Die Muslimbruderschaft oder Moslembruderschaft, genannt auch Muslimbrüder (), ist eine einflussreiche islamistische Bewegung im Nahen Osten. Seit der Gründung 1928 in Ägypten durch Hasan al-Bannā hat sie sich in der gesamten arabischen Welt verbreitet und ist vielerorts zu einem bedeutenden politischen Akteur geworden. Sie gründete die Hamas und ist in mehreren Staaten als terroristische Organisation eingestuft bzw. verboten.

Die meisten ihrer Zweige entstanden aus lokalen Initiativen und ohne nennenswerte Beteiligung der ägyptischen Organisation. Über Jahrzehnte verlief ihre Entwicklung autonom und wurde von lokalen Gründungsfiguren geprägt. Aufbau und Wachstum der verschiedenen Zweige fielen in eine Zeit, in der die ägyptische Organisation unter Staatspräsident Gamal Abd an-Nasser (1954–1970) verfolgt wurde. Dadurch wurde eine Dominanz der ägyptischen Organisation verhindert. Als diese in den 1980er Jahren wieder erstarkte, hatten sich die verschiedenen Zweige bereits erfolgreich etabliert.Sebastian Elsässer: Die „Schule“ Hasan al-Bannas. 1. Auflage. Ergon, Baden-Baden 2021, S. 14.

Die Muslimbruderschaft ist stark von ihrer Vergangenheit im Nahen Osten geprägt: Dazu zählen sowohl die Impulse, die sie von der Nahda-Bewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert und der damit verbundenen panislamistischen Ideologie erhielt, als auch die Erfahrung mit kolonialer Herrschaft und diktatorischer Repression in der arabischen Welt.Joas Wagemakers: The Muslim Brotherhood: Ideology, History, Descendants. Amsterdam University Press, Amsterdam 2022, S. 223.

Einordnung Wissenschaftliche Einordnung Von Joas Wagemakers werden vier verschiedene wissenschaftliche Zugänge zur 1928 als eine soziale und religiöse ReformbewegungSouad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Sayyid Qutb. In: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 190–195, hier: S. 192. gegründete Muslimbruderschaft unterschieden:

Der erste Zugang sei unter Wissenschaftlern, die zur Muslimbruderschaft geforscht haben, am häufigsten vertreten: Dieser sehe sie als pragmatische, dynamische und flexible Organisation, da sie fähig sei, sich anzupassen und politische Spielregeln zu akzeptieren. Die Muslimbruderschaft übe auf Regime Druck aus, damit diese demokratische und konstitutionelle Reformen umsetzen, und sei gegenüber Forderungen der Bevölkerung aufgeschlossen. Vertreter dieses Ansatzes halten zwar die Muslimbruderschaft nicht für eine liberal-demokratische Organisation, sehen jedoch in ihrer Mitte reale, organisatorische, intensiv diskutierte und ideologisch abgesicherte Entwicklungen.

Der zweite Zugang sehe die Muslimbruderschaft als unveränderliche Gruppe, für die eine strenge Auslegung des Korans und der Sunna entscheidend sei. Dieser Ansatz definiere die Muslimbruderschaft als theokratisch; die Organisation strebe eine islamische Herrschaft in einzelnen Ländern und in der ganzen Welt an.

Der dritte Zugang betrachte die Muslimbruderschaft als internationale Verschwörung gegen den Westen, sie verfolge eine geheime Agenda, die sie geschickt verberge. Personen, die mit der Muslimbruderschaft in Verbindung gebracht werden, werden als „Spinne im Netz“ oder „Trojanisches Pferd“ bezeichnet oder mit Tentakeln verglichen. So wird suggeriert, dass es sich bei der Muslimbruderschaft um eine zentrale und kontrollierende Macht handelt. Ihr zugerechnete Organisationen würden verschiedene Namen annehmen, um Spuren zu verschleiern.

Der vierte Zugang ziehe eine klare Verbindung zwischen der Muslimbruderschaft und terroristischen Vereinigungen wie Al-Qaida. Es wird argumentiert, dass die Muslimbruderschaft aus taktischen Gründen auf Gewalt verzichte und lediglich eine Machtübernahme anstrebe. Die Organisation werde als Wolf im Schafspelz betrachtet, die mit terroristischen Organisationen zusammenarbeite und ideologische Ähnlichkeiten zu diesen aufweise.

