mini|Carl Gustav Jung, um 1935 rahmenlos|zentriert|150px|klasse=notpageimage skin-invert-image

Carl Gustav Jung (* 26. Juli 1875 in Kesswil, Kanton Thurgau; † 6. Juni 1961 in Küsnacht, Kanton Zürich), meist kurz C. G. Jung, war ein Schweizer Psychiater und 1913 der Begründer der analytischen Psychologie. Anhänger dieser Richtung werden Jungianer genannt.

Leben mini|Geburtshaus in Kesswil TG (2025) mini|Wohnhaus von Johann Paul Achilles Jung in Basel-Kleinhüningen bis 1896. Das Pfarrhaus.

Kindheit und Jugend Carl Gustav Jung wurde 1875 in Kesswil im Kanton Thurgau, einem Dorf am Schweizer Ufer des Bodensees, geboren. Er war der zweite Sohn des dortigen reformierten Pfarrers Johann Paul Achilles Jung (1842–1896) und seiner Frau Emilie (1848–1923), Tochter des Basler Antistes Samuel Preiswerk.Gerhard Wehr: Carl Gustav Jung: Leben, Werk, Wirkung. Kösel, München 1985. Der gleichnamige Grossvater Karl Gustav Jung (1794–1864) stammte aus Mannheim, emigrierte 1822 nach Basel und wirkte dort bis 1864 als Professor der Medizin; genauer hatte er einen Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Geburtshilfe an der Universität Basel inne.Christof Goddemeier: Carl Gustav Jung: Vom kollektiven Unbewussten und den Archetypen. Deutsches Ärzteblatt, PP 10, Ausgabe Juli 2011, S. 310–312 ( auf aerzteblatt.de) hier S. 310. Carl Gustav war sechs Monate alt, als sein Vater, ein Bruder des Architekten Ernst Georg Jung, mit seiner Familie ins Pfarrhaus von Laufen am Rheinfall umzog. Vier Jahre später zog die Familie weiter nach Kleinhüningen bei Basel, wo der Vater eine Pfarrstelle in der Dorfkirche antrat. Als Carl Gustav neun Jahre alt war, wurde seine Schwester Johanna Gertrud («Trudi») geboren. Nach dem Tod seines Vaters am 28. Januar 1896 musste Jung als junger Student für den Unterhalt seiner Mutter und seiner Schwester sorgen. mini|hochkant|Die Universität Basel, an der Carl Gustav Jung ab 1895 sein Medizinstudium aufnahm

Studium und Studien Ab 1895 studierte Jung Medizin an der Universität Basel und besuchte zudem Vorlesungen in Jura und Philosophie.Werner E. Gerabek: Jung, Carl Gustav. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 710 f. In dieser Zeit trat er dem Schweizerischen Zofingerverein bei.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. BTB, München 2007, ISBN 978-3-442-73670-6, S. 61. In seiner frühen Studienzeit beschäftigte er sich u. a. mit Spiritismus, einem Gebiet, das damals, wie seine Biografin Deirdre Bair 2005 schrieb, «als mit der Psychiatrie verwandt» angesehen wurde.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 65. Sein Interesse für okkulte Phänomene wurde durch zwei unerklärliche parapsychologische Erscheinungen in seinem ersten Studiensemester geweckt: Er habe ein plötzliches Zerreissen eines Tisches und sauberes Zerspringen eines Brotmessers beobachtet.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 65 f. Siehe auch Marie-Louise von Franz: C. G. Jung, Leben, Werk und Visionen. Königsfurt, Kiel 2001, ISBN 3-89875-011-6, S. 59. Jung besuchte von 1894 bis 1899 Séancen seiner Cousine Helly Preiswerk, die in Trance mediale Fähigkeiten zu haben schien, sowie zwei Jahre lang, von 1895 bis 1897, die wöchentlichen Séancen eines «Gläser- und Tischrücker-Kreises», der sich um ein fünfzehnjähriges «Medium» gebildet hatte.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 71–79.James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen. Politik, Kultur & Okkultismus im 20. Jahrhundert. Marix, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-86539-152-0, S. 444 f.

