Mülheim-Kärlich ist eine Stadt im nördlichen Rheinland-Pfalz und mit rund 11.000 Einwohnern die größte Kommune der Verbandsgemeinde Weißenthurm. Gemäß Landesplanung ist Mülheim-Kärlich als Unterzentrum ausgewiesen. Der nahe Koblenz gelegene Ort besteht aus den vier Stadtteilen Mülheim, Kärlich, Urmitz-Bahnhof und Depot.

Lage und Stadtgebiet mini|links|hochkant=1.2|Straßenkarte Raum Koblenz mini|alt=Gemarkungen Mülheim-Kärlich|Gemarkungen Mülheim-Kärlich: Kärlich (blau), Mülheim (gelb) Mülheim-Kärlich liegt am Westrand des Neuwieder Beckens zwischen Rhein, Mosel, Nette und den östlichen Ausläufern der Eifel. Dank seiner Nähe zu den Bundesautobahnen A 48 und A 61 sowie zur Bundesstraße 9 reicht das Einzugsgebiet seines Gewerbegebiets bis in die Eifel, den Westerwald, den Hunsrück und den Taunus. Die Stadt grenzt auf einer Länge von etwa 2 km an den Rhein, von dem das Stadtzentrum rund 3 km entfernt liegt.

Zur Gemarkung Mülheim gehören neben dem gleichnamigen Stadtteil der Großteil von Urmitz-Bahnhof, das Schulzentrum mit angrenzendem Sportplatz sowie der Ortsteil Depot mit dem Gewerbegebiet. Dieser erstreckt sich bis zum Autobahnkreuz Koblenz-Nord und markiert den östlichen Ausläufer der Gemarkung. Deren gesamten südöstlichen Rand nimmt das große Obstanbaugebiet von Mülheim-Kärlich ein. Die Gemarkung Kärlich mit dem gleichnamigen Ortsteil umfasst heute das Rheingebiet in Höhe des ehemaligen Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich sowie die Kiesgruben unmittelbar am Mülheimer Bach. Es erstreckt sich in Richtung Kettig bis zum Sport- und Freizeitgebiet „Dalfter“ und in Richtung Bassenheim bis zum Lützelbach, dessen Staubecken sowie dem Lucasweiher.

Geschichte Vor- und Frühgeschichte Das Gebiet des heutigen Mülheim-Kärlich gehört zu den ältesten von Menschen besiedelten Plätzen Deutschlands. Darauf weisen etwa 440.000 Jahre alte Faustkeile aus Quarzit und Feuerstein hin, Artefakte des Homo erectus von Mülheim-Kärlich, die in der Tongrube auf dem Kärlicher Berg gefunden wurden.

Seit der Jungsteinzeit, ab etwa 4000 v. Chr., scheint die Region permanent besiedelt zu sein. Von etwa 3700 bis 2400 v. Chr. bestand am Rheinufer, zwischen der späteren Kapelle „Am Guten Mann“ und dem Urmitzer Werth gelegen, ein halbkreisförmiges Erdwerk der Michelsberger Kultur. Die durch Wall, Graben und Palisaden geschützte Anlage umschloss ein Areal von ca. 100 ha.

Archäologische Funde weisen darauf hin, dass seit der Latène-Zeit (ab etwa 450 v. Chr.) Kelten auf dem heutigen Stadtgebiet lebten. An der Weißenthurmer Straße wurde 1905 beim Bimsabbau ein keltisches Wagengrab entdeckt. Weitere Grabhügel und ein ausgedehntes Gräberfeld sowie Funde von Handelsgütern, die zum Teil etruskischen Ursprungs sind, deuten – wie auch der Ortsname Kärlich selbst – auf die Existenz einer keltischen Siedlung hin.

Römische Zeit mini|Römische Villa, Luftaufnahme (2017) Nahe dieser Siedlung, etwa an der Stelle, an der sich das steinzeitliche Erdwerk befunden hatte, erfolgte im Jahr 53 v. Chr. möglicherweise der zweite Rheinübergang von Caesars Legionen, den dieser in „De bello Gallico“ beschrieb. Nach der römischen Eroberung war die Region um Mülheim-Kärlich zunächst Teil der Provinz Germania Superior (Obergermanien), mit dem Hauptort Mogontiacum (Mainz). Von der Zeit Diokletians bis zum Zusammenbruch der römischen Herrschaft im 5. Jahrhundert gehörte sie zur daraus gebildeten neuen Provinz Germania Prima.

Die Römerstraße von Mainz nach Köln durchquerte das Stadtgebiet etwa auf der Höhe der heutigen Bundesstraße 9. Archäologische Funde lassen darauf schließen, dass sich entlang dieser Straße eine römische Siedlung bildete. Am Rheinufer, bei der heutigen Kapelle „Am Guten Mann“, scheint es Manufakturbetriebe zur Herstellung von Ziegeln und Keramik gegeben zu haben. Das Gros der Bevölkerung bildeten damals romanisierte Kelten vom Stamm der Treverer, Germanen sowie Römer aus verschiedenen Teilen des Reichs.

