Persönlichkeitsstörungen (PS) stellen eine Klasse von psychischen Störungen dar. Bei ihnen sind bestimmte Merkmale der Persönlichkeitsstruktur und des Verhaltens in besonderer Weise ausgeprägt, unflexibel oder wenig angepasst. Sie gehören zu den häufigsten Diagnosen in der Psychiatrie. Der Begriff Persönlichkeitsstörung wurde früher auch als Charakterneurose bezeichnet und ist eng verwandt, aber nicht inhaltlich identisch mit den Begriffen Neurosenstruktur und Neurosendisposition.
Persönlichkeitsstörungen bezeichnen lang andauernde Erlebens- und Verhaltensmuster mit vielfältiger Verursachung (z. B. durch Entwicklungsbedingungen in der Kindheit oder späteren Lebensabschnitten, genetische Faktoren oder erworbene Hirnschäden). Diese Verhaltensmuster weichen von einem flexiblen, situationsangemessenen Erleben und Verhalten in charakteristischer Weise ab. Die persönliche Leistungsfähigkeit im sozialen, beruflichen und privaten Leben ist meist deutlich beeinträchtigt (siehe Lebensqualität bei PS).
Das Verständnis und die medizinische Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen wurden in der Geschichte bereits mehrfach revidiert. Nach dem DSM-5 werden verschiedene PS kategorial nach charakteristischen Typologien unterteilt, wobei jedoch häufig Überschneidungen vorkommen. Mit der ICD-11 wird dieser kategoriale Ansatz aufgrund festgestellter Mängel durch einen dimensionalen Ansatz ersetzt. Dabei wird eine einzige Persönlichkeitsstörung mit einem bestimmten Schweregrad diagnostiziert. Zusätzlich können ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale erfasst werden. Einen hybriden Ansatz verfolgt das Alternative DSM-5-Modell für Persönlichkeitsstörungen (AMPD).
Bei Kindern und Jugendlichen finden sich in seltenen Fällen Vorstufen oder Risikokonstellationen von Persönlichkeitsstörungen. Da aber davon ausgegangen wird, dass die Entwicklung der Persönlichkeit im Jugendalter noch nicht vollendet ist, wird hier eher von einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung gesprochen.
Neuste Studien gehen davon aus, dass mehr als jede zehnte Person in der Allgemeinbevölkerung und etwa 40–60 % im psychiatrischen Setting von PS betroffen sind.
Geschichtliches Früher verwendete man den allgemeinen Begriff der „Psychopathie“ für jene Persönlichkeitsauffälligkeiten, die man heute unter dem Begriff „Persönlichkeitsstörung“ zusammenfasst.Psychopathie. In: Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 1999, ISBN 3-86047-864-8, S. 420. Diese weitgefasste Bezeichnung wurde erst 1980 mit Einführung des DSM-III durch „Persönlichkeitsstörung“ ersetzt. Im heutigen forensisch-psychiatrischen Sprachgebrauch ist die Bedeutung von Psychopathie dagegen sehr eng begrenzt und bezeichnet ausschließlich eine extrem schwere Form der antisozialen Persönlichkeitsstörung.
Bereits Philippe Pinel (1809) unterschied zwischen Psychotikern und Psychopathen und benutzte dabei den Begriff manie sans delire, wobei er Psychopathie als Beeinträchtigung der affektiven Funktionen bei ungestörten Verstandeskräften definierte.Philippe Pinel: Traité Medico-Philosophique sur l’aliénation mentale. Brosson, Paris 1809. Bénédict Morel (1857) glaubte an die Degenerationslehre: Danach entstünde gewohnheitsmäßige Dissozialität durch die Umwelt, könne dann aber in einer Art Lamarckismus genetisch weitergegeben werden.
Das erste Diathese-Stress-Modell der Persönlichkeitsstörungen wurde von Valentin Magnan und Lagrain (1895) vorgestellt, die vererbten neurophysiologischen Faktoren eine entscheidende Rolle für die Anfälligkeit zusprachen, eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Diese könnten aber erst durch psychosoziale Stressoren wirksam werden.
