mini|Wilhelm II. als Großadmiral (Adolph Behrens, 1913)Götz Wiedenroth: Analyse des Bildes (2013) mini|Bugzier mit Kaiserkrone, Hohenzollernwappen und unklarem Anker an der Marineschule Mürwik

Kaiserliche Marine war von 1872 bis 1918 die offizielle Bezeichnung der Seestreitkräfte des Deutschen Kaiserreiches. Ursprünglich war sie auf die Küstenverteidigung hin ausgerichtet. Ab etwa 1900 entwickelte sie sich zu einer der größten und modernsten Kriegsflotten der Welt, was durch imperiale Bestrebungen und die Marinebegeisterung des deutschen Kaisers Wilhelm II. begünstigt wurde. 1914 war die Kaiserliche Marine nach der Royal Navy und vor der United States Navy die zweitstärkste Marine der Welt. Ein Jahr zuvor hatte die Marine neben dem Heer mit den Luftstreitkräften eine eigene Fliegerstaffel erhalten. Diese enorme Aufrüstung zur zweitstärksten Marine der Welt forderte Großbritannien als führende Seemacht heraus und führte zum Deutsch-Britischen Flottenwettrüsten. Es trug zum Beginn des Ersten Weltkriegs bei.

Dass die Flotte weitgehend wirkungslos blieb, war vor allem der geopolitischen Lage der deutschen Küsten und dem Fehlen großer überseeischer Flottenstützpunkte geschuldet. Im Weltkrieg spielten die deutschen Überwasserkräfte daher keine große Rolle. Lediglich in der Skagerrakschlacht 1916 kam es zu einem großen Schlagabtausch mit der Royal Navy, der in einem strategischen Patt endete. Die U-Boot-Kriegführung hingegen fügte der britischen Handelsmarine schweren Schaden zu, begünstigte aber durch ihre rücksichtslose Führung den Kriegseintritt der USA auf Seiten der Gegner Deutschlands.In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1918 kam es, ausgelöst durch den Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918, an Bord von drei Schiffen zur Verweigerung des Befehls, den Anker zu lichten und auf zwei Schlachtschiffen zu offener Meuterei. Der Kieler Matrosenaufstand gilt als Auslöser der Novemberrevolution und des Endes der Monarchie in Deutschland.

Zur Vorgeschichte Am 14. Juni 1848 gründete die Frankfurter Nationalversammlung mit der Reichsflotte die erste gesamtdeutsche Marine der deutschen Marinegeschichte. Diese wurde 1852/53 wieder aufgelöst.

Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg (1864) und dem Deutschen Krieg (1866) wurde per Gesetz vom 9. November 1867 die Marine des Norddeutschen Bundes gegründet. Sie ging aus der Preußischen Marine hervor. Die übrigen Bundesstaaten des Norddeutschen Bundes hatten keine eigenen Seestreitkräfte.

1871 bis 1890 mini|Marineflaggen des Deutschen Kaiserreichs Die Marine lag ausschließlich in der Zuständigkeit des Reichs, wobei der Oberbefehl dem Kaiser zustand (Art. 53). Ihr Aufbau geschah zunächst nur langsam. Die Reichsverfassung vom 16. April 1871 bezeichnet die Marine des Reichs meist als Kriegsmarine, an einer Stelle aber auch als Kaiserliche Marine. Für den Marinegebrauch wurde letztere Bezeichnung am 1. Februar 1872 eingeführt. Den Schiffsnamen der Kaiserlichen Marine wurde – vergleichbar der Tradition in der britischen Marine (HMS = His/Her Majesty’s Ship) – das Kürzel S.M.S. (für „Seiner Majestät Schiff“) vorangestellt. Neben der aktiven Flotte bestand eine Seewehr als Teil der Reserve analog zur Landwehr beim Heer.

Die Kaiserliche Marine ging aus der Marine des Norddeutschen Bundes hervor. Am 1. Februar 1872 wurden deren bisherige Marinebehörden zur Kaiserlichen Admiralität zusammengefasst, deren erster Chef General der Infanterie Albrecht von Stosch wurde. Den Oberbefehl hatte der Kaiser inne.

