mini|Albert Anker: Strickendes Mädchen (1884). Auf dem Gemälde erkennt man das Arbeiten in Runden mit dem Nadelspiel beim Stricken von Strümpfen. mini|Urban Knitting in Yellow Springs, Ohio Stricken ist das Herstellen textiler Maschengebilde aus Garnen durch Fadenumschlingung, wobei die Maschen einer Reihe nacheinander gebildet werden. Beim Handstricken wird meist mit zwei bis fünf (selten mehr) Stricknadeln gearbeitet. Beim Maschinenstricken benötigt jedes Maschenstäbchen eine Zungennadel.Alois Kießling, Max Matthes: Textil-Fachwörterbuch. Fachverlag Schiele & Schön, Berlin 1993, ISBN 3-7949-0546-6, S. 363
Etymologie Das Wort „stricken“ geht auf das althochdeutsche Wort strikkan, strikken zurück und entstand als Ableitung vom Substantiv Strick. Im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm sind als ältere, ursprüngliche Bedeutungen angegeben: „eine Schlinge, einen Knoten knüpfen“; „binden“. Die jüngere Verwendung des Wortes, die im 19. Jahrhundert auch schon allgemein gebräuchlich war – die Fertigung von Textilien aus einem Endlosfaden mit Hilfe von zwei oder mehr Nadeln –, fanden die Brüder Grimm erstmals 1495 belegt.
Geschichte Antike mini|Nadelgebundene Socken (Ägypten, 3.–5. Jahrhundert n. Chr.) Weder aus den altorientalischen noch aus den antiken Hochkulturen sind echte Gestricke erhalten; auch indirekt weist nichts darauf hin, dass das Stricken in dieser Zeit bereits bekannt gewesen sein könnte.
Die ältesten archäologisch gesicherten Textilfragmente, die zumindest von einigen Forschern als Gestricke eingestuft worden sind, wurden in den 1920er und 1930er Jahren in Dura Europos gefunden, einer um 300 v. Chr. gegründeten römischen Festung am Euphrat im heutigen Syrien. Nach heutiger Einschätzung waren diese Maschenarbeiten aber nicht mit zwei Nadeln gestrickt, sondern nadelgebunden, also mit einer Art Nähnadel und aus relativ kurzen Fäden gefertigt. Auch bei Socken, die im 3.–5. Jahrhundert n. Chr. von Kopten angefertigt und später im ägyptischen Oxyrhynchos (heute: Al Bahnasa) ausgegraben worden sind, handelt es sich nicht um Gestricke, sondern um nadelgebundene Arbeiten. Das Nadelbinden geht weitaus langsamer und mühsamer vonstatten als das Stricken, liefert aber festere Maschenwerke, die auch gegen Laufmaschen geschützt sind.
Mittelalter mini|Rechtes Retabel des Buxtehuder Altars, das die Muttergottes beim Stricken zeigt, um 1400 Als Hinweis auf Strickkenntnisse in der Spätantike gilt ein knöchernes Nadelpaar, das in einem Frauengrab in Thüringen gefunden und etwa auf das Jahr 300 n. Chr. datiert wurde. Vergleichbare Artefakte, die etwa aus derselben Zeit stammen, wurden 1903 in einem römischen Gräberfeld in Metz gefunden. Aus der Merowingerzeit, nämlich etwa aus dem Jahre 500, stammen archäologisch sichergestellte eiserne Nadeln, die von einigen Forschern ebenfalls als Stricknadeln eingestuft wurden. Ob diese Einstufung berechtigt ist, erscheint jedoch zweifelhaft; denn während gewebte Stoffe gefunden wurden, die 30.000 Jahre alt waren, stammen die ältesten erhaltenen unzweifelhaften Gestricke aus frühmittelalterlicher Zeit. In Museen werden die hochempfindlichen alten Textilien fast immer in schwachem Licht und unter Glas gehalten, sodass Forscher kaum Gelegenheit finden, die Herstellungsart genau zu bestimmen. Die polnische Textilhistorikerin Irena Turnau, die über Jahre hinweg vermeintliche Gestricke in Augenschein genommen hat, vermutet, dass nur wenige davon tatsächlich gestrickt worden sind. In seinem Standardwerk A History of Hand Knitting (1987) berichtet Richard Rutt von einem im ägyptischen Fustāt entdeckten Gestrickfragment, das der Schweizer Textilexperte Franz Iklé (1877–1946) aufs 7.–9. Jahrhundert datiert hatte; ältere seien nicht bekannt.
