Das Russische Kaiserreich (), auch das Russische Reich, war eine absolute Monarchie im nördlichen Teil von Eurasien. Es war Nachfolger des Zarentums Russland (1547–1721) und bestand von der Annahme des Kaisertitels durch Peter den Großen 1721 bis zur Ausrufung der Republik infolge der Februarrevolution 1917. Zur Zeit seiner größten Ausdehnung Mitte des 19. Jahrhunderts stellte es das drittgrößte Reich der Weltgeschichte (nach dem Britischen Weltreich und dem Mongolischen Reich) beziehungsweise das größte zusammenhängende neuzeitliche Reich dar.

Staatsbezeichnungen Russisches Kaiserreich bzw. Kaiserreich Russland ist der in der Geschichtswissenschaft gebräuchliche NameKlaus Zernack: Handbuch der Geschichte Russlands, Band II: 1613–1856. Vom Randstaat zur Hegemonialmacht. Hiersemann Verlag, Stuttgart 1986, S. 353.Reinhard Wittram: Das russische Imperium und sein Gestaltwandel. In: Historische Zeitschrift 187, H. 3 (Jun., 1959), S. 568–593, hier S. 568. für den russischen Staat im Zeitraum von 1721 bis 1917. Daneben wird es auch Russisches Reich genannt.Russisches Reich – Meyers Großes Konversations-Lexikon 1905

Die offizielle Staatsbezeichnung ist , Transkription: (Wse-)Rossijskaja imperija, wörtlich: „(All-)Russisches Reich“.Gundula Helmert: Der Staatsbegriff im petrinischen Russland. Duncker & Humblot, 1996, S. 33.In der neueren Geschichtsschreibung auch Allrussländisches Imperium (Lexikon der Geschichte Russlands, C. H. Beck, 1985, S. 192; Günther Stökl: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (= Kröners Taschenausgabe. Band 244). 5., erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1990, ISBN 3-520-24405-5, S. 362; Frithjof Benjamin Schenk: Aleksandr Nevskij, Köln 2004, S. 147) oder Russländisches Kaiserreich (Carsten Goehrke: Russland, Paderborn 2010, S. 87). Ebenso finden die Bezeichnungen Russisches Zarenreich bzw. Zarenreich Russland und zaristisches RusslandVgl. etwa Andreas Zimmermann, Staatennachfolge in völkerrechtliche Verträge, Springer, Berlin/Heidelberg/New York 2000, S. 86 und S. 90 zuweilen Verwendung, obgleich Zar Peter der Große den Zarentitel 1721 durch den des Kaisers ersetzt hatte. Dennoch wurde weiterhin innerhalb Russlands vom Zar als Herrscher gesprochen.

Geographie

Ausdehnung Seine größte Ausdehnung erlangte das Reich zwischen 1742 und 1867 (mit der Einverleibung des Gebiets der heutigen Staaten Estland, Lettland, Litauen im Baltikum, Finnlands, eines großen Teils Polens, von Landstrichen im Nordosten der Türkei sowie Alaska) und war damit (nach dem Mongolischen Reich) der größte zusammenhängende Staat bzw. Herrschaftsraum der Geschichte.

Das Reich grenzte 1917 an zehn Nachbarstaaten: Norwegen, Schweden, das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, Rumänien, das Osmanische Reich, Persien, Afghanistan, China sowie an das japanische Korea. Es grenzte ferner an die Ostsee, das Schwarze Meer, das Kaspische Meer, den Pazifischen Ozean, das Ochotskische Meer, das Beringmeer, die Ostsibirische See, die Laptewsee, die Karasee, die Barentssee sowie an das Weiße Meer.

Das Territorium Russlands umfasste zuletzt mit rund 22,7 Millionen Quadratkilometern fast ein Sechstel des Festlandes der Erde. In West-Ost-Richtung erstreckte es sich vom Schwarzen Meer und der Ostsee bis zum Pazifischen Ozean über fast 10.000 Kilometer. Von Norden nach Süden hatte es eine Ausdehnung von fast 5000 Kilometern.

Territorien Zusätzlich zu dem Gebiet der heutigen Russischen FöderationAusgenommen das Gebiet Kaliningrad, die Kurilen und Tuwa umfasste das Reich in Europa die Ostseegouvernements Estland, Livland und Kurland, Kongresspolen, Litauen, den größten Teil der Ukraine, Belarus, Moldau und Finnland (als Großfürstentum Finnland).

