mini|Johan Galtung 2012 Johan Galtung (* 24. Oktober 1930 in Oslo; † 17. Februar 2024 in Bærum) war ein norwegischer Soziologe, Politologe und Mathematiker. Er gilt als Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung.
Das Institut für Friedensforschung (PRIO) wurde im Jahr 1959 von ihm als damals erstes Friedensforschungsinstitut Europas gegründet. 1964 rief er das Journal of Peace Research ins Leben. 1969 wurde Galtung von der norwegischen Regierung zum damals weltweit ersten Professor für Friedens- und Konfliktforschung ernannt. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen und Ehrungen, darunter 1987 den alternativen Nobelpreis Right Livelihood Award.
Leben Johan Galtung kam am 24. Oktober 1930 in Oslo als Sohn des Arztes August Galtung und dessen Ehefrau Helga Holmboe zur Welt. Auch sein Großvater väterlicherseits war Arzt. In seiner Kindheit erlebte er den Zweiten Weltkrieg im von Nazideutschland besetzten Norwegen; als Zwölfjähriger wurde er Zeuge, wie sein Vater von den Besatzern verhaftet wurde. 1951 absolvierte er 18 Monate Sozialdienst als Ersatz für den verpflichtenden Militärdienst. Einige Monate davon leistete Galtung, bereits als Mediator ausgebildet, in einem Gefängnis ab. Im Anschluss nahm er ein Studium an der Universität Oslo auf.
Galtung starb im Februar 2024 im Alter von 93 Jahren.
Wirken Von 1953 bis 1957 war Galtung Assistent des norwegischen Philosophen und Wissenschaftstheoretikers Arne Næss, mit dem er die politische Ethik und die Prinzipien der Philosophie Gandhis erforschte. Diese Arbeit prägt seine Arbeit bis in die Gegenwart.Johan Galtung: Der Weg ist das Ziel. Gandhi und die Alternativbewegung. Wuppertal/Lünen 1987, S. 8 Galtung erwarb 1956 den Grad cand.real. in Mathematik an der Universität Oslo und bereits 1957 den höheren Forschungsgrad mag.art. in Soziologie. Von 1957 bis 1960 war Galtung als Associate Professor von Paul Lazarsfeld und Robert Merton am Institut für Soziologie der University of Columbia tätig.
Mit Lazarsfeld arbeitete er an der Weiterentwicklung soziologischer Methodologie und mit Merton an den epistemologischen Grundlagen gesellschaftswissenschaftlicher Theoriebildung.http://transcend.org/tup/index.php?book=3, 25 intellectual Landscapes explored in 50 years, TUP, 2008. S. 10 Seit 1957 arbeitete Galtung mit einer eigens entwickelten Heuristik. Deren Merkmal ist es, genau aufeinander abgestimmte Analysemethoden der Medizinwissenschaft (Diagnostik, Prognostik, Therapeutik), der Mathematik (diskrete und strukturelle Mathematik, Kombinatorik und Stochastik), der Soziologie, der vergleichenden Kulturwissenschaften und der Anthropologie zu verknüpfen. So sollen Konflikte auf allen gesellschaftlichen Ebenen in ihren Ursachen, Triebfedern und Folgen differenziert begriffen besser transformiert werden. Dadurch einer ausgeprägten transdisziplinären Forschung verpflichtet, gründete Galtung 1959 das Institut für Friedensforschung PRIO in Oslo, das erste seiner Art in Europa. Sowohl Methodik als auch Forschungsansatz PRIOs haben sich graduell verändert, seit das Institut auch staatlich finanziert wird. PRIO hat damit den Akzent von der ursprünglichen Friedensforschung hin zur Sicherheitsforschung verschoben.
Genaueres zu den Entstehungszusammenhängen des Institutes und zu dessen Zielen und Errungenschaften beschreibt Johan Galtung in seinem Buch Launching Peace Studies – the first PRIO years.
Für Journalistik und Kommunikationswissenschaft bedeutsam sind die von ihm 1965 gemeinsam mit Mari Holmboe Ruge herausgearbeiteten Nachrichtenfaktoren sowie die mit Jake Lynch erneuerten Methoden des Friedensjournalismus. Für die Politikwissenschaft und Soziologie von Bedeutung sind seine Theorie der Strukturellen Gewalt, seine Social Position Theory, seine Strukturelle Imperialismustheorie und seine Multidimensional Social Science Theory. Für die Theologie spielt die aus seiner kulturwissenschaftlichen Arbeit stammende Unterscheidung zwischen „harter und weicher Exegese“ eine wichtige Rolle für die Konzeption ökumenischer und interreligiöser Dialoge.
