mini|Rurik auf dem Monument Tausend Jahre Russland in Nowgorod. Die Figuren links und rechts sind Wladimir der Heilige und Dmitri Donskoi, seine Nachkommen.

Die Rurikiden (auch Rjurikiden; ; ; ) sind ein Fürstengeschlecht, das auf Rjurik zurückgeht, den Gründer des Kiewer Reiches. Sie waren die herrschende Dynastie in der Kiewer Rus. Nach der Mongoleninvasion in den Jahren 1237 bis 1240 verloren sie im Westen ihres ehemaligen Herrschaftsgebietes die Macht an litauische und polnische Monarchen. In der östlichen Rus stellten sie dagegen bis 1598 (und als Seitenzweig Schuiski 1606 bis 1610) die Moskauer Großfürsten und Zaren. Zahlreiche Adelsgeschlechter, die den Rurikiden zuzuordnen sind, existieren noch heute.

Anfänge miniatur|Rjurik (um 830–879) auf einem Gemälde von 1672

Die Geschichte der Rurikiden ist eng mit der russischen und ukrainischen Geschichte verbunden.Im Folgenden stützen sich die Angaben auf: Б. А. Рыбаков (B. A. Rybakow): Киевская Русь и русские княжества XII–XIII вв. Moskau 1982, S. 283–402. Gemäß dem Bericht der ersten russischen Chronik „Erzählung der vergangenen Jahre“ () luden die slawischen und finno-ugrischen Stämme, die der Kämpfe gegeneinander überdrüssig waren, im Jahre 862 einen Rus-Fürsten von „jenseits des Meeres“ namens Rurik in der Hoffnung ein, die für alle gemeinsame und allen gleichermaßen fremde Herrschaft werde unter den verfeindeten Seiten Frieden stiften.ПВЛ, Лѣто 862, ПСРЛ I, S. 19. Rurik gründete eine Dynastie, zu seiner weiteren Tätigkeit in Alt-Nowgorod gibt es jedoch keine Quellen. Nach einer legendären Überlieferung soll Rurik Sohn des warägischen Königs Rufal und der Umila, der Tochter des Nowgoroder Fürsten Gostomysl, gewesen sein.Б. В. Пчелов (B. W. Ptschelow): Легендарная и начальная генеалогия Рюриковичей; in: ЛИРО 2(46), Moskau 1994, S. 27–29. Diese Tatsache sollte seine Machtergreifung in Nowgorod legitimieren. Rurik starb im Jahre 879 und hinterließ seinen minderjährigen Sohn Igor (altnordisch Ingvar; 875/77–945), der unter die Obhut seines Verwandten Oleg (altnordisch Helgi; † 912 oder 922) kam; gemäß der späteren, sich auf keine überlieferten Quellen stützenden Tradition übernahm sein Schwager, der Bruder seiner norwegischen Ehegattin Efanda, die Aufgabe. 882 eroberte Oleg die Stadt Kiew und vereinigte dadurch fast alle ostslawischen Stämme unter seiner Herrschaft. Nach seinem Tode im Jahre 912 regierte Igor nun selbständig als Fürst von Kiew und Nowgorod.

Über Igor und seine Herrschaft sind lediglich Legenden überliefert. Die erste russische Chronik berichtet, dass er im Jahre 945 während einer seiner Raubzüge gegen die Drewljanen von diesen getötet worden sei. Seine Witwe Olga nahm Rache an den Drewljanen und wurde Regentin an Stelle ihres minderjährigen Sohns Swjatoslaw I. (945–971). Der slawische Name des Rurikiden der dritten Generation zeigt, dass das Herrscherhaus bereits weitgehend slawisiert war.

Seit 959 regierte Swjatoslaw I. selbständig und führte eine rege Eroberungspolitik in östliche und südliche Richtungen, bis er 972 von den Byzantinern besiegt und von den Petschenegen getötet wurde. Kurz vor seinem Tod um 970 teilte er sein Herrschaftsgebiet unter seinen drei Söhnen: Der ältere, Jaropolk I. (um 959–980), sollte nach seinem Tode Kiew erben und die Oberhoheit über seine Brüder erhalten, der mittlere, Oleg († 977), die Gebiete der Drewljanen, das spätere Fürstentum Turow-Pinsk, und dem jüngeren, Wladimir I. (nach 962–1015) wurde Nowgorod zuteil. Gleich nach dem Tode des Vaters entbrannten Kämpfe unter den Brüdern, deren erstes Opfer im Jahre 977 Oleg wurde. Im Jahre 980 besiegte schließlich Wladimir seinen älteren Bruder Jaropolk I. und wurde zum Alleinherrscher.

Blütezeit und das Problem der Thronfolge (980–1132) mini|Die Kiewer Rus um 1000

Die Regierung Wladimirs I. (980–1015) bescherte dem Kiewer Reich eine Blütezeit. Zu seinem Hauptverdienst gehörten vor allem die Annahme des christlichen Glaubens und die Taufe der „ganzen Rus“ im Jahre 988, wofür er den Ehrenbeinamen „der Apostelgleiche“ erhielt. Eine Siedlungsbewegung erfasste die Peripherie der alten Kiewer Rus. Bereits zu seinen Lebzeiten verlieh Wladimir Teile seines Reiches als Apanagen: seinem Neffen Swjatopolk, dem Sohn des von ihm abgesetzten Jaropolk I., gab er Turow; seinem Sohn Isjaslaw aus der Ehe mit der Polozker Fürstentochter Rogneda überließ er ca. 988 Polozk, das Fürstentum dessen Großvaters mütterlicherseits, der hier eine neue von den Kiewer Fürsten faktisch unabhängige Fürstendynastie gründete; sein Sohn Jaroslaw wurde Fürst von Nowgorod. Andere Söhne Wladimirs bekamen auch Apanagen mit den Zentren in Rostow, Murom, Smolensk, Tschernigow, Wolyn und Pskow.

Die Mitglieder des rurikschen Hauses betrachteten das von ihnen beherrschte Territorium der ostslawischen Stämme als ihr Familien- oder Stammeseigentum.Im Folgenden stützen sich die Angaben hier auf: C. M. Соловьёв (S. M. Solobjow): История России, Band 1; in: Idem, Сочинения I (1988), S. 53–55. G. Stöckl: Russische Geschichte; Stuttgart 1973, S. 93–120. A. П. Толочко: Князь в Древней Руси; Moskau 1992; S. 13 ff. Alle Mitglieder dieses Hauses hatten das Recht auf einen „Teil“ des „russischen Landes“. Solange der Großfürst nur einen erbberechtigten Sohn hatte, verliefen Nachfolge und Machtübernahme durch die nächste Generation reibungslos. Diesen Zustand hat es allerdings nur innerhalb der beiden auf Rurik nachfolgenden Generationen gegeben. Bereits unter den Söhnen Swjatoslaws I., der drei erbberechtigte Söhne hinterließ, entbrannte der Machtkampf, der mit der Beseitigung der beiden älteren Brüder endete. Der aus diesem Machtkampf als Sieger hervorgegangene Wladimir I. hatte vierzehn Söhne, die bereits zu seinen Lebzeiten in verschiedenen Teilen des Reiches als Statthalter Macht ausübten. Drei von ihnen starben noch zu Wladimirs Lebzeiten, doch nach dessen Tod brach unter den verbliebenen elf ein blutiger Kampf aus. Der Sieger Jaroslaw I. (982/83–1054) hatte zum Zeitpunkt seines Todes fünf Söhne, die ebenfalls einander bekämpften. Der Kampf um Kiew und um den „Anteil am russischen Land“ unter den Rurikiden wurde zum stetigen Paradigma der russischen Geschichte und zum Problem der Dynastie, deren Mitglieder von Generation zu Generation immer zahlreicher wurden.

Das Hauptproblem lag darin, dass die souveräne Macht im Staat und innerhalb der Dynastie stets dem Ältesten in der Familie gehörte. Dieser saß auf dem Großfürstenthron von Kiew, alle anderen Rurikiden regierten als Teil-Fürsten bestimmte Gebiete des Reiches. Wenn der Großfürst starb, der für alle Mitglieder seines Hauses an Vaters statt war, ging die Großfürstenwürde nicht auf seinen ältesten Sohn über, sondern auf den Ältesten im gesamten Stamm der Rjurikiden. Dieser neue Älteste der Familie begab sich auf den „ältesten Thron“, den in Kiew. Die Personenveränderung auf diesem Thron hatte zur Folge, dass alle Mitglieder der Dynastie von den weniger wichtigen in bedeutsamere Fürstentümer nachrückten, näher an den „älteren Thron“, den sie irgendwann besteigen wollten, wenn sie der Älteste der gesamten Dynastie wären. Bei jeder neuen Thronbesteigung in Kiew geriet somit das ganze riesige Reich in Bewegung, die nur selten, eigentlich nie, reibungslos verlief.

mini|Jaroslaw der Weise und seine Söhne mini|Persönliches Siegel von Jaroslaw dem Weisen Um nach seinem Tode den Ausbruch von Kämpfen unter seinen Söhnen zu verhindern, regelte Jaroslaw die Nachfolge gemäß dem Senioratsprinzip: die Fürstensitze wechselten nach der Altersordnung der Familienmitglieder mit der Herrschaft ab. Jaroslaw I. bestimmte, dass der Großfürstenthron immer dem älteren in der fürstlichen Familie vorzubehalten ist. Von dieser Regelung wurden alle anderen Apanagen abhängig. Sein ältester Sohn, Isjaslaw I., sollte nach seinem Tode Kiew mit Nowgorod, Turow und Pinsk sowie die Oberherrschaft über seine Brüder „an Vaters statt“ als Großfürst erben. Der zweite Sohn, Swjatoslaw II., erhielt das Fürstentum Tschernigow mit Murom und Rjasan. Wsewolod I., der dritte Sohn, bekam Perejaslawl mit Rostow und Susdal, der vierte, Wjatscheslaw, Smolensk, und der jüngste, Igor, Wolyn. Jaroslaws Enkel Rostislaw, der Sohn seines älteren, jedoch zu Lebzeiten des Vaters verstorbenen Sohnes Wladimir († 1052), blieb von dieser Regelung unberücksichtigt. Er wurde 1064 aus dem Galitscher Land, das er zu erobern versuchte, verdrängt. Seine Söhne kämpften bis in die Mitte der 1080er Jahre um ihren „Anteil der russischen Erde“, bis sie endlich ihre Apanagen im Galitscher Land erhielten.

Wenn diese Regelung in der Generation der Söhne Jaroslaws I. noch einigermaßen funktionierte, wurde sie bereits in der Generation seiner Enkel aufs Heftigste umstritten. Im Laufe des 11. Jahrhunderts nahm die Zahl der Nachkommen Jaroslaws I. rapide zu. Viele von diesen starben, bevor sie den Kiewer Thron besteigen konnten. Die Söhne, deren Väter auf dem Kiewer Thron starben, bestritten das Recht ihrer Vettern auf denselben, deren Väter sozusagen „in der Warteschleife“ gestorben waren, ohne den „ältesten Thron“ je bestiegen zu haben. Dies führte zu permanenten Streitigkeiten um die Thronfolge in Kiew sowie in allen anderen russischen Fürstentümern.

Diesem Problem versuchte die Generation der Enkel Jaroslaws entgegenzuwirken. Die unaufhörlichen inneren Streitigkeiten und Kriege wurden umso gefährlicher, als die russischen Fürstentümer sich mehr und mehr einer wachsenden Bedrohung von Seiten der Kumanen (Polowcer) gegenübersahen. Im Jahre 1097 auf einem Fürstentag in Ljubetsch, der auf Initiative des Großfürsten Swjatopolk II. und Wladimir Monomachs, damals noch Fürst von Smolensk und Perejaslawl, einberufen worden war, einigten sich die russischen Fürsten auf den Grundsatz, dass „jeder in seines Vaters Erbteile regiere“, dass aber das Recht des älteren im rjurikschen Geschlechte auf den Großfürstenthron von Kiew erhalten bleibe. Der Fürstentag von Ljubetsch erzielte jedoch nicht die beabsichtigte Wirkung: Die Fürstenlinien, die nun auf Erblichkeit ihrer Apanagen beharrten, teilten sich weiter, die Kämpfe um Kiew blieben nicht weniger erbittert. Lediglich solche außerordentlich weisen und tüchtigen Großfürsten wie Wladimir II. Monomach († 1125) und sein Sohn Mstislaw I. († 1132) konnten noch die Autorität des Großfürsten gegenüber den mehr und mehr unabhängig werdenden Teilfürsten wahren. Unter den Urenkeln Jaroslaws wurde das Reich zu einem Konglomerat von mehr oder weniger von Kiew unabhängigen Fürstentümern. Der Großfürst von Kiew wurde zwar weiterhin als Haupt der Fürstenhierarchie der Rus betrachtet, doch blieb seine Macht über die anderen Mitglieder der Dynastie und somit über bedeutende Teile des Reiches nur nominell.

Niedergang der Rus Bis 1139 befand sich das Großfürstentum in den Händen der Monomachos-Linie der Dynastie: Dem Großfürsten Mstislaw I. folgten seine Brüder Jaropolk II. (1132–1139) und Wjatscheslaw (1139). Letzterer wurde von dem Tschernigower Fürsten Wsewolod abgesetzt, der als Großfürst Wsewolod II. bis zum Jahre 1146 regierte. Sein Bruder Igor (1146–1147) wurde von dem wolhynischen Fürsten Isjaslaw ermordet, der als Isjaslaw II. (1146–1154) den Großfürstenthron bestieg. 1149 trat in den Kampf um Kiew ein weiterer Sohn Wladimir Monomachs in Person von Juri Dolgoruki ein. Ihm gelang es 1149–1151 und 1155–1157, sich des Kiewer Thrones zu bemächtigen. Die Stadt Kiew befand sich zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits im Niedergang und hatte einen Teil ihrer Bedeutung vor allem an Nowgorod verloren. Juri Dolgoruki gilt als der Gründer Moskaus. Die Zwistigkeiten innerhalb der Monomachos-Linie trugen dazu bei, dass sich sein Sohn Andrei Bogoljubski neben Isjaslaw III. (1157–1159) (Tschernigower Linie), Rostislaw (1159–1167) (Smolensker Linie) und Mstislaw II. (1167–1169) (Perejaslawer Linie) behaupten musste.