Das von ehemaligen amerikanischen Politikern gegründete und mit dem Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten zusammenarbeitende Counter Extremism Project sieht in der Muslimbruderschaft eine sunnitisch-islamistische Organisation, deren Bestreben es sei, die Scharia unter einem globalen Kalifat einzuführen.Counter Extremism Project: Muslim Brotherhood. Bericht online veröffentlicht unter: https://www.counterextremism.com/threat/muslim-brotherhood, abgerufen am 10. Mai 2026.

Politische Einordnung Die Muslimbruderschaft ist aktuell von den Regierungen folgender Staaten als terroristische Organisation eingestuft bzw. verboten: ÄgyptenSalma Abdelaziz, Steve Almasy: Egypt’s Interim Cabinet Officially Labels Muslim Brotherhood a Terrorist Group. In: CNN, 25. Dezember 2013, online veröffentlicht unter: https://edition.cnn.com/2013/12/25/world/africa/egypt-muslim-brotherhood-terrorism/, abgerufen am 12. Mai 2026., Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen EmirateTamara Abueish: Muslim Brotherhood is a Terrorist Group: Saudi Arabia’s Council of Senior Scholars. In: Al Arabiya English, 11. November 2020, online veröffentlicht unter: https://english.alarabiya.net/News/gulf/2020/11/11/Muslim-Brotherhood-is-a-terrorist-group-Saudi-Arabia-s-Council-of-Senior-Scholars, abgerufen am 12. Mai 2026. sowie JordanienMatt Ford: Jordan Outlaws Muslim Brotherhood Opposition Group. In: Deutsche Welle, 23. April 2025, online veröffentlicht unter: https://www.dw.com/en/jordan-outlaws-muslim-brotherhood-opposition-group/a-72321194, abgerufen am 12. Mai 2026., KeniaKenya declares Muslim Brotherhood, Hizb-ur-Tahrir as Terror Entities. 22. September 2025, online veröffentlicht unter: https://citizen.digital/article/kenya-declares-muslim-brotherhood-hizb-ur-tahrir-as-terror-entities-n370111, abgerufen am 10. Mai 2026., Russland und SyrienRaphael Lefèvre: Ashes of Hama: The Muslim Brotherhood in Syria. Oxford University Press, Oxford 2013, online veröffentlicht unter: https://ia803207.us.archive.org/15/items/RaphaelLefevreAshesOfHamaTheMuslimBrotherhoodInSyria/Raphael%20Lefevre%20Ashes%20of%20Hama%20The%20Muslim%20Brotherhood%20in%20Syria.pdf, abgerufen am 12. Mai 2026, S. 115. Das Gesetz 49/1980, mit welchem die Muslimbruderschaft in Syrien verboten wurde, ist offiziell auch nach dem Sturz des Baath-Regimes noch nicht aufgehoben worden.. Am 13. Januar 2026 erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika U.S. Department of the Treasury: Treasury and State Departments Designate Muslim Brotherhood Branches as Terrorist Organizations. 13. Januar 2026, online veröffentlicht unter: https://home.treasury.gov/news/press-releases/sb0357, abgerufen am 12. Mai 2026. und am 15. Januar 2026 ArgentinienArgentine Government Declares Muslim Brotherhood a Terrorist Organization. In: Buenos Aires Herald, 15. Januar 2026, online veröffentlicht unter: https://buenosairesherald.com/politics/argentine-government-declares-muslim-brotherhood-a-terrorist-organization, abgerufen am 12. Mai 2026. jeweils die Ableger der Muslimbruderschaft in Ägypten, Jordanien und dem Libanon zu terroristischen Organisationen.

In Österreich ist seit dem 1. März 2019 die Verwendung der Symbole der Muslimbruderschaft verboten.Katharina Schmögl: Verbotene Symbole. In: Öffentliche Sicherheit, 3–4, 2019, online veröffentlicht unter: https://www.bmi.gv.at/magazinfiles/2019/03_04/symbole-gesetz.pdf, abgerufen am 12. Mai 2026.