Galtung war 1973 der erste Friedensforscher, der auf die Carl-von-Ossietzky-Gastprofessur für Friedens- und Konfliktforschung am Seminar für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn berufen wurde.
Im akademischen Jahr 1982/1983 war Galtung Fellow im zweiten Jahrgang des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Im Anschluss veröffentlichte er eine umfangreiche Kritik an Stil und Organisation des Kollegs.siehe http://www.transcend.org/galtung/papers/Wissenschaftskolleg%20zu%20Berlin-Comments%20and%20Recommendations.pdf Im Jahr 1987 erhielt er den Right Livelihood Award, 1993 den Jamnalal Bajaj-Preis.Weber: Gandhi as Disciple and Mentor, Seite 212
Johan Galtung war Rektor der 1992 von ihm gegründeten TRANSCEND International Peace University und Mitglied des TRANSCEND-Netzwerks für Frieden, Entwicklung und Umwelt. Zudem ist er Ehrenpräsident des aus diesem Netzwerk entstandenen Galtung-Institutes für Friedenstheorie und -praxis in Grenzach-Wyhlen (Baden-Württemberg). Die Hauptaufgabe des Netzwerkes liegt in der theoriegeleiteten und lösungsorientierten Konfliktmediation auf der Grundlage von Johan Galtung und befreundeten Sozialwissenschaftlern entwickelten methodologischen und praxeologischen Grundannahmen der Empathie, Gewaltlosigkeit und Kreativität. Eine Reihe von Forschern und Praktikern im deutschsprachigen Raum hat diese von Johan Galtung entwickelte Praxeologie für unterschiedliche Konfliktbearbeitungskontexte erweitert. Etwa Dietrich Fischer, Hajo Schmidt und Lutz Schrader im Rahmen der akademischen Lehre und Wilfried Graf & Gudrun Kramer im Rahmen der Psychotherapie und der Entwicklungszusammenarbeit.
Seit 1986 engagierte er sich stark an der Universität Witten/Herdecke und erhielt im Jahr 1993 eine Honorarprofessur der Universität. Von 1997 bis 1999 war er Gastprofessor der Ritsumeikan-Universität in Kyōto.
Galtung selbst verwendete seine multidimensionale Transcend-Methode der systematischen Dialogführung in seinen Mediations- und Beratungseinsätzen.Einigt Euch endlich! Deutsche Welle, 1. Mai 2011. In den 50 Jahren zwischen 1957 und 2007 hat er in über 100 Konflikten weltweit unmittelbar und direkt als Vermittler oder Berater gewirkt, so in Dänemark im Falle der Mohammed-Karikaturen, Sri Lanka, Afghanistan, Nordkaukasus und Ecuador. Aus seiner Konfliktbearbeitungsexpertise sind das Handbuch „100 Fallbeispiele und Konfliktanalysen samt Lösungsvorschlägen“ sowie ein entsprechender Lehrgang am Galtung-Institut für Friedenstheorie und Friedenspraxis entstanden.
Er war maßgeblich an der Entwicklung des Konzeptes der sozialen Verteidigung beteiligt und prägte die Begriffe strukturelle Gewalt und positiver Frieden sowie kulturelle Gewalt.Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln, 1998, S. 341 ff., 362 ff.
Galtung setzte sich darüber hinaus für eine Demokratisierung der Vereinten Nationen (UN) ein. In zahlreichen Reden und Artikeln hat er sich für die Etablierung eines Weltparlaments ausgesprochen. Er gehört zu den Erstunterzeichnern des internationalen Aufrufs für eine Parlamentarische Versammlung bei den Vereinten Nationen. Galtung war Beiratsmitglied des 2004 gegründeten Komitees für eine demokratische UNO.Komitee für eine demokratische UNO
Seit März 2009 engagierte er sich auch für das neu gegründete Russell-Tribunal zu Palästina.
