Persönlichkeit bei Kindern parallel. Während es für ein Kind alltäglich und normal zu sein scheint, ständig Fehler zu machen, können Erwachsene hierbei in ihrem Selbstverständnis als etablierte Persönlichkeit empfindlich erschüttert werden. Dies sind nur wenige Umstände, die den qualitativen und quantitativen Erwerbserfolg beeinflussen könnten.

Es soll hier vor allem darauf aufmerksam gemacht werden, dass eine Trennung von Gründen, die das unterschiedliche Sprachaneignungsverhalten von Kindern im Unterschied zu Erwachsenen betreffen, sehr schwer ist und auch mit einer Überbewertung von „Fehlern“ zu tun haben könnte.

Übersetzung und Code-Switching mini|Die Konferenzdolmetscherin Patricia Stöcklin übersetzt zwischen Garry Kasparov und Klaus Bednarz auf der lit Cologne 2007. Zweisprachigkeit bedeutet nicht notwendigerweise, dass man auch dazu fähig ist, von einer dieser Sprachen in die andere zu übersetzen oder zu dolmetschen. Es kann zwischen beruflich ausgeübter und im Alltag verwendeter Übersetzungsfähigkeit unterschieden werden. Diese Unterscheidung wird vor allem seitens der Berufsübersetzer betont.

Zweisprachige Menschen (auch professionelle Übersetzer) zeigen gelegentlich ein Verhalten, bei dem sie ihre Sprachen auf unterschiedliche Weise mischen (siehe hierzu Code-Switching). Die meisten Sprecher scheinen ihre Sprachen sowohl mischen als auch trennen zu können. Oft findet beides in der gleichen Situation statt. Nur in Ausnahmen, beispielsweise bei sogenannten Aphasien und anderen Erkrankungen, kann ein solches Sprachmischen als problematisch oder gar krankhaft bezeichnet werden.

In den meisten Fällen gehört das Sprachmischen zu einem normalen Verhalten von Mehrsprachigen, die es entweder willentlich abstellen können oder sich unbewusst der Situation anpassen (beispielsweise wenn ein einsprachiger Gesprächspartner hinzukommt). Während der Ausübung ihrer Tätigkeit müssen Dolmetscher zusätzlich zu dem unbewussten Verhalten darauf achten, die Sprachen genau zu trennen und diesen Vorgang zu steuern.

Gesellschaftlicher Bilingualismus mini|hochkant|Die Sprachfamilien Indiens Eine Gesellschaft wird als bilingual bezeichnet, wenn es zwei Amtssprachen, als mehrsprachig wenn es zwei oder mehr Amtssprachen gibt (z. B. in der Schweiz). Diese Amtssprachen oder auch Minderheitensprachen und Dialekte werden teilweise in unterschiedlichen Umständen verwendet. Man spricht in diesem Fall von Diglossie.

Im Zusammenhang mit dieser Thematik beschäftigt man sich auch mit Sprachen, die sich aus Kontakten Anderssprachiger ergaben, wie Pidgin und Kreolsprachen. Vorstellungen, was als Sprache bzw. Dialekt bezeichnet werden soll, werden in Gesellschaften mit zahlreichen und einander unähnlichen Sprachen auf die Probe gestellt. Beispielsweise werden in Indien ungefähr hundert verschiedene Sprachen gesprochen, die zu vier verschiedenen Sprachfamilien gezählt werden.

In Gebieten die von zwei Ethnien bewohnt werden, z. B. im ehemaligen Böhmen oder in Kärnten gibt es utraquistische Sprachregelungen, hierbei wird der Schulunterricht oder ein Verein in zweisprachiger Form geführt, Austria-Forum: Minderheitenschulwesen (abgerufen am 16. April 2025) Dictionary: Anwendungsbeispiele (abgerufen am 16. April 2025) siehe z. B. auch Deutsche Technische Hochschule Prag.