Seine Mitarbeiterin Marie-Louise von Franz äusserte dazu mit Bezugnahme auf Jungs Ausführungen über Die psychologischen Grundlagen des Geisterglaubens:

Jung spezialisierte sich auf Psychiatrie. Interesse an diesem Gebiet hatte er bereits aufgrund der Aufgaben seines Vaters Paul als Pastor und Konsulent der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel (vermutlich von 1886/87 bis zu seinem Lebensende am 28. Januar 1896).Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 49. Ausschlaggebend für Jungs Entscheidung war die Lektüre von Krafft-Ebings Lehrbuch der Psychiatrie für praktische Ärzte und Studierende,Erstausgabe 1883. in dem Psychosen als «Krankheiten der Person» beschrieben werden, was für Jung «die beiden Ströme meines Interesses» als «gemeinsame[s] Feld der Erfahrung von biologischen und geistigen Tatsachen» verband.C. G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Hrsg. von Aniela Jaffé. Walter, Zürich 2001, S. 115 f.; Marie-Louise von Franz: C. G. Jung, Leben, Werk und Visionen. Königsfurt, Kiel 2001, ISBN 3-89875-011-6, S. 55; E. A. Bennet: C. G. Jung. Einblicke in Leben und Werk. Rascher, Zürich/Stuttgart 1963, S. 30.

Im Jahre 1900 wurde Jung nach seinem Staatsexamen als Assistent von Eugen Bleuler in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in Zürich tätig. Während dieser Zeit entstand aus seinen Beobachtungen von schizophrenen Patienten 1902 seine Dissertation Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene. Im Winter 1902/03 assistierte Jung bei Pierre Janet am Pariser Hôpital de la Salpêtrière. Seine Forschungen am Burghölzli über Gehirngewebeproben und seine Arbeit mit der damals populären Hypnose zur Heilung der Symptome psychischer Krankheiten befriedigten Jungs Suche nach dem Entstehen und der Natur von Geisteskrankheiten nicht.E. A. Bennet: C. G. Jung. Einblicke in Leben und Werk. Rascher, Zürich/Stuttgart 1963, S. 31 f. Erst die Fortführung der von Wilhelm Wundt entwickelten Assoziationsstudien zusammen mit seinem Kollegen Franz Beda Riklin führten Jung zu einer ersten Antwort. Die Ergebnisse seiner Assoziationsexperimente, verknüpft mit den Überlegungen von Pierre Janet in Paris und Théodore Flournoy in Genf,Sonu Shamdasani: C. G. Jung. A Biography in Books. W. W. Norton, New York/London 2012, ISBN 978-0-393-07367-6, S. 35–41. brachten Jung, der 1904 Wortassoziationsnormen erstellte, zur Annahme der von ihm so genannten «gefühlsbetonten Komplexe» (emotional bedeutsame GedankengruppierungenGeorge A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 183 (zu Wortassoziationen) und 303.). Er sah darin die Bestätigung von Sigmund Freuds Theorie der Verdrängung, die ihm die einzig sinnvolle Erklärung für solche sich autonom verhaltenden, aber dem Bewusstsein schwer zugänglichen Gedankeneinheiten war.E. A. Bennet: C. G. Jung. Einblicke in Leben und Werk. Rascher, Zürich/Stuttgart 1963, S. 34 ff.

Familiengründung Im Februar 1903 heiratete Jung die wohlhabende Schaffhauserin Emma Rauschenbach (1882–1955). Sie interessierte sich für Naturwissenschaften, Geschichte und Politik und war fasziniert von der Gralslegende.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 112, 116. Ihr Ehemann förderte ihre Interessen; sie war für ihn nicht nur eine wichtige Gesprächspartnerin und Kritikerin seiner Texte, sondern half ihm bei seiner Arbeit, indem sie Schreibarbeiten übernahm. Ab 1930 arbeitete sie selbst als Analytikerin.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 114–123. Ihr in die Ehe mitgebrachtes Vermögen war eine wichtige Voraussetzung für Jungs Forschungsfreiheit. Das Ehepaar hatte vier Töchter und einen Sohn.