In Asien südlich des Kaukasus gehörten das heutige Armenien, Aserbaidschan und Georgien zum Reich. Ebenfalls umfasste das Gebiet die Provinzen Ardahan, Artvin, Iğdır und Kars der heutigen Türkei. In Zentralasien gehörten das Generalgouvernement Turkestan und die Vasallenstaaten Emirat Buchara und Khanat Chiwa zum russischen Staat. Sie umfassten das Territorium der modernen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Bis 1867 wurde Alaska als russische Kolonie angesehen. Von 1797 bis 1818 (mit Unterbrechung von 1807 bis 1813) gehörte die Herrschaft Jever infolge der Zerbster Teilung als Exklave zu Russland.

Bevölkerung mini|links|Ethnische Karte des europäischen Russland vor dem Ersten Weltkrieg

Das Russische Kaiserreich erbte den Charakter als Vielvölkerreich vom Zarentum Russland und baute ihn im Verlauf seiner 196-jährigen Existenz noch weiter aus. Das staatstragende Volk waren die Russen („Großrussen“), wobei auch Ukrainer („Kleinrussen“) und Belarussen als integraler Bestandteil eines dreieinigen russischen Volkes angesehen wurden.

Aus früheren Zeiten beinhaltete das Reich eine Vielzahl kleinerer finno-ugrischer und sibirischer Stämme sowie turkstämmige Tataren, Tschuwaschen und Baschkiren. Durch den Erwerb der Ostseeprovinzen kamen Anfang des 18. Jahrhunderts neben baltischen Völkern auch ein bedeutender deutschbaltischer Bevölkerungsteil hinzu, der im Folgenden eine beachtliche Rolle in der russischen Politik und Gesellschaft spielte.

Durch die Mitte des 18. Jahrhunderts eingesetzte Expansion nach Zentralasien kamen kasachische Nomaden und durch die Teilungen Polens eine erhebliche polnische und jüdische Bevölkerung hinzu. Bis 1917 lebten etwa zwei Drittel aller Juden der Welt im Russischen Kaiserreich, die überwiegende Mehrheit unter ihnen im sogenannten Ansiedlungsrayon.

Im russischen Großfürstentum Finnland gehörten Finnen und Schweden zu den Untertanen der Romanows. Weitere Expansionen Russlands machten kaukasische und diverse zentralasiatische Völker zu Untertanen der russischen Krone. Gemäß der ersten gesamtrussischen Volkszählung von 1897 machten Großrussen nur noch etwa 49 % der Gesamtbevölkerung des Reiches aus.

Diese Volkszählung kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert ergab eine Bevölkerungszahl von 125.640.021 Menschen. Finnland, Buchara und Chiwa blieben hierbei außer Betracht.demoscope.ru/weekly

Geschichte Zar Peter I. als Kaiser (seit 1721) mini|hochkant|Zar Peter I.

Die Geschichte des Russischen Kaiserreiches beginnt im Jahr 1721 mit dem Sieg im Großen Nordischen Krieg über die Großmacht Schweden und dem Aufstieg zur europäischen Großmacht. Zur Unterstreichung des neuen Status im europäischen Machtgefüge ließ Peter I., seit 1682 Zar und Großfürst von Russland, das Russische Zarentum in „Russisches Kaiserreich“ umbenennen und änderte den Monarchentitel offiziell von Zar in Kaiser (Император, Imperator). Dies entsprach zugleich einer Orientierung am westeuropäischen Vorbild, die Peter auch in seinen innenpolitischen Reformen durchsetzte.

Aufgrund jenes Rechtsakts von 1721 durch den allrussischen Kaiser ()Zernack: Handbuch der Geschichte Russlands. Band II 1613–1856, S. 352. Peter den Großen änderte sich die offizielle Bezeichnung des russischen Reiches: Der Terminus („Imperium“) löste den bislang benutzten Begriff („Reich“, wörtlich „Zartum“Birgit Scholz: Von der Chronistik zur modernen Geschichtswissenschaft. Die Warägerfrage in der russischen, deutschen und schwedischen Historiographie. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2000, S. 24.) ab.Wittram: Das russische Imperium und sein Gestaltwandel. In: HZ 187 (1959), S. 568–593, hier S. 569. Im amtlichen Sprachgebrauch ersetzte die bis dahin nur gelegentlich verwendete hellenisierte Form Rossija nun endgültig sowohl das Wort Rus als auch den Zweitnamen Moskowien.Goehrke: Russland. Paderborn 2010, S. 15.

