mini|Phaetons Sturz – römischer Sarkophag (1. Jh. n. Chr.) Phaethon, auch Phaeton oder Phaëthon (, von ), ist in der griechischen Mythologie bei Hesiod der Sohn des Kephalos und der Göttin Eos, der Schwester des Sonnengottes Helios. Seit Euripides (5. Jahrhundert v. Chr.) ist Phaethon der Sohn des Helios und der Klymene oder der Rhode, also ein Neffe der Eos.

Phaethon, der Sohn des Helios, wird zum Beispiel in Platons Timaios erwähnt.Platon, Timaios 22c–d (griechisch); deutsch nach der Übersetzung durch Franz Susemihl von 1856 (mit „Phaïton“) bei zeno.org. Die bekanntesten Varianten des Mythos stammen von HesiodÜberliefert durch Hyginus, Fabulae 154; vgl. Carl Robert: s:Die Phaethonsage bei Hesiod. 1883. und von Ovid, der in seinen Metamorphosen 1,747–2,400Zweisprachig lateinisch-deutsch bei gottwein.de. die ausführlichste und bis heute kanonische Lesart der Erzählung entwickelt hat.

Phaeton ist auch als Namenspatron in Wissenschaft und Technik bedeutsam, siehe Phaeton.

Darstellung des Ovid Als Phaethon heranwächst, spricht ihm Epaphos, der Sohn der Io und des Jupiter, die göttliche Abstammung von Helios ab. Die Mutter Klymene versichert Phaethon, dass er der Sohn des Sonnengottes sei, und rät, den Vater im Sonnenpalast aufzusuchen und ein Zeugnis seiner Vaterschaft einzufordern. Helios, der Sonnengott, der ihn im Palast aufnimmt und als Sohn anerkennt, verpflichtet sich durch einen Eid, dem Sohn ein Geschenk seiner Wahl zu gewähren.

Phaethon erbittet sich nun, für einen Tag den Sonnenwagen lenken zu dürfen. Helios versucht, seinen Sohn von diesem Plan abzubringen – jedoch vergeblich. Phaethon besteigt, als die Nacht zu Ende geht, den kostbaren und reich verzierten Sonnenwagen des Vaters. Das Viergespann rast los und gerät bald außer Kontrolle. Phaethon verlässt die tägliche Fahrstrecke zwischen Himmel und Erde und löst eine Katastrophe universalen Ausmaßes aus.

Ovid berichtet:

Ätiologisch erklärt Ovid die dunkle Hautfarbe der „Athiopier“ damit, dass der Sonnenwagen dicht über sie hingerast sei, wodurch ihnen „das Blut nach oben gestiegen“ und sie dadurch schwarz geworden seien. Auch sei so die Wüste in Libyen entstanden, die Sahara.Ovid, Metamorphosen 2,235–238: Erst Jupiter, von der „alma Tellus“ (so viel wie Mutter Erde) um Hilfe gerufen, bereitet der drohenden Weltvernichtung ein Ende und schleudert einen Blitz. Der Wagen wird zertrümmert und der Wagenlenker Phaethon stürzt in die Tiefe, wo er tot im Fluss Eridanos landet. Seine Schwestern, die Heliaden, weinen um ihn und werden am Ufer in Pappeln verwandelt, von denen die Tränen in Form des als Bernstein bekannten Pflanzenharzes herabtropfen. Auch der ligurische König Cycnus, ein Verwandter Phaethons und sein Geliebter, eilt untröstlich herbei. Er wird von Apoll aus Mitleid in einen Schwan ( und ) verwandelt.

Die Inschrift auf dem Grabstein lautet nach Ovid:

Auffällig ist nach Siegmar Döpp, dass Ovid den Katasterismos, die Verwandlung Phaethons in einen Stern, die in anderen antiken Texten wie den Dionysiaka des Nonnos von Panopolis (5. Jahrhundert) erzählt wird, weglässt. Dies hat seines Erachtens seinen Grund in der Komposition des Werkes: Die Entstehung der Welt aus dem Chaos und ihre Zerstörung in der deukalionischen Flut erzählt Ovid im ersten Buch des Metamorphosen als Verwandlungen. Der Phaethon-Mythos, der am Ende des ersten und im ersten Drittel des zweiten Buches erzählt wird, stellt nach Döpps Meinung darauf bezogen ebenfalls eine Metamorphose dar: nicht die des Namensgebers, sondern die Rückverwandlung der ganzen Welt im Feuer, die durch göttliches Eingreifen noch einmal verhindert worden sei.Siegmar Döpp: Werke Ovids. dtv, München 1992, S. 152 f.

Rezeption Kunst, Literatur und Musik Der „Sturz des Phaethon“ wurde häufig in der Kunst dargestellt, beispielsweise von Peter Paul Rubens oder Michelangelo. Als Warnung vor Überheblichkeit und Selbstüberschätzung findet er sich in fürstlichen Räumen und großbürgerlichen Festsälen; das Deckenbild von Georg Pencz im Hirsvogelsaal in Nürnberg gilt hierfür als frühes Beispiel in der deutschen Kunst.

Jean-Baptiste Lully komponierte die Tragédie lyrique Phaëton auf ein Libretto von Philippe Quinault, uraufgeführt am 6. Januar 1683 in Versailles.

Carl Ditters von Dittersdorf komponierte seine Symphonie Nr. 2 in D-Dur Der Sturz Phaёtons

Camille Saint-Saëns komponierte eine Symphonische Dichtung Phaethon (1873).

