Wozzeck ist eine Oper in drei Akten mit 15 Szenen von Alban Berg. Das Libretto beruht auf dem deutschsprachigen Dramenfragment Woyzeck von Georg Büchner. Es gibt eine gleichnamige Oper über denselben Stoff von Manfred Gurlitt. Die Spielzeit beträgt rund 90 Minuten.

Entstehung der Oper

1914 sah Alban Berg Büchners Drama auf der Bühne der Wiener Kammerspiele mit Albert Steinrück in der Titelrolle und begann 1915 mit der Arbeit an der Oper. 1917 stellte Berg die dramaturgische Einrichtung fertig.

Zunächst hatte er nur Texte zur Verfügung, die auf die „Wozzeck“ betitelte Ausgabe von Karl Emil Franzos 1879 zurückgehen. Diese stellt eine Bearbeitung dar, bei der – neben der notwendigen Festlegung einer Szenenreihenfolge – Sätze ausgelassen, verändert und sogar frei hinzugefügt wurden. Erst im November 1919, nach Fertigstellung des ersten Akts und der Szene II/2, las Berg einen kürzlich erschienenen Aufsatz von Georg Witkowski, der diesen Text kritisierte. Dessen eigene, streng quellenorientierte, jedoch auch mit Lesefehlern behaftete Ausgabe lag Berg wohl im Sommer 1921 vor, außerdem eine nochmals verbesserte Ausgabe des Insel-Verlags. Wegen der Bindung von Text und Musik entschloss er sich, komplett am veralteten Text festzuhalten, und machte dies diskret durch Beibehaltung der Schreibweise „Wozzeck“ deutlich. Er versuchte jedoch, verloren gegangene Bedeutungen des Büchner’schen Stücks über die Musik in die Oper zurückzuholen.Peter Petersen: Alban Berg, Wozzeck. Eine semantische Analyse unter Einbeziehung der Skizzen und Dokumente aus dem Nachlaß Bergs. Musik-Konzepte Sonderband, München 1985, S. 11–15, 32–40.

Im Oktober 1921 war die Oper fertiggestellt. Die Aufführung von drei Ausschnitten durch Beatrice Sutter-Kottlar im Jahr 1924 führte zum ersten öffentlichen Erfolg. Die Drucklegung der Oper erfolgte 1925 mit finanzieller Unterstützung von Alma Mahler-Werfel, der Witwe von Gustav Mahler. Alban Berg widmete ihr aus Dankbarkeit die Oper. Am 14. Dezember 1925 fand die Uraufführung unter der Leitung von Erich Kleiber in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin statt.

Historischer Hintergrund Sowohl das Dramenfragment G. Büchners als auch die Opern von A. Berg und M. Gurlitt beruhen auf der historischen Person von Johann Christian Woyzeck, den sie zum Antihelden machten.

J. C. Woyzeck zählte zu den ersten Tätern, welche auf Zurechnungsfähigkeit überprüft worden waren. Das Untersuchungsergebnis von Johann Christian August Clarus lautete zurechnungsfähig, Woyzeck wurde zum Tode verurteilt und am 27. August 1824 in Leipzig hingerichtet. Man vermutet, dass er unter Depression, Schizophrenie, Verfolgungswahn und Depersonalisation gelitten hat.

Handlung und musikalische Formen

Der Wozzeck spielt am Anfang des 19. Jahrhunderts in einer kleinen Garnisonsstadt.

Der Oper liegt ein sorgfältig durchgearbeiteter Aufbau zu Grunde. Jeder der drei Akte hat eine eigene musikalische Form, gebunden an die dramaturgische Bedeutung; die Szenen sind mit kurzen musikalischen Überleitungen verbunden. Ohne Ansatz einer Ouvertüre setzt dagegen die Singstimme gleich im 5. Takt der ersten Szene ein.

Erster Akt – Fünf Charakterstücke

Zur Vorstellung der fünf Hauptpersonen neben Wozzeck verwendet Berg fünf Charakterstücke.

1. Szene – Suite (Präludium, Pavane, Kadenz, Gigue, Kadenz, Gavotte-Double I/II, Air, Präludium im Krebsgang): Wozzeck und der Hauptmann – Zimmer des Hauptmanns, Frühmorgens Wozzeck ist dem Hauptmann zu Diensten. Der Hauptmann verstrickt Wozzeck in ein Gespräch über Zeit und Ewigkeit, Tugend und Moral und macht ihm Vorwürfe wegen seines unehelichen Kindes. Wozzeck beruft sich auf die Bibel („Lasset die Kleinen zu mir kommen“) und erklärt, dass existentielle Not und Tugend unvereinbar seien: „Wir arme Leut!“

2. Szene – Rhapsodie über drei Akkorde und dreistrophiges Jägerlied: Wozzeck und Andres. Freies Feld (die Stadt in der Ferne), Spätnachmittag Wozzeck arbeitet mit seinem Kameraden Andres. Während Andres sich mit einem Jägerlied positiv motiviert, durchschaut Wozzeck, dass die menschliche Gesellschaft Grausamkeiten und Perversionen hervorbringt, denen der Schwache ausgeliefert ist: „Der Platz ist verflucht!“

