Ninive, akkadisch Ninu(w)a (, , , auch Niniveh und Nineveh), war eine mesopotamische Stadt im heutigen Irak, am linken Ufer des Tigris, an der Mündung des kleinen Flusses Chosr (auch Ḫosr, Khoser, Koussour oder ) innerhalb der modernen Stadt Mossul. Die ältesten Siedlungsreste befinden sich auf den Ruinenhügeln (Tells) Kujụndjik und Nebi Junus. Im 1. Jahrtausend v. Chr. dehnte sich die Besiedlung auch auf die Umgebung aus und erreichte eine Gesamtfläche von 750 Hektar. Die erforschten Siedlungsschichten lassen Ninive in den Zeitraum vom keramischen Neolithikum bis zur islamischen Periode datieren, wobei es die größte Bedeutung im 7. Jahrhundert v. Chr. als Hauptstadt des Assyrischen Reiches erlangte.

Geschichte mini|Vereinfachte Darstellung der Stadtmauer mit den Toren. Zu sehen sind außerdem die Grabungshügel Kujụndjik und Nebi Junus. mini|Palastüberreste und Tempelanlage auf dem Kujụndjik.

Urgeschichte Die Funde aus den ältesten Schichten, die mit Hilfe einer 27 m tiefen Sondage auf dem Hügel Kujụndjik angeschnitten wurden, belegen Kulturhorizonte des späten Neolithikums und Chalkolithikums: Proto-Hassuna und Hassuna, Halaf, Spät-Ubaid, Mittel-Gawra, Mittel- und Spät-Uruk sowie das ältere Frühdynastikum (Ninive 5-Kultur). In der späten Uruk-Zeit könnte die Stadt bereits eine beträchtliche Ausdehnung gehabt haben; der italienische Archäologe Paolo Matthiae nimmt an, dass der gesamte Tell mit einer Fläche von 40 ha bewohnt war.

3. Jahrtausend v. Chr. Archäologische und schriftliche Quellen belegen, dass Ninive im 23.–22. Jahrhundert v. Chr. zum Reich von Akkad gehörte. Durch eine spätere Überlieferung ist die Bautätigkeit des Königs Maništūsu am Ištar-Tempel belegtIn einer Bauinschrift des altassyrischen Königs Šamšī-Adad I., Grayson, RIMA 1, A.0.39.2, i 10.. Zu den wichtigsten Funden aus dieser Zeit gehört der Kupferkopf eines akkadischen Herrschers, der im Bereich dieses Tempels zutage kam. Gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. scheint Ninive zu einem hurritischen Fürstentum gehört zu habenEin Fürst von Ninive mit dem hurritischen Namen Tišatal besuchte die mittelmesopotamische Stadt Ešnunna während der Regierungszeit des Königs Šū-Sîn von Ur: R. M. Whiting: Tiš-atal of Ninive and Babati, uncle of Šu-Sin. In: Journal of Cuneiform Studies 28 (1976) S. 173-182..

Altassyrische Zeit Im 2. Jahrtausend v. Chr. entwickelte sich Ninive zu einem bedeutenden urbanen und kultischen Zentrum, in dem die Göttin Ištar verehrt wurde. Um ihr Heiligtum haben sich der altassyrische König Šamšī-Adad I. (1808–1776 v. Chr.) und der altbabylonische König Hammurapi (1792–1750 v. Chr.), wie im Prolog des Codex Hammurapi erwähnt, gekümmert. Šamšī-Adad I. rühmt sich, die Zikkurat Ekituškuga und den Emenue-Tempel im Emašmaš (auch Emesmes), dem heiligen Bezirk der Göttin Ištar, renoviert zu haben. Dabei habe er eine Gründungsurkunde von Maništušu, dem Sohn Sargons von Akkad gefunden (s. Einzelnachweis 1).

Mittelassyrische Zeit Im 15. und beginnenden 14. Jahrhundert v. Chr. befand sich Ninive unter der Kontrolle des hurritischen Staates Mittani. Ab dem 13. Jahrhundert gehörte es dauerhaft zum assyrischen Reich, als eine der Residenzstädte der assyrischen Herrscher. Besonders intensive Bauaktivitäten sind aus den Inschriften des Tiglatpilesar I. (1114–1076 v. Chr.) bekannt, der den Königspalast („Palast des Königs der Vier Weltgegenden“) und den Ištar-Tempel erneuern, die Stadtmauer reparieren sowie einen Garten und einen Kanal anlegen ließGrayson, RIMA 2, A.0.87.2; 10; 11; 12.. In seinen Inschriften erwähnt er als früheren Bauherren des Palastes seinen Großvater Mutakkil-Nusku und seinen Vater Aššur-rēša-iši und als die vorherigen Bauherren des Ištar-Tempels Šamši-Adad I., Aššur-uballiṭ I. und Salmanasser I. Am Eingang des Königspalastes waren Bilder der wilden Tiere der Berge und des großen Meeres zu sehen, unter anderem ein Bild eines „Seepferdes“ (akkadisch nāḫiru; = „Schwertwal“?), das der König selbst erlegt hatte. Die Türen bestanden aus Fichtenholz und waren mit Bronze beschlagen. Seine Mauern waren mit glasierten Ziegeln in den „Farben von Obsidian, Lapislazuli und Alabaster“ verkleidet. Aššur-bēl-kala, der Nachfolger Tiglat-Pilesers I., hinterließ eine weibliche Statue, deren InschriftGrayson, RIMA 2, A.0.89.10. sie als zu seinem Palast zugehörig identifiziert. Die Statue (94 cm) befindet sich heute im Britischen Museum.