Wissenschaftlicher Rahmen und Faktoren Festzulegen, wann Zweisprachigkeit gegeben ist, ist nicht eindeutig möglich. Zudem besteht keine Form des Bilingualismus oder Mehrsprachigkeit, bei der alle Sprachen auf dem gleichen Niveau beherrscht werden.siehe z. B. Grosjean.

Zur Feststellung des individuellen und gesellschaftlichen Bilingualismus werden verschiedene Faktoren herangezogen: Niveau und Dominanzverhältnis der beiden Sprachen: Kommunikative und Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen. → Welche Sprache ist dominanter und stärker ausgeprägt? Zeit: Alter bei Erstkontakt mit den Sprachen, Erwerbsabstände zwischen den Sprachen und die Dauer des Erwerbs sowie des jeweiligen Sprachkontakts. Gesellschaft: Die Ein- oder Mehrsprachigkeit des Umfelds und bestimmter Lebensbereiche. Status: Status der Sprache im sozialen Umfeld und Dominanzverhältnisse der Sprachen in diesem Zusammenhang. Identität: Kulturelle Identität und das Zugehörigkeitsgefühl des Sprechers. In jüngster Zeit beschäftigt sich Bilingualismus auch im Zusammenhang mit der mentalen und neurophysiologischen Organisation der Sprachen.

Forschungsansätze zur Zweisprachigkeit Verschiedene Disziplinen mit jeweils unterschiedlichen Untersuchungsmethoden beschäftigen sich mit Bilingualismus.

Linguistik (allgemeine Sprachwissenschaft) Die Linguistik konzentriert sich vorwiegend auf monolinguale Sprecher. Die Forschung in dieser Disziplin erfolgt vorwiegend im Bereich des Spracherwerbs. Die Erkenntnisse in interdisziplinären Feldern wie der Neurolinguistik tragen dazu bei, Forschungsmethoden zu entwickeln. Dadurch konnten Ansätze, die Sprache als System betrachten, erfolgreich in interdisziplinäre Forschungsvorhaben integriert werden.s. z. B. Pardis et al.

Psychologie Im Bereich der Psychologie beschäftigt sich vor allem die Entwicklungspsychologie und die Kognitionsforschung mit Sprache. Bedeutende Fortschritte konnten im Bereich der Gedächtnisforschung und der Wahrnehmungsforschung erzielt werden. Allerdings werden die psychologischen Forschungsmethoden in Schnittstellen-Disziplinen bevorzugt, allen voran der Psycholinguistik, aber auch innerhalb der Fremdsprachendidaktik.

Fremdsprachendidaktik Die Fremdsprachendidaktik ist ein angewandter sprachwissenschaftlich-didaktischer Forschungsbereich, der sich vor allem mit dem Fremdsprachenunterricht beschäftigt und damit nicht unbedingt mit dem ‚natürlichen Erwerb‘ der Muttersprache und der Förderung mehrerer Sprachen gleichzeitig. Man beschäftigt sich vorwiegend mit dem ‚gesteuerten‘ Fremdsprachenerwerb. Für die Gestaltung des Unterrichts und zum Testen ist eine Unterteilung in verschiedene Teilkompetenzen üblich (so z. B.: Hören und Lesen). Die Bedeutung der sog. literacy (Lesefähigkeit) wird auch von anderen Forschungsbereichen zunehmend für den erfolgreichen Spracherwerb anerkannt. Vor diesem Hintergrund ist das Vorhaben, „individuelle Mehrsprachigkeit“ mithilfe gezielten (und damit auch gesteuerten) „Fremdsprachunterrichts“ zu fördern (Sarter, p. c. (Potsdam, Lehrstuhl für Fremdsprachendidaktik, 2006)), sicherlich gerechtfertigt. Hier werden Unterrichtsmethoden vorwiegend unmittelbar in der Praxis getestet. Eine zunehmend interdisziplinäre Ausrichtung entsteht.

Neurolinguistik und Psycholinguistik