Möglicherweise waren es die in Spanien eindringenden Araber, die das Stricken nach Europa brachten. Als Beispiel für die hochentwickelte Strickkunst der spanischen Mauren, die im 8. Jahrhundert nachgewiesermaßen u. a. die Makrameetechnik eingeführt hatten, gelten gestrickte Kissenbezüge aus dem späten 13. Jahrhundert, die in den Gräbern der kastilischen Königsfamilie entdeckt wurden. Wissenschaftliche Hausarbeit, Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd; Die Zahl der Fundstücke ist jedoch zu gering, um den vermuteten Ursprung des Strickens im arabischen Raum wissenschaftlich zu sichern.
Im Hochmittelalter erscheinen erste bildliche Darstellungen des Strickens. Mehrfach wurde die strickende Gottesmutter dargestellt, etwa in La Santa Famiglia (Ambrogio Lorenzetti, um 1345), in Madonna dell’Umiltà (Vitale da Bologna, 1353) und auf dem Meister Bertram zugeschriebenen Altarbild Unsere Liebe Frau (um 1400), auf dem Maria mit vier Nadeln einen Rock für das Jesuskind strickt. Das letztgenannte Bild ist gleichzeitig eine der ältesten Darstellungen des Rundstrickens mit einem Nadelspiel.
In den folgenden Jahrhunderten erlangte das Stricken besondere Bedeutung in der kommerziellen Seefahrt. Auf den immer länger werdenden Fischerei- und Handelsfahrten bot das Stricken eine Möglichkeit, komplette Kleidungsstücke an Bord herzustellen oder auszubessern, ohne die Notwendigkeit, sperrige Webstühle mitführen zu müssen. Ähnliches gilt für nomadisch lebende Gemeinschaften oder Berufsgruppen wie Schäfer.
Stricken als Handwerk
Die erste Erwähnung des gewerblichen Strickens findet sich im Jahr 1268 in Paris. Die Gilde der Pariser Stricker wird zudem 1366, 1380 und 1467 erwähnt. Auch in Tournai (Doornik) in den damaligen Burgundischen Niederlanden (1429) und in Barcelona (1496) sind Gilden von Strickern beurkundet. Für Deutschland sind im Jahr 1600 erstmals die Nürnberger Hosen- und Strumpfstricker urkundlich erwähnt. Die Entwicklung des Handstrickens hin zu einem anerkannten Handwerk ist nicht zuletzt durch den Aufstieg der Pariser Handstricker zu einer der sechs wichtigsten Handwerkergilden belegt.
mini|Plakataufruf des amerikanischen Roten Kreuzes im Ersten Weltkrieg, mit der Bitte, Socken für Soldaten zu stricken.
„Im 16. Jahrhundert war Stricken Männersache. Die älteste bekannte Gilde der Strumpfstricker entstand damals in Paris. Ein professioneller Stricker musste sechs Jahre lernen“, drei Jahre davon auf Wanderschaft. Danach mussten innerhalb von drei Monaten drei Meisterstücke angefertigt werden: Wollhemd, verzierte Strümpfe und ein Teppich.Das große praktische Handarbeitsbuch. Roland Gööck, Veronika Marx. Mosaik Verlag München, Bestellnummer 050137. Ohne Jahr. S. 5. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war es normal, dass vor allem Männer strickten.
Industrielles Stricken
Erste Strickmaschinen setzte I. W. Lamb 1863 in Nordamerika ein. Weiterentwicklungen erfolgten durch Henri Edouard Dubied und Armand Durand in Frankreich, sowie durch G.F. Grosser (1888) in Chemnitz. Bedeutende technologische Schübe aus England griff der sächsische Maschinenbau auf, so dass sich dort der europäische Schwerpunkt der Strumpf- und Trikotagenfabriken im Großraum Chemnitz herausbildete. Trotz innovativer Erfindungen, wie Malimo in der DDR, begann ab 1960 eine sukzessive Verlagerung der europäischen Produktion nach Fernost.Boom, S. 108, Sandsteinverlag, Pirna, 2020; ISBN 978-3-95498-544-9.
Außerhalb Europas In Japan waren Gestricke nahezu unbekannt, bis das Land Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Ausländer empfing. Erste Verbreitung erlebte das Handstricken mit der Entmachtung der Samurai und der Umorganisation des Militärs, das Bedarf an gestrickten Handschuhen und Tabi hatte. In der Literatur wird gelegentlich berichtet, dass ein Großteil dieser Strickarbeiten von wirtschaftlich unter Druck geratenen Samurai erledigt worden sei., zitiert aus Yoshihiro Matushita: Amimono ima mukashi (Knitting Today & Past), in Nihon Vogue, 1986 Breitere Bevölkerungsschichten erreichte die Technik aber erst in den 1870er Jahren mit der zunehmenden Öffnung des Landes und der Einrichtung christlicher Mädchenschulen, die von westlichen Missionarinnen geführt wurden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Heimarbeit gestrickt, die bereits im frühen 20. Jahrhundert durch Strickwarenfabriken abgelöst wurde. Parallel verbreitete sich das Handstricken im Privathaushalt.