3. Szene – Militärmarsch und Wiegenlied: Marie, Margret und das Kind; später Wozzeck – Mariens Stube, Abends Marie erfreut sich an der vorbeiziehenden Parade, angeführt von dem attraktiven Tambourmajor. Durch Spott und Missgunst ihrer Nachbarin Margret wird sie an ihre Situation erinnert: „Hast ein klein Kind und kein Mann!“ Wozzeck kommt zu Marie. Er wirkt gehetzt, verstört von bedrohlichen Visionen, nimmt Marie und sein Kind kaum wahr.

4. Szene – Passacaglia (bzw. Chaconne) als Zwölftonthema mit 21 Variationen: Wozzeck und der Doktor – Studierstube des Doktors, Sonniger Nachmittag Wozzeck stellt sich dem Doktor als Studienobjekt für medizinische Experimente zur Verfügung – notgedrungen, für einen kleinen Zuverdienst. Das Thema fungiert nur in Bezug auf die entsprechende Stimme als abstrakte Reihe, bei der Oktavlage und Tondauer frei sind. Der restliche, expressive Tonsatz ist davon weitgehend unabhängig.Peter Petersen: Alban Berg, Wozzeck. Musik-Konzepte Sonderband, München 1985, S. 211 f.

5. Szene – Andante affettuoso quasi Rondo: Marie und der Tambourmajor – Straße vor Mariens Wohnung, Abenddämmerung Marie ist stolz, dass der Tambourmajor um sie wirbt. Sie gibt ihrer Sehnsucht und ihrem eigenen Glücksverlangen nach.

Zweiter Akt – Symphonie in fünf Sätzen

Der zweite Akt schildert szenisch die dramatische Entwicklung der Handlung, für die Alban Berg als Großform eine Symphonie in fünf Sätzen verwendet.

1. Szene – Sonatensatz (Exposition (Haupt-, Seiten-, Schlusssatz), 1. Reprise, Durchführung, 2. Reprise): Marie und Kind; später Wozzeck – Mariens Stube, Vormittag, Sonnenschein Marie erfreut sich an dem Schmuck, den ihr der Tambourmajor geschenkt hat. Das Kind stört sie in ihren Träumen von einem besseren Leben. Als Wozzeck überraschend auftaucht, versucht Marie, den Besitz des Schmucks zu rechtfertigen und sein Misstrauen zu zerstreuen. Wozzeck gibt Marie seinen Lohn und die Nebeneinkünfte vom Hauptmann und vom Doktor.

2. Szene – Fantasie und Fuge über drei Themen: Hauptmann und Doktor; später Wozzeck – Straße in der Stadt, Tag Der Doktor, sportlich durchtrainiert, und der von dessen Tempo überforderte Hauptmann kommen in ein Gespräch, in dessen Verlauf der Doktor den Hauptmann durch eine erfundene Diagnose seines Gesundheitszustandes erschreckt. Der zufällig vorbei eilende Wozzeck wird zum Ziel ihres einvernehmlichen Spotts. Mit Anspielungen auf Maries Verhältnis zum Tambourmajor bringen sie Wozzeck aus der Fassung: „Ich bin ein armer Teufel! Hab sonst nichts auf dieser Welt!“

3. Szene – Largo: Marie und Wozzeck – Straße vor Mariens Wohnung, Trüber Tag Marie beantwortet Wozzecks drängende Frage nach dem Tambourmajor provozierend. Wozzeck fühlt, dass er den letzten Halt verliert: „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wann man hinunterschaut …“

4. Szene – Scherzo (Scherzo I (Ländler), Trio I (Drehorgel-Lied des 2. Handwerksburschen), Scherzo II (Walzer), Trio II (Jägerchor der Burschen und Lied des Andres), Scherzo I (Ländler variiert), Trio I (Lied variiert zur Predigt des 2. Handwerksburschen), Scherzo II (Walzer mit Durchführung)): Volk, zwei Handwerksburschen, Andres, Tambourmajor, Marie; später Wozzeck; zum Schluss der Narr – Wirtshausgarten, Spät abends Im Wirtshaus wird gezecht, gesungen, getanzt. Zwei Handwerksburschen werben für den Tambourmajor. Wozzeck sieht, wie Marie eng umschlungen mit dem Tambourmajor tanzt. Der Narr in Gestalt des Hauptmanns erscheint Wozzeck und prophezeit: „Ich riech, ich riech Blut!“

5. Szene – Rondo martiale con Introduzione: Schlafende Männer, Wozzeck, Andres; später der Tambourmajor – Wachstube in der Kaserne, Nachts Wozzeck findet keine Ruhe. Der Tambourmajor demütigt Wozzeck, indem er mit der Eroberung Maries prahlt und ihn zusammenschlagen lässt.