Zu den Bodenfunden aus römischer und nachrömischer Zeit gehören die Überreste mehrerer römischer VillenWinfried Henrichs (Hrsg.): Mülheim-Kärlich. S. 55–57, Mülheim-Kärlich 1981. sowie eine germanische Runenspange aus der Zeit um 600, deren Inschrift „Wodani hailag“ („Dem Wôdan heilig“) jedoch als nicht authentisch gilt.Journal of English and Germanic philology 56 (1957), S. 315; Walter Baetke: Das Heilige im Germanischen. Tübingen 1942, S. 155–165.

Mittelalter Im Laufe des 5. Jahrhunderts brach die römische Herrschaft am Rhein zusammen. Die ripuarischen Franken, deren Siedlungsschwerpunkt um Köln lag, brachten um 455/456 auch das Land beiderseits des Mittelrheins unter ihre Kontrolle.Eugen Erwig: Rheinische Geschichte, hrsg. v. Franz Petri u. Georg Droege, Bd. 1.2: Frühes Mittelalter, Düsseldorf 1980, S. 10 Bereits vor 500 gehörte das Gebiet um Koblenz zu dem später Austrasien genannten Kerngebiet des Fränkischen Reichs. Damals entstanden auch im Neuwieder Becken die Grundzüge der bis heute bestehenden Siedlungsstrukturen. Für die Zeit nach dem Jahr 500, vermehrt dann für das 7. Jahrhundert, sind fränkische Einzelgräber und Gräberfelder auf Mülheim-Kärlicher Gebiet nachgewiesen, u. a. an der Heeresstraße und auf dem Senser Berg.

Der Ortsname Mülheim weist auf eine Gründung während dieser fränkischen Landnahme im Frühmittelalter hin, während der Name Kärlich auf weit frühere, keltische Ursprünge schließen lässt. Dennoch werden beide Orte erst im Hochmittelalter erstmals urkundlich erwähnt: Kärlich 1047Henrichs: Stadtchronik. S. 64., Mülheim 1162. Sie gehörten damals zum Reichsgut des fränkischen Königshofs Koblenz, der 1018 durch eine Schenkung Kaiser Heinrichs II. an das Erzstift Trier gekommen war. 1217 wurde die Kärlicher Kirche erstmals in einer Urkunde genannt. Hundert Jahre später folgte der Bau der bis heute erhaltenen Alten Kapelle in Mülheim, die bis Ende des 19. Jahrhunderts eine Filialkirche der Kärlicher Pfarrei blieb.Henrichs: Stadtchronik. S. 74.

Kurfürst Balduin von Luxemburg ließ Anfang des 14. Jahrhunderts eine Wasserburg in Kärlich errichten, die 1344 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Zwei Jahre später, 1346, erwirkte er von seinem Großneffen, Kaiser Karl IV., die Verleihung eines Stadtrechtsprivilegs für Kärlich. Ausschlaggebend für beide Maßnahmen dürfte die Grenzsicherung gegen Kurköln gewesen sein. Für diesen Zweck aber verloren sowohl die Burg als auch der Ort Kärlich in der Folgezeit an Bedeutung. So wurde die Grenze seit Anfang des 15. Jahrhunderts durch den Weißen Turm gesichert, den Kurfürst Werner von Falkenstein etwa 4 km nordwestlich von Kärlich errichten ließ. Die Kurfürsten und Erzbischöfe von Trier haben von Balduins Privileg daher keinen Gebrauch gemacht und Kärlich nie offiziell zur Stadt erhoben und mit Mauern umgeben. Die Burg wurde bereits um 1480 unter Kurfürst Johann II. von Baden durch ein Wasserschloss ersetzt, das nicht mehr primär der Verteidigung, sondern der Jagd diente. Kärlich und das seiner Pfarrei zugeordnete Nachbardorf Mülheim blieben bis kurz vor dem Ende des alten Reiches kurtrierische Landgemeinden, die zum Amt Bergpflege gehörten. Dessen Ausdehnung entsprach in etwa der heutigen Verbandsgemeinde Weißenthurm.