Auch in China war das Stricken lange Zeit unbekannt. Wolle wurde traditionell verfilzt oder gewoben; Strümpfe wurden aus Webstoffen geschnitten und genäht. Erst mit dem Import gestrickter Strümpfe und gestrickter Unterwäsche im späten 19. Jahrhundert wurde die Technik in China populär. 1902 und 1909 entstanden in Hangzhou und Shanghai die ersten Strickwarenfabriken. In vielen Privathaushalten wurden für die Strumpffertigung zur selben Zeit Rundstrickmaschinen angeschafft. Das Handstricken war bereits in den 1920er Jahren weithin bekannt, seine größte Verbreitung fand es jedoch erst in den ersten Jahren der Volksrepublik China.
Stricken von Hand Material Als Material verwendet man Handstrickgarn, das z. B. aus Schurwolle, Baumwolle, Seide, Kaschmir, Angora oder auch Kunstfasern bestehen kann.
Werkzeug Als Werkzeug benötigt man Stricknadeln, die aus beschichtetem Stahl, Aluminium, Messing, Holz, Bambus, Kunststoff oder Kohlenstofffasern angefertigt sein können. Sie werden in verschiedenen Stärken (von 0,5–25 mm) angeboten, um dem zu verarbeitenden Garn angepasst werden zu können. Es gibt verschiedene Typen:
Die Jackenstricknadel ist an einem Ende zugespitzt und hat am anderen Ende einen kleinen Knauf, damit die Maschen nicht von der Nadel rutschen können. Sie sind meist etwa 35–40 cm lang und der Durchmesser ist überall gleich, oder verjüngt sich bei der Schnellstricknadel Richtung Knauf. Sie werden paarweise für die Anfertigung von flachen Strickstücken wie Jackenteilen oder Schals verwendet.
Das Nadelspiel besteht meist aus fünf einzelnen Nadeln mit der gleichen Länge und Stärke, die an beiden Enden zugespitzt sind. Ihre Länge bewegt sich von 15 cm für Handschuhe bis zu 40 cm für Pullover und sie werden benötigt, um schlauchförmige Gegenstände wie Socken, Krägen oder auch rundgestrickte Pullover herzustellen.
Die Rundstricknadel besteht aus zwei kürzeren Nadeln, die axial durch einen flexiblen Perlondraht oder ein mit Kunststoff ummanteltes Drahtseil miteinander verbundenen sind. Sie wurde zum Rundstricken entwickelt, kann aber genauso gut zum Flachstricken verwendet werden, was den Vorteil hat, dass man nur eine Nadel braucht, die Arbeit nicht von der Nadel gleiten kann und das Gewicht der Arbeit im Schoß ruht und nicht auf den Armen lastet.
Technik Zuerst wird ein Anschlag hergestellt. Dazu werden auf eine Nadel durch Knüpfen so viele Maschen aufgelegt, wie für die Breite des Strickstückes benötigt werden. Diese Nadel nimmt ein Rechtshänder in die linke Hand und legt den an der letzten Masche hängenden Faden über den Zeigefinger um die anderen Finger. Mit der von der rechten Hand gehaltenen zweiten Nadel sticht man in die erste Masche, fasst mit der Nadel den straff angezogenen Faden, zieht ihn durch die Masche hindurch und lässt die alte Masche von der linken Nadel heruntergleiten. Die dadurch neu geformte Masche liegt nun auf der rechten, der Arbeitsnadel. So arbeitet man nun Masche für Masche von der linken Nadel auf die rechte.
Will man flache Gestricke herstellen, etwa einen Schal oder den Rückenteil einer Jacke, so arbeitet man in Reihen. Dazu werden alle Maschen von der linken auf die rechte Nadel gestrickt, die Arbeit gewendet, indem man die volle rechte Nadel in die linke Hand nimmt, und die nun leere linke Nadel als Arbeitsnadel benutzt. Nun strickt man so auf der Rückseite der Arbeit weiter. Die dabei entstehende Reihe heißt Rückreihe. So arbeitet man Reihe für Reihe weiter, bis die erwünschte Höhe des Werkstückes erreicht wird. Diese Methode ist unter Flachstricken oder Stricken in Hin- und Herreihen bzw. in Hin- und Rückreihen bekannt.