Der Begriff Psychopathie wurde vor allem durch die Monographie über psychopathische Minderwertigkeiten (1891) von Julius Koch geprägt. Koch war ebenfalls Anhänger einer genetischen Degenerationslehre und beschrieb verschiedene Störungstypen wie zart Besaitete oder Stadt- und Weltverbesserer.Julius A. Koch: Die psychopathischen Minderwertigkeiten. Maier, Ravensburg 1891–1893.
Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erfolgte ein Paradigmenwechsel von der Degenerationslehre weg hin zur Konstitutionslehre. Besonders die deutschen Psychiater Kraepelin und Kretschmer brachten konstitutionelle Faktoren wie Triebstärke oder Körperbau mit verschiedenen Störungen in Verbindung. Ernst Kretschmer untersuchte dabei typische Körperbauformen und damit korrelierende Risiken für psychische Erkrankungen.Ernst Kretschmer: Körperbau und Charakter. Springer, Berlin 1921. Mit Kurt Schneiders Die psychopathischen Persönlichkeiten (1923) verschwand in der Terminologie die wertende Begrifflichkeit und in seinen zehn verschiedenen Typen waren bereits die meisten der bekannten Persönlichkeitsstörungen enthalten.Kurt Schneider: Die psychopathischen Persönlichkeiten. In: Gustav Aschaffenburg (Hrsg.): Handbuch der Psychiatrie. Deuticke, Leipzig 1923.
In der Psychoanalyse wurde zunächst der auf Wilhelm Reich zurückgehende Begriff der Charakterneurose verwendet, die als ein Neurosentypus bezeichnet wurde, bei dem der Abwehrkonflikt sich nicht durch die Bildung von ichdystonen Symptomen zeigt, sondern durch ichsyntone Charakterzüge, Verhaltensweisen und in der Organisation der gesamten Persönlichkeit. Bei Wilhelm Reich stand der Begriff im Kontext der Charakteranalyse und der Vorstellung der „Charakterpanzerung“. Auch wenn der Begriff der Charakterneurose in der Abgrenzung vage blieb, wurde – wie bei Symptomneurosen und den psychischen Grundstrukturen – zwischen den Formen der paranoid-schizoiden, depressiven, zwanghaften und hysterischen Ausprägung unterschieden. Deskriptiv wurde die Charakterisierung des uneinheitlichen Krankheitsbildes als zugleich symptomlose und schwerere Form der Neurose dargestellt, die aufgrund des (scheinbar) fehlenden Leidensdrucks sowie der mangelhaften Krankheitseinsicht schwerer zu behandeln sei als die Symptomneurosen.Charakterneurose. In: Jean Laplanche, Jean-Bertrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Erster Band. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-518-27607-7, S. 109–111.Wolfgang Loch (Hrsg.): Die Krankheitslehre der Psychoanalyse. Eine Einführung. 3. Auflage, S. Hirzel Verlag, 1977, ISBN 3-7776-0313-9, S. 157–168.Charles Brenner: Elemente des seelischen Konflikts. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1986. ISBN 3-10-007902-7. S. 181–188. Der auch in der Psychiatrie verwendete Begriff blieb in seiner Definition ungenau, teilweise in sich widersprüchlich und wurde diagnostisch sinngleich mit Begriffen wie Kernneurose, Psychopathie oder abnorme Persönlichkeit verwendet.Charakterneurose. In: Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 3. Auflage. Urban & Schwarzenberg, 1984, ISBN 3-541-04963-4, S. 91.
Klassifikation
Beide Diagnosesysteme beschreiben genau sechs Kriterien für eine Allgemeine Persönlichkeitsstörung. Diese Kriterien beschreiben grundsätzliche Bedingungen, die in jedem Einzelfall erfüllt sein müssen, um von einer Persönlichkeitsstörung sprechen zu können. Erst dann kann eine genauere Diagnose einer spezifischen PS vergeben werden.