Dritter Akt – Sechs Inventionen

Die Szenen des dritten Akts sind schlaglichtartig auf das Mordgeschehen konzentriert. Berg verwendet wieder unabhängige Stücke.

1. Szene – Invention über ein Thema (Thema, 7 Variationen und Fuge): Marie mit dem Kind – Mariens Stube, Nacht, Kerzenlicht Diese Szene führt ein retardierendes Moment ein: Marie bereut ihren Verrat an Wozzeck. Verzweifelt sucht sie in der Bibel Trost. Ihrem Kind erzählt sie ein bitteres Märchen: Der Mensch ist allein in der Welt, ohne Zuflucht.

2. Szene – Invention über einen Ton (H): Wozzeck und Marie – Waldweg am Teich, Es dunkelt Wozzeck tötet Marie.

3. Szene – Invention über einen Rhythmus: Volk, Wozzeck und Margret – Schenke, Nacht, schwaches Licht Wozzeck sucht im Wirtshaus Vergessen. Er tanzt mit Margret. Margret entdeckt Blut an ihm – er wird als Mörder entlarvt.

4. Szene – Invention über einen Sechsklang: Wozzeck, später Doktor und Hauptmann – Waldweg am Teich, Mondnacht Vergebens sucht Wozzeck das Messer, um die Tat zu verdecken. Er geht weiter in den Teich hinein und ertrinkt. Doktor und Hauptmann gehen vorüber.

Orchesterzwischenspiel in d-Moll – Invention über eine Tonart Viele Motive der Oper werden nochmals zusammengeführt und verarbeitet, bis hin zu einer Verklärung Wozzecks.

5. Szene – Invention über eine Achtelbewegung: Maries Kind, Kinder – Straße vor Mariens Wohnung, Heller Morgen, Sonnenschein Maries Kind versucht, mit dem Vater zu spielen. Andere Kinder erzählen ihm, dass auch seine Mutter tot sei.

Das Libretto: Dramatische Zuspitzung einer beschreibenden Szenenfolge Bergs Dramatisierung des Texts der Franzos-Ausgabe

Die neuere Literaturwissenschaft sieht in Büchners loser Verbindung einzelner Szenen ein Stilmerkmal, das er auch bei einem Abschluss des Dramas nicht aufgegeben hätte. In vielen Facetten soll ein Bild der sozialen Wirklichkeit entstehen. Berg dagegen wählte Szenen aus und ordnete sie, so dass sich eine spannende, schlüssige Handlungsführung ergab. Er fasste – auf Franzos zurückgehend – mehrere Szenen zur Wachstuben-Szene II/5 zusammen und übernahm Sätze bzw. das „Tochter“-Lied in die Wirtshausgarten-Szene II/5. Auch innerhalb der Szenen kürzte er. So entstand ein klassisches dreiaktiges Drama mit Exposition, Peripetie und Katastrophe. Es dominieren die auf den Mord bezogenen Handlungselemente, die in vier Gruppen eingeordnet werden können:Peter Petersen: Alban Berg, Wozzeck. München 1985, S. 65, 71f.

Aggressionen gegen Wozzeck Untreue gegen Wozzeck Wozzecks Wahnsinn Wozzecks Aggressionen

Berg identifizierte sich aufgrund seiner Erlebnisse im Ersten Weltkrieg mit Wozzeck:

So litt er unter heftigem Asthma, wurde aber unter dem Vorwurf der Simulation teilweise doch für diensttauglich erklärt. Darauf ist sicher die Ersetzung von „pissen“ durch „husten“ in Szene I/4 zurückzuführen, nicht auf die Vermeidung naturalistischer Derbheiten. Einer solchen Tendenz der Franzos-Ausgabe arbeitet er an anderen Stellen entgegen, soweit noch möglich: Er schreibt „Altweiberf-z“ aus und übernimmt aus dem Original Büchners dann doch „Das Weib ist heiß! ist heiß! heiß!“. Bohnen und Schöpsenfleisch beklagt er in Briefen als unzumutbare Bestandteile der österreichischen Armeeration und erlaubt sich daher, die bei Büchner Wozzeck verordnete Diät von Erbsen und Hammelfleisch leicht abzuwandeln.Peter Petersen: Alban Berg, Wozzeck. München 1985, S. 54–57, 59–62.

Davon abgesehen lässt Berg den ihm vorliegenden Büchner-Text unangetastet. Nur mit Regieanweisungen setzt er Akzente, autobiographische etwa mit vielen Anspielungen auf Atembeschwerden des Hauptmanns, die auch in einer eigenen Motivgruppe auskomponiert werden. In der Feld-Szene I/2 setzt er Wozzecks Feuer-Vision zu einem von Andres nur angedeuteten eindrucksvollen Sonnenuntergang in Kontrast. Die abmildernde Tendenz der Franzos-Ausgabe wird korrigiert, wenn in der Rauf-Szene II/5 sich auch Andres umlegt und einschläft. So wird Wozzecks Verlassenheit umfassend.