Vorwurf des Antisemitismus Im Jahr 2011 begann eine Reihe von Anschuldigungen gegenüber Galtung. Während einer Vorlesung habe er auf einen kritischen Einwurf eines Hörers, in dem dieser sinngemäß fragte, ob Galtung (auch noch) die Protokolle der Weisen von Zion als Lektüre anrate, unter anderem zurückgefragt, ob der Zuhörer sie denn gelesen habe; er, Galtung, habe dies aus wissenschaftlicher Perspektive heraus selbstverständlich getan. Die norwegischen Journalisten John Færseth und Didrik Søderlind werteten diese Aussagen Galtungs im Zusammenhang mit den Vortragsinhalten als antisemitisch.Hilda Nyfløt: Verdenskjent, norsk professor mener man må forske på jødemakt. In: Dagbladet vom 25. April 2012, http://www.dagbladet.no/2012/04/25/nyheter/innenriks/johan_galtung/antisemittisme/jodehat/21290052/ Ähnliche Vorwürfe erhob die israelische Zeitung Haaretz. So habe Galtung unter anderem in einem E-Mail-Interview mit Haaretz die These in den Raum gestellt, dass der israelische Geheimdienst Mossad den Attentäter Anders Behring Breivik geführt haben könnte. Dies sei eine zwar unwahrscheinliche, aber zulässige Hypothese und jedenfalls nicht ohne Grund auszuschließen. Darüber hinaus habe Galtung behauptet, große Teile der US-amerikanischen sowie internationaler Medien würden von Juden kontrolliert. In Bezug auf die Protokolle der Weisen von Zion habe er erklärt, er müsse heute bei der Lektüre an Goldmann-Sachs denken.
Das Blatt zitierte Galtung zum Holocaust: „Terrible Auschwitz“ habe neben den Grausamkeiten, die durch nichts zu rechtfertigen seien, eine weitere „problematische Seite“, die im Zusammenhang mit der Vorgeschichte gesehen werden müsse. Infolge der Demütigung Deutschlands durch den Versailler Vertrag, wobei Juden Schlüsselstellungen eingenommen hätten, sei der Antisemitismus gefördert worden. Auch in den USA seien Universitätslehrstühle überproportional durch jüdische Wissenschaftler besetzt, was aus intellektueller Sicht gut sei, doch schlecht, wenn man einen Einfluss Israels auf Amerikas Politik für möglich halte. Julia Chaitin nannte Galtungs Aussagen in Haaretz antisemitisch, antijüdisch und rassistisch.Julia Chaitin: An Open Letter to Johan Galtung: Peace-making and anti-Semitism Can’t Go Together? http://www.haaretz.com/opinion/an-open-letter-to-johan-galtung-peace-making-and-anti-semitism-can-t-go-together-1.428974 Die Jerusalem Post zitierte den Publizisten Manfred Gerstenfeld mit den Worten, Galtung habe seinen Platz in Lehrbüchern über Antisemitismus im 21. Jahrhundert verdient ("Galtung has merited his place in textbooks of 21st century anti-Semitism").
Galtung wurde nach diesen Anschuldigungen von der World Peace Academy in Basel, die in Verbindung mit der Universität Basel steht, vom Studienprogramm Master of Advanced Studies in Peace and Conflict Transformation suspendiert. Ein Weggefährte Galtungs, der im August 2012 – als Reaktion auf diese Entscheidung – zurückgetretene Direktor der WPA, Dietrich Fischer, erklärte, dass die Suspendierung Galtungs aufgrund äußeren Drucks erfolgt sei und einen „Eingriff in die akademische Freiheit“ darstelle.Renato Beck: . In: Tageswoche vom 22. August 2012
Johann Galtung selbst hat den Vorwurf kategorisch als verleumderisch zurückgewiesen, an seine frühen Forschungen zur Entstehung von Vorurteilen, Rassismus und Antisemitismus erinnert und den fehlgelaufenen Attribuierungsprozess an einem Beispiel dargestellt:
... „These libelous people never stop to ponder whether they would consider an oncologist/cancerologist to be a cancer for researching carcinoma.“ zu den Vorwürfen des Antisemitismus (englisch).
–Johan Galtung (Diese verleumderischen Leute halten nie inne, um zu überlegen, ob sie einen Onkologen/Krebsforscher wegen seiner Forschung zu Karzinomen als Krebs betrachten würden.)
Ehrendoktorwürden Dr. honoris causa, University of Tampere, 1975, Friedensforschung Dr. honoris causa, University of Cluj, 1976, Zukunftsforschung Dr. honoris causa, Uppsala University, 1987, Fakultät der Sozialwissenschaften Dr. honoris causa, Soka University, Tokyo, 1990, Frieden/Buddhismus Dr. honoris causa, Universität Osnabrück, 1995, Friedensforschung Dr. honoris causa, Universität Turin, Italien, 1998, Rechtssoziologie Dr. honoris causa, FernUniversität Hagen, 2000, Philosophie Dr. honoris causa, Universität Alicante, 2002, Soziologie Dr. honoris causa, Benemérita Universidad Autónoma de Puebla, Mexiko, 2006, Rechtswissenschaften Dr. honoris causa, Universidad Complutense, Madrid, 2017, Politik und Soziologie
Preise und Auszeichnungen