mini|hochkant|Marion Gräfin Dönhoff in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 17. Oktober 1971

Marion Hedda Ilse Gräfin Dönhoff (* 2. Dezember 1909 in Friedrichstein auf Schloss Friedrichstein in Ostpreußen; † 11. März 2002 in Friesenhagen auf Schloss Crottorf in Rheinland-Pfalz) war eine deutsche Journalistin. Sie war Chefredakteurin und Mitherausgeberin der Wochenzeitung Die Zeit. Sie gilt als eine der bedeutendsten Publizistinnen der Nachkriegszeit in Deutschland.

Marion Gräfin Dönhoff wurde für ihre Tätigkeit mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Als Buchautorin – sie schrieb mehr als zwanzig Bücher – war sie ebenfalls erfolgreich. Ihre bekanntesten Titel sind Namen, die keiner mehr nennt, die Geschichte ihrer Familie und der ostpreußischen Heimat, und Um der Ehre willen, persönliche Erinnerungen an ihre Freunde, die am Widerstand gegen das NS-Regime teilgenommen und ihr Leben verloren hatten. Nach ihr ist der Marion-Dönhoff-Preis benannt, der seit 2003 für internationale Verständigung vergeben wird.

Leben Familie, Kindheit und Ausbildung mini|Friedrichstein, das Schloss der Dönhoffs in Ostpreußen, Aufnahme aus dem Jahr 1927. Friedrichstein wurde Ende Januar 1945 von der Roten Armee in Brand gesetzt und zerstört.

Marion Gräfin Dönhoff wurde als jüngstes von acht Kindern der Familie Dönhoff auf Schloss Friedrichstein geboren. Ihre Mutter war Maria „Ria“ Gräfin Dönhoff, geborene von Lepel (1869–1940), eine Hofdame der letzten Kaiserin Auguste Victoria. Ihr Vater war der Diplomat und Politiker (Mitglied des Preußischen Herrenhauses) August Graf Dönhoff. Sie wuchs auf dem Familienschloss Friedrichstein in Ostpreußen, 20 Kilometer östlich von Königsberg, auf. Der Vater, der Fideikommissbesitzer war, starb 1920, als sie zehn Jahre alt war.

Zu Marion Dönhoffs besten Freunden gehörten ihr Cousin Heinrich von Lehndorff und seine Schwester Karin, genannt Sissi (1910–2001), die auf Schloss Preyl lebten, etwa 15 Kilometer westlich von Königsberg gelegen. Zeitweilig hatten sie im Austausch gemeinsamen Unterricht bei Hauslehrern und verbrachten ihre Freizeit miteinander. Sie unternahmen oft ausgedehnte Ausritte und nahmen an Treibjagden teil.Marion Gräfin Dönhoff: Namen, die keiner mehr nennt, Rowohlt, Reinbek 2009, S. 86 f.

Im Jahr 1924 überlebte Marion Dönhoff einen schweren Unfall, als sie als Insassin mit mehreren anderen Kindern in einem Auto bei der Rückfahrt von einem Ausflug ins Ostseebad Cranz in den Pregel stürzte. Sie konnte sich als letzte aus dem Wagen befreien. Ihre Cousine Huberta Kanitz und Franz Coudenhove wurden Stunden später tot geborgen. Um sie vom Unglücksort fernzuhalten, schickte die Familie sie auf ein Mädchenpensionat in Berlin, gegen dessen strenge Regeln das junge Mädchen rebellierte. Nach zwei Jahren durfte sie an ein Gymnasium nach Potsdam wechseln, wo sie bei einer befreundeten Familie wohnte und als einziges Mädchen in einer Jungenklasse 1929 das Abitur bestand.Klaus Harpprecht: Die Gräfin Marion Dönhoff, S. 95–108 Anschließend besuchte sie eine Haushaltsschule in Samedan bei St. Moritz, machte eine zweimonatige Rundreise durch die USA und verbrachte ab Dezember 1930 eine längere Zeit in der Nähe von Nairobi bei ihrem Bruder Christoph, mit dem sie auf Safari ging.Haug von Kuehnheim: Marion Dönhoff, S. 18Klaus Harpprecht: Die Gräfin Marion Dönhoff, S. 124–130

