mini|Bassam Tibi (2016)
Bassam Tibi (; * 4. April 1944 in Damaskus) ist ein syrisch-deutscher Sozialwissenschaftler und Politikwissenschaftler. Von 1973 bis 2009 war er Professor für Internationale Beziehungen an der Georg-August-Universität Göttingen, hatte zahlreiche Lehr- und Forschungsaufenthalte an ausländischen Hochschulen und wurde über Buchveröffentlichungen und Medienauftritte vor allem in Deutschland auch einem breiten Publikum als Experte für die Arabische Welt und den Politischen Islam bekannt.
Leben und Werk Bassam Tibi, Sohn des Bauunternehmers Taisier Tibi und dessen Frau Nahida Khayat, stammt aus einer Gelehrten-Familie (Banu al-Tibi) in Damaskus und ist sunnitischer Muslim.Bassam Tibi: Europa ohne Identität? München 1998 (Tb., Siedler Verlag), S. 136 Zu seinen Vorfahren gehören Sadik Tibi (ein General in der Osmanischen Armee), Selim Tibi (Stadt-Erbrechtler von Damaskus) und Ali Tibi (Ober-Kadie von Damaskus) sowie Wafiq Tibi (Doyen der Presse von Beirut). Als Kind lernte Bassam Tibi bis zu seinem sechsten Lebensjahr den Koran auswendig zu rezitieren, womit er sich das Prädikat Hāfiz erwarb.Bassam Tibi: (PDF), Vortrag vom November 2009, Webseite der Universität Aarhus, abgerufen am 31. August 2015 (englisch) 1962 kam er nach Deutschland und studierte ab 1965 Philosophie und Sozialwissenschaft – unter anderem bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno – sowie Geschichte an der Universität Frankfurt am Main, wo er 1971 mit seiner Dissertation Nationalismus in der Dritten Welt am arabischen Beispiel zum Doktor der Philosophie promoviert wurde. Sein Doktorvater war Iring Fetscher. 1973 wurde er als Wissenschaftlicher Assistent Dozent an der Universität Frankfurt. Zudem hatte er eine Gastprofessur an der Universität Heidelberg.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1250.
Noch im Jahr 1973 wurde er ohne Habilitation zum Professor für Internationale Politik an die Universität Göttingen berufen. Tibi habilitierte sich 1981 an der Universität Hamburg. Neben seiner Professur in Göttingen war er Gutachter der VW-Stiftung, Fall Term Visiting Scholar an der University of Michigan/Ann Arbor und Georgetown University Washington sowie Spring Term Visiting Scholar und Research Associate an der Harvard-Universität (1982–1993) und dort auch Bosch Visiting Professor von 1998 bis 2000. Tibi gehört zahlreichen Fachverbänden an. Im akademischen Jahr 2003/2004 war er Gastprofessor für Islamologie an der Universität St. Gallen und im Herbst 2003 Gastprofessor an der Islamischen Universität Jakarta in Indonesien (Islamic State University of Jakarta). Seit 2004 hat er den A.D.-White-Lehrstuhl an der Cornell University, zuvor wirkte er als Erma O’Brien Distinguished Professor am European Union Center des Scripps College im kalifornischen Claremont und gab 2006–2009 jährlich einen Kurs für Islamologie an der Diplomatischen Akademie Wien.
Von 1986 bis 1988 hatte er mehrmals Gastprofessuren des Deutschen Akademischen Austausch-Diensts (DAAD) in Asien und Afrika inne, unter anderem in Khartum im Sudan sowie in Yaoundé in Kamerun. Er hatte eine Harvard-Fellowship und weitere in Princeton und Ann Arbor (Michigan). Von 1989 bis 1993 war er Mitglied des Fundamentalismusprojekts der American Academy of Arts and Sciences. 1994 war Tibi Gastprofessor an der University of California in Berkeley und 1995 und 1998 an der Bilkent-Universität in Ankara, zudem A.D.-White-Professor der Cornell University in Ithaca, New York bis 2010 und im akademischen Jahr 2008/09 Senior Research Fellow an der Yale University, USA.