Die Proklamation Peters I. zum Kaiser erregte in der europäischen Öffentlichkeit großes Aufsehen und wurde von den Regierungen der meisten Staaten als Provokation empfunden. Es war schwer für die russische Diplomatie, die internationale Anerkennung der neuen Herrschertitulatur zu erreichen.

Das Zeitalter der Kaiserinnen Katharina I. und Peter II. (1725 bis 1730) Peter I. starb im Februar 1725. Seine Frau Katharina I. folgte ihm auf den Thron. Sie stand unter dem Einfluss von Alexander Danilowitsch Menschikow und überließ diesem praktisch uneingeschränkt die Regierungsgeschäfte. Katharina starb im Mai 1727. Ihr Nachfolger Peter II., ein Enkel von Peter I., entmachtete Menschikow schon bald und verlegte seinen Hof nach Moskau. Peter II. starb im Januar 1730 an den Pocken, ohne einen Erben zu hinterlassen. Nach seinem Tod wurde der Hof wieder nach St. Petersburg verlegt.

Anna (1730 bis 1740) Kaiserin wurde nun eine Halbnichte von Peter dem Großen, Anna Iwanowna. Sie bremste viele Reformen Peters des Großen, die zu diesem Zeitpunkt noch wirksam waren. Das Geld wurde der Förderung von Bildung und anderen Unternehmungen entzogen und für aufwändige und verschwenderische Hofzeremonien ausgegeben. Zu den militärischen Ereignissen ihrer Regierungszeit zählte der Feldzug von Burkhard Christoph von Münnich gegen das Khanat der Krim, der diesen lange gefährlichen Feind Russlands wesentlich schwächte. Unter Anna gewannen viele Deutsche einen erheblichen Einfluss im russischen Staat, darunter Ernst Johann von Biron und Heinrich Johann Ostermann. Ihre repressiven Herrschaftsmethoden wurden bald sehr unpopulär. Im November 1741 wurden Zar Iwan VI. (1740–1764) und seine für ihn regierende Mutter Anna Leopoldowna gestürzt. Elisabeth Petrowna, eine Tochter von Peter I., kam an die Macht.

Elisabeth (1741 bis 1762) Die Regierungszeit von Elisabeth war das Gegenteil des Herrschaftsmodells von Anna. Hohe Staatsämter wurden wieder an Russen vergeben, Modernisierung und Weiterentwicklung des Landes wurden wieder angestoßen. Beispielsweise unterstützte Elisabeth Michail Lomonossow bei der Gründung der Kaiserlichen Moskauer Universität (). Elisabeth Petrowna erließ einige sehr liberale Gesetze, unter anderem wurde in Russland die Todesstrafe abgeschafft und während ihrer Regierungszeit kein einziges Mal vollzogen. Elisabeth, die sich stark auf den Adel stützte, förderte die Künste und die Architektur, auf ihre Initiative wurden das Winterpalais von Sankt Petersburg, der Katharinenpalast und viele andere bekannte Bauwerke errichtet. St. Petersburg, auch das Venedig des Nordens genannt, stieg endgültig zu einer bedeutenden Metropole auf. Im Siebenjährigen Krieg eroberte die russische Armee weite Teile Preußens, darunter auch Berlin. Der Tod von Elisabeth 1762, bekannt als das Mirakel des Hauses Brandenburg, wendete die totale Niederlage Preußens ab. Peter III., Elisabeths preußenfreundlicher Neffe (sein Vater war der Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf) und Nachfolger, gab alle eroberten Gebiete an Preußen zurück.

Katharina II. (1762 bis 1796) mini|hochkant|Katharina die Große

Aus der allgemeinen Unzufriedenheit mit der Politik Peters III. entstand eine Verschwörung, im Zuge derer seine Ehefrau Katharina II. („die Große“) an die Macht kam. Auch sie setzte den Modernisierungskurs ihrer Vorgängerin fort. 1767 veröffentlichte sie mit der Großen Instruktion ihr Regierungsprogramm und die Arbeitsgrundlage für die Gesetzbuch-Kommission. Die 1775 erlassene Gouvernementsverfassung verlieh dem Russischen Kaiserreich eine neue Verwaltungsstruktur. 1785 erließ Katharina eine Adelsordnung und eine Städteordnung, die im Russischen Kaiserreich Grundlagen für eine zivile Gesellschaft schufen und neben dem Adel auch den stadtbürgerlichen Mittelstand zur Verantwortung in Staat und Gesellschaft heranzogen.