mini|Sogenannte Sappho, Fresko, Archäologisches Nationalmuseum Neapel Sappho (attisch und , deutsche Aussprache meist , klassisch ; * zwischen 630 und 612 v. Chr.; † um 570 v. Chr.) war eine antike griechische Dichterin. Sie gilt als wichtigste Lyrikerin des klassischen Altertums und hat kanonische Bedeutung. Sappho lebte in Mytilene auf der Insel Lesbos in der Nordägäis, dem kulturellen Zentrum des 7. vorchristlichen Jahrhunderts. In ihren Dichtungen spielt die Liebe eine wichtige Rolle. Nach heutigen Schätzungen ist nur ein kleiner Bruchteil ihres Gesamtwerks erhalten geblieben.Elke Hartmann: Frauen in der Antike. Weibliche Lebenswelten von Sappho bis Theodora. C.H. Beck, München 2007, ISBN 3-406-54755-9, S. 28.
Name mini|hochkant|Porträt von Sappho, Museo Nazionale Romano, Palazzo Massimo alle Terme, Rom. Foto von Paolo Monti, 1969. mini|hochkant|Darstellung von Sappho und Alkaios auf einem Kalathos, um 470 v. Chr., Staatliche Antikensammlungen, München Inv. 2416
Sappho nennt sich in ihren Texten selbst , klassische Aussprache . Eine ähnliche Schreibung findet sich nur auf einer schwarzfigurigen Hydria im Nationalmuseum Warschau,Inventarnummer 142333. wo der Dichterin der (eventuell verschriebene) Name Psathō zugewiesen ist. Alle anderen antiken Autoren und Inschriften benutzen hingegen die heute gebräuchliche Form Sápphō. Dies gilt auch für Sapphos Landsmann und Zeitgenossen Alkaios; die unterschiedlichen Schreibweisen lassen sich schwerlich als im Laufe der Zeit eingetretene oder dialektal bedingte Veränderungen erklären. Unter Umständen begann ihr Name, der sich auf keine griechische Wurzel zurückführen lässt, mit einem im anatolischen Raum benutzten Zischlaut, der sich im griechischen Alphabet nur unvollkommen wiedergeben ließ und daher unterschiedlich transliteriert wurde.Günther Zuntz: On the etymology of the name Sappho. In: Museum Helveticum 8, 1951, S. 12–35, doi:10.5169/seals-9844.
Leben Das Leben der Sappho ist nur in späteren Legenden aufgezeichnet. „Dank antiker Quellen und autobiografischer Hinweise aus ihren Werken“ kann ihr Leben ansatzweise wiedergegeben werden.Annarita Zazzaroni: Artikel Sappho. In: Annette Kreuziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.): Lexikon Musik und Gender, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart u. Weimar 2010, ISBN 978-3-7618-2043-8, S. 456 f. Sie entstammte einem alten mytilenischen Adelsgeschlecht. Das Marmor Parium überliefert, dass Sappho aus Mytilene verbannt worden und nach Sizilien gefahren sei.Felix Jacoby: Das Marmor Parium. Weidemann, Berlin 1904, S. 12 zu Ep. 36 (Digitalisat). Diese Verbannung, die sie wohl nur als Familienmitglied traf und nicht ihr persönlich galt, geschah zwischen 604/03 v. Chr. und 596/95 v. Chr.Denys Page: Sappho and Alcaeus. Oxford 1955, S. 225. Um das Jahr 591 v. Chr. kehrte sie nach Lesbos zurück und versammelte dort eine Gruppe junger Mädchen vornehmer Herkunft als Schülerinnen um sich. Sie unterrichtete die jungen Frauen in musischen Fertigkeiten wie Poesie, Musik, Gesang und Tanz und trat mit ihnen bei Festen zu Ehren der Götter auf.