Geschichte in Ägypten

Ägypten unter kolonialer Vorherrschaft Ägypten war seit 1517 eine osmanische Provinz und wurde lange von Einflüssen aus dem islamisch-arabischen Raum, Afrika und aus Europa geprägt. Die Eroberung Ägyptens 1798 durch Napoleon verschob die Balance jedoch deutlich in Richtung Europa. Auch wenn die Herrschaft Frankreichs nur von kurzer Dauer war, markierte die Intervention einen grundlegenden Umbruch für Ägypten und die islamische Welt. Der militärisch mühelos errungene Sieg Frankreichs zerstörte die Illusion der Überlegenheit der islamischen Welt und zog ungeheure ökonomische und soziale Folgen nach sich. Napoleon leitete eine Reihe von Reformen zur Modernisierung des Landes ein. Nach dem Abzug Frankreichs gelangte Muhammad Ali Pascha 1805 an die Macht, regierte das Land als osmanischer Statthalter und begründete die bis 1953 herrschende Dynastie. 1882 nutzten die Briten eine Revolte der Armee als Vorwand, um das Land zu besetzen und den Sueskanal zu übernehmen. Ägypten war nun zwar noch formal ein Teil des Osmanischen Reichs, wurde aber tatsächlich britisch regiert.

Als Reaktion auf Napoleons Besetzung traten im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrere Denkschulen für den richtigen Modernisierungspfad des Landes hervor. Einige Intellektuelle bedienten sich der islamischen Vergangenheit des Landes, während andere sich wiederum an der europäischen Aufklärung orientierten. Ein dritter Weg versuchte die ersten beiden in Einklang zu bringen und argumentierte, dass weder die vollständige Nachahmung noch die vorbehaltlose Ablehnung europäischer Ideen der richtige Weg für eine ägyptische Renaissance sein könnten. Der Kolonialismus der europäischen Nationen, der den islamischen Ländern eine gleichberechtigte Teilnahme an der Moderne versagte, führte jedoch ab den 1870ern zunehmend zu einer Rückbesinnung auf islamische Werte. Der Perser Dschamal ad-Din al-Afghani (1838–1897) formulierte den Gedanken, der Islam sei nicht nur eine Religion, sondern ein Zivilisationsmodell, das alle für eine Modernisierung notwendigen Elemente enthalte. Für Afghani bedeutete dies eine Rückkehr zu den vom Propheten im Koran niedergeschriebenen Prinzipien und er entwickelte darauf aufbauend das Konzept eines islamischen Sozialismus, der im Gegensatz zum westlichen Sozialismus in der Religion verwurzelt sei. Damit wurde Afghani zu einem bedeutenden Vordenker des Islamismus.

Am Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine Nationalbewegung und verband sich mit den Zielen des Anti-Kolonialismus. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden eine Reihe liberaler und nationaler Parteien gegründet. Trotz der Verbreitung liberaler Ideale war die britische Herrschaft autoritär geprägt und behinderte die Entstehung einer liberalen und offenen Gesellschaft. 1919 brach eine Revolution gegen die britische Kolonialherrschaft aus. Dieser Aufstand wurde von einer neuen Generation von säkularen liberalen Nationalisten unter Saad Zaghlul angeführt. Die Briten reagierten zunächst mit Härte, waren aber nach landesweiten Demonstrationen und Streiks gezwungen, auf die Forderungen einzugehen. Am 28. Februar 1922 wurde die Unabhängigkeit Ägyptens von der britischen Regierung im Prinzip anerkannt und als Königreich Ägypten in die staatliche Souveränität entlassen. Die Verfassung konzentrierte jedoch einen erheblichen Anteil der Macht in der Person des Königs und enthielt Einschränkungen, die es den Briten weiterhin erlaubte, sich in interne Angelegenheiten des Landes einzumischen. Dies führte dazu, dass sich die regierende Wafd-Partei unter Zaghlul in den nächsten zwanzig Jahren ständig von den Bemühungen des Palasts, eine königliche Herrschaft herzustellen, bedroht sah. Darüber hinaus versuchten die Briten, den Einfluss der Wafd-Partei einzudämmen, um britische Interessen zu schützen. Das führte zu einer Untergrabung der Legitimität der Regierung und förderte den Aufstieg von nationalistischen und islamistischen Gruppierungen ab den 1930ern.

Gründung und Ausbreitung im Königreich Ägypten (1928 bis 1952) mini|Hassan al-Banna, Gründer der Muslimbruderschaft mini|Hasan al-Bannā mit Gefolgschaft (1935)