Die „kaiserliche“ Marine wurde aus dem vom Reichstag beschlossenen Haushalt finanziert. Für den Unterhalt der Landstreitkräfte waren dagegen die Bundesstaaten zuständig.

mini|Karte der Auslandsstationen der Kaiserlichen Marine 1901–1914 Anfangs bestand die Hauptaufgabe im Küstenschutz und im Schutz der deutschen Seehandelswege. Schon bald wurden erste Auslandsstationen gegründet, die bis 1900 global ausgebaut waren:

Ostasiatische Station (Asien, Stationsort Tsingtau) Ostamerikanische Station (Ostküste Amerikas, kein festgelegter Stationsort, logistische Standorte u. a. Saint Thomas und Newport News) Westamerikanische Station (Westküste Amerikas, kein festgelegter Stationsort, logistischer Standort während des Mexikanischen Bürgerkriegs San Francisco) Australische Station (Australien und Südsee, Stationsort Matupi) Westafrikanische Station (Westküste Afrikas, logistischer Standort Kapstadt, eigentlicher Stationsort Duala) Ostafrikanische Station (Ostküste Afrikas, logistischer Standort Kapstadt, eigentlicher Stationsort Daressalam) Mittelmeer-Station (Stationsort Konstantinopel).

Die beiden amerikanischen Stationen (ursprünglich Westindische Station) waren in den 1880er/1890er Jahren kaum besetzt, wurden aber zumindest im karibischen Raum regelmäßig von den Schiffsjungenschulschiffen angelaufen. mini|Matrose der Kaiserlichen Marine im Tropenlandungsanzug um 1910 mini|SMS Olga bei der Beschießung von Hickorytown (Duala), Kamerun, Dezember 1884 In den 1880er/1890er Jahren war die Kaiserliche Marine entscheidend am Aufbau des Deutschen Kolonialreichs in Afrika, Asien und Ozeanien beteiligt. Der Kieler Hafen (an der Ostsee) und der Jadehafen von Wilhelmshaven an der Nordsee waren gemäß Artikel 53 der Reichsverfassung Reichskriegshäfen.

Zu den Aufgaben der Marine gehörte auch die allgemeine Repräsentanz des Reiches im Ausland, vor allem in Übersee. Bereits die Preußische Marine hatte, wie in der damaligen Zeit üblich, Auslandskreuzer eingesetzt, die die diplomatische Interessenvertretung Preußens und später des Reiches insbesondere gegenüber kleineren Staaten zu unterstützen hatten. Ein besonderes Beispiel für diese Form der Zusammenarbeit von Diplomatie und Marine, der klassischen Kanonenbootdiplomatie, war die sogenannte Eisenstuck-Affäre in Nicaragua 1876–1878.

Entwicklung, Bau und Ablieferung der ersten deutschen Torpedoboote (1884)

Die Schichau-Werke hatten schon Erfahrungen mit dem Bau von Torpedobooten für den Export, als die deutsche Marine den Auftrag für die Entwicklung, Konstruktion und den Bau für sechs Torpedoboote erteilte. Das vom Reichsmarineamt ausgearbeitete anspruchsvolle Bauprogramm für eine Torpedobootflotte forderte außerordentlich seefähige Schiffe mit hoher Geschwindigkeit. Die Länge sollte 37 Meter nicht überschreiten, die Boote sollten mit vier Torpedos und zwei Schnellfeuergeschützen bewaffnet werden. Das Deplacement ergab sich bei Berücksichtigung von zweckmäßigen Wohnräumen der Besatzung, der Größe des Maschinenraumes und der Bunker zu 85 Tonnen Kohle. Die Dreifach-Expansionsmaschine hatte die Leistung von 900 PSi und erfüllte die Erwartungen; bei den 1884 in der Eckernförder Bucht durchgeführten Erprobungen von Torpedobooten verschiedener Werften schnitten die „S-Boote“ von Schichau am besten ab.

1890 bis 1914 mini|Zur Erinnerung an die Südamerikareise der Schiffe Kaiser, König Albert und Straßburg im Februar 1914: Postkarte mit dem Theatro Municipal (Rio de Janeiro), Brasilien mini|Matrose der Kaiserlichen Marine (um 1890) mini|Kaiser Wilhelm II. (Mitte) an Bord des Kleinen Kreuzers Geier (1894) mini|Pfalz D.III der Marine-Jasta 2 mini|U-Boothafen in Kiel (1914)

Unter dem seefahrts- und flottenbegeisterten Kaiser Wilhelm II. (1888–1918) gewann die Marine an Bedeutung. Eine große maritime Rüstungsindustrie entstand. Der 1895 fertiggestellte Kaiser-Wilhelm-Kanal ermöglichte eine schnelle Verlegung der Seestreitkräfte zwischen Nordsee und Ostsee.

Mit der Einrichtung von Marinekabinett, Oberkommando der Marine und Reichsmarineamt änderte sich ab 1889 die Führungsstruktur.Konrad Ehrensberger: 100 Jahre Organisation der deutschen Marine. Bonn 1993, ISBN 3-7637-5913-1. Staatssekretär des Reichsmarineamts wurde 1897 Alfred von Tirpitz.