Tibi schloss seine akademische US-Karriere von 2007 bis 2010 als Senior Resnick Fellow for the Study of Antisemitism am Center for Advanced Holocaust Studies in Washington D.C. ab, wo er sein Buch Islamism and Islam schrieb unter anderem zur Islamisierung des Antisemitismus.Der falsche Freund, Cicero, Autorenportrait 27. November 2017
Er war Gründungsmitglied der Arabischen Organisation für Menschenrechte und beteiligte sich am „Cordoba-Trialog“ für den jüdisch-islamisch-christlichen Austausch. Er ist ein Kritiker des Islamismus und des traditionellen Islam und verlangt religiöse Reformen und Akzeptanz einer Synthese von europäischen Werten und Islam (Euro-Islam). Im Jahr 2010 war Tibi Gründungsmitglied des Verbandes Demokratisch-Europäischer Muslime VDEM in Aachen.Regina Mönch: Die anderen Muslime Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Mai 2010Interview Klaus Pokatzky mit Reza Hajatpour: „Und uns ist es wichtig, mit anderen säkularen Verbänden in Dialog zu treten“. Deutschlandfunk vom 21. Mai 2010
Als seine wissenschaftliche Hauptleistung gilt die Grundlegung der historisch sozialwissenschaftlichen Islamologie seit 1980. Tibi selbst erläutert diese Hauptleistung in seinem Buch Islamische Geschichte und deutsche Islamwissenschaft. Islamologie und die Orientalismus-Debatte. Hierin erklärt er die Unterschiede zwischen der kulturwissenschaftlich-philologisch orientierten Islamwissenschaft und der sozialwissenschaftlich ausgerichteten Islamologie. Zum besseren Verständnis der Realitäten in der islamischen Welt fordert Tibi einen Paradigmenwechsel in den westlichen Islamstudien.
Tibi lebt im Stadtteil Geismar in Göttingen und ist seit 1976 in zweiter Ehe mit Ursula Tibi, geborene Helwig, verheiratet. Aus erster Ehe (1969–1975) hat er einen Sohn, Fabian Fuad Tibi. Tibi ist seit 1976 deutscher Staatsbürger.Bassam Tibi: Heimatlos und entwurzelt zwischen den Kulturen: Autobiographische Notizen anlässlich des eigenen 70. Geburtstags. (PDF; 351 kB) 2014spiegel.de Von 2004 bis 2011 lebte und forschte er in den USA. In Deutschland meldete er sich im Jahr 2016 publizistisch zurück mit einem großen Interview in der Welt, einer überarbeiteten Neuauflage seines Werkes Europa ohne Identität sowie mit regelmäßigen Gastbeiträgen in der Basler Zeitung. Diese wurden teilweise auch von der Basler Zeitung an den Blog Achse des Guten lizenziert; Tibi selbst hat allerdings nie für die Achse des Guten geschrieben. Seine Beiträge für die Basler Zeitung veröffentlichte er 2018 gesammelt in Buchform, 2019 erweitert und ergänzt, jeweils unter dem Titel Basler Unbequeme Gedanken. Seit November 2017 ist Tibi regelmäßiger Gastautor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).
Tibis Arbeit über Islam und Weltpolitik erlangt durch die weltpolitische Lage in Afghanistan eine besondere Aktualität. In der Neuausgabe seines Buches Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik, insbesondere im vierten Kapitel „Der ethnische Zerfall von islamischen Nationalstaaten“, wird exemplarisch veranschaulicht, dass die Geschehnisse im August 2021 in Afghanistan kein Einzelfall sind. Der Zusammenbruch der politischen Ordnung und die Wiedereroberung der Macht durch die Taliban sind nur ein Beispiel für die „fundamentalistische Herausforderung“ des politischen Islam, die im zitierten Tibi-Buch analysiert wird. Diese Analyse von Tibi gilt als „Klassiker der Sozialwissenschaften“, nachzulesen im gleichnamigen Buch von Samuel Salzborn.