Nach Chamaileon von Herakleia hieß ihr Vater Skamandros oder Skamandronymos;Chamaileon Fr. 27 Wehrli. letztere Namensform gibt auch Herodot.Herodot 2,135. Laut Chamaileon war der Name ihrer Mutter Kleïs, der ihrer Brüder Charaxos, Erigyios und Larichos. Ihren eigenen Zeugnissen nach hatte sie eine Tochter, die sie wohl als Kleïs in einem Fragment direkt anspricht und deren Gestalt sie mit der goldener Blumen vergleicht.Sappho Fr. 132 L-P. Auch die Suda nennt eine Tochter Kleïs,. außerdem den Vater des Kindes, einen ansonsten nicht bezeugten Ehemann namens Kerkylas von der Kykladeninsel Andros.Dies aber ist möglicherweise nur ein später, wohl in einer Komödie, angedichteter Spaß, da Andros, der vermeintliche Herkunftsort, gleichlautend mit dem Genitiv von „Mann“ ist, welcher im Griechischen den Stamm des ersten Wortteils eines Kompositums bildet. Kerkos als zweiter Namensbestandteil bedeutete „Schwanz“ (auch im übertragenen Sinne); vergleiche zu dieser Deutung
Ins Reich späterer Legendenbildung muss auch die bereits bei Menander und bei Ovid vorausgesetzte BehauptungMenander, Fragment 258 Körte = PCG VI 1; Ovid, epistulae 15. verwiesen werden, Sappho habe sich aus unerwiderter Liebe zu Phaon auf der Insel Leukas von einem Felsen gestürzt. Da die mythische Tradition den mit göttlicher Schönheit ausgestatteten Phaon als Fährmann zwischen Lesbos und Kleinasien lokalisierte, dürfte nicht zuletzt die geographische Nähe zur Heimat der Sappho die Entstehung dieser Konstruktion begünstigt haben.Heinrich Dörrie: P. Ovidius Naso: Der Brief der Sappho an Phaon (= Zetemata. Heft 58). C. H. Beck, München 1975, passim; siehe aber auch
Werk Überblick mini|hochkant|Sappho geht zu BettCharles Gleyre (1867) mini|hochkant|La Mort de SaphoCharles-Amable Lenoir (vor 1896) mini|SapphoEnrique Simonet Zum Werk der Sappho gehörten Götterhymnen, Hochzeits- und Liebeslieder, die in der Antike in neun Büchern gesammelt waren, heute jedoch alle verloren sind. Die Überlieferung muss sich daher auf Verweise und Zitate anderer Autoren oder auf Papyrusfragmente stützen. Bis heute konnten nur vier ihrer äolischen Gedichte auf diese Weise mit hinreichender Sicherheit rekonstruiert werden. Eines der letzten davon wurde erst im Jahre 2004 bekannt, als die beiden Professoren Michael Gronewald und Robert Daniel vom Institut für Altertumskunde der Universität zu Köln im Jahr 2002 auf einem Papyrus, der als Mumienkartonage verwendet worden war, Teile davon fanden und zur Rekonstruktion einsetzen konnten (Inventar-Nr. 21351 und 21376). Michael Gronewald, Robert Daniel: Nachtrag zum neuen Sappho-Papyrus. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik (ZPE). 149. Jahrgang, 2004, S. 1–4. Ein weiteres Fragment wurde im Jahre 2005 entdeckt. Fragmente von zwei weiteren bisher unbekannten Gedichten, darunter das sogenannte „Brüdergedicht“, in dem Sappho die Heimkehr ihres älteren Bruders Charaxos besingt und auch ihren jüngeren Bruder Larichos erwähnt,„Brüdergedicht“: englische Übersetzung; deutsche Übersetzung. wurden 2014 von dem amerikanischen Papyrologen Dirk Obbink entdeckt.Lost Poems of Greek Poetess Sappho Found auf thearchaeologynewsnetwork.
Sappho gilt als die bedeutendste Lyrikerin der Antike; besonders gerühmt wurde im Altertum ihre klare und ausdrucksstarke Sprache, durch die sie unter anderem zum Vorbild des römischen Dichters Horaz wurde. Auch Catull beeindruckten Sapphos Werke, so dass er sie in seinen Gedichten zitierte (z. B. carmen 51, 62). Zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod schätzte Platon ihre Lyrik so sehr, dass er Sappho als zehnte Muse bezeichnete. Oft wurde sie in der antiken Rezeption als Homer in Frauengestalt gesehen, und Friedrich Schlegel schrieb 1798 dazu: „Hätten wir noch die sämtlichen sapphischen Gedichte: vielleicht würden wir nirgends an Homer erinnert.“J. Minor (Hrsg.): Friedrich Schlegel, 1794–1802: Seine prosaischen Jugendschriften. Carl Konegen, Wien 1882, S. 242.
Ihre Lieder, in denen sie die Schönheit ihrer Freundinnen, Schülerinnen und vor allem auch ihrer Tochter besingt, sind im Anschluss an ein Scholion zu Martials Epigramm 7,67 seit Domizio Calderini (1474) auf die Liebe Sapphos zu Frauen bezogen worden; von dieser Interpretation des Martialepigramms leitet sich die Bezeichnung „lesbische“ oder „sapphische“ Liebe für weibliche Homosexualität her.
Die vierzeilige sapphische Strophe ist nach ihr benannt und geht auf sie zurück. Sie erfand mit ihr eine neue lyrische Form einer Monodie.Annarita Zazzaroni in Lexikon Musik und Gender 2010, S. 456.
Nach dem griechischen Rhetor und Grammatiker Athenaios (2./3. Jahrhundert n. Chr.) soll Sappho die „mixolydische Weise“, eine Oktavgattung des griechischen Tonsystems, erfunden haben. Der „leidenschaftliche Charakter“ dieser Melodieweise scheine „tatsächlich der temperamentvollen Sprache der Dichterin zu entsprechen.“Eva Weissweiler: Musikalisch-schöpferische Frauen von der Antike bis zum Mittelalter. Ein kulturgeschichtlicher Überblick. In: Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Bärenreiter/DTV, München 1999, ISBN 3-423-30726-9 (erste Auflage: Komponistinnen aus 500 Jahren 1981), S. 23–57, hier S. 26–28 und Fn. 12, S. 55.