1898 beschloss der Reichstag ein neues Flottengesetz, das den weiteren Ausbau festlegte. Das Oberkommando wurde 1899 durch den Admiralstab abgelöst, und der Kaiser übernahm erneut den Oberbefehl. Tirpitz gelang es mit seinem „Propagandachef“ Ernst Levy von Halle und dem Deutschen Flottenverein, im Deutschen Reich eine große Begeisterung für die Flotte zu erzeugen. Für eine Kontinentalmacht wie Deutschland war das keineswegs selbstverständlich.

Die Flottenrüstung war, wie auch in anderen Marinen der damaligen Zeit, von einer schnellen technischen Entwicklung gekennzeichnet. Nacheinander wurden neue Waffensysteme eingeführt, wie die Seemine, der Torpedo, das U-Boot und die Marineflieger mit Flugzeugen und Luftschiffen. Obwohl alle diese Entwicklungen bereits mit einfachen Modellen im Amerikanischen Bürgerkrieg zum Einsatz gekommen waren, war ihre Bedeutung für künftige Seekriege zunächst kaum erkannt worden. Auch bei den Schlachtschiffen kam es zu schnellen Veränderungen, die Dreadnought aus dem Jahr 1906 wird als erstes modernes Schlachtschiff angesehen, das auch auf deutscher Seite den Neubau von Schlachtschiffen erforderlich machte.

Eine Veränderung der Doktrin zu Verteidigungskrieg und Seeschlacht mündete mit dem Aufbau der Hochseeflotte in ein Deutsch-Britisches Wettrüsten. Die aus dem deutsch-englischen Gegensatz entstandene Isolierung des Deutschen Reiches hatte entscheidenden Einfluss auf den Beginn des Ersten Weltkriegs.

Eines der wesentlichen Probleme der Kaiserlichen Marine war bis gegen Ende des Ersten Weltkriegs die mangelhafte interne Koordination. Da der Kaiser selber den Oberbefehl ausübte, fehlte es an der Koordination zwischen den diversen direkt unterstellten Marinedienststellen mit direktem Vorspracherecht beim Kaiser, den sogenannten Immediatstellen, von denen es zeitweise bis zu acht gab. Dazu gehörten der Staatssekretär des Reichsmarineamts, der Chef der Hochseeflotte, die Chefs der Marinestationen.

Organisatorisch bildete die Hochseeflotte ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts den Kern der Kaiserlichen Marine. Daneben gab es das Ostasiengeschwader, die Mittelmeerdivision und diverse Landdienststellen, wie etwa die Marinestation der Nordsee und die Marinestation der Ostsee.

Hochseeflotte Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es allgemein üblich, Flotten nur in den Sommermonaten aktiv zu halten, während im Winter die meisten Schiffe aufgelegt wurden. Nach der Aktivierung im Frühjahr bedurfte es großer Übungen, um die Schiffe einsatzfähig zu machen. Zu diesem Zweck wurde in der Kaiserlichen Marine alljährlich die sogenannte Übungs- oder Manöverflotte zusammengezogen, an deren Spitze ein Admiral als Flottenchef stand. Um 1900 wurde die Übungsflotte zunächst in Schlachtflotte und 1906 in Hochseeflotte umbenannt. Ihr erster Chef war der Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich. Die Hochseeflotte bildete den Kern der Kaiserlichen Marine.

Bei Kriegsbeginn im August 1914 betrug ihre Stärke: Kategorie Zahl Großlinienschiffe 14 Linienschiffe 22 Küstenpanzerschiffe 8 Große Kreuzer (Schlachtkreuzer) 4 Große Kreuzer (Panzerkreuzer) 7 Kleine Kreuzer 12 Torpedoboote(im Flottendienst) 89 U-Boote 19

mini|Steuerbordseite der SMS Rheinland (1910)

Die Schlachtschiffe, Linienschiffe und Küstenpanzerschiffe bildeten zu dieser Zeit sechs Geschwader, die Kreuzer bildeten fünf Aufklärungsgruppen:

Flottenflaggschiff Friedrich der Große

I. Geschwader II. Geschwader III. Geschwader IV. Geschwader V. Geschwader VI. Geschwader Ostfriesland (Flaggschiff) Preußen (Flaggschiff) Prinzregent Luitpold (Flaggschiff) Wittelsbach (Flaggschiff) Kaiser Wilhelm II. (Flaggschiff) Hildebrand (Flaggschiff) Helgoland Deutschland Kaiser Wettin Kaiser Wilhelm der Große Heimdall Thüringen Hannover Kaiserin Zähringen Kaiser Barbarossa Hagen Oldenburg Pommern König Albert Schwaben Kaiser Friedrich III. Frithjof Nassau Schleswig-Holstein König Mecklenburg Kaiser Karl der Große Odin Westfalen Schlesien Großer Kurfürst Braunschweig Wörth Beowulf Rheinland Hessen Markgraf Elsass Brandenburg Siegfried Posen