mini|hochkant|C. G. Jung (1910)

Habilitation und Eröffnung der Privatpraxis Bei Bleuler habilitierte sich Jung 1905 mit den Ergebnissen seiner Forschungen über Diagnostische Assoziationsstudien: Beiträge zur experimentellen Psychopathologie.C. G. Jung: Diagnostische Assoziationsstudien. Beiträge zur experimentellen Psychopathologie. Barth, Leipzig 1906, Neuausgabe. In: Gesammelte Werke Band 2. Im selben Jahr stieg er zum Oberarzt der psychiatrischen Klinik Burghölzli und ersten Stellvertreter Bleulers aufDeirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 144. und wurde zum ausserordentlichen Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich ernannt.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 137. Seine Vorlesungen als Privatdozent waren gut besucht.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 142 ff. Die Habilitationsarbeit wurde 1906 veröffentlicht und brachte ihm erste internationale Anerkennung ein.Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Knaus, München 2005, ISBN 3-8135-0242-2, S. 140. 1907, im Jahr seiner ersten Begegnung mit Sigmund Freud, folgte seine Arbeit Über die Psychologie der Dementia praecox. Wegen eines Zerwürfnisses mit Bleuler gab Jung 1909 seine Tätigkeit am Burghölzli auf und eröffnete in seinem neuen Haus in Küsnacht am Zürichsee eine Privatpraxis.

Beziehung zu Freud Jung hielt 1900 auf Bitte Bleulers an einem Diskussionsabend der Ärzteschaft ein Referat zu Freuds Schrift Über den Traum.R. I. Evans: Conversations with Carl Jung. Van Nostrand, Princeton 1964. Zitiert in: Sigmund Freud, C. G. Jung: Briefwechsel. Hrsg. von William McGuire und Wolfgang Sauerländer. S. Fischer, Frankfurt 1974, ISBN 3-10-022733-6, S. XIV Fn. 10. Veröffentlichung des Referats in: Gesammelte Werke Bd. 18. Er habe C. G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Hrsg. von Aniela Jaffé, Walter, Zürich 2001, S. 115. In der Folge habe Jung, so der Herausgeber des Briefwechsels mit Freud, bis 1905 in nahezu allen publizierten Werken auf Freuds Arbeiten hingewiesen (mit Ausnahme seiner Sexualtheorie).Sigmund Freud, C. G. Jung: Briefwechsel. Hrsg. von William McGuire und Wolfgang Sauerländer. S. Fischer, Frankfurt 1974, ISBN 3-10-022733-6, S. XIV.

Im letzten Teil seiner Habilitationsschrift beschrieb Jung den Fall einer Zwangsneurose, den er erst mit Assoziationsversuchen untersucht und dann mit Freuds Verfahren der Psychoanalyse erfolgreich behandelt habe. Dabei ging er ausführlich auf Freuds 1905 erschienene Arbeit Bruchstück einer Hysterie-Analyse ein. Am Schluss bemerkte Jung, das Assoziationsexperiment könne als Erleichterung und Beschleunigung von Freuds Psychoanalyse nützlich sein.Sigmund Freud, C. G. Jung: Briefwechsel. Hrsg. von William McGuire und Wolfgang Sauerländer. S. Fischer, Frankfurt 1974, ISBN 3-10-022733-6, S. XV.

Jungs Zusendung der Diagnostischen Assoziationsstudien an Freud im April 1906 und Freuds Übermittlung seiner Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre an Jung ein halbes Jahr später waren der Beginn einer engen Freundschaft und eines fast siebenjährigen, regen Briefwechsels und intensiven Austauschs.Sigmund Freud, C. G. Jung: Briefwechsel. Hrsg. von William McGuire und Wolfgang Sauerländer. S. Fischer, Frankfurt 1974, ISBN 3-10-022733-6, S. XVII. Jung wurde zu einem vehementen Unterstützer der damals noch unpopulären Ansichten Sigmund Freuds.