Neuassyrische Zeit Zu einer bedeutenden Metropole wuchs Ninive im 1. Jahrtausend v. Chr. Mehrere neuassyrische Herrscher berichten in Inschriften über ihre Bauaktivitäten in der Stadt. Der vollständige Umbau erfolgte unter König Sanherib (704–681), der nach dem Tod seines Vaters, Sargon II., die Hauptstadt von Dūr-Šarrukin (Ḫorsabad) nach Ninive verlegte und die Stadt zum Mittelpunkt seines Reiches machte. Er ließ eine gewaltige Stadtmauer mit einer Länge von 12 km errichten. Sie hatte mehrere Tore, die mit den Namen großer Gottheiten oder anderer Residenzstädte bzw. Provinzen, in deren Richtung sie sich öffneten, benannt wurden. Zwei aus Norden kommende Hauptkanäle (aus Bawian und Maltai) versorgten die Stadt und ihr Umland mit Wasser. Unter Sanherib und seinen beiden Nachfolgern, Asarhaddon (680–669) und Assurbanipal (668–632/27), entstanden auf Kujụndjik und Nebi Junus neue monumentale Palastanlagen (siehe: Architektur).

Die Prachtbauten von Ninive wurden zerstört, nachdem die Stadt im Monat Abu (Juli/August) 612 v. Chr. nach einer dreimonatigen Belagerung durch verbündete Truppen des medischen Herrschers Kyaxares und des babylonischen Königs Nabopolassar eingenommen wurdeGrayson, ABC, 94 (Z. 38-46). Der assyrische König Sîn-šar-iškun kam laut der babylonischen „Chronik 3“ dabei ums Leben. Man fand während der Freilegung des Ḫalzi- und Adad-Tores zahlreiche Skelette der gefallenen Verteidiger. Weitere Spuren der Eroberung sind an manchen Palastreliefs sichtbar, auf denen gezielt die Gesichter Sanheribs und Assurbanipals beschädigt wurden.

Gefangene feindliche Könige wurden am Tor von Ninive zur Schau gestellt.Kathryn F. Kravitz: A last-minute revision to Sargon's Letter to the God. In: Journal of Near Eastern Studies 62/2, 2003, S. 81–95.

Antike Griechische Quellen (Ktesias von Knidos) kennen eine Stadt Ninos, die von dem gleichnamigen mythischen Herrscher Ninos gegründet worden sein soll. Nach Strabo (Geographika 16, 2) lag Ninos in Aturien, einer Region, die jenseits von Arbela am anderen Ufer des Lykos liegt (16, 3). Diese Stadt wird allgemein mit Ninive identifiziert.

Bei den Ruinen von Ninive fand im Dezember 627 n. Chr. die Entscheidungsschlacht im letzten römisch-persischen Krieg statt (Schlacht bei Ninive).

Archäologische Stätte Ausgrabungsgeschichte

mini|Herabnahme des Geflügelten Stieres während der Ausgrabung Layard mini|Rekonstruktion der Stadtmauer mit dem Mashki-Tor mini|Rekonstruktion des Tors, das dem Gott Adad gewidmet ist Zwischen 1808 und 1820 war Claudius James Rich, Resident der East India Company in Bagdad, vier Mal in Mossul. Dabei untersuchte Rich den Hügel von Kujụndjik, von dem er die erste ausführliche Beschreibung mit Plan erstellte, der für die nachfolgenden Ausgräber sehr wichtig war.

1842 wurde Ninive von Paul-Émile Botta wiederentdeckt und in Teilen ausgegraben. Da er nach drei Monaten Arbeit nichts in seinen Augen Erfolgversprechendes fand, wandte er sich nach Khorsabad. Die Zeit der ersten britischen Grabungen auf dem Tell Kujụndjik (1845–1855) wurde durch Austen Henry Layard und C. Rassam eingeläutet. Während der ersten, überaus erfolgreichen Kampagne entdeckte man einige neuassyrische Tempel und Palastbauten.

Ende des 19. Jahrhunderts erregte die Entdeckung von Keilschrift-Tafeln mit der „biblischen“ Sintflut-Erzählung (Fragmente des Gilgamesch-Epos) durch George Smith großes Aufsehen und gab weiteren Ausgrabungen auf dem Tell einen Schub. Dadurch wurde eine regelrechte Jagd nach den Tafeln ausgelöst („tablet hunt“), der sich auch C. Rassams Bruder Hormuzd Rassam anschloss. Die Funde von Tontafeln stammen überwiegend aus der Bibliothek des Aššurbanipal. Im frühen 20. Jahrhundert wurden die Ausgrabungen von dem Briten Reginald Campbell Thompson fortgeführt. 1931–32 legten R. C. Thompson und Max Mallowan einen Tiefschnitt an, der die Schichten von Ninive 1 erreichte (heute als Hassuna-Zeit bekannt). Die Schichtenfolge des Tiefschnitts: Ninive 5 – bemalte Keramik, frühdynastisch, 2900–2360 v. Chr. Ninive 4 – Dschemdet-Nasr-Zeit, entspricht Tepe Gaura X-VIII Ninive 3 – Obed (Obed 3/4) Ninive 2 – östliches Halaf Ninive 1 – Hassunna

Während der Kampfhandlungen der beiden Weltkriege wurde der Tell Kujụndjik wegen seiner strategisch günstigen Lage von türkischen beziehungsweise britischen Militärs als Basislager genutzt. Dennoch wird der im Krieg entstandene Schaden in der Forschung geringer als derjenige eingeschätzt, den Thompsons Ausgrabungen für die Archäologie bedeuten. Insgesamt ließ man während dieser umstrittenen Ära von Grabungen wenig Sorgfalt bei der graphischen Dokumentation architektonischer Überreste walten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es lange Zeit ruhig um Ninive, bis die irakische Altertumsverwaltung 1965 begann, Paläste und Tempel zu restaurieren und mehrere Rettungsgrabungen durchzuführen. Weite Bereiche wurden erneut aufgedeckt und zum Schutz der Reliefs überdacht. Die Regierung erklärte das gesamte Gelände innerhalb der Stadtmauern zum archäologischen Park und erließ ein striktes Bauverbot.

Die bisher letzten Grabungen zwischen 1987 und dem Ausbruch des Zweiten Golfkrieges unternahm ein amerikanisches Team unter der Leitung von David Stronach. Die irakischen Archäologen haben Teile der Stadtmauer und einige Stadttore restauriert, zuletzt mit Unterstützung der US-amerikanischen Armee.

Zerstörungen durch den „Islamischen Staat“ Ende Februar 2015 wurden archäologische Fundstücke, zumeist Statuen aus verschiedenen Perioden der assyrischen Reiche, im Museum von Mossul durch die salafistische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zerstört. Auch „an der archäologischen Grabungsstätte (in Ninive) attackierten die Fanatiker eine Torwächterfigur mit dem Pressluftbohrer.“ Markus Hilgert, bis Mai 2018 Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin, rief dabei zu einem Schutzprogramm auf, das auch die Ausbildung syrischer und irakischer Archäologen und Restauratoren beinhalten soll. Ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung für drei Jahre finanziertes Projekt sieht zudem vor, „den Schwarzmarkt mit antiken Kunstwerken besser auszuleuchten. […] Denn die Ausgrabungsstücke, die der islamische Staat nicht zerstört, die verkauft er.“Rolf Brockschmidt: Propaganda mit Pressluftbohrer, in: Der Tagesspiegel. Berlin, 2. März 2015, S. 20.

Im April 2016 zerstörte der IS das Nergal-Tor unter Einsatz von militärischem Gerät.Will Worley: Isis destroys gates to ancient city of Nineveh near Mosul. In: The Independent. 12. April 2016. Abgerufen am 17. Mai 2016. Im Januar 2017 wurde das im östlichen Stadtteil von Mossul befindliche Gelände von den irakischen Streitkräften zurückerobert.Reuters.com: Iraq special forces chief says mission accomplished in east Mosul

2014 wurde die Nebi-Yunus-Moschee, in der sich nach der langen Tradition die Grabstätte des Propheten Jona befand, von den IS-Truppen in die Luft gesprengt und die darunterliegenden Reste des Militärpalastes aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. mit Hilfe eines Tunnelnetzes zwei Jahre lang geplündert. Seit 2018 führt hier ein archäologisches Team der Universität Heidelberg unter der Leitung von Peter A. Miglus und Stefan Maul neue Forschungen durch, mit dem Ziel, die verursachten Zerstörungen zu dokumentieren und neue Erkenntnisse über das Palastgebäude zu gewinnen.

Aktuelle Forschungen