Textbeispiele … Im aiolischen Dialekt des Altgriechischen: Δέδυκε μὲν ἀ σελάννα καὶ Πληίαδες· μέσαι δὲ νύκτες, πάρα δ᾿ ἔρχετ ὤρα· ἔγω δὲ μόνα κατεύδω Die Mondin ist hingesunken Mit ihr die Pleiaden. Mitte Der Nacht. Es vergehn die Stunden. Doch ich muss alleine schlafen.Versmaßübersetzung von Ondřej Cikán, vertont von Hans Wagner aus dem Soundtrack des Films Menandros & Thaïs: Lied 1 und Lied 17. Die weibliche Sicht auf die Gestirne (hier die Plejaden [das Siebengestirn] und die [Bogen-]Mondgöttin) wird oft unterbetont. Vgl. Lars Clausen, Einmal Mytilene; und zurück, in: Der Rabe Nr. 16, 1987, S. LVI f. mit Übersetzungskritiken und dem Vorschlag: Du sankest zu Sieben-Stern-Mädchen, | Bogenmond-Schützin! – Mitten im | Dunkeln vorbei geht die Stunde | mir, ach, die einsam ich kaure. Bitte an Kypris (Fragment „Sappho 2“) Aphrodite. Allmächtige komm vom Äther herab … zu deinem Tempel. einst von Kretern erbaut. Unter den Apfelbäumen des heiligen Hains. als sie dir Opfer brachten auf den Altären. schwelten damals der kühlenden Quelle entlang Wolken von Weihrauch. Immer noch rinnt das Wasser. von Zweigen beschattet. zum Garten hinab und tränkt mir die Rosen der Laube. wo ich voll Seligkeit, während sie lautlos entblättern, Kypris erwarte. Drüben. dort auf der Weide tummeln sich Pferde. grasen im Klee und in den reifenden Ähren. Süßer Geruch von Blumen weht von der Wiese hierher zu mir. Göttin der Liebe! Empfange mein Blumengebinde. Komm und erscheine uns. Fülle die goldenen Schalen. mische mit Nektar den Wein und schenke uns eine himmlische Freude.
Rezeption Sappho-Darstellung in Opern mini|hochkant|Plakat für Massenets Oper Sapho Ausgehend von Frankreich entstanden eine Reihe Opernkompositionen mit dem Sujet Sappho.
18. Jahrhundert: Felice Giardini: Sappho, nicht erhalten, um 1778, Uraufführung vermutlich in London Niccolò Piccinni: Phaon, September 1778, Choisy-le-Roi, Libretto: Claude-Henri Watelet Johann Simon Mayr: Saffo, ossia i riti d’Apollo Leucadio, 17. Februar 1794, Venedig, Teatro La Fenice, Libretto: Simeone Antonio Sografi Jean-Paul-Égide Martini: Sapho, 12. Dezember 1794, Paris, Théâtre Louvois. Dieser Oper aus der Zeit der Französischen Revolution liegt das Libretto von Constance-Marie Pipelet de Leury zugrunde.
19. Jahrhundert: Friedrich August Kanne: Sappho, 1810(?) Luigi Mosca: Il salto di Leucade (Der Sprung vom Leukadischen Felsen), 1812, Neapel Anton Reicha: Sapho, 1822, Paris Johannes Bernardus van Bree: Saffo, 1834, Amsterdam, Libretto: J. van Lennep Giovanni Pacini: Saffo, 1840, Neapel, Libretto: Salvadore Cammarano. Eine der erfolgreichsten Opern über die antike Dichterin. Giovanni Battista Ferrari: Saffo, 1841, Venedig, Teatro La Fenice Charles Gounod: Sapho, 16. April 1851, Paris, Libretto: Émile Augier Eugène Delavault: Sapho, 1876 Jules Massenet: Sapho. Pièce lyrique, 1897, Paris, Libretto: Henri Cain nach dem Roman Sapho: moeurs parisiennes von Alphonse Daudet (1884; deutsch: Sappho, Pariser Sittenbild 1884) Mykola Lyssenko: Sappho, 1900
20. Jahrhundert: Charles Louis Paul Cuvillier: Sapho. Operette, 1912, Libretto: André Barde/Michel Carré Hugo Kaun: Sappho, 1917, Leipzig, nach Franz Grillparzers Trauerspiel Peggy Glanville-Hicks: Sappho, Kompositionsauftrag der San Francisco Opera 1963, mit dem Gedanken, Maria Callas könne die Titelpartie übernehmen, Komposition abgeschlossen 1965, vom Opernhaus abgelehnt, nie aufgeführt, CD-Produktion Lissabon 2012, Libretto der Komponistin nach dem Drama Sappho von Lawrence Durrell sowie Sappho-Übersetzungen von Bliss CarmanWebsite zur Präsentation des CD-Projekts, CD-Booklet