Die zweite von Benjamin Brittens Sechs Metamorphosen nach Ovid für Solo-Oboe, op. 49, trägt den Titel Phaeton.

Carl Rütti vertonte eine frühneuzeitliche Interpretation des Phaethon-Stoffs von Sebastian Brant, welche den Sturz Phaethons mit einer Sonnenfinsternis gleichsetzt, Phaethon aber überleben und triumphal zurückkehren lässt. Es existieren zwei Fassungen für Männerchor und gemischten Chor, letztere als Bestandteil von Rüttis vierteiligen Sonnenfinsternis-Kantate.

Naturwissenschaft und Technik Der Apollo-Asteroid (3200) Phaethon ist nach ihm benannt, ebenso der hypothetische Planet Phaeton.

Der VW Phaeton hat seine Bezeichnung von der Karosseriebauform Phaeton, die ihre Bezeichnung wiederum vom Kutschentyp Phaeton hat.

Deutung als kosmische Katastrophe Bereits Platon lässt im Timaios die Priester im ägyptischen Sais zum Athener Solon sagen:

Goethe benutzte die beiden Fragmente der verlorengegangenen Phaeton-Tragödie des Euripides, die Gottfried Hermann ihm im Juli 1821 zusandte und Karl Wilhelm Göttling für ihn übersetzte,Zu Phaethon des Euripides. In: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Band 46, Cotta 1833. (S. 46 books.google) zu einem nicht fertiggestellten „Versuch einer Wiederherstellung aus Bruchstücken“.Phaethon. In: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Band 46, Cotta 1833. (S. 29 books.google) In diesem Zusammenhang verwies er auf die Mitteilung in Aristoteles’ Meteorologica,Aristoteles, Meteorologica 1,8 (LCL 397: 58-59., loebclassics.com) einige der Pythagoreer hätten die Milchstraße die Bahn genannt, auf der Gestirne beim Untergang Phaetons niedergefallen seien, woraus sich ergebe, „daß die Alten das Niedergehen der Meteorsteine durchaus mit dem Sturze Phaetons in Verknüpfung gedacht haben.“Euripides’ Phaethon, noch einmal. In: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Band 46, Cotta 1833. (S. 54 books.google) Daran anknüpfend kam der Geologe Wolf von Engelhardt 1979 zu dem Schluss, dass der Mythos eine Naturkatastrophe beschreibe.Wolf von Engelhardt: Phaethons Sturz – ein Naturereignis? Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Math.-naturw. Klasse, Jahrgang 1979, 2. Abhandlung. Berlin 1979.

2010 glaubten einige Hobby-Archäologen, die Sage vom Sturz Phaetons als Erinnerung an einen angeblichen Meteoriten-Einschlag im Chiemgau erkannt zu haben.Barbara Rappenglück, Michael A. Rappenglück, Kord Ernstson, Werner Mayer, Andreas Neumair, Dirk Sudhaus, Ioannis Liritzis: The fall of Phaethon: a Greco-Roman geomyth preserves the memory of a meteorite impact in Bavaria (south-east Germany). In: Antiquity. 84, 2010, S. 428–439. Die Fachwissenschaft lehnt solche Hypothesen ab.Gerhard Doppler, Erwin Geiss, Ernst Kroemer, Robert Traidl: Response to „The fall of Phaeton: a Greco-Roman geomyth preserves the memory of a meteorite impact in Bavaria (south-east Germany) by Rappenglueck et al. (Antiquity 84)“. In: Antiquity. 85, 2011, S. 274–277.

Katastrophistisch wird die Sage auch von Immanuel Velikovsky in seinem chronologiekritischen Werk Welten im Zusammenstoß (1950) gedeutet.

Literatur Hartmut Böhme: Phaeton, Prometheus und die Grenzen des Fliegens. In: Wolf R. Dombrowsky, Ursula Pasero (Hrsg.): Wissenschaft, Literatur, Katastrophe. Festschrift zum sechzigsten Geburtstag von Lars Clausen. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995, ISBN 3-531-12785-3, S. 35–52. Siegmar Döpp: Die Tränen von Phaethons Schwestern wurden zu Bernstein. Der Phaethon-Mythos in Ovids Metamorphosen. In: Michael Ganzelewski, Rainer Slotta (Hrsg.): Bernstein. Tränen der Götter (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. 64). Deutsches Bergbau-Museum, Bochum 1996, ISBN 3-921533-57-0, S. 1–8. Christiane Hansen: Transformationen des Phaethon-Mythos in der deutschen Literatur (= Spectrum Literaturwissenschaft. 29). de Gruyter, Berlin u. a. 2012, ISBN 978-3-11-028986-2 (Zugleich: Freiburg (Breisgau), Universität, Dissertation, 2010). Karl-Joachim Hölkeskamp, Stefan Rebenich (Hrsg.): Phaethon: Ein Mythos in Antike und Moderne. Steiner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-515-09415-3. Brigitte Jacoby: Studien zur Ikonographie des Phaetonmythos. Universität Bonn 1971, (Bonn, Universität, Dissertation, 1971).

Dirk Schlinkert: Vom Phaethon zum Volkswagen Phaeton. Mythos, Kutsche, Automobil. In: Martin Korenjak, Stefan Tilg (Hrsg.): Die Antike in der Alltagskultur der Gegenwart (= Pontes. 4 = Comparanda. 9). Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2007, ISBN 978-3-7065-4350-7, S. 303–314.

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Einzelnachweise

Kategorie:Person der griechischen Mythologie Kategorie:Gestalt der griechischen Mythologie als Namensgeber für einen Asteroiden