Joseph Friedrich Naumann (* 25. März 1860 in Störmthal, heute Teil von Großpösna bei Leipzig; † 24. August 1919 in Travemünde) war ein deutscher evangelischer Theologe, liberaler Politiker zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs und Mitbegründer des Deutschen Werkbunds und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Nach ihm ist die 1958 auf Initiative von Theodor Heuss gegründete FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit benannt. mini|Friedrich Naumann (um 1911)
Leben mini|Geburtshaus von Naumann in Störmthal mini|Naumanns Büste vor dessen Geburtshaus in Störmthal Joseph Friedrich Naumann wurde am 25. März 1860 als ältestes von acht Kindern des evangelisch-lutherischen Pfarrers Friedrich Hugo NaumannNaumann, Friedrich Hugo. In: Pfarrerbuch Sachsen. Abgerufen am 21. September 2026. und seiner Frau Agathe Marie, Tochter des volkstümlichen Pfarrers Friedrich Ahlfeld, im Störmthaler Pfarrhaus geboren und in der Kreuzkirche Störmthal am 11. April 1860 getauft.
Naumann besuchte ab 1874 die Nikolaischule in Leipzig, wechselte jedoch bereits nach zwei Jahren an die renommierte Fürstenschule St. Afra in Meißen. Ab 1879 studierte er Evangelische Theologie an den Universitäten Leipzig und Erlangen. Zusammen mit seinem Leipziger Studienfreund Diederich Hahn war Naumann 1881 maßgeblich an der Gründung des Verbandes der Vereine Deutscher Studenten beteiligt,Theodor Heuss: Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1937, S. 41. aus dem er jedoch 1906 aufgrund der breiten Ablehnung seiner Bemühungen um die Einbindung der Sozialdemokratie in die nationale Politik wieder austrat.Marc Zirlewangen: Das Kyffhäuserfest der Vereine Deutscher Studenten von 1881 – ein zweites Wartburgfest? In: Harald Lönnecker, Klaus Malettke (Hrsg.): 200 Jahre Wartburgfest. 18. Oktober 1817 – 18. Oktober 2017. Studien zur politischen Bedeutung, zum Zeithintergrund und zum Fortwirken der Wartburgfeier. Winter, Heidelberg 2019, S. 423–450, hier S. 431.
Das Erste theologischen Examen legte Naumann 1883 in Leipzig ab und sammelte anschließend erste praktische Erfahrungen am Rauhen Haus in Hamburg. Nach Abschluss des Zweiten theologischen Examens am Predigercolleg Leipzig war er ab 1886 als Pfarrer in LangenbergNaumann, Joseph Friedrich. In: Pfarrerbuch Sachsen. tätig. Seine ersten Berufsjahre sind charakterisiert durch ein breites Interesse des jungen Theologen an seelsorgerlichen und kirchlichen, aber auch bereits gesellschaftlichen und politischen sowie künstlerischen und kulturellen Fragen, die ihn ein Leben lang beschäftigen werden. In Langenberg liegen auch die ersten publizistischen Gehversuche Naumanns, so vor allem in dem von ihm redigierten und weitgehend allein geschriebenen Kirchlichen Nachrichten, die als monatliche Beilage zum Hohensteiner Tageblatt erschienen, sowie als Mitarbeiter an der von Martin Rade herausgegebenen Zeitschrift Die Christliche Welt.Frank-Michael Kuhlemann: Friedrich Naumann in Sachsen. Prägungen, Arbeitsfelder, Wirkungen (1860–1919). In: Neues Archiv für sächsische Geschichte. Band 94, 2023, S. 177–233, hier S. 196, 213.
Seit den späten 1880er-Jahren beschäftigte sich Naumann auch, teils unter dem Einfluss der Lektüre der sozialistischen Klassiker von Bebel und Liebknecht über Lassalle bis hin zu Engels und Marx sowie vor allem im Rahmen der Inneren Mission, mit der Sozialen Frage. Dies führte ihn 1890 als Vereinsgeistlichen in die Mitarbeit der Inneren Mission in Frankfurt am Main.Theodor Heuss: Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1937, S. 64–76.Olaf Lewerenz: Zwischen Reich Gottes und Weltreich. Friedrich Naumann in seiner Frankfurter Zeit unter Berücksichtigung seiner praktischen Arbeit und seiner theoretischen Reflexion. Pro Universitate, Sinzheim 1994. In Langenberg und in Frankfurt liegen auch die Ursprünge für sein langjähriges Engagement im Rahmen der evangelischen Arbeitervereinsbewegung, deren mehrheitlich konservativer Kurs, vor allem in der Frage der von Naumann propagierten Öffnung gegenüber den freien Gewerkschaften, 1902 zu seinem Ausschluss aus dem Gesamtverband führte.Klaus Martin Hofmann: Die evangelische Arbeitervereinsbewegung 1882–1914. Luther, Bielefeld 1988, S. 105–151, passim.
mini|Friedrich Naumann (1886) Ab Mitte der 1890er-Jahre wendete sich Naumann sukzessive von der Amtskirche ab und nahm neue Aufgaben wahr. Zunächst rief er 1894 die Zeitschrift Die Hilfe ins Leben, die anfangs noch im Dienst seines sozialreformerischen Protestantismus stand, sich aber bald zu einem politischen Organ mit sozialliberaler Stoßrichtung wandelte.Jürgen Frölich: Friedrich Naumann – Ein Leben für die Freiheit. FNF, Potsdam 2019, S. 7 (PDF; 9,19 MB). Schließlich gründete er 1896 den Nationalsozialen Verein, dessen Programm darauf abzielte, die Arbeiterschaft durch umfassende innenpolitische und soziale Reformen an den bestehenden Staat heranzuführen und somit die Voraussetzung für eine weitere „wirtschaftliche und politische Machtentfaltung der deutschen Nation nach außen“ zu schaffen.Friedrich Naumann: Nationalsozialer Katechismus. Erklärung der Grundlinien des Nationalsozialen Vereins. Bousset & Kundt, Berlin 1897, S. 1 (PDF; 2,7 MB). Jedoch gelang es Naumann nicht, parteipolitisch Fuß zu fassen und er löste den Verein infolge der wiederholten Niederlage bei der Reichstagswahl 1903 auf.Dieter Düding: Der Nationalsoziale Verein 1896–1903. Der gescheiterte Versuch einer parteipolitischen Synthese von Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus. Oldenbourg, München 1972.
Nachdem Naumann mit der Mehrheit seiner Parteigänger zu der von Theodor Barth geführten linksliberalen Freisinnigen Vereinigung übergetreten war, verschrieb er sich ganz der „Erneuerung des Liberalismus“.Friedrich Naumann, Theodor Barth: Die Erneuerung des Liberalismus. In: Ders.: Schriften zum Parteiwesen und zum Mitteleuropaproblem (= Werke. Band 4). Bearb. von Thomas Nipperdey, Wolfgang Schieder. Köln/Opladen 1966, S. 270–283. Diese politische Neuorientierung hatte aber nicht nur inhaltliche, sondern vor allem strategische Gründe. Über die angestrebte Einigung des seit Jahrzehnten zersplitterten parteipolitischen Liberalismus sollte eine Annäherung zwischen Liberalen und Sozialdemokraten angebahnt und als koalitionäres Gegengewicht zu den vorherrschenden konservativ-agrarischen Kräften aufgebaut werden: „Einigung der Liberalen und Zusammenhang zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie sind gedacht als ein inhaltvolles langes Programm für weite Fristen hinaus und zwar so gedacht, daß der Liberalismus einig sein muß, damit er im Stande ist, der deutschen Arbeiterbewegung, die heute sozialdemokratisch ist, einen Rückhalt zu geben.“Dritter Delegiertentag des Wahlvereins der Liberalen zu Frankfurt am Main 21. und 22. April 1908. Berlin-Schöneberg o. J., S. 47. Diese „Zukunftsmehrheit von Bebel bis Bassermann“Friedrich Naumann: Die Entscheidung. In: Die Hilfe. Nr. 14, 4. April 1909, S. 211. konnte bis zum Ersten Weltkrieg nur ansatzweise, so mit dem sogenannten Großblock in Baden, realisiert werden. Doch hatte Naumanns Konzept einen erheblichen Anteil am Wiederaufleben des Linksliberalismus im Jahrzehnt nach 1903.Alastair P. Thompson: Left Liberals, the State and Popular Politics in Wilhelmine Germany. Oxford University Press, Oxford/New York 2000, S. 360.
Bei der Reichstagswahl 1907 gelang es Naumann im Wahlkreis Württemberg 3 (Heilbronn, Besigheim, Brackenheim, Neckarsulm) endlich, das lang ersehnte politische Mandat zu erringen.Kaiserliches Statistisches Amt (Hrsg.): Statistik der Reichstagswahlen von 1907. Puttkammer & Mühlbrecht, Berlin 1907, S. 94.Jürgen Frölich: Von Heilbronn in den Reichstag. Theodor Heuss, Friedrich Naumann und die „Hottentotten-Wahlen“ in Heilbronn 1907. In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte. Band 67, 2008, S. 353–366. Infolge der 1910 vollzogenen Fusion der Freisinnigen Vereinigung mit der Freisinnigen Volkspartei – beide waren 1893 aus der neun Jahre zuvor von Franz August Schenk von Stauffenberg und Eugen Richter begründeten, linksliberalen Deutschen Freisinnigen Partei hervorgegangen – und der Deutschen Volkspartei wurde er Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei. Bei der Reichstagswahl 1912 verpasste er jedoch die Wiederwahl in den Reichstag und kehrte erst im Juni 1913 ins Parlament zurück, als er die Nachwahl im Wahlkreis Waldeck-Pyrmont für sich entscheiden konnte.Bureau des Reichstages (Hrsg.): Nachtrag zum Reichstags-Handbuch der 13. Legislaturperiode. Abgeschlossen am 26. April 1916. Reichstagsdruckerei, Berlin 1916, S. 20 f.
Naumann engagierte sich schon während der Jahrhundertwende für die Frauenemanzipation. Gemeinsam mit Helene Lange und vielen anderen prominenten Frauenrechtlerinnen setzte er sich für die politischen Rechte der Frauen ein.Helene Lange: Lebenserinnerungen. Herbig, Berlin 1925, Kap. 23 (Volltext). Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2010, S. 130–145. Inhaltlich behandelt Naumann die Frauenfrage mehr als eine soziale und wirtschaftliche Frage denn als Rechtsfrage. Dabei geht er von einer natürlichen Arbeitsteilung der Geschlechter aus, und zwar insofern, als bei allen notwendigen Verschiebungen im Beruf der Frau doch immer der „Mutterberuf“ bleiben werde.Stephan Meder, Arne Duncker, Andrea Czelk: Die Rechtsstellung der Frau um 1900. Eine kommentierte Quellensammlung. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2010, S. 650. 1907 war er Mitbegründer des Deutschen Werkbunds. Vor und während des Ersten Weltkrieges war Naumann ein glühender Unterstützer der jungtürkischen Revolution, für die er zusammen mit Ernst Jäckh und anderen in der deutschen Öffentlichkeit warb. Naumann sah in der „Neuen Türkei“ (deren Staatsgebiet bis zum Ersten Weltkrieg weite Teile des arabischen Nahen Ostens umfasste, etwa Syrien, Palästina und den Irak) Chancen für eine wirtschaftliche Expansion Deutschlands. 1914 gehörte Naumann zu den Unterzeichnern des Manifest der 93. Naumanns recht unkritische und zum Teil apologetische Haltung zu den Massakern an den Armeniern 1894–1896 in AnatolienVgl. etwa Friedrich Naumann: Asia. Verlag der Hilfe, Berlin 1899, S. 31 f. u. 135–141. ist bis heute umstritten.
mini|Ehrengrab von Naumann auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin-Schöneberg Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Naumann im Januar 1919 zum Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und im Juni 1919 zum ersten Vorsitzenden der am 20. November 1918 gegründeten Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gewählt. In der Nationalversammlung gehörte er dem Ausschuss zur Vorberatung des Entwurfs einer Verfassung für das Deutsche Reich an. In dieser Zeit unterstützte Naumann den konservativen Publizisten Eduard Stadtler beim Aufbau der Antibolschewistischen Liga mit 3.000 Mark aus einem politischen Fonds.Eduard Stadtler: Erinnerungen. Band 1: Als Antibolschewist 1918–1919. Neuer Zeitverlag, Düsseldorf 1935, S. 12 f. Von Stadtlers zunehmender Radikalisierung distanzierte er sich jedoch bald und ließ sich bereits Anfang 1919 wieder aus dem Unterstützerkreis der Liga streichen.Theodor Heuss: Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit. 3. Auflage. Siebenstern, München/Hamburg 1968, S. 482, S. 529 f.
Am 31. Juli 1919 trat im Deutschen Nationaltheater zum letzten Mal die Nationalversammlung zusammen. Naumann trat als letzter Redner an das Pult und warb leidenschaftlich für den vorliegenden Entwurf, der in der folgenden Abstimmung angenommen wurde. Von Überarbeitung und kriegsbedingter Unterernährung gezeichnet, zog er sich daraufhin an die Ostsee zurück, um sich zu erholen. Doch am Morgen des 24. August 1919 ereilte ihn ein Schlaganfall, dem er am Nachmittag erlag.Thomas Schmid: Der nationalsoziale Liberale. Heute vor 100 Jahren starb Friedrich Naumann, der bedeutendste Ahne der FDP. In: Thomas Schmid. Die Texte. welt.de, 24. August 2019, abgerufen am 3. November 2025.