Tibis Buch „Von Damaskus in die Deutsche Ghurba“ enthält authentische Details über sein Leben und Werk. Im sechsten Kapitel über sein Leben in Frankfurt 1962 bis 1973 erzählt Tibi, wie sich seine Weltsicht als muslimischer Syrer unter dem Einfluss der kritischen Theorie der Frankfurter Schule „vom Glauben zum kritischen Denken“ wandelte. Im dritten Teil des zitierten Buches berichtet Tibi von der nicht gelungenen Integration im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Seine Konsequenz daraus ist schon der Überschrift des dritten Teils „Nichts wie weg von Deutschland“ zu entnehmen. Im vierten Teil seiner Autobiografie unter der Überschrift „Die globale Suche nach Anerkennung“ berichtet Tibi in drei Kapiteln, wie er die in Deutschland fehlende Anerkennung an US-Elite-Universitäten und in der Welt des Islam bekommen hat. Doch endet Tibis zitiertes Buch mit dem Anhang „Abschied und Versöhnung“. In dem Geleitwort zu Tibis Autobiografie schreibt der Publizist und Historiker Michael Wolffsohn, Deutsche „sollten in diesem Buch besonders auf Tibis Integrationserfahrungen achten“.
Anlässlich seines 80. Geburtstags wurde Bassam Tibis Wirken bewertet: Michael Wolffsohn schrieb in Die Welt vom 4. April 2024: „Tibi denkt nicht politisch korrekt [...]. Er denkt, er denkt vor, und er denkt nach“. Aus diesem Grund werde er, so Michael Wolffsohn weiter, „gemieden, boykottiert und isoliert“. Die Jüdische Allgemeine zitiert Tibis Kritik an der „verfehlten Migrationspolitik“ sowie sein Urteil „Deutschland ist eine neurotische Nation“. Dennoch habe Tibi „die Migrationsdebatte stark mitgeprägt“. Thomas Thiel befand in der FAZ: „Die Politik wäre besser beraten, Tibis klugem Rat zu folgen.“ Mit diesem Rat wende sich Tibi gegen den Zeitgeist und deswegen habe sein Denken ihm „viel Feindschaft eingetragen. Diese Freiheit wird ihm auch an seinem 80. Geburtstag bleiben.“ Kacem El Ghazzali urteilte in der Schweizer NZZ: „Es gibt nur wenige Denker wie Bassam Tibi, [...] ein Freigeist, der unbeirrbar seinen Idealen folgt und sich dabei treu bleibt.“
Positionen Im Rahmen seines umfänglichen publizistischen Schaffens hat Tibi mehrere Begriffe geprägt oder mitgeprägt, darunter Leitkultur, Parallelgesellschaft, Euro-Islam und „Scharia-Islam“. In seiner Theorie vom Traum von der halben Moderne, einer kritischen Auseinandersetzung mit den Entwicklungstendenzen der islamischen Zivilisation, unterscheidet er zwei Aspekte: Zum einen die institutionelle Moderne, welche Wissenschaft und Technik sowie die traditionellen Lebensbereiche besetze, und zum anderen die kulturelle Moderne, die für freiheitliche Grundwerte, Menschenrechte, Demokratisierung und Chancengleichheit stehe. Die halbe Moderne sei demnach eine partielle Modernisierung durch Übernahme der Instrumente insbesondere auf den Gebieten Wissenschaft und Technologie bei gleichzeitiger Ablehnung der kulturellen Moderne, d. h. der Werte und Weltsicht der modernen Welt.
In seinem Buch Die fundamentalistische Herausforderung – Der Islam und die Weltpolitik aus dem Jahr 1992 sieht er den islamischen Fundamentalismus nicht als religiöse Richtung, sondern als Ideologie, die aus der Konfrontation des Islam und der nach seiner Ansicht rückständigen islamischen Welt mit der Moderne entstanden sei. In seinen zentralen Büchern zeigt Tibi anhand von Feldforschung in 22 islamischen Ländern, dass der Islamismus zwar politisch ist, dennoch aber sehr viel mit Religion zu tun hat. Denn im politischen Islam würden alle gesellschaftlichen Probleme religionisiert. Den Begriff der Religionisierung hat Tibi in seiner Forschung geprägt. Der Islamismus als primär sunnitisch-arabische Bewegung ist seiner Ansicht nach als Antwort auf die in der muslimischen Welt nicht bewältigte Globalisierung entstanden. Dem Fundamentalismus gehe es dabei um die Zerstörung von Nationalstaaten und die Errichtung einer islamischen Weltordnung inklusive Scharia.Samuel Salzborn (Hrsg.): Klassiker der Sozialwissenschaften – 100 Schlüsselwerke im Portrait. Springer VS, Wiesbaden 2014, S. 353–356