DSM-5 Im DSM-5 sind das die Folgenden: Ein überdauerndes Muster von innerem Erleben und Verhalten, das merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht. Dieses Muster manifestiert sich in mindestens zwei der folgenden Bereiche: Kognition (d. h. die Art, sich selbst, andere Menschen und Ereignisse wahrzunehmen und zu interpretieren), Affektivität (d. h. die Variationsbreite, Intensität, Labilität und Angemessenheit emotionaler Reaktionen), Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen. Impulskontrolle. Das überdauernde Muster führt in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen. Das Muster ist stabil und lang andauernd, und sein Beginn ist mindestens bis in die Adoleszenz oder ins frühe Erwachsenenalter zurückzuverfolgen. Das überdauernde Muster lässt sich nicht besser als Manifestation oder Folge einer anderen psychischen Störung erklären. Das überdauernde Muster ist nicht Folge der physiologischen Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors (z. B. Hirnverletzung). Das überdauernde Muster ist unflexibel und tiefgreifend in einem weiten Bereich persönlicher und sozialer Situationen.
Alternatives DSM-5-Modell für Persönlichkeitsstörungen Außerdem gibt es in Teil III des DSM-5 das Alternative DSM-5-Modell für Persönlichkeitsstörungen (AMPD), das einen dimensional-kategorialen Hybrid darstellt und sich dadurch von der klassischen Einteilung von Persönlichkeitsstörungen teilweise löst. Es liefert Diagnosen auf der Grundlage von Kombinationen aus Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktion (Kriterium A), die anhand der Bereiche Identität, Selbststeuerung, Empathie und Nähe bewertet werden, sowie 25 problematische Persönlichkeitsmerkmale (Kriterium B) aus den folgenden Merkmalsbereichen: Negative Affektivität, Verschlossenheit, Antagonismus, Enthemmtheit und Psychotizismus. Das AMPD umfasst sechs spezifische Persönlichkeitsstörungen, die durch bestimmte Kombinationen der Kriterien A und B definiert sind: antisoziale, vermeidende, Borderline-, narzisstische, zwanghafte und schizotypische Persönlichkeitsstörungen. Für Fälle, die nicht den vorgenannten Kategorien entsprechen, steht zudem die Diagnose Persönlichkeitsstörung, Merkmalsspezifiziert (PS-MS) zur Verfügung.
Die AMPD wurde mit dem Ziel entwickelt, Probleme wie willkürliche Schwellenwerte und übermäßige Komorbidität zu beheben. Sie sollte das kategoriale Modell im DSM-5 ersetzen. Nach ihrer Ablehnung durch den Vorstand der American Psychiatric Association (APA) wurde sie jedoch in Teil III (In Entwicklung befindliche Instrumente und Modelle) des DSM-5 aufgenommen. Seit seiner Veröffentlichung hat das AMPD großes Forschungsinteresse auf sich gezogen.
Um Persönlichkeitsstörungen nach dem AMPD einfacher erfassen zu können, wurde das halbstrukturierte Interview SCID-5-AMPD entwickelt. Es kann im klinischen Alltag oder in der Forschung von erfahrenen Fachkräften verwendet werden.
ICD-10 In den Leitlinien der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen der ICD-10 gelten folgende allgemeine Kriterien für Persönlichkeitsstörungen: Klinisch wichtige, meist länger anhaltende Zustandsbilder und Verhaltensmuster. Ausdruck des charakteristischen, individuellen Lebensstils, des Verhältnisses zur eigenen Person und zu anderen Menschen. Tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen. Deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen. Verhaltensmuster meistens stabil und beziehen sich auf vielfältige Bereiche des Verhaltens und der psychologischen Funktionen. Meist persönliches Leiden und gestörte soziale Funktionsfähigkeit.
ICD-11