Frühe Neuzeit mini|hochkant=1.2|Das 1794 zerstörte Kurfürstliche Schloss zu Kärlich Im 17. Jahrhundert wurden beide Dörfer infolge des Dreißigjährigen Kriegs und des Holländischen Kriegs Ludwigs XIV. schwer in Mitleidenschaft gezogen. So kam es 1635 zur zunächst erfolglosen Belagerung des Kurfürstlichen Schlosses durch schwedische und französische Truppen, die anschließend das Dorf Kärlich plünderten. Bei einem zweiten Angriff im Juli desselben Jahres gelang es den Schweden, das Schloss doch noch in Brand zu stecken. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, zwischen 1654 und 1660, ließ der trierische Kurfürst Karl Kaspar von der Leyen auf den Grundmauern der Ruine ein neues Jagd- und Lustschloss errichten. Noch während der Bauzeit, im Juli 1657, kamen dort auf Betreiben des päpstlichen Nuntius Sanfelice die drei geistlichen Kurfürsten von Trier, Mainz und Köln zusammen, um nach dem Tod Ferdinands IV. über die Wahl des neuen Kaisers zu beratenRené Hanke: Germania Sacra, Band 22: Die Bistümer der Kirchenprovinz Trier. Das Erzbistum Trier 14: Die Trierer Erzbischöfe von 1623 bis 1802, De Gruyter Akademie Forschung, Berlin, Boston 2024,. S. 257–343, die erst ein Jahr später in Frankfurt am Main stattfand. Im 18. Jahrhundert nach Plänen der Baumeister Balthasar Neumann und Johannes Seiz erneut umgebaut und erweitert,Petri, Droege (HG): Rheinische Geschichte. Bild- u. Dokumentarband, S. 352. war das Kärlicher Schloss ein bevorzugter Aufenthaltsort der beiden letzten trierischen Kurfürsten, Johann IX. Philipp von Walderdorff und Clemens Wenzeslaus von Sachsen.

Clemens Wenzeslaus, dessen Hof nach Ausbruch der Französischen Revolution zum Sammelpunkt gegenrevolutionärer Kräfte geworden war, verließ auf der Flucht vor französischen Truppen am 21. Oktober 1792 von Kärlich aus zum ersten Mal sein Land. Nach seiner kurzfristigen Rückkehr endete der Kurstaat genau zwei Jahre später, als die Sambre-Maas-Armee unter General Marceau aus den Niederlanden kommend das linke Rheinufer bei Koblenz besetzte. Das Kärlicher Schloss wurde am 23. Oktober 1794 von Marceaus Soldaten in Brand gesetzt und danach von der einheimischen Bevölkerung als Steinbruch genutzt.

Nach der Einnahme der beiden Orte durch Marceaus Truppen am 22. Oktober 1794 blieben Mülheim und Kärlich bis 1814 französisch. Sie gehörten zur Mairie Bassenheim, der Vorläuferin der heutigen Verbandsgemeinde Weißenthurm, die zuletzt Teil des Départements Rhin-et-Moselle mit Sitz in Koblenz war. Der Wiener Kongress schlug das Rheinland 1815 zum Königreich Preußen. Damit kamen die beiden Gemeinden zum 1816 gegründeten preußischen Landkreis Koblenz im gleichnamigen Regierungsbezirk und waren bis 1945 Teil der 1822 gebildeten preußischen Rheinprovinz.

Seit dem 19. Jahrhundert mini|hochkant=1.2|Mülheim-Kärlich mit dem Kernkraftwerk im Hintergrund (der Kühlturm wurde inzwischen abgerissen) mini|hochkant=1.2|Gedenkstätte zur Erinnerung an die Mülheim-Kärlicher Juden und ihre zerstörte Synagoge Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts – zuletzt in den Jahren 1845 und 1847 – brachten Missernten immer wieder Notzeiten für die fast ausschließlich von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung.Winfried Henrichs: Landbevölkerung und Landwirtschaft im 18. und 19. Jahrhundert. In: Winfried Henrichs (Hrsg.): Mülheim-Kärlich. Mülheim-Kärlich 1981, S. 153–158. Deren wirtschaftliche Situation besserte sich merklich in der zweiten Jahrhunderthälfte mit dem Bau der Eisenbahn, die den Bauern neue Märkte erschloss, sowie mit der Entwicklung des Tonabbaus und der Bimsindustrie. Damit entstanden zusätzliche Verdienstmöglichkeiten auch über die Wintermonate, sodass immer mehr Menschen in den beiden Dörfern ihr Auskommen fanden. Die Abwanderung wurde gebremst und die Bevölkerungszahl nahm rasch zu. Ein weiterer langfristiger Effekt war, dass um das Jahr 1900 die meisten Einwohner auf ihre meist kleinen landwirtschaftlichen Betriebe nur noch als Nebenerwerbsquellen angewiesen waren. Allerdings hatte der Tonabbau zeitweise auch fatale Folgen: In den Jahren 1897 und 1906 ereigneten sich Bergrutschkatastrophen, bei denen zahlreiche Häuser in Mülheim beschädigt oder zerstört wurden.Winfried Henrichs: Die Bergrutschkatastrophen von 1896/97 und 1906. In: Winfried Henrichs (Hrsg.): Mülheim-Kärlich. Mülheim-Kärlich 1981, S. 163–169.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die beiden neuen Ortsteile Urmitz-Bahnhof und Depot. Sie entwickelten sich am Rand der Mülheimer Gemarkung aus Siedlungen, die sich rund um den 1876 errichteten Bahnhof und um ein im Ersten Weltkrieg angelegtes Munitionsdepot gebildet hatten.