Studium Im Sommer 1931 begann Dönhoff das Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Königsberg und wechselte zum Wintersemester an die Universität Frankfurt am Main. Sie schloss dieses Studium mit dem Ende des Wintersemesters 1933/34 als diplomierte Nationalökonomin ab; das Abschlusszeugnis datiert vom 2. Mai 1934.Klaus Harpprecht: Die Gräfin Marion Dönhoff, 2. Auflage 2008, S. 156 f., S. 163 Im selben Jahr wechselte Dönhoff nach Basel, wo sie 1935 bei Edgar Salin mit dem Prädikat summa cum laude zum Dr. rer. pol. promoviert wurde. Ihre Dissertation behandelt das Thema Entstehung und Bewirtschaftung eines ostdeutschen Großbetriebes. Die Friedrichsteiner Güter von der Ordenszeit bis zur Bauernbefreiung, herausgegeben 1935 in Königsberg. Eine angekündigte Fortsetzung schrieb Dönhoff nicht mehr.Klaus Harpprecht: Die Gräfin, S. 161–167

In Frankfurt wohnte Gräfin Dönhoff in der Wiesenhüttenstraße 11 bei Familie von Metzler und fand Aufnahme in den Kreis um Kurt Riezler. Nach Frankfurt wechselte sie, weil sie „vor allem die volkswirtschaftlichen Kollegs von Adolf Loewe hören“ wollte.Klaus Harpprecht: Die Gräfin. Marion Dönhoff, 2. Auflage 2008, S. 133 Hier lernte sie auch den Historiker Ernst Kantorowicz kennen, „mit dem sie über die Frankfurter Zeit hinaus freundschaftlich verbunden blieb“. Einem Nachkriegsinterview zufolge wurde sie wegen ihrer Sympathie für die Linken als „rote Gräfin“ tituliert. Sie habe sich gegen „braune“ Studenten gewehrt, kommunistische Versammlungen besucht und Flugblätter verteilt.Marion Dönhoff: Widersprüche aushalten, Spannungen leben. In: Die Zeit, Nr. 49/1984.

Den Wechsel nach Basel stellt sie rückblickend in den Zusammenhang der Machtübertragung an die Nationalsozialisten: Sie stellte fest, „daß ich nur bei Leuten gearbeitet habe, die bestimmt fort sind, bei den Zurückgebliebenen nicht einmal eine Vorlesung belegt habe“.Klaus Harpprecht: Die Gräfin Marion Dönhoff, 2. Auflage 2008, S. 157 Sie habe ursprünglich über Karl Marx promovieren wollen; dem stand ein Vorschlag Salins über das „Siedlungswesen in Ostpreußen“ entgegen. Nach einem Besuch des Doktorvaters in Friedrichstein einigten sie sich auf das endgültige Thema.

Ihr Bruder Christoph war entschiedener Nazi und Ortsgruppenleiter der NSDAP in Kenia und auch ihr Bruder Dietrich war Mitglied der NSDAP. „Niemand hatte davon erfahren“, sagt der ehemalige Zeit-Herausgeber Theo Sommer und fügt halb entschuldigend hinzu: „Sie hat aber auch nie über ihre Rolle im Widerstand gesprochen.“

Reisen führten Marion Dönhoff in den 1930er Jahren durch mehrere europäische Länder, so nach Polen, auf den Balkan bis nach Albanien, nach Italien, Großbritannien, nach Frankreich und in die Schweiz. Im April 1940 besuchte sie Moskau, noch einmal im November 1940 auf der Durchreise zu einem Aufenthalt in Persien.Klaus Harpprecht: Die Gräfin Marion Dönhoff. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2008. S. 228, 235 ff

Zweiter Weltkrieg und Flucht mini|Schloss Quittainen, Mai 2007 mini|Masurische Seenlandschaft bei Mikołajki (Nikolaiken)

Von 1939 bis zum Januar 1945 verwaltete Dönhoff das ostpreußische Familiengut Quittainen in der Nähe von Preußisch Holland. Sie wohnte nicht im Schloss Quittainen, sondern im nahe gelegenen Rentamt, da ein entfernt verwandter Onkel das Schloss bewohnte. Sie vertrat ihren Bruder Dietrich, den Verwalter Schloss Friedrichsteins, während seines Kriegsdiensts. Er wurde im März 1943 unabkömmlich gestellt und übernahm erneut die Verwaltung.Klaus Harpprecht: Die Gräfin S. 197 f,233, 269

Als denkwürdiges Ereignis dieser Zeit schildert Dönhoff rückblickend einen fünftägigen Ritt mit Sissi von Lehndorff 1941, der durch Masuren von Allenstein über Nikolaiken nach Steinort führte. Sie habe die Heimat zu dieser Zeit schon als verloren angesehen und von ihr auf diese Weise Abschied nehmen wollen.

Dönhoffs ältester Bruder Heinrich, Hauptmann und Bataillonskommandeur, kam im November 1942 durch den Absturz seines Kurierflugzeugs ums Leben. Der dritte Bruder, Christoph, war seit 1940 bei der Auslandsorganisation für die NSDAP tätig, wurde 1944 zur Waffen-SS einberufen, war für das Reichssicherheitshauptamt und bis Kriegsende im diplomatischen Dienst in der Schweiz tätig.Klaus Harpprecht: Die Gräfin Marion Dönhoff. Rowohlt, Reinbek 2008, S. 302.

Nach eigener Darstellung war Dönhoff an den Vorbereitungen des Putschversuchs vom 20. Juli 1944 gegen Adolf Hitler indirekt beteiligt und stand mit maßgeblichen Angehörigen des Widerstandes in Kontakt. Zu erwähnen ist hier insbesondere ihr wegen Beteiligung an dem Attentat hingerichteter Cousin Heinrich von Lehndorff. Dies wird unten ausführlich behandelt.

Im Januar 1945 floh Dönhoff vor der vorrückenden Roten Armee aus Quittainen nach Westdeutschland. Rückblickend schildert sie, dass sie zunächst eine von langer Hand vorbereitete Flucht zusammen mit einem Treck der Quittainer Gutsbewohner versucht habe. Diese gemeinsame Flucht endete bereits im 11 Kilometer entfernten Preußisch Holland: Aufgrund des Chaos auf den Straßen hätten ihre Gefährten dort beschlossen, selbst umzukehren, der Gräfin aber zur weiteren Flucht zu raten, da sie sonst von den Russen sicher erschossen würde. Bei klirrender Kälte und mit einem einzigen jugendlichen Begleiter begann Dönhoff so einen Ritt über 1200 Kilometer, der mit Stationen bei Standesgenossen und Freunden sieben Wochen dauern sollte. Endpunkt war das Wasserschloss der Grafen von Metternich in Vinsebeck bei Steinheim in Westfalen: Auf dem dortigen Gestüt habe sie ihrem Fluchtpferd Alarich eine neue Heimat geben können.Gesprächsprotokoll Dönhoff-Archiv 1984, in: Haug von Kuehnheim: Marion Dönhoff, S. 141 f

Von dort ging es für sie zunächst nach Brunkensen bei Alfeld (Leine) auf das Gut von Albrecht Graf von Goertz. Sie verfasste, vermutlich gemeinsam mit ihrem Nachbarn Gottfried von Cramm, zwei Memoranden mit der Schilderung des Widerstands aus ihrer Sicht, unter Angabe der erforderlichen Nachkriegsmaßnahmen für die Westalliierten. Die Schriften erweckten die Aufmerksamkeit des amerikanischen Geheimdienstoffiziers Jayes H. Hatcliff jr.; dieser vermerkte am 19. Mai 1945 – zwei Tage nach dem Gespräch –, die Zeugen Dönhoff und von Cramm böten ihre Dienste „in jeder Weise an, in der sie den Alliierten von Nutzen sein könnten“.Klaus Harpprecht: Die Gräfin Marion Dönhoff. S. 311–328

Im Winter 1945/1946 fuhr Dönhoff mit Richard von Weizsäcker und Axel von dem Bussche zum Nürnberger Prozess, in dem die Alliierten über die Hauptverbrecher wie Julius Streicher, Hermann Göring und Joachim von Ribbentrop zu Gericht saßen. Wie ihre Freunde war Dönhoff der Meinung, dass in Nürnberg nicht nur über Gräuel gegen andere Völker, sondern auch über die Verbrechen geurteilt werden sollte, die die Verantwortlichen am eigenen Volk begangen hatten.Haug von Kuehnheim: Marion Dönhoff, S. 56 f

Journalistin und Herausgeberin mini|Das Logo „DIE ZEIT“ am Hamburger Pressehaus, seit Januar 2016 als Helmut-Schmidt-Haus bezeichnet

Der Text von Dönhoffs Memoranden erreichte die kleine Gründungsmannschaft von Die Zeit, die im Jahr 1946 von der britischen Besatzungsmacht in Hamburg die Lizenz zur Gründung einer Wochenzeitung erhalten hatte. Die vier Gründungsmitglieder waren Richard Tüngel, Ewald Schmidt di Simoni, Gerd Bucerius und Lovis H. Lorenz.Haug von Kuehnheim: Wie alles begann, zeit.de, 16. Februar 2006 Dönhoff erhielt in Brunkensen ein Telegramm, das sie zur Mitarbeit einlud. Sie sagte zu, reiste nach Hamburg und fand dort im Haus ihres Bekannten Erik Blumenfeld